Glaub oder stirb

Protestantische Fundamentalisten haben sich in einem Dorf im Toggenburg niedergelassen: Sie bekämpfen alles, was Spass macht.

20.11.2009 von Mathias Ninck , 12 Kommentare

«Oh, ja. Wir sind berüchtigt. All die Anderthalbfrommen hier.» Josef Bösch, 82 Jahre alt, riesengross, schaut talaufwärts ins frisch verschneite Amphitheater des Säntismassivs. Er greift sich ans Hörgerät, das einen Pfeifton absondert, dann murmelt er etwas, lacht. Was für ein stärkender Ausblick. Die beleuchteten Wolken, die Farbenpracht der Wälder. Es ist, als wolle der alte Mann an diesem Morgen vor seinem Haus die Hügel und Hänge und die darüber verstreuten Höfe in ihrer Naturgebundenheit geniessen als Abbild der menschlichen Zuverlässigkeit. Der liebe Gott? Er selber sei normal, was den Glauben angehe, sagt Josef Bösch, also: ungefähr einmal im Jahr in die Kirche, aber nur freiwillig. Das gemeisselte Aussehen seines Gesichts weicht sich kurz auf, ein Rumpeln entfährt ihm.
Josef Bösch verkörpert das Urbild des Ebnat-Kappelers. Er ist ein Eingeborener, Bergbauer in der Schwendi oberhalb von Ebnat, in der vierten Generation, ist es gewesen bis vor siebzehn Jahren, als er Stall und Land verpachtet hat, das Vieh versteigert, Sohn des Jakob, Enkel des Johann Melchior, Urenkel des Johann Melchior senior, an den eine kleine Tafel erinnert an der Holztreppe, hinten im Schopf, in gotischer Schrift. «Denkmal an den seligen Joh. Melch. Bösch, geboren den 1. April 1808, gestorben den 19. September 1870: Eine liebe Kleine / steht am Grab und weinet / weil Grossvater ihr verschied / der in Wort und That gefällig / und so liebreich und gesellig. Theilnehmend geweiht von seinem Grosskinde Elisabeth Bösch.»
Im Jahr 2003 geschah etwas Ungeheures, ein Vorgang, der Ebnat-Kappel erschüttert hat, das Volk aufgewühlt, sogar das Fernsehen kam. Die beiden Aushängeschilder des Dorfes wurden verkauft: das im ganzen Toggenburg bekannte Hotel Traube, vielleicht die beste Gaststätte im Tal, und das Kindergärtnerinnen-Seminar in der Sonnegg, ein Märchenhaus mit schwedischem Flair, ein verwinkelter Holzbau, leuchtend rot und grün und weiss gestrichen, mit Türmchen und Erker und Nebengebäuden und der gewaltigen Linde im Garten.
Käufer der beiden Liegenschaften war ein Mann namens Werner Arn, man kannte ihn schon ein wenig, ein verschrobener Stündeler vom Nachbardorf. Ein erleuchtetes Individuum mit dem starken Drang, die Erleuchtung weiterzugeben, eine lange Namensliste von Gewissheiten vor sich hertragend («der Heiland», «die Abgötterei», «der weisse Thron», «das Letzte Gericht»). Vereinnahmend, wortgewaltig. «En Oogwärlige», wie die Toggenburger sagen für jemanden, den sie für unberechenbar halten, weil er den Leuten das Glück verspricht und dafür ihr Geld bekommt.
Arn ist Vorsteher von Adullam, einem Missionswerk mit Zentrum im Toggenburg und vielen kleinen Bibelgruppen in der ganzen Schweiz, in Süddeutschland, Tirol und einem guten Dutzend Aussenstationen in Osteuropa, Afrika, Südamerika. Ein paar Hundert Leute zählen sich dazu. Im Hotel Traube treffen sich die Anhänger zum Gottesdienst, Sonntag für Sonntag, um 9.30 Uhr, mal sind es siebzig, mal hundert, lauter demütige und redliche Menschen, mehrheitlich Frauen. Viele kleiden sich ausserhalb jeder Mode, sehen ein wenig aus wie die Amischen in den USA. Nicht ganz von dieser Welt.
Die Dorfbeiz mit Saal und Kegelbahn ist dann rasch eingeschlafen. «Der neue Wirt hat alle Wanderer in kurzen Hosen aus der Traube gewiesen, weil der Anblick von so viel nackter Haut Gott nicht gefalle. Das hat die Leute aufgeregt», sagt Josef Bösch, der Bergbauer. Und tanzen durften sie auch nicht mehr, tanzen ist Hurerei.
Im Frühling haben Josef und Susi Bösch goldene Hochzeit gehalten, kennengelernt vor 51 Jahren im Trachtenverein Wattwil. Sie schauen zurück auf ein Leben, das Arbeit war, der Hof, hoch über dem Thurtal gelegen, am Fuss des Speers, schattenhalb, mit den Kühen und Mastrindern, tägliches melken, misten und füttern, die Alp Oberbächen, wo sie im Sommer eine Gastwirtschaft betrieben haben für Wanderer und Ausflügler aus dem Dorf, Sicht bis zum Bodensee, die sechs Mädchen, die alle gross geworden sind inzwischen und selber schon wieder Kinder haben. Lange Zeit weder Telefon noch Auto. Irgendwann, endlich, ein Kredit für den Einachser. Heute haben die Böschs ein Natel. Auf dem Sims am Fenster steht eine weisse Kartonkiste mit schwarzer Aufschrift: Pommes frites, coupe normale, gefüllt bis zum Rand mit Kühen.
Es sind Rohlinge, unbemaltes Holz. Seit Josef einen Chüelischnitzkurs besucht hat, richtet er seine ganze Schaffenskraft auf das Handwerk, ein gutes Dutzend Herden im Haus zeugt davon: Alpaufzüge vor dem Speer, Alpaufzüge vor den Churfirsten, hinter dem Säntis, im Frühling, Sommer, Herbst; zuvorderst immer die Kinder, geschmückt in der Tracht, gefolgt von cremefarbenen, langhaarigen Geissen, die drei grossen Schellen, von dicken Kühen getragen, dann das übrige Vieh und die Sennen und zuhinterst der spektakulär überfrachtete Lediwagen mit dem Melkgeschirr. Fast hört man die Juchzer der jungen Männer, das Gebimmel der Glocken; Josefs Haus ist ein Museum, und man versteht auf einmal, was hier vor sich geht: Da schnitzt einer an gegen das kalte, moderne Leben, gegen die heutige Zeit, in der die Kühe längst in Lastwagen von da nach dort verfrachtet werden.

