Glückliche Stümper

Wer sich selber an die Goldberg-Variationen wagt, wird Glenn Gould mit anderen Ohren hören. Von dieser und anderen Freuden des Dilettantismus.

15.04.2007 von Peter Haffner

über die guten und schlechten Seiten des Internets ist schon mehr Tinte vergossen worden, als der Klärung der Sache förderlich ist. Doch eine seiner übelsten Folgen ist unbeachtet geblieben – die Tatsache, dass es den Dilettantismus in Verruf gebracht hat.

In einer Zeit, in der jeder Teenager auf Websites wie «You Tube» oder «My Space» ein Millionenpublikum mit Sensationen von der Art überrascht, dass er gerne Ketchup auf seine Pommes frites klatscht und Leute vollkommen bescheuert findet, die nicht Sneakers der Marke «Lickmyfoot» tragen, ist der Dilettantismus so allgegenwärtig, dass es unnötig scheint, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Und doch muss man es, will man den ehrenhaften, sich dem hohen Ziel der Vervollkommnung der eigenen Person dienenden Dilettantismus vor den Attacken des Pöbels retten, in dessen Hand das Internet so gut aufgehoben ist wie die Tretmine im Kängurugehege.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir sprechen hier nicht von jener Sorte Dilettantismus, mit der Politiker oder Journalisten ihren Lebensunterhalt verdienen. Gemäss Duden oszilliert der Begriff des Dilettanten irgendwo zwischen dem Nichtfachmann und dem Stümper, und das trifft genau, was diese Berufsgattungen auszeichnet. Wir dagegen rekurrieren auf den ursprünglichen Begriff des Dilettanten, worunter man einen Kunstliebhaber versteht.

Einen Kunstliebhaber, keinen Künstler, und auch keinen Möchtegern. Was nicht heisst, dass der Dilettant sich nicht selber in Kunst üben dürfte. Doch wie unbeschwert er auch dichtet, malt oder musiziert – er weiss, dass er ein Dilettant ist, einer, der etwas liebt, was er nicht kann. Zwar vermag er fachmännisch über Kunst zu reden, doch da ihm klar ist, dass aus seinem Tun niemals Kunst resultiert, hält er dieses privat. Der wahre Dilettant präsentiert sich nicht der öffentlichkeit in der eitlen Hoffnung, es würde sich schon ein Dummkopf finden, der seine Schöpfungen für wert hält, in den Kultur-Kanon der Menschheit einzugehen. Zu so etwas wird er sich nicht herablassen, weil er um seinen Wert weiss.

Was mich dazu bringt, ein Bekenntnis abzulegen, das ich gemäss eben deklarierter Devise nicht ablegen dürfte. Ich muss es um des höheren Zieles willen, da ich nur meinen eigenen Dilettantismus zu schildern weiss. Und ich tue es mit umso besserem Gewissen, als ich auf diesen Seiten niemanden mit seinen Früchten behellige. Ich schreibe keine Gedichte, die irgendwo zwischen Erich Kästner und Ezra Pound liegen, ich male keine Bilder im Stil von Mark Rothko oder Rolf Knie, von denen hier eine Probe gedruckt werden könnte. Ich spiele nur Saxofon. Im Stil von John Coltrane. So ungefähr wenigstens. Ich meine, das wäre das Ziel. Fernziel, genau genommen.

Was mich bewogen hatte, in einem Alter ein Saxofon zu kaufen, in dem andere sich nach einem Pflegeplatz umzusehen beginnen, ist schwer zu sagen. Midlife Crisis? Der Versuch, nochmals den röhrenden Platzhirsch zu geben, bevor man gezwungen ist, ein Viagra einzuwerfen, um nicht auf die Pantoffeln zu pinkeln? Das würde gewiss mein treuer Freund M. sagen, der in seiner Bibliothek das Tenorsaxofon an die Wand genagelt hat, mit dem er in seinen Jünglingsjahren die Weiber flachzupusten versuchte.

