Google und Wahnsinn

Was passiert eigentlich gerade? Permanente Revolution? Googles Machtübernahme? Ein verrückter Wikipedia-Eintrag antwortet.

14.12.2007 von Thomas Zaugg

Letzthin lag auf meinem Schreibtisch ein Zettel aus der Zukunft. Mein zeitreisender Lieblingsphilosoph Hegel war in mein Zimmer getreten: «Stellen Sie sich vor», sagte er zu mir, «das Internet wird in ein paar Jahrhunderten weiterentwickelt zu einem interplanetarischen Netzwerk; in der ganzen Galaxis wird es die Menschen miteinander verbinden, von der Erde zum Mars bis zu den Neptunmonden.»

Ich überlegte. Hegel liess mich nicht aus den Augen. Dann sagte ich: «Wenn Sie das sagen, muss es wohl stimmen? – das als Frage. Denn Sie haben ja schon ziemlich viele krude Sachen behauptet. Sie haben doch mal bewiesen, dass es zwischen Mars und Jupiter keinen Planeten geben kann, oder? So einfach aus dem Kopf? Von Ihrem Schreibtisch aus? Sie sind schon ein sackstarker Philosoph! Auch wenn wir heute wissen, dass es zwischen Mars und Jupiter den Ceres gibt.»

Hegel schwieg – und dann legte er besagten Zettel auf meinen Schreibtisch. «Das ist ein Wikipedia-Eintrag aus der Zukunft. Ich habe Ihn extra für Sie abgeschrieben», sagte Hegel. «Ich dachte, er wird Sie interessieren.» Und obwohl Hegel mir bis dahin schon ein paar hundert Bären aufgebunden hatte, begann ich zu lesen:

«Informationsmacht, digitaleDer Begriff der digitalen Informationsmacht entsteht Anfang des 21. Jahrhunderts unter dem Eindruck des steigenden Machtpotentials der Inhaber oder Verwalter von Informationen jeder Art. Der öffentliche Diskurs beginnt mit der Kontroverse um das Unternehmen Google. Dieses  beherrscht das frühe Internet: mit seinen kostenlosen Dienstleistungen, insbesondere seiner gleichnamigen Suchmaschine. Finanziert werden die Dienstleistungen mit Werbung; spezielle Scanner erlauben Google, Mails und Daten seiner Benutzer zu durchsuchen. Kritiker befürchten, dass Google umfangreiche Akten über seine Benutzer erstellt, die weiterverkauft, Behörden und Polizei zur Verfügung gestellt werden können. In zeitgenössischen Illustrationen findet man Google als alles umschlingende Krake dargestellt; der digitale Mensch scheint ihr ausgeliefert. Google selber beschwichtigt. Die Gründer geben sich als Idealisten; man wolle nur beitragen zum Wohl der Menschheit. Auf den ölbildern der Nachdigitalen Zeit werden die Google-Gründer mit dem sogenannten ‹entrückten Blick zum digitalen Himmel› gemalt – ein beliebtes Mittel der Antidigitalisten, um digitale Verblendung darzustellen. Ganz anders fällt die Beurteilung heute aus: Es besteht ein breiter Konsens darüber, dass die Digitalisten – gemeint sind z. B. Google, Apple, Microsoft – die Welt ‹rerationalisiert› haben. In den berühmten Worten des Digitalhistorikers Geh2derma: ‹Nach den Schrecken des kriegerischen 20. Jahrhunderts hat sich in Philosophie, Literatur und Kunst eine irrationalistische Tendenz eingeschlichen, die weltumspannender Verständigung kritisch gegenübersteht und das Skurrile, Kleine, Unsystematische betont. Die historische Leistung der Digitalisten des 21. Jahrhunderts besteht darin, dass sie uns den globalen Logos wiedergegeben haben.› An anderer Stelle vertritt Geh2derma gar die These, Apple-CEO Steve Jobs hätte nicht nur gute Produkte verkauft, sondern den Menschen auch den Glauben an eine geeinte Weltgemeinschaft zurückgegeben. Denn aus jedem Gadget des 21. Jahrhunderts spreche immer der Frieden und nie der Krieg, so Geh2derma.»

Ich senkte den Zettel, fasste Hegel an der Schulter und sagte: «Diese Zeitreisen tun Ihnen einfach nicht gut.»

Albtraum aller Antidigitalisten: die Googlekrake. | Bild: Julia Marti
Albtraum aller Antidigitalisten: die Googlekrake. | Bild: Julia Marti

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