Hartes, dünnes Eis

Er ist der Gute bei den Besten: Der Schweizer Hockeygoalie Jonas Hiller versucht in den USA zu halten, was er verspricht

28.03.2008 von Thomas Zaugg , 4 Kommentare

Einsam dreht der blasse Riese seine Runden auf dem Eis, mit seinem schwarzen Schnauz sieht er aus wie Zeus, der Donnergott. Aber seine Schlittschuhschritte sind träge. Er ist verletzt. George Parros hat sich im Spiel gegen Toronto das Knie angerissen, sein Gegner hatte ihm das Bein gestellt, es schmerzte, aber Parros war wütend. Es kam zur Schlägerei, wieder einmal, und der Gegner schleuderte den verletzten Parros aufs Eis und schlug weiter und weiter auf ihn ein, bis die Schiedsrichter den Feigling stoppten. George Parros musste noch während des Spiels in die Garderobe und hatte für einmal verloren.
Heute schont er sich im Training. Der gefürchtetste Schläger in der härtesten aller Hockeyligen verlässt das Trainingsfeld zeitgleich mit der Eismaschine, die er überragt. Dann endlich kommen die anderen Hünen. Headcoach Carlyle bellt Befehle, der Zuschauer versteht sie kaum. Der Headcoach pfeift, und die Spieler reagieren wie Maschinen, sie kennen jeden Pfiff und seine Bedeutung, und alles geht unglaublich schnell. Fehlerlos fast.
Und wieder und wieder knallen die Schüsse wie Peitschenhiebe, wenn sie an die Bande fliegen, oder klirren am Torpfosten. Dem Zuschauer tun die Ohren weh. Die anderen Schüsse frisst Jonas Hiller mit seiner Fanghand, oder er lässt sie abprallen oder irgendwo in seiner Rüstung verschwinden. Dort spürt er sie am meisten.
Angst?
«Das ist vielleicht das falsche Wort», wird Jonas nach dem Training sagen. «Aber Respekt. Ich habe Respekt vor diesen Schüssen. Sie kommen nicht unbedingt schärfer als in der Schweiz, aber schneller und präziser. Du siehst kaum, wann die Spieler schiessen, plötzlich fliegt der Puck auf dich zu. Es kann wehtun, der Puck fliegt gegen Stellen, die ungeschützt sind – oder in die Fanghand. Meine rechte Hand hat sicher eine höhere Schmerzschwelle als andere.»
Wie tausendfach geschmiert, bewegt er die Kufen, wenn die Spieler auf seinen Torkasten zurasen, aber zuerst beobachtet, liest Jonas das Spiel, bleibt ruhig, nicht wie andere Goalies, die Showmomente suchen.
Dann aber, plötzlich, erwacht er aus der Starre, ein paar Zuckungen, ein Spagat – und der Puck ist trotzdem im Tor. Oder schon wieder auf der anderen Seite des Feldes.
Jonas geht zuletzt vom Eis. Auf seinem Gesicht liegt dieser tranceartige Ausdruck, den er sich beim Training und während der Spiele aufsetzt, zusammen mit der goldfarbenen Maske. Der junge Schweizer, von dem die Fans hier glauben, er sei Schwede, sammelt noch die Pucks ein. Das macht Jonas nach jedem Training. Hier, bei den Ducks in Anaheim, Kalifornien, wird er noch Rookie genannt – Neuling.