Ohne Geld und Geschmack
Unten im Tal: Ebnat-Kappel. Nein, kein liebreizender Ort. Ein Dorf ohne Zentrum, dafür mit einer langen, geraden Strasse, an welcher der Architekturkrebs Mitte des vorletzten Jahrhunderts seine Wucherungen abgelagert hat, damals brannte das Dorf ab, und man richtete ohne Geld und Geschmack rasch wieder auf. Traurige, unförmige Häuser, in graue, hellblaue, blassgelbe Eternitschindeln gekleidet, da und dort eine Birke im Garten, die stumm mit ihren Ästen winkt. Dazu kommt, woran jedes Provinzkaff leidet, die Leere am Sonntagnachmittag, trotz perfektem Herbstwetter, das Gefühl, dass alle gestorben sind über Nacht, hier, am Ende der Welt.
In der Erzählung von Josef und Susi Bösch ist alles eine Geschichte des Niedergangs, angefangen bei der Fusion der Gemeinden Ebnat und Kappel vor fünfundvierzig Jahren, «ein Unsinn, denn je grösser das Zeugs ist, desto dümmer kommt es heraus, das zeigen jetzt auch die Banken»; angefangen beim Freisinn, einst die stärkste Kraft im Dorf, «aber bei den Freisinnigen geht es nur noch ums Geld», darum hat Josef Bösch wie viele Toggenburger Bauern jetzt zur SVP gewechselt, und natürlich auch, weil hier jeder die Familie von Toni Brunner kennt, «der hat einfach eine gute Einstellung».
Ins Kino sind sie früher, die Böschs, jeden Winter einmal, unten im Dorf einen Gotthelf-Film schauen, gell Josef, sagt Susi, er nickt, dann ist das Kino Speer zugegangen vor zwanzig Jahren. Bäckereien sind eingegangen, der Möbelladen, Kleider- und Schuhgeschäfte, von den drei Metzgereien hat eine überlebt. Und der Tourismus! Der Girlenlift, wo einst Weltcuprennen stattfanden, wurde nach Südamerika verkauft. Die Wirtschaften, eine um die andere ist gestorben, die Krone, der Frohsinn, das Bellevue, das Hotel Ochsen schon lange, das Isebähnli, das Restaurant Unterer Steinenbach, der Obere Steinenbach. Die Bevölkerung: Sie schrumpft. Und schrumpft. 4800 Menschen sind noch da, es fehlen Arbeitsplätze, manche Häuser stehen leer.
Gemeindepräsident Christian Spoerlé gehört nicht zu den Politikern, die alles schönfärben. Der Mann, 52 Jahre alt, Mitglied der SVP, den das Dorf mittels Inserat gesucht und vor Kurzem aus dem Kanton Zürich importiert hat, erzählt, wie schwierig es für ihn war, ein bewohnbares Haus zu finden. Vielleicht, meint er, gibt es einen Zusammenhang zwischen der allgemeinen Flaute und dem Aufschwung der Bibelfesten. «Wenn es den Menschen nicht gut geht, sind sie empfänglicher für Heilsbotschaften.» Eine Verknüpfung, die von jedem Psychiater sofort bestätigt wird: In vielen Krankengeschichten einer sich entwickelnden Psychose taucht «Religiosität» als Symptom auf.

Frommes Konzentrat
Das Symyptom breitet sich aus. Werner Arn kauft weiter, da ein Haus, dort einen Block, hier eine alte Fabrik. Einen Bauernhof. Derzeit habe er es auf die alte Sägerei im Gieselbach abgesehen, heisst es im Ort. Wie lange noch, fragen sich seither manche, und das ganze Dorf ist eine Sekte? Die Gelassenheit weicht der Besorgnis, denn Ebnat-Kappel hatte auch ohne Arn schon den Ruf, ein frommes Konzentrat zu sein: Die Mormonen sind da, die Freie Christengemeinde, die Chrischona-Gemeinde und das Missionsheim Arche.
«Fromme hat es in Ebnat-Kappel schon immer viele gegeben», sagt Josef Bösch, der Bergbauer. «Vereinshüsler, wie wir sagen. Vordergründig reden sie schön vom Herrgott, und hintenherum sind sie geldgierig wie verruckt.» Im 17. Jahrhundert begann im Toggenburg das individualistische Streben nach vertiefter, gefühlsbetonter Frömmigkeit. Die Reformation, gut hundert Jahre alt, entfaltete damals ihre volle Wirkung, die Leute wollten selber nachlesen, wie es drin steht in der Schrift, unabhängig von den Deutungsmustern der Kirchenobrigkeit. Das Toggenburg gehörte allerdings noch zur katholischen Fürstabtei St. Gallen, die gläubigen Separatisten wurden verfolgt, viele Bauern zogen sich zurück in die Heimlichkeit. Sie kletterten in ihren Häusern hinauf in die Firstkammer, ganz oben, unter dem Dach, wo sie unbehelligt beten konnten, Kinder oder Freunde unterrichten, in der Bibel lesen, und wo sie ausserdem fröhlich auf der Hausorgel musizierten, diesem archaischen, mit eigentümlichen Klopf- und Schnaufgeräuschen behafteten Instrument. Laienprediger talauf, talab. «Das Tor war damals aufgestossen worden für den Pietismus, für all die Sekten, die bis heute florieren — gerade auch im Toggenburg», heisst es im «Toggenburger Jahrbuch 2007».
Der fundamentalistische Protestantismus, auch im Emmental und im Zürcher Oberland weit verbreitet, wächst derzeit wieder. Weltweit betrachtet, ist er sogar die am stärksten voranschreitende Religion, wie der Pariser Orientalistik-Professor Olivier Roy in seinem neuen Buch schreibt. Der Islam, über den im Moment alle debattieren, liegt zurück.
Werner Arn, der neue Besitzer des Hotels Traube in Ebnat-Kappel, fühlt sich trotz seinen Erfolgen geächtet und verhöhnt — «wie der Apostel Paulus!». Nicht ohne Stolz sagt er das. In Anzug und Krawatte, mit einem blonden Oberlippen- und Kinnbart im gleichmässig gefältelten, runden Gesicht, schaut der 67-Jährige auf die Bibel vor sich, auf die er immer wieder hämmern wird während seiner Ausführungen. Alles geht auf die Bibel zurück. «Das da!», sagt er und klopft, «das ist es.» Nur die Schrift.

