14.03.2008 von Guido Mingels , 16 Kommentare
«Guete Morge mitenand.»
Im grossen Saal des Rekr Zen Win, Rekrutierungszentrum Windisch, Aargau, sitzen 122 junge männliche Schweizer in langen Reihen hinter schmalen Tischen unter Neonlicht und erwarten gelangweilt ihr Schicksal. An allen Hälsen baumeln, befestigt an roten Schlüsselbändern, kredikartengrosse Plaketten mit Nummern: 101, 102, 103, 104.
Nur wenige murren müde einen Morgengruss zurück. Oberst Roland König aber, Kdt Rekr Zen Win, blickt hellwach aus seinem Tarnanzug über die vielen Baseballmützen hinweg und wiederholt dann, alter Lehrertrick, seinen Gruss in dreifacher Lautstärke.
«GUETE MORGE MITENAND!»
Jetzt schallt es mächtig und fast unisono zurück, die Söhne des Landes sind kooperativ, und Kommandant König, ein Mann von äusserster Rechtschaffenheit, sagt milde, «man kann ja Grüezi sagen zueinander, nicht wahr».
In Windisch holt sich das Vaterland, was ihm zusteht. Oder was es gerade braucht. Oder was es eben kriegen kann. Im grössten der sechs Rekrutierungszentren der Schweizer Armee (Rüti, Mels, Sumiswald, Lausanne, Mte Ceneri) werden jährlich rund 9000 Stellungspflichtige aus acht Kantonen auf Herz, Nieren und Cannabis geprüft. Und auf vieles mehr. Geprüft, ob sie tauglich sind, der Bundesverfassung, Paragraph 59, Abs. 1, nachzukommen: «Jeder Schweizer ist verpflichtet, Militärdienst zu leisten.» Oder ob sie untauglich sind.
40 Prozent der jungen Männer in diesem Saal werden am Ende untauglich sein – wenn sich die Statistik erfüllt. 40 Prozent Untaugliche seien zu viel, sagen Kritiker und monieren, die Armee lasse zu viele aus falschen Gründen laufen, gefährde damit ihr Milizprinzip und stelle die Wehrgerechtigkeit infrage. Unsinn, sagt die Armee und hält dagegen, sie prüfe streng objektiv. «Wir halten der Gesellschaft nur den Gesundheitsspiegel vor», sagt der oberste Armeemediziner, Oberfeldarzt Divisionär Gianpiero Lupi. Und Bundesrat Samuel Schmid, Chef des Departementes für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, glaubt: «Dass viele junge Leute weniger belastungsresistent sind, physisch wie psychisch, ist leider so.» Die Frage ist also: Ist die Jugend nicht mehr, was sie früher war, oder ist es die Armee?
Die Forderung nach Wehrgerechtigkeit geht aber über die blosse Quote der Untauglichen hinaus. Wehrgerechtigkeit bedeutet auch, dass in der Milizarmee alle gesellschaftlichen Gruppen so vertreten sein müssen, wie sie es in der Zivilgesellschaft auch sind. Hat die Herkunft Einfluss auf die Tauglichkeit? Hier stellen sich brisante Fragen: So gibt es etwa einen sehr deutlichen Trend, dass sich Städter der Armee viel eher entziehen als Wehrpflichtige aus ländlichen Gebieten. Weiter gibt es Anzeichen dafür, dass eingebürgerte Secondos unterproportional Militärdienst leisten. Und drittens steht die These eines militärischen Bildungs-Grabens im Raum: je grösser der Schulsack, desto niedriger der Wehrwille. Der Nationalrat und GSoA-Präsident Jo Lang spricht hier von einer «Tendenz Richtung amerikanischer Verhältnisse» bei der Schweizer Armee, die ihr Personal zunehmend vom Bodensatz der Gesellschaft einsammle, während sich die Eliten mehr und mehr von ihr fernhalten.
Im Rekr Zen Win ist Rauchpause nach der Begrüssungsrede, man steht auf dem Vorplatz, es qualmt unter Kapuzen hervor. «Ich dachte, wir müssen hier erst mal fünfzehn Runden secklen», sagt Nummer 313, überrascht vom freundlichen Empfang. Nummer 202 trägt ein Sweatshirt mit der Aufschrift «Megadeth – Peace sells, but who’s buying?» und will wegkommen. 108 will militärischer Fahrer werden, weil er gehört hat, dass es dort acht Stunden Ruhepflicht gibt pro Nacht. 411 aspiriert auf Pontonier, denn die Eltern haben ein schönes Schiff auf dem Rhein, und er möchte in der RS die Schiffsprüfung machen. 209 weiss, dass es in der Armee auch Hundeführer braucht, das wär was für ihn, denn er hat zwei Pitbulls daheim.
Die Rekrutierung, die bis 2003 «Aushebung» hiess, ist ein Fixpunkt in jeder männlichen Vita in diesem Land. Sie gehört zum Erwachsenwerden wie der Stimmbruch und markiert quasi von Amtes wegen das Ende der Pubertät. Früher fand sie in jedem Kaff einzeln statt und war als eidgenössisches Initiationsritual Bestandteil der Staatsfolklore wie die Jungbürgerfeier oder das 1.-August-Feuer. Man rannte am Nachmittag ein paar Kreise auf dem Pausenplatz, schwang sich die Kletterstange hoch, und wer nicht blind, taub oder verrückt war, wurde eingezogen. Abends gab es für alle Schüblig im Rössli, und alles endete mit einem klassischen Besäufnis.