Der Rookie

Wenn alles richtig läuft, wird der Neuling diese Saison wenig spielen. Bisher kam er zwölfmal von Beginn weg zum Einsatz, es waren solide, gute Leistungen, sagen Experten. Aber wie gut auch immer, in Anaheim steht Jonas Hiller im Schatten von Jean-Sébastien Giguère, einem Goaliegott.
Der sagt immerhin, halb nackt, schweissnass, nach einem siegreichen Spiel, nachdem ihn die Journalisten in der Garderobe bestürmten: «Ich bin nicht schnell, er ist schneller als ich. Jonas ist ein sehr guter Junge, er wird eines Tages sehr erfolgreich sein.»
Eines Tages wird er wie Jean-Sébastian Giguère ein Grossverdiener sein. Jonas hat einen Einjahresvertrag von 850 000 Dollar, abzüglich vierzig Prozent Steuern. Giguère kassiert 5 500 000 Dollar und sagt: «Es gibt keine Konkurrenz zwischen uns. Jonas ist der Rookie. Und ich konkurrenziere keine Teammitglieder», und es klingt ganz nach der zweiten Teamregel, rechts über Jean-Sébastien Giguère hängt sie in der Garderobe der Ducks:
«Every Player is a leader in his own way» – Jeder Spieler ist auf seine eigene Art eine Führungspersönlichkeit.
Etwas später, vor dem Trainingsstadion, warten mehr als zwanzig Fans.
Man kann sie kaum beschreiben, denn neben den Spielern, diesen Helden, wirkt man schnell – missraten. Die Prozedur ist immer dieselbe: Der Spieler steht vor seinem Mercedes oder sitzt in seinem Porsche, Ferrari oder Ford Escalade mit blendenden Alufelgen, und der mehrfache Millionär erfüllt die Wünsche seiner Fans, Fotos, Unterschriften, Händeschütteln.
Ein Fan: «Hey look, who’s there!? It’s Brad! It’s Brad! Hey Brad! Hi Brad! How are you today?!»
Und Brad: «Fine, thanks! And you?»
Brad lächelt wie ein Arktiswolf. Blass steht er unter seinen Fans, geboren aus einem Eisblock.
«Jetzt spielen sie wieder besser», sagt ein dicker Fan zum kleingewachsenen Asiaten mit den Riesenpostern. «Aber natürlich ist es immer schwierig, nachdem man den Stanley Cup gewonnen hat. Jedes Team bricht danach ein wenig ein. Es wird hart, den Erfolg dieses Jahr zu wiederholen. Zum Glück spielen sie jetzt besser. Ich sag dir, vor ein paar Monaten hab ich auf die Spieler fast alleine gewartet.»
Jonas sitzt im Auto, auch von ihm wollen sie Unterschriften. Manchmal erkennt er einige von ihnen wieder, immer dieselben Fans, die nach dem Training warten. Dann fragt er sich: «Haben die denn keine Arbeit? Warum können sie wochenlang den Spielern nachlaufen?» Es macht ihm Angst, wenn er darüber nachdenkt.
Und Bryan gibt Gas. Bryan Sutherby, der junge Feldspieler, fährt mit Jonas vorbei an den Fans und dann auf den Freeway nach Newport Beach. Dort, in der reichen Küstenstadt, stehen ihre Apartments.
«Das war ein lockeres Training», sagt Jonas. «Gestern, gestern hättest du dabei sein müssen. Gestern war hart. Die Spieler haben heute nicht so draufgehauen. Aber es gibt Tage, wo sie wie Verrückte abgehen. Sie knallen dann drauflos. Einfach alle. Ich weiss nicht warum.»
Gerade hat er seine Freundin in die Schweiz angerufen, dort ist es nach Mitternacht, hier Mittag. Sie sprachen über nichts. Nebensächlichkeiten, einfach die Stimme hören. Die Stimme von Jonas wurde sanft, ansonsten brummt er ein tiefes Englisch, tiefer noch als die andern Spieler, Hockeyslang.
Jonas und Bryan trinken Gatorade Performance Shakes, und vorhin gab es in der Garderobe noch etwas Kleines zu essen – Pizza. Nachher isst Jonas ein Eis am Strand, morgen verschlingt er nach dem Training einen Burrito. Er sagt: «Mit dem Essen nehmen sies hier nicht so streng. Man kann mit dem Team essen oder sich selber irgendwo was besorgen. Im Team bestellt jeden Tag ein anderer Spieler was. Einmal gibts Chinesisch, einmal Italienisch, einmal Burger, halt je nachdem, welcher Spieler gerade mit Bestellen dran ist.»
Amerika war für den jungen Jonas, Davoser Bergdorfgoalie, geboren im Appenzell, ein Schock und das Eishockeyfeld wie das letzte Stück traute Heimat. Eingebüchst in die Economy, flog er nach Los Angeles, das Einzige, was er wusste, war, wann und wo irgendjemand ihn erwarten würde. Und dann dieser Moloch von Stadt, den er drei Monate lang erlebte, immer in Hotels. Es brauchte Wochen, bis er das verstand.
Diese Highways. Das Riesenstadion mit den Palmen drumrum. Und das Essen und die Restaurants, diese Portionen, übergross überall, und wer sie aufisst, wird dick. Einmal ging Bryan mit ihm zwei Freunde bei Hooters abholen. Hooters ist eine Fastfood-Kette, in der junge Frauen Burger servieren und ihre grossen Busen gleich dazu. Und immer wieder fragen sie: «Would you like to have something else?»