Den Tempel besudeln
Er lehnt die Kirchen ab, weil sie Irrlehren verbreiten. Den katholischen Schwulst betrachtet er als Hurerei. Den evangelischen Hang zur Gleichberechtigung der Geschlechter als Gräuel, als Widerspruch zu Gottes Wort, wie auch die Freikirchen falsch liegen, weil sie nicht wirklich den Kampf aufnehmen gegen die Sünde und überhaupt zu viel Weltliches einfliessen lassen. «Wir leben in der Zeit der Abgötterei», sagt er, und bemüht dann mit ungezählten Beispielen das Klischee von der verdorbenen Gesellschaft und der Welt am Abgrund, er verfällt dabei, trotz seiner ansonsten wohlmodulierten Predigerstimme, in einen schnarrenden Ton, wobei er aber nie die Fassung verliert, immer eine Ergebenheit ausstrahlt, die heiter wirkt.
Internet, Fernsehen, Zeitungen fesseln die Menschen, lenken sie ab vom Dienst am Herrn, abgesehen davon, dass sie voll sind bis zum Rand mit Pornografie und Anzüglichkeiten. «S isch en Gräuel!» Nichts lässt Werner Arn aus mit seinen vollmundigen Plattitüden, nicht das Rauchen, das Trinken, das Tanzen, die Homosexualität schon gar nicht, nicht einmal die Onanie, die für ihn ein «Besudeln des Tempels ist — denn der Körper des Menschen ist ein Tempel, in dem der Heilige Geist wohnt». Aber in welche Nöte er da die jungen Männer bringt, wenn in der Pubertät in ihrem Innern das Hormonsystem ein paar Stufen höher schaltet und sie nur noch Augen haben für Brüste, Beine, Ärsche… pha, macht er und meint trocken: «Das muss man lernen.»
Was?
«Den Trieb ausrotten.»
Wie?
«Mit der Hilfe von Jesus.»
Auch in der Ehe: «Enthaltsamkeit ist die einzige Verhütungsmethode.» Denn wie die Menschen ihre Zeit verbringen, dafür werden sie einmal geradestehen. «Da stehen sie dann vor dem Meister und müssen sich verantworten.» Dass die Frauen in seiner Gefolgschaft lange Jupes tragen und langes Haar und überhaupt manche ein verhürschtes Aussehen pflegen, dass sie sich schon gar nicht schminken, weil solches das Begehr weckt, und das Begehr nur ein Werk ist des sündigen Fleisches; dass sie sich dem Mann unterordnen und ihm dienen, dass die Männer ihrerseits einen geordneten Bart tragen und die Haare kurz geschoren, das sind Äusserlichkeiten ohne Zwang, sagt Werner Arn, sie ergeben sich ganz von selbst als Folge davon, dass diese Menschen Gott gefallen wollen.
Alles ist eitel, ja. Von den vielen Religionen, die es gibt, den vielen möglichen Aufrufen, den Egoismus zu überwinden und sich in der warmen Sosse allumfassender Güte aufzulösen, hat Arn für sich und seine Gefolgschaft die härteste Variante gewählt; es sind lauter anstrengende, unentspannte Vorschriften. Heiss brennt bei ihm das Höllenfeuer. Ein Minoritätenprogramm jedenfalls, nichts für die Masse. Dass Ebnat-Kappel oder ein anderes Dorf einmal mehrheitlich von Adullam-Gläubigen bewohnt wird: Das scheint doch eher unwahrscheinlich.
Kennt dieser Arn, der sich als Mann der absoluten Heilsgewissheit gibt, gelegentlich Zweifel?
«Niemals!»
Und noch einmal, diesmal sehr laut: «Nie!»
Ein so zackiges Nie hat es noch nicht gegeben in der Geschichte des Diesseits, es kommt daher wie ein Schuss aus dem heiligen Kanonenrohr.
Ist er glücklich?
«Ein Riesenjubel!»
Noch so ein Schuss.
Dann, leiser, im Stuhl zurückgelehnt: «Seit fünfunddreissig Jahren jage ich von Wunder zu Wunder, von Sieg zu Sieg. Es ist fantastisch.»
Sieben Kinder hat Werner Arn. Trotz Zwangsfrömmigkeit und rigiden Lebensanweisungen haben sie — mit einer Ausnahme — irgendwann angefangen, ihren Verstand ohne fremde Anleitung zu benutzen, haben sich in die Gesellschaft eingebettet, indem sie die kurlige Selbstabschottung der Eltern unterliefen, in der Pubertät fing es an: Freunde schildern, wie die Mädchen morgens aus dem Haus gegangen sind in diesen vorsintflutlichen Klamotten, sich zwei Häuser weiter, hinter einem Gebüsch, Jeans und Trägershirt angezogen haben, die sie in der Mappe heimlich mitführten, bevor es dann mit dem Postauto vom Hemberg hinunterging nach Wattwil, den Hauptort im Tal, an die Kantonsschule. Kiffen? Ab und zu. Freunde, Freundinnen, Sex? Klar, doch. Ein Leben nach dem Tod? Humbug. Heute sind sie Anwälte, Ärzte, Forscher, eine Tochter hat in Ägypten mit einem (moderaten) Muslim eine Familie gegründet.
Sechs zu eins steht es im Hause Arn also in Sachen Aufklärung gegen himmlische Transzendenz. Sabotiert das die Selbstzufriedenheit des Vaters?
«Nein!»
Das Kanonenrohr zum Dritten.