Nein, es war das Bedürfnis nach etwas Neuem, der Wunsch, sich auf dem Gebiet umzutun, dem die grosse Liebe gilt – der Musik, in der man es zu nichts brachte, weil man als Pubertierender fand, man sei als Meister vom Himmel gefallen. Als ich vor zehn Jahren Saxofon zu spielen anfing, dachte ich erst nur, mich damit ein bisschen zu amüsieren. Dass daraus eine solche Leidenschaft werden würde, konnte ich nicht wissen, hatte ich doch nichts von den Glücksgefühlen geahnt, die der Dilettantismus einem verschafft. Sie rühren vom Eingeständnis, dass man es in der Sache zu nichts bringen wird.

üben,üben

Dadurch weiss man sich vollkommen befreit von jedem Ehrgeiz, zu Ruhm und Ehren zu gelangen. Die Ambitionen, die einen im Berufsleben plagen – wie hoch steige ich auf der Karriereleiter, wie erreiche ich, was ich erreichen will, wie ertrage ich es, dass andere es weiter gebracht haben –, verschwinden im dilettantischen Tun vollkommen. Niemandem, nicht einmal sich selber, muss man irgendetwas beweisen. Wenn man Saxofon zu spielen anfängt in einem Alter, in dem John Coltrane schon drei Jahre tot war, weiss man, dass man, musikalisch gesehen, für den Rest seines Lebens ein dreijähriger Knirps bleiben wird.

Was nicht heisst, dass man nicht Erfolge feiert. Im Gegenteil – sie sind sogar schlagender als die, die man im Berufsalltag noch erleben darf. Man lernt eine Passage, stolpert immer wieder über dieselbe Stelle, übt und übt, bis man sie beherrscht. Die Freude über den offenkundigen und mit dem Metronom messbaren Fortschritt gleicht der Freude des Kleinkindes, das seine Schuhe zum ersten Mal selber binden kann. Nun darf man dieses Kinderglück erneut erleben, und es ist so wundervoll wie damals. Allmählich hat man ein Repertoire zusammen, und auch wenn es nie an die Hunderte von Stücken heranreicht, die ein Chet Baker auswendig präsent hatte – es ist ein Repertoire, das wächst.

Doch dass man nie zu den Grossen gehören wird, heisst nicht, dass man sich nicht an ihnen messen würde. Wie könnte man auch anders? Wer Marathon läuft, will als Amateur dasselbe wie der Profisportler – so schnell sein als möglich. Er wird die Trainingsmethoden seines Vorbildes studieren und darauf hören, was es zu sagen hat, um für sich selber das Beste herauszuholen.

Meine erste CD

Was uns zur vielleicht grössten Freude führt, die der Dilettantismus schenkt – die Befriedigung, die einem die mit Bescheidenheit gepaarte Bewunderung verschafft. Man lernt erst richtig schätzen, was die Meister wirklich können. Wer sich selber an Bachs Goldberg-Variationen wagt, wird Glenn Gould mit anderen Ohren hören als der, der nie eine Klaviertaste berührt hat. Geblendet von den rasanten Technikern des Saxofons, die Improvisation mit einem Formel-1-Rennen verwechseln, hatte ich einst schwer unterschätzt, was den Künstler auf diesem Instrument ausmacht: der Ton. Heute weiss ich, dass Coltrane selbst «Alle meine Entlein» hinreissend spielen würde.

Dank moderner Technik kann man nun gar mit den Koryphäen mitspielen. Spezielle Abspielgeräte, die das Tempo einer CD drosseln, ohne die Tonhöhe zu senken, erlauben dem Amateur das Duett mit Charlie Parker, der «Ornithology» im Originaltempo von 236 Schlägen pro Minute herunterdudelt. Dabei lernt man, welch unglaubliches Können der Mann hatte, der jeder Note ihre eigene Färbung zu geben wusste, wo wir nicht einmal mehr einzelne Noten zu unterscheiden vermögen.

Nur ein Letztes noch in eigener Sache: Ich bin jetzt an meiner ersten CD mit Eigenkompositionen, die in Anlehnung an die schönste Jazzplatte aller Zeiten «Kind of Clueless» heissen wird. Sie wird weder im Plattenladen erhältlich sein noch vom Internet heruntergeladen werden können, und selbst meine mir alles verzeihenden Freunde werde ich damit nicht behelligen. Denn es wird bestimmt nur ein einziges Exemplar davon geben – meines.

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.