Jahrhunderttalent?

Cool nimmt Jonas das alles inzwischen. Cool wie Bryan, ein ernster junger Mann. Sie sind Freunde. Bryan hat nicht den Schalk der älteren Spieler, den kann er sich nicht leisten. Manchmal darf er auf seiner angestammten Position spielen, als Center. Aber Bryan Sutherby muss froh sein, wenn er überhaupt spielen darf.
Jonas Hiller war nie in einer Jugendauswahl. Beim HC Davos war er Ersatzgoalie hinter Lars Weibel, drei lange Jahre. «Der Frust drohte, mich innerlich aufzufressen.» Manchmal spielte er im Partnerteam Lenzerheide, in der ersten Liga, um nicht einzurosten. Aber erst, nachdem Konkurrent Weibel weitergezogen war, bekam Jonas seine Chance.
Daneben hätte er die Lehre als Sportartikelverkäufer machen können, hätte es leichter gehabt, aber er wollte das Sportgymnasium Davos besuchen und bestand die Matur. Journalisten sagen, Jonas Hiller sei kein Jahrhunderttalent, besitze aber die grosse Gabe des Leidens. Dann, letztes Jahr, Jonas war 25, gewann er mit Davos den Meistertitel. Man wählte ihn zum besten Goalie und wertvollsten Spieler der Liga, und über seine Leistungen am Spengler Cup und an der Weltmeisterschaft in Moskau waren die Beobachter mehr als erstaunt.
«Ich hätte zu sehr vielen Klubs in der Schweiz gehen können. Man hätte mich mit Handkuss genommen. Aber ich wusste, der richtige Zeitpunkt war gekommen. Ich hatte schon lange das Angebot aus der NHL, seit etwa drei Jahren kamen sie immer wieder. Und jetzt waren die Erfolge in meinem Rücken. Ich konnte Forderungen stellen. Ich wollte immer Sicherheiten, wenn ich gehen würde. Denn sonst ist es hier nicht einfach. Man geht ein Risiko ein, ganz klar. Ich verstehe jeden, der zu Hause bleibt. Ich verstehe die älteren Spieler, die eine Familie haben. Aber für mich ist das jetzt die nächste Herausforderung.»
Am nächsten Tag sitzt Jonas wieder einmal auf der Bank. Heimspiel gegen die San Jose Sharks. Schnell wie eine Flipperkugel flitzt der Puck über die Eisfläche, sie ist hier schmaler als in Europa, das Spiel deshalb anders, es gibt weniger Querpässe, dafür mehr Schüsse und schnell Chaos vor dem Tor – eine Flipperpartie. Und Tore? Tore fallen vor allem nach Abprallern, wenn sich alle Riesen vor dem Torraum drängen und blitzschnell die Fehler des Torhüters bestrafen.
Gestern sagte Jonas: «Ich will auch die Schüsse dieser Spieler halten. Ich meine, das ist das Schöne hier: Es sind die weltbesten Spieler, und du kannst gegen sie spielen.»
Jetzt schaut er aufs Eis und verfolgt den Puck, nach links, nach rechts – und er nimmt es gar nicht wahr, das Spektakel neben dem Eis. Plötzlich ein Spielunterbruch. Die Spieler stehen bequem, die Zuschauer schauen hoch zur Stadionleinwand. Dort werden Leute gesucht, die Körperflüssigkeiten austauschen, sobald sie im Kamerafokus auftauchen. Und da! Da sind schon zwei! Das junge Pärchen lächelt, vom Publikum gedrängt. Ein Zungenkuss! Jubel bricht aus.
Torjubel fast.
Das «Kissing Game» ist vorbei, und die Spieler stellen sich wieder auf. Sie dürfen jetzt weiterspielen. An elektronischen Seitenbanden blinken die Resultate der anderen Spiele oder vom Football, Basketball und Baseball. Bei Spielunterbrüchen immer wieder Mini-Games auf der Stadionleinwand. Es ist ein bisschen wie im Kinomultiplex. Es gibt keine Sprechchöre. Keine getrennten Fangruppen. Aber Musik und Leuchtspiele überall, Popcorn, Asian Chicken Salad, All Beef Super Dog, Ice Cream Sandwich und auf der Stadionleinwand regelmässig die Aufforderung:
MAKE SOME NOISE!
Und weit oben, im Pressebereich des Stadions, einem abgeschlossenen Biosystem mit Brezeln, Kaffee und jeder Menge Popcorn, brütet die Journalistenkarawane über ihren Statistiken.
Statistiken über alles und jeden, zum Beispiel: Corey Perry has a three-game goal streak (3-3=6), tying his career high set last season (Dec. 16–20, 2006, 4-1=5 points). He also earned 4-4=8 points in the last five games.
Nach jedem Drittel erhalten die Journalisten frisch gedruckte Spielerstatistiken, +1 für Ryan Getzlaf, –1 für Doug Weight. Ferner wird genauestens Buch geführt über die jeweiligen Spielzeiten, 02:44 nach dem ersten Drittel für Bryan Sutherby, 05:33 für den Superstar Todd Bertuzzi.