Der Match wird gedreht
«Ich liebe meine Kinder, alle.» Aber Werner Arn ist eben auch sicher, dass dieser Match noch gedreht wird. Er sagt: «Der Glaube bringt Gewissheit. Die Gewissheit, dass alle meine Söhne und Töchter einmal den Weg finden zu ihrem Erlöser — ein Weg, von dem sie ja von klein auf gehört haben.» Natürlich betet Werner Arn regelmässig für diese Kinder, und man würde, obwohl sie nichts zum Thema sagen wollen, darauf wetten, dass die Kinder ihrerseits ein wenig irritiert sind, weil sich in diesem Beten einmal mehr die Selbstgerechtigkeit des Vaters zeigt, die unausgesprochene Annahme, dass er edel ist, weil er glaubt, was er glaubt; dass Glaube an sich tugendhaft ist, während ihr Unglaube erbärmlich ist und höchstens sein Mitleid erregt.
Das Leben nimmt seinen Gang. Und der Baum wächst, wie Werner Arn es ausdrückt. Menschen finden den Weg zu ihm, sie kommen mit dem Auto in Ebnat-Kappel an, erste Station ist die Dorfgarage. Dort lassen sie das Radio entfernen.
Was führt diese Menschen hierher? Eine jäh aufleuchtende Erkenntnis? Ist es die Entdeckung, dass ihr bisheriges Streben nach materiellem Gewinn etwas völlig Belangloses ist? Dass dem Universum der neue Plasma-Ultrabreitbildfernseher mit Dolby-Surround-System im Grunde gleichgültig ist?
Oder ist es Überdruss? Wollen diese Leute einfach erlöst werden vom immerwährenden Denkenmüssen und von persönlicher Verantwortung? Ist das, was die Leute zu Werner Arn nach Ebnat-Kappel kommen lässt, mit anderen Worten das Bedürfnis, sich endlich von der Welt abzuwenden?
Die Traube, im Jahr 1976 wegen einer auf der Saalbühne hingelegten Brunette Doppelfilter abgebrannt, danach neu aufgebaut, hat als Hotel und Dorfbeiz keine Gäste mehr, die Vereine weichen seit der Übernahme durch Arn ins Feuerwehrdepot aus oder ins Hotel Kapplerhof, unten, am Dorfrand. Die Traube ist ein Missionshaus, vier Familien sind derzeit in dem riesigen Gebäude untergebracht, mehrheitlich steht es leer, bis auf die ständig bewohnte frühere Wirtewohnung im ersten Stock. Eine Treppe führt hinauf, über grüne PVC-Böden mit Kringelmuster, vorbei an gelb lackierten Möbeln, dunkelbraunem Täfer, das laut nach Auffrischung schreit. Man geht durch düstere Gänge, an Türen vorbei, 113, 114, 115, dann kommt, zuhinterst, die Wohnung. Eine Frau tritt heraus, schliesst die Wohnungstür hurtig mit dem Schlüssel ab, in der Hand das Mobiltelefon. Zwei fremde, finster blickende Männer (Fotograf und Reporter), die Frau. Das Licht geht aus. Stockdunkle Nacht. Eine Hand tappt zum Schalter, das Licht geht an. Die Frau erzählt.
Von der Sünde erzählt sie, von der Zeit, da Satan herrschte in ihrem Leben. «Ich war schon fromm, aber eben nur fromm.» Sie war Coiffeuse in Bazenheid, im unteren Toggenburg, sie machte, was die anderen auch machten. «Viele haben Sachen mitlaufen lassen in der Stifti, Schaumfestiger zum Beispiel. Auch ich habe Reste mit nach Hause genommen…» Das Licht geht aus. Tappgeräusche im Dunkeln, das Licht geht an. «Als ich mich bekehrt habe, sagte ich dem Chef, ich hätte ihn bestohlen. Er sagte: Jawass, gestohlen? Er fand es nett, dass ich das gesagt habe.» Die Frau sagt, es seien Sünden, auch diese klitzekleinen Sachen, und wenn man aufrichtig forsche… Wieder Dunkelheit. Tapsen. Licht. «…wenn jemand aufrichtig forscht, muss er Stellung beziehen und handeln.»

Ich nehme Jesus
Zwanzig Minuten dauert die Erzählung von Jacqueline Bachmann, draussen im Gang vor der Wohnungstür, während der das Hell-dunkel-Spiel von Zeitschalter und tappender Hand alle fünfzig Sekunden von vorne beginnt. Die Erzählung handelt davon, wie ihr, sie war 26, eine Kundin auf dem Coiffeurstuhl von Gott berichtete und sie zur Bibelgruppe von Werner Arn einlud, wie sie hinging und ergriffen war, sich bekehrte, und wie ihr damaliger Freund, nach ein paar Wochen unduldsam geworden, zu ihr sagte: Du musst dich entscheiden, entweder ich oder der Jesus. Und wie sie sagte, ganz ruhig: Dann nehme ich den Jesus. In dem Moment kommt Roger Bachmann hinzu, ihr Mann, er hat die Reifen gewechselt, schnauft noch vom Treppensteigen, «Entschuldigung», sagt er, «aber jetzt bin ich da».
Man geht also hinein, die Frau entspannt sich sichtbar, man setzt sich in die Stube, wo der dreijährige Bub auf dem Sofa schläft, Juan, in eine braune Decke gewickelt. Das Mobiliar: zusammengewürfelte Habseligkeiten aus der Brockenstube. Kinderzeichnungen. Überall schlichteste Einfachheit, in der Luft hängt der Geruch nach kaltem Kohl.
Jetzt schweigt die Frau.
Der Mann redet.
«Mit der Kirche hatte ich nichts am Hut. War fast noch eher ins andere Extrem. Jacqueline und ich gingen schon gemeinsam in die Primarschule, später, mit einundzwanzig, trafen wir uns wieder in einem Festzelt. Dann waren wir zusammen. Sie Coiffeuse, ich hatte ein kleines Baugeschäft.» Roger Bachmann erzählt mit fester, kräftiger Stimme. «Eines Tages sagte sie, du, heute Abend gehe ich in eine Bibelstunde. In einen Hauskreis. Ich dachte, so ein Blödsinn, sagte dem Frieden zuliebe aber: okay. Sie kam erst am Morgen um eins nach Hause. Ich: Was habt ihr gemacht? Sie: Es war interessant. Eine Woche später wieder dasselbe. Es wurde wieder halb eins. Ich sagte: Wenn du noch einmal so spät heimkommst, gehe ich da hin und räume auf. Und dann geht sie also wieder in die Bibelstunde, abgemacht war, dass sie um Mitternacht daheim ist. Punkt Mitternacht: ich, zack, ins Auto, war sackhässig. Da kam sie gerade um die Ecke, im letzten Moment, wir gingen in die Wohnung hinauf. Ich stellte sie zur Rede. Wir waren verlobt damals. Ich sagte zu ihr: Jetzt musst du dich entscheiden. Dein sogenannter Jesus oder ich. Sie sagte völlig ungerührt und ohne zu zögern: Ich nehme Jesus.»
Eine Frau betritt die Stube und stellt einen zugedeckten Vogelkäfig auf ein Beistelltischchen.
Roger Bachmann sagt: «Ich war sprachlos.»