Tempi passati. Die Rekrutierung in die Armee XXI ist heute ein mehrtägiges professionelles Assessment. Die ehemalige Garnerei Windisch beim Zusammenfluss von Reuss und Aare ist sozusagen eine Eidgenössische Männerprüfungsanstalt (Empa). 28 feste Angestellte und 20 WK-Soldaten arbeiten hier: Instruktoren, Ärzte, Psychologen, Schreibkräfte. Zweimal pro Woche reist ein neues Kontingent von Stellungspflichtigen an; an diesem Montag sind es 100 Basel-Landschäftler und 22 Baselstädter. Sie alle erwartet ein umfassender medizinischer Check-up mit Elektrokardiogramm, Hör-, Seh- und Lungentest, Bodymassindexberechnung und dem legendären Griff an die Hoden. Sie werden eine in Magglingen entwickelte Sportprüfung mit Rumpfkrafttest, Standweitsprung, Gleichgewichtstest, Medizinballstossen und progressivem Ausdauertest ablegen. Und sie werden mittels Hunderten von Fragen am Computer geistig geröntgt; auf dem Plan stehen ein Intelligenztest, eine Textverständnisprobe, der Fragebogen «Ressourcen und Bewältigung» und der an der Uni Zürich entworfene Vetter-Test.
128 hat eine andere Agenda
Die Stelpfl sind inzwischen in vier Gr eingeteilt worden und haben je einen WK Sdt als Grfhr erhalten (Stellungspflichtige, Gruppen, Wiederholungskurssoldat, Gruppenführer). «Ich kann», sagt Gruppenführer 1, ein Hüne mit Bart, Glatze und Piercings, «ich kann bei jedem von denen auf einen Blick erkennen, ob er untauglich ist oder nicht.» Da habe er mittlerweile ein untrügliches Gespür dafür. «Der da zum Beispiel», sagt er und zeigt auf einen Jungen, der mit leerem Blick abseits der Gruppe an einer Wand des endlosen Flurs lehnt, die langen Haare unter einer Wollmütze gebändigt, «der kommt todsicher weg.»
Es ist Nummer 128. Nico Ramirez aus Riehen. Nico hat gerade die Visite beim Doktor hinter sich gebracht, hat dem Arzt von seinem halben Dutzend Knochenbrüchen erzählt, alle verheilt. Nico ist halbprofessioneller Skater, da fällt man öfter unsanft. Sechs Stunden Sport macht er jeden Tag. Ansonsten ist er arbeitslos, leidenschaftlicher Kiffer und heimatmüde. Er will nach Spanien auswandern, wo es Verwandte gibt und bessere Skateranlagen, eine Gärtnerlehre will er dort machen. «Ich hoffe auf UT», sagt Nico. Die RS würde seinen Terminplan empfindlich stören. Sportlich sei er den meisten hier zwar wohl überlegen, aber er verabscheue nun mal jede Gewalt, die Armee sei nichts für ihn. Simulieren werde er nicht, sagt 128. «Wenn die mich nehmen, sind sie selber blöd.»
Im nächsten Raum sitzt Nummer 123, Santino Negroni aus Basel. Er wird gerade auf Farbblindheit getestet und erkennt im bunten Wirrwarr der Testtafel auf Anhieb den Stern, den Mond, das Auto und «irgendein Tier, Elefant vielleicht». Santino ist Schreinerlehrling, mit Ambitionen auf Innenarchitekt, und er hat kein Problem mit der Armee. Gross gewachsen und athletisch, möchte Santino gern Militärpolizeigrenadier werden. «Jedenfalls irgendetwas mit Nahkampfausbildung», weil ihn das interessiert. Er will körperlich gefordert werden, «wenn ich schon in die RS muss, will ich mich nicht langweilen».
123 will. 128 will nicht.
«Brutstätte der Untauglichkeit»
Ob sie dürfen, wie sie wollen, das entscheidet am Ende der Mann im langen weissen Kittel. Dr. Peter J. Spirig, Chef Medizin, hält in Windisch am Schluss des Verfahrens den Daumen hoch oder runter. Und Dr. Spirig ist nicht glücklich mit dem allgemeinen Lauf der Dinge. Im Zivilleben bis vor wenigen Jahren Chirurg und Chefarzt eines Kantonsspitals, war der Luzerner nebenamtlich bereits seit 1976 als UC-Vorsitzender (medizinische Untersuchungs-Commission) tätig, er hat schon Tausende junge Schweizer untauglich geschrieben. Und heute, als hauptberuflicher UC-Richter im Rekr Zen Win, singt er das Lied von der «verweichlichten Jugend» und der «Turnschuh-Generation», die mit ihren «Eigennutz-Tendenzen» ein «reines Abbild der Gesellschaft» sei. «Verzicht, Härte, Frieren, Hunger, Kameradschaft», sagt Spirig, ein alter Krieger mit resigniertem Blick, seien Fremdwörter für die meisten der jungen Männer, die er hier zu sehen kriegt.
Im Augenblick sitzt Stelpfl Nr. 303 bei ihm. «Sie sind einer der wenigen, der bei mir im Büro die Mütze auszieht», sagt Spirig erfreut zu 303. «In geschlossenen Räumen trägt man keine Kopfbedeckung», schiebt der Mediziner zur Begründung nach. Er hat für die Baseballmützenmode wenig Verständnis.
«Wenn heute einer beschliesst ‘Ich will nicht’