«Lass die Hosen runter!»

«In der Schweiz», sagt Jonas, «gibt es genau eine Statistik für Tore und Assists, und damit hat sichs bald mal. Und meistens, wenn man zum Schiedsrichter geht und das eine oder andere Tor für sich nachträglich buchen lassen möchte, funktioniert das recht gut. Hier geht das nicht. Die Statistik ist hier das Ein und Alles. Sie nehmen das sehr ernst. Ich glaube, es gibt sogar eine Statistik, wie weit die einzelnen Assists waren. In Meilen.»
Mit derselben Ironie verarbeitet Jonas die Geschichte mit seiner schwarzen Kappe. Zuerst trug er ja die normale Teamkappe. Die aber drückte, sie passte besser, wenn er sie verkehrt herum trug. Das aber passte Reebok ganz und gar nicht. Das Logo! Man sah das Firmenlogo schlecht! Also nahm Jonas die breitgeschnittene, schwarze Kappe, aber Reebok reklamierte wieder. Das Logo! Wo war das Logo?! War diese Kappe überhaupt von Reebok?! Jonas musste das Logo vorzeigen, es war hinten angebracht, schwarz, und Reebok war zufrieden.
Übrigens, das Spiel gegen San Jose endet nach dreiunddreissig Sekunden in der Verlängerung, es war ein knappes Spiel, alle Spiele sind knapp hier. 4:3 für die Ducks.
Jonas jubelt, aber massvoll. Er steht schon vor der Garderobe und klatscht den Spielern an die Rüstung, wenn sie vorbeigehen. Er trägt jetzt wieder seine Maske. Ist in seiner Trance. Die Journalisten stürmen in die Garderobe, ziehen ihre Mikrofone und iPods und Blöcke hervor, aber sie sehen sein anderes Gesicht, sein professionelles. Die Spieler haben nur das Eis und das Spiel gesehen, nicht die blonden und brünetten Eisputzmodels, nicht das «Kissing Game». Auf dem Eis und nur dort liegt ihr Arbeitsplatz.
«Hey! Jonas!» versucht es der Fotograf, und langsam erkennt er sie, den Fotografen aus San Francisco und den Reporter aus der Schweiz.
Jonas erwacht.
Während des Fotoshootings in der Garderobe blättert er im Goalieausrüstungskatalog des nächsten Jahres, und Giguère, mit seinem Spint gleich nebenan, schaut auch rein. Sie fachsimpeln. Sie verstehen einander. Dann will ihn der Fotograf mit seiner überbreiten Goaliehose posieren sehen. Jonas lächelt. Murmelt: «Läck, die Fotografe, immer die Extrawünsch», aber damit überspielt er seine Unerfahrenheit mit der Kamera.
«Hey!» sagt er zu den Spielern, die sich in Unterhosen um die Journalisten schlängeln. «Hey! Habt ihr meine neuen Hugo-Boss-Goalieunterhosen gesehen?!» – «Na klar!»
«Yeah!» sagt Jonas. Ein Teamkollege: «Schweizer Qualität, I love it!»
«Hey Angsthase!», ruft nun Brad May, sein Boxergesicht ist blutig, die Augenpartie geschwollen, von einem siegreichen Kampf. Er lächelt zufrieden.
«Jetzt lass die Hosen runter!»
Andere Sprüche fallen, zum Schluss ein unzitierbarer von Todd Marchant, der gerade seine Punktebilanz studiert.
«Hier in der NHL», erklärt Jonas, «bist du einer von Hunderten. Und dann bekommt einer wie ich ein Fotoshooting, und er ist nicht einmal erster Goalie! Für sie ist es ungewöhnlich, dass ein Rookie so viel Aufmerksamkeit bekommt. Wenn du hier nicht ein Superstar bist, dann gehst du normalerweise unter.»
Und er? Will er nicht spielen? Will er nicht manchmal, selbst wenn er ihm fast ein Vater ist, dass Giguère etwas passiert? Insgeheim?
«Nein, weisst du», sagt Jonas, «ich bin eigentlich froh, diese Verantwortung noch nicht tragen zu müssen. Wenn ich mir überlege, was wäre, wenn Giguère jetzt plötzlich ausfallen würde – ich müsste eine ganze Saison lang das Team führen. Das wäre wahrscheinlich nicht gut für mich.»