In die Bibel getrieben
In der Nacht quälte ein Gedanke den armen Mann: Wie ist das möglich, dass jemand mich aussticht, den man nicht einmal sieht? «Das hat mich in die Bibel getrieben.» Es hat ihn gewurmt, dieses Ausgestochenwerden, und dann ging er mit in die Bibelgruppe, nach Kirchberg, aus Neugier. «Mich nahms wunder, was das für Leute sind. Es waren fünf oder sechs Leute. Feine, wackere Menschen. Ich sass da, ganz still und habe geschaut. Singen, beten. Zu jemandem reden, der nicht da ist — komisch. Dann haben sie ein Kapitel gelesen, darüber gesprochen, es in die heutige Zeit übertragen. Dass wir nicht die Welt verändern können, sondern dass es um uns selber geht, um jeden persönlich. Zwei Tage später ist es passiert.»
Auf dem Gesicht seiner Frau erscheint ein Schmunzeln und erlischt wieder.
Ist was passiert?
«Der Wunsch war da. Dass Jesus in mein Herz kommt. Das nennt man dann die Bekehrung.»
Ein paar Jahre arbeiten Roger und Jacqueline Bachmann noch auf ihren Berufen weiter, dann, 1996, fängt er Feuer, fährt mit zwei Brüdern, wie er sie nennt, nach Spanien, für einen dreiwöchigen Missionseinsatz, sie verteilen auf der Strasse Schweizer Kalender mit spanischen Bibelversen drauf. «Zurück in der Schweiz, habe ich gedacht: Ich möchte das für immer machen. Vollzeit-Missionar werden», erzählt er. Er recherchierte damals über die Mormonen und die Neuapostolischen und sah, dass die in Spanien einen gewaltigen Zuwachs haben. Diese Verführung durch Sekten musste man stoppen! «Das war der Kick. Ich sagte zu meiner Frau: Du, ich glaube, wir gehen nach Spanien.»
Acht Jahre Andalusien, in der Millionenstadt Sevilla. Im Jahr 2007 Rückkehr ins Toggenburg, nach Ebnat-Kappel, in die Traube. Die muss in Schuss gehalten werden. Fensterläden flicken, Treppen putzen. Sie ist daheim, mit dem Kind, er viel unterwegs für Bibelstunden, für Missionsreisen, heute Wetzikon, morgen Stuttgart, übermorgen Mexico City — eine Art sakraler Jetset. Wie finanziert man das? Wovon lebt man bei Adullam?
Gute Frage, sagt Roger Bachmann. «Von Gott! Es sind tägliche Wunder!» Und dann erzählt er, wie er einmal um Schuhe betete, weil seine ausgelatscht waren, und zwei Tage später stand ein wildfremder Mann an der Tür mit einer Schachtel, da, sagt der Mann, Schuhe, Grösse 44. Können Sie die brauchen? Sie passten perfekt. «Ein Wunder. Eins von Tausenden. Das kann man rational nicht erklären.»

Eine Himmelsmacht
Ist diese Schuhgeschichte nun die Offenbarung einer tatsächlich bestehenden Macht? Oder bloss ein weiteres Symbol für Naivität und Leichtgläubigkeit? Das Brot fällt ja nicht vom Himmel, auch in Ebnat-Kappel nicht. Beides ist wohl richtig. Denn Adullam lebt von der Dankbarkeit. Und die Dankbarkeit ist eine Himmelsmacht.
Im Toggenburg gibt es zahlreiche Leute mit Werner-Arn-Erfahrung, sie haben sich, wie sie erzählen, zuerst gefreut, weil sie dachten: Ou, endlich ein ernster Christ!, dann sind sie wieder gegangen, weil sie merkten, dass es «doch relativ normal» ist, oder weil sie sich «geknechtet» fühlten oder «abgezockt».
Diese Leute sagen: Werner Arn ist kein Krimineller. Man schenkt ihm. Es ist nichts anderes. All die Leute im Adullam sind froh, dass ein starker Mann da ist, eine Führerfigur, es sind ja viele Unbeholfene dort, verkrachte Existenzen, Selbstmordgefährdete, Drogensüchtige, Alte auch, viele ledige Frauen zwischen vierzig und fünfzig, die jemanden brauchen, der ihr Leben ordnet. Der sie ein wenig päppelt. Arn macht das alles, er übernimmt Verantwortung, er hilft, auch in praktischen Dingen, sie schauen zu ihm auf, und so kommt das Geld. Man schenkt ihm gerne. Geld geben ist freiwillig, wobei Werner Arn in den Predigten schon motivieren kann zur Freiwilligkeit: «Wollt ihr wirklich mit Gott gehen im klösterlichen Sinn?» Wenn die älteren Damen im Saal dann zusammenzucken und ihm wieder mal einen zünftigen Geldbetrag überweisen, dann ist er hart im Nehmen, der Herr Arn. Heisst es.
Der Neid ist der älteste Toggenburger. Heisst es.
Arns Darstellung: Das Missionswerk ist wie der See Genezareth. Oben fliesst es kontinuierlich hinein, unten fliesst es wieder heraus. Wie tief der See ist und wie breit, das braucht die Öffentlichkeit nicht zu wissen. Mit Matthäus 6, Vers 3: «Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut.»
Im Dorf sagen die Leute: Hört mal, Adullam ist nicht Ebnat-Kappel! Wir sind im Grunde ein stinknormales Dorf. Seht doch, Ebnat-Kappel ist längst in der modernen Zeit angekommen! An der Hauptstrasse hat die Behörde Granitschwellen eingebaut, es gibt beim Bahnhof einen «Schuppen» für die Jugend. Die reformierte Kirchgemeinde wählte vor Kurzem eine lesbische Frau ins Pfarramt. Es gab nur fünf Gegenstimmen. Es gibt im Viertel hinter dem Kindergärtnerinnen-Seminar kubische Einfamilienhäuser, Beton und Glas. Topmodern ist das.
Und vor allem: Es gibt diesen neuen Gemeindepräsidenten. «Christian Spoerlé wird es richten», sagen die Leute, viele sagen das, Junge, Alte.
Spoerlé, ein Mann von beachtlicher Statur und mit einem gewinnenden Lachen, ist seit ein paar Monaten im Amt. Bevor er aus dem Zürcher Oberland nach Ebnat-Kappel zog, hatten ihn Freunde noch gewarnt: «Du, d Toggeburger sind denn scho no Chnölle.» Aber das stimmt eben auch nicht. Neinein. «Ich erlebe sie als offen und beherzt, die Ebnat-Kappeler.» Etwas anderes kann ein Gemeindepräsident nicht sagen.