Schweizer Exportschlager

Bryan Howard sitzt tief unten in den Katakomben des Stadions, im Presseraum mit dem üppigen Gratisbuffet. Der angesehene Hockeyexperte und ehemalige Goalie sagt, was Jonas noch besser machen muss: «Er sollte noch genauer wissen, wann er rauskommen muss. Wann er den Winkel verkleinern muss. Denn hier müssen die Goalies aggressiver spielen. Du musst immer dabei sein, immer mitspielen. Und du musst dich schnell entscheiden. Es kann von einer absoluten Ruhephase plötzlich zur Superaktionsphase kommen.»
Und warum eigentlich sind Schweizer Torhüter so erfolgreich hier?
2001 begann der Emmentaler Martin Gerber seine NHL-Karriere ebenfalls bei den Ducks, und jetzt verdient er Millionen bei den Ottawa Senators in Kanada. Sehr erfolgreich war auch David Aebischer aus Freiburg im Üchtland, bis sie ihn, nach über einem Jahrzehnt, nicht mehr wollten und abschoben ins Farmteam.
«Ich habe eine Theorie», sagt Bryan Howard. «Ich glaube, in der Schweiz ist das Spiel offensiver, freier. Schweizer Goalies haben mehr zu tun, sie werden für europäische Verhältnisse sehr oft geprüft. Dazu kommt die gute Kondition. Die Schweizer Torhüter, die ich bisher gesehen habe, sind echte Bewegungskünstler, unglaublich vielseitig.
Das sieht man bei nordamerikanischen Goalies seltener. Es ist gut, dass Jonas diese zusätzlichen Stärken hat, denn hier entscheiden Details. Hier entscheidet ein einziges Tor, ob er ein Looser ist oder ein Superstar.»
Am Tag nach dem Spiel steht Jonas in seinem Apartment, er schaut aus dem grossen Fenster, sieht Newport Beach in der Abenddämmerung und telefoniert mit seiner Freundin. Sie wird es geniessen, hofft Jonas, wenn sie ihn im Februar besuchen kommt. Denn Newport Beach, das ist, wenn einem John Wayne, Jürgen Klinsmann, Humphrey Bogart, Nicolas Cage, Dennis Rodman oder Gwen Stefani oder der schwerreiche Teambesitzer der Ducks über den Weg laufen könnten, wenn überall schöne Menschen aus teuren Häusern auf die nahe gelegenen Catalina-Inseln schauen und das Leben schön scheint.
Hier wohnt Rookie Jonas, geschätzte hundert Meter entfernt vom Strand. Er öffnet die Tür, nein, es ist keine Villa, wie es in manchen Schweizer Zeitungen steht, sondern ein Apartment am Strand, und nach Strand riecht es auch ein bisschen, und drinnen erwartet einen das Chaos. Das Bügelbrett steht gleich beim Fenster, und darüber hängen seit Ewigkeiten Kleidungsstücke an einer Leine. Der Kühlschrank ist breiter als eine Goalieausrüstung, aber fast leer. Überall liegen Zettel und Papiere, Formulare und DVDs und vor allem Briefe. Überall Briefe, und einen hebt Jonas vom Boden auf. Da steht, sie zahlen ihm 1000 Dollar, wenn er ein paar Tausend Unterschriften auf Sammelkarten kritzelt, und das ist jetzt eine seiner Beschäftigungen am Abend, sonst schaut er DVDs.