Im 4800-Einwohner-Dorf Ebnat-Kappel breiten sich die Feinde des Lasters aus. | Herbert Augsburger
Im 4800-Einwohner-Dorf Ebnat-Kappel breiten sich die Feinde des Lasters aus. | Herbert Augsburger
Adullam-Chef Werner Arn: «Enthaltsamkeit ist die einzige Verhütungsmethode.» | Herbert Augsburger
Adullam-Chef Werner Arn: «Enthaltsamkeit ist die einzige Verhütungsmethode.» | Herbert Augsburger
Familie Bachmann: jeden Tag ein Wunder | Herbert Augsburger
Familie Bachmann: jeden Tag ein Wunder | Herbert Augsburger

Die Diskussion

12 Reaktionen

  1. pedro773

    Wahnsinn dieser Artikel. Und das im Jahr 2009…
    Ich glaubte, dass gibt nur in den USA…

  2. Flo

    Oh Gott, was für Verwirrte unter uns wandeln.

    Ich halte es mit Homer Simpsons, in einer Folge zufälligerweise als Missionar auf einer Karibikinsel unterwegs: “Save me, Jebus!”

  3. e-k

    ok, vieles in diesem artikel erscheint typisch ländlich. wohne in e-k (freiwillig) und muss nach dieser lektüre mal folgendes loswerden:

    bin weitgereist, habe jahre im ausland gelebt, bin im toggenburg teilweise aufgewachsen, habe in zürich und im zh – oberland gelebt und bin trotzdem (oder eben deshalb) wieder ins “toggi” zurückgekehrt

    hier wird ein bild einer gemeinde vermittelt die scheinbar randstständig und hinterwäldlerisch ihr dasein fristet.

    da wird ein alteingesessener bauer (gezwungenermassen auch wirt) zitiert, ein zugezogener gemeindepräsident der in der svp ist “weil es halt die erste Partei war, die mich angefragt hat” und ein sektenguru der (mal abgesehen davon das er absolut gaga ist), ja nichts nimmt und trotzdem über mengen von geld verfügt, um nicht nur in dieser gemeinde immobillien zu kaufen und mit seinen jüngern vollzustopfen.

    der artikel ist zu kurz gedacht und geschrieben, zu einseitig und die vermittelten bilder sind schwach. so etwas lässt sich auch aus seebach, schwammendingen, wallisellen und vielen anderen gemeinden in der schweiz berichten (z.b. aus der region “freisektenzentrum” tösstal) …. was bezweckt der verfasser damit? zumal diese dieses (arn-sekten) thema schon mindesten 3-4 jahre alt ist.

    sie herr ninck dürfen getrost ihre sicht der dinge haben, nur möchte ich sie bitten auch die zeit für die recherchen aufzuwenden die das geld das sie für ihre artikel erhalten wert sind.

    gruss aus ebnat kappel

  4. fred

    Kann dem Kommentar aus Ebnat Kappel nur beipflichten.
    Warum eine Verknüpfung hergestellt wird, zwischen einem Dorf oder Tal und einem Mann, dessen Denken unweigerlich an Mittelalter, Talibanführer oder extreme Mullahs erinnert, verstehe ich nicht.
    So lange diese “Überfrommen”, die als einzige “wissen”, was wirklich in dem ominösen Buch steht, die sich aber nicht eingestehen, dass es von Menschen geschrieben wurde, keine Scheiterhaufen aufstellen und Hexen und “Ungläubige” verbrennen dürfen, sollen sie, wo auch immer, machen was sie wollen. Es wird, unabhängig vom Ort immer Menschen geben, die ihre Verantwortung und ihr Denken in die Hände anderer legen und sich lenken lassen.

    Ich empfehle, sich im nächsten Artikel beispielsweise wieder einmal mit der ICF oder ähnlichen “Kirchen” oder Glaubensgemeinschaften und deren Denken und Finanzierung zu befassen. Eine Verbindung vom jeweiligen Ort mit dem Gedankengut der “Gläubigen” scheint mir, wie es das Beispiel ICF zeigt, wohl kaum angebracht. Sie scheinen überall zu sein.

  5. email_dasmagazin.ch@tikon.ch

    Sehr geehrter Herr Ninck,

    Ihr Artikel sollte im Spiegel erscheinen: Mit einer solchen Zusammenstellung abgestandener Klischees werden sonst die Schweizer von Hamburg aus beschrieben. Nähe garantiert also keine Differenzierung oder Zwischentöne.

    Nichts an Ihrem Artikel hat mich überrascht. Alles reihte sich wie eine Perle an die andere. Sie haben mir und den anderen LeserInnen nach dem Mund geschrieben. Schade eigentlich. Ich lese gerne etwas neues.

    Beste Grüsse,

    Christian F.

  6. Sue

    Sie titeln „protestantische Fundamentalisten haben sich in einem Dorf im Toggenburg neidergelassen: sie bekämpfen alles, was Spass macht. Im 4800 Einwohner Dorf Ebnat Kappel breiten sich die Feinde des Lasters aus.“

    Sie schreiben von einem sektenartigen Verein, der in Ebnat Kappel ansässig ist.
    Soweit stimmt das. Dass aber das ganze Dorf glaubt, oder stirbt, und diese Fundis uns hier alle im Griff hätten, ist reine Fantasie.
    Beizensterben findet nicht nur in Ebnat Kappel statt, und wir haben immer noch genügend Beizen, einige sind geführt von recht innovativen, unermüdlich fleissigen Beizern, allesamt nicht Mitglieder in Arns Verein.
    Selbst in Zürich hat sich die Beizenwelt geändert. Weshalb sollte es hier anders sein?
    Was bitte hat die Ansässigkeit Herrn Arns mit den Granitschwellen zu tun, oder mit dem wie Sie schreiben importierten Gemeindepräsidenten, der ja von Amtes wegen eh nur positiv über Toggenburer Mentalitäten berichten könne.
    Weshalb denn importiert? Soweit mir bekannt ist, haben wir keine Ablösesumme an seine vorherige Wohn – und Wirkgemeinde bezahlt. Der Grossteil der Bewohner Ebnat Kappels lebt freiwillig hier. Anhänger Herrn Arns vielleicht nicht, aber das kann ich nicht schlüssig beurteilen.
    Sie beschreiben ihr Gespräch mit einer Arn-Anhängerin im im düsteren Gang des ehemaligen Hotels Traube, mit Zeitschaltuhr in der Gangbeleuchtung, die während des Gesprächs x -mal für Dunkel sorgt. Mit ebendiesem Dunkel im Herzen scheinen Sie danach durch das Dorf gegangen zu sein. Natürlich nur den Klischees folgend. Langes Dorf: das ihr Fotoapparat auch nur dunkel ablichten wollte. Am Sonntag Morgen ausgestorben: bitte wo ist es sonntags Morgens anders? Etwas wachgerüttelt von den Granitschwellen begaben Sie sich dann noch mutig zu den Ureinwohnern auf den Berg. Natürlich war früher alles anders. Aber nicht nur besser.
    Wir haben immernoch einen Skilift, diverse neue Beizen, Jugendliche haben Möglichkeiten sich zu treffen. Wir haben eine frisch renovierte neue Turnhalle, einen noch jungen Spielplatz, eine tolle, ebenfalls frisch renovierte Badi. Die Ausflugsmöglichkeiten von hier aus sind grandios. In den Bergen ist man sofort, Rapperswil, Wil St Gallen sind alle eine gute Halbe Sunde entfernt, und selbst am Stadelhofen bin ich in 1Std 12.
    Agglo Kids von Zürich können nur davon träumen eine Kanti so nah zu haben, wie wir hier mit der Kanti in Wattwil…

    Schreiben sie ruhig kritisch über diese religiösen Fundamentalisten. Ich möchte jedoch festhalten, dass es keine Rolle spielt, wo sich diese Gruppen niederlassen. Sie leben sehr isoliert, sind in ihrem Dorf in keinster Weise integriert.
    Sie haben gleich ganz Ebnat Kappel dieses dunkle Klischee übergestülpt.
    Ich stelle einmal mehr fest, dass man Herrn Arn fernbleiben sollte. Die Begegnung hat ihre Linsen – sicherlich nur vorübergehend – getrübt. Das Licht in meinem Ebnat Kappel ist jedenfalls viel heller.

    Gruss aus E-K
    Sue G.

  7. Ursi

    Ich habe meinen Mann nach 25 Jahren liebevoller, wertschätzender Ehe, in der Sekte von Werner Arn von Wattwil verloren.
    Ab 2001 wurde mein Mann zu den Vorträgen von Arn eingeladen. Als seine charakterlichen Veränderungen immer mehr zunahmen und er anfing sich von mir und unsren Kindern abzusondern, wurde mir meine Naivität in Bezug auf diese Gemeinschaft von Arn, bewusst.
    Ich fing an um unsre Ehe zu kämpfen.
    Ich nahm Kontakt mit Betroffenen auf, die es geschafft hatten bei Arn auszusteigen.
    Trauriges und schmerzvolles habe ich zu hören bekommen und dann auch selber erlebt.
    Ich musste erkennen, dass dies nicht mehr mein Ehemann war, sondern ein Fremder in meines Mannes Hülle. Die Kraft der Liebe von Frau und Kindern, trat er mit Füssen, angefeuert von einem Vorbild > W.Arn, der ganz und gar nicht labil in der Psyche ist.
    Als ich mit einem Eheschutzverfahren die Trennung beantragte,„war der Teufel los“.
    Ich musste nach einem Jahr aus unsrem Haus ausziehen.
    Kaum in meiner Wohnung eingerichtet, bekam ich die Diagnose Brustkrebs.
    Während ich im Spital lag, schwach und hilflos hat mein „heiliger“ Mann nicht ein einziges Mal gefragt, ob ich Hilfe brauche? Die Liebe meines Mannes, das wusste ich, hatte ich nicht mehr, denn dann wäre er einfach an mein Spitalbett gekommen! Aber nicht mal die Liebe Jesus Christus hatte ihn barmherzig gemacht!
    Während meiner Krankheitszeit führte ich viele Gespräche mit Personen aus den Landeskirchen und Freikirchen. Ich appellierte an sie, dass zuwenig über Sekten aufgeklärt und gewarnt würden.Denn selbst in der Bibel wird an vielen Stellen von solchen Irrlehren gewarnt.
    In den 80-Jahren erschien haufenweise Aufklärungsmaterial über New Age und Okkultismus. Jetzt aber hinken wir der Zeit hinterher, denn die wie Pilze aus dem Boden schiessenden allein herrschenden Gurus haben unglaubliche freie Bahn.
    Und dies tun sie im Namen Gottes!
    Ich kenne vier Ehen (mit meiner eigenen) die von der Lehre Arns zerstört wurden.
    Damit mein Herz und Verstand immer mehr verstehen, was mit diesen Menschen geschieht, die von einem Anführer verblendet werden,bin ich dankbar für solche Artikel, die hinter die Kulissen schauen.
    I

  8. swic

    Ist es nicht ausserordentlich bedauerlich, dass Sie, Herr Ninck, nur dieses einseitige, triste und traurige Ebnat-Kappel kennen lernen durften? Da Ihr Besuch vermutlich bei trüber Witterung statt gefunden hat, ist Ihnen leider die liebliche, voralpine Landschaft entgangen. Der einzigartige Blick auf den Speer oder die Churfirstenkette, der idyllische Thurverlauf, die wettergegerbten Toggenburger Bauernhäuser… Wohl alles nur „schattenhalb“ gesehen, wie wir uns hier ausdrücken, Herr Ninck. Schade… Ebnat-Kappel ist kein „Proivinzkaff“, wie Sie despektierlich schreiben, sondern ein Wohn- und Lebensort den viele junge wie auch ältere Bewohnerinnen und Bewohner jeglicher politischer Couleur, Herkunft und sozialer Schicht zu schätzen wissen! Entspricht Ebnat-Kappel nicht fast jedem ländlichen Dorf in der Schweiz? Schade Herr Ninck, dass Sie Ebnat-Kappel nur durch einzelne, in keinster Weise dem Dorfcharakter entsprechende Bewohner und ihrem spirituellen Oberhaupt definieren… Übrigens wohnt Herr Arn, wie Sie ja selbst wissen, nicht einmal in Ebnat-Kappel. Sein Schaffen tangiert das Leben von uns Dorfbewohnern selten. Warum auch, seine Jünger stammen kaum von hier und missionieren lassen wir uns auch nicht ganz so einfach. Die riesige Plattform und Aufmerksamkeit geniesst Adullam nur dank Ihnen und nicht im täglichen Geschehen in Ebnat-Kappel. Nun, Herr Ninck, kommen Sie doch ein zweites Mal nach Ebnat-Kappel, damit sie unser Dorf am – wie Sie schreiben – „Ende der Welt“ auch „sonnenhalb“ sehen…