«Ich habe einfach so wenig Zeit. Ich würde gerne mal ein Buch lesen», sagt Jonas. «Aber es ist schwer, sich zu konzentrieren. Wir haben so viele Spiele.» Gestern hatten sie eines, morgen wieder, und dann geht es weiter nach Nashville und tags darauf nach Minnesota. Dann, nach einem Heimspiel, acht Auswärtsspiele, sie leben im Flieger und in Hotels. Hier gibt es eigentlich kein Training, das Training sind die Spiele.
«Das Apartment ist für mich zurzeit fast ein Durchgangslager», sagt Jonas und wühlt durch Hosen, Unterhosen und Leibchen und findet den iPod in der roten Eishockeytasche. Die haben sie ihm endlich nachgeschickt. Sie war beim Einladen auf dem Flughafen in Portland verloren gegangen.
Portland. Jonas erinnert sich.
Er zweifelte, als sie ihn im November nach Portland ins Farmteam versetzten. Headcoach Carlyle sagte es ihm nach dem Aufwärmen für das Spiel gegen St. Louis. Dann ging alles schnell. Zurück ins Hotel, Koffer packen, Taxi zum Flughafen, von St. Louis über Charlotte nach Portland Maine und dort wieder einchecken in ein Hotel. Der Wechsel sei nur vorübergehend, hatten sie ihm gesagt. Man müsse für Ilja Bryzgalov, den anderen Stargoalie hinter Giguère, ein neues Team finden. Dann würde man ihn zurückholen, hatten sie versprochen.
Aber Jonas war enttäuscht. Was war schon ein Versprechen? In dieser Liga? Er hatte noch nicht einmal eine Wohnung bezogen, und schon schickten sie ihn weg. Wars das? Ein Leben zwischen Hotel und Eishalle?
Nach fünf Spielen im Farmteam wurde er zum Trainer zitiert. Jonas «befürchtete das Schlimmste». Der Trainer sagte nur: «Good News. Morgen wirst du von Boston aus nach San Jose fliegen und wieder zu den Ducks stossen.»
«Das wars dann auch schon an Infos», sagt Jonas. «Keine Erklärung, was mit Bryzgalov passieren würde oder was der Grund für mein Call-up war. Also ging ich nach San Jose. Dort angekommen, versuchte ich im Internet herauszufinden, was eigentlich ablief. Von wegen zurück zu den Ducks. Auf einigen Schweizer Homepages las ich, dass ich zu den Toronto Maple Leafs getradet würde. Hey, ich war völlig verwirrt.»
Jonas steht auf dem Balkon und schaut hinüber zu einem Apartment, es steht leer, seit einiger Zeit. Es gehörte einem jungen Spieler, der runtermusste, ins Farmteam. Sie haben sich nicht verabschiedet. Der Spint war eines Tages leer.
Das Wirrwarr, fand Jonas später heraus, entstand durch ein falsch übersetztes Interview mit dem Portland-Trainer. Jonas durfte doch zurück zu den Ducks, und in Anaheim, nach drei Monaten Hotels, meinte Headcoach Carlyle: «Du kannst dir jetzt eine eigene Wohnung suchen.»