  9. MKauf

    Sehr geehrter Herr Ninck

    Im Namen der Arbeitgebervereinigung Ebnat-Kappel lade ich Sie ganz
    herzlich nach Ebnat-Kappel ein.Nobody is perfect. Wer ist nicht schon mit trüber Linse durch die Gegend marschiert! Denn auf den Winkel kommt es an.
    Es ist schon erstaunlich, dass gerade so ein Hinterwälderdorf nationale bis internationale Marken etablieren kann ( Morga AG, Ebnat AG, Biokosma AG, Kauf AG, Alder + Eisenhut, Eberhard Bühnentechnik…). Übrigens ihr Ta Media Kollege Antonio Cortesi war letztes Jahr im Toggenburg und in Ebnat-Kappel.

    Alles weiter vor Ort. Auf Wiedersehen in Ebnat-Kappel.

    Kauf AG
    Michael Kauf

    Präsident Arbeitgebervereinigung Ebnat-Kappel

  10. AKueng

    Ebnat-Kappel – ein Ort religiöser Toleranz. Ist das denn nicht in Ordnung? Toleranz kommt von „Erdulden“. Man muss nicht jede religiöse Richtung für gut heißen, aber engstirniges Normieren ist doch viel langweiliger und un-schweizerischer. Warum sollen in der “Traube“ die Menschen nicht zusammenkommen, um nach ihrer „Facon selig“ zu werden, wie Friedrich der Große es schon vor 300 Jahren seinen Leuten ermöglicht hat? Sollen wir kleinkarierter sein als die Menschen früher? Dass Kinder sich gerade von ihren strengen Eltern emanzipieren – wer kennt das nicht? Ich finde, das müssen Familien mit sich selber ausmachen- ist eh schwer genug.

    Ihr Untergangsszenario für Ebnat-Kappel ist zudem mehr als seltsam. Wenn Sie beim Grümpelturnier die Freude der Menschen und die vielen jungen Menschen erleben, dann merken Sie, wie komisch ihr Abgesang ist. Ja, Ebnat-Kappel und das ganze Toggenburg sind eine Region im Umbruch, aber daher ist es wichtig, nicht nur über die Hauptstraße zu gehen, sondern die zarten Pflänzchen der Kreativität zu sehen: Wussten Sie, dass einer der besten jungen Modedesignerinnen der Schweiz aus Ebnat-Kappel kommt? Haben Sie schon das neugestaltete und erfolgreiche Restaurant Löwen besucht? Mein Ebnat-Kappel ist reicher an Menschen und Ideen als Sie es beschreiben und definitiv jünger und lustiger!
    Albert Küng
    Ebant-Kappel und München

  11. ouattara

    Grundsätzlich ein guter Artikel, denn hauptsächlich geht es ja um Sektenführer Arn. Ich fühlte mich in der Tat an einen Besuch im Gebiet der Amish People im Osten der USA erinnert, als ich kürzlich eine Familie Höhe des Hotel Traube sah. Aufgewachsen in Ebnat-Kappel muss ich nun aufgrund des Artikels gegenüber Nicht-Toggenburger-Kollegen mein Heimatdorf «verteidigen», denn mit einigen Punkten bin ich nicht einverstanden.

    «Ebnat-Kappeler» ist leider genauso falsch wie «Baseler» oder «Züricher». Ich wusste bislang nicht, dass das Magazin in Deutschland produziert wird. Doch das ist ein Detail.

    Ebnat-Kappel, ein Dorf ohne Zentrum? Ich weiss nicht, wie sie in die Oberbächen kamen, doch der Weg führte sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Bahnhof vorbei, mitsamt seinem grosszügigen Vorplatz und der grünen Wiese. Er ist EINE Gehminute von den Läden der beiden orangen Grossverteiler entfernt, von zwei Banken, der Post, fünf Restaurants oder Cafés, um nur einige Annehmlichkeiten zu erwähnen (das sich im Umbau befindende Schwimmbad, eine Schule mit Turnhalle, Fussballplatz und Beachvolleyballfeld lasse ich weg, sie sind schliesslich zwei Gehminuten entfernt). Ich wüsste nicht, weshalb dies kein Zentrum sein soll.

    Ihre Angst, sich am «Ende der Welt» zu befinden, halte ich für völlig übertrieben. Nur schon geographisch gesehen: Ebnat-Kappel liegt mitten in einem Tal, das den Besucher noch eine halbe Autostunde und mehrere Dörfer weiter führt. Und selbst Wildhaus ganz oben im Toggenburg ist nicht das Ende der Welt (glauben Sie mir ruhig, ich habe auch schon malerische Dörfer im Norden Chinas, entlegene Tankstellenortschaften im australischen Outback und herrliche Plattenbaustädte in Sibirien gesehen).

    Das Lädelisterben ist ein Fakt, genauso wie das Verschwinden des kleinen Skigebiets Girlen. Doch dass der Tanzboden – hervorragend geeignet für und deshalb besonders geschätzt von Familien – weiterhin existiert, wird verschwiegen; es würde die Story kaputt machen.

    Gerne schliesse ich mit einem Zitat aus dem Artikel: «Der Neid ist der älteste Toggenburger. Heisst es.» Das ist ohne Zweifel so und deshalb ein Dankeschön: In Wattwil, Nesslau und Wildhaus werden sie nun eifersüchtig sein, dass man nicht auch schlecht über sie berichtet. «Diä vergunet’s der no, wenn’d Zahweh häsch» («Die gönnen dir noch nicht einmal das Zahnweh») pflegt man bei uns auch zu sagen.

  12. ralph kocher

    MIT GELD KANN MAN SICH ZUM GOTT AUFWIEGEN

    Nur: Leben funktioniert ohne Ideologie!

    Be- bzw. (Ge)fangenschaft wäre das andere…

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