Viel Glück

Jonas hat dieses Apartment am Strand gefunden, und wenn er morgens aufsteht und als Erstes aus dem Fenster schaut, ist er glücklich und kann sein Glück nicht fassen. Immer noch bekommt der Appenzeller manchmal ein schlechtes Gewissen, vor allem wegen seines Ford Mustang. Die Rennmaschine hat er sich hier gekauft, und wahrscheinlich wird er sie mitnehmen und weiterverkaufen in der Schweiz, mit viel Gewinn. Aber wieder mal funktioniert der Mustang nicht. Der Servicemann kommt, und während seine Liebe abgeschleppt wird, entschuldigt sich Jonas: «Autos sind wirklich meine einzige kleine Schwäche.»
Viel zu schnell senkt sich die kalifornische Sonne, je mehr Smog, desto schöner soll ihr Untergang sein.
«Wenn ich noch einmal wählen könnte», sagt Jonas, vom Licht geblendet, «wenn ich noch mal von vorn anfangen könnte, und wenn ich wüsste, wie hart alles werden würde, ich glaube, ich würde nicht mehr Goalie werden wollen. Denn als Goalie brauchst du extrem viel Glück.»
PS: Ende Februar kommt ein dritter Goalie nach Anaheim. Schweizer Zeitungen schreiben: «Anaheim verpflichtete von den Los Angeles Kings den dreissigjährigen Kanadier Jean-Sébastien Aubin. Es kündigt sich ein Duell zwischen Aubin und Hiller um die Rolle des Ersatzmannes an.» Jonas aber mailt aus Newport Beach: «Also bis jetzt hat die Verpflichtung von Aubin keinen grossen Einfluss auf meine Situation. So wurde mir auch vom Management mitgeteilt, dass ich nach wie vor die Nummer 2 sei und sie eigentlich nur für die Playoffs einen dritten Torhüter gesucht haben, falls Giguère oder mir was passiert.» Dann legt er sein MacBook beiseite, muss weiter, packt seine Sachen, fährt mit Bryan nach Anaheim zum nächsten Training. Er wird das Eis wieder als Letzter verlassen.

Das ist nicht Davos: Jonas Hiller in Newport Beach, Kalifornien. | Winni Wintermeyer
Das ist nicht Davos: Jonas Hiller in Newport Beach, Kalifornien. | Winni Wintermeyer
Drinnen stets unentschieden, draussen stehen Palmen: Heimspiel der Anaheim Ducks. | Winni Wintermeyer
Drinnen stets unentschieden, draussen stehen Palmen: Heimspiel der Anaheim Ducks. | Winni Wintermeyer
Das NHL-Leben spielt sich zwischen Flugzeig und Hotel ab. | Winni Wintermeyer
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Links 5,5 Millionen Doller (Hauptgoalie Giguère), rechts 850 000 Dollar (Hiller) | Winni Wintermeyer
Links 5,5 Millionen Doller (Hauptgoalie Giguère), rechts 850 000 Dollar (Hiller) | Winni Wintermeyer
«Make some noise!» für die Stadionkamera | Winni Wintermeyer
«Make some noise!» für die Stadionkamera | Winni Wintermeyer
Die pickelhärteste Eishockeyliga der Welt | Winni Wintermeyer
Die pickelhärteste Eishockeyliga der Welt | Winni Wintermeyer

Die Diskussion

4 Reaktionen

  1. David Bauer

    Ein sehr schönes Porträt, mein Kompliment.

  2. Marcel Bieler

    Der Autor mag sich über die Anforderungen eines Sponsors lustig machen, aber es ist schön zu sehen, dass im amerikanischen Hockey die Bullykreise noch weiss sind. Auch die Spielertrikots sind dort nicht wie bei uns mit Werbung zugepflastert. Es steht das Team, der Name und die Nummer drauf und fertig. Und das notabene im Mutterland des Kommerz!

  3. Fux Uli

    der Spinnt.

  4. Karen Francis

    You did a great job capturing the feel of practices and the games and what it is like for the players. Great picture of Jonas at the beach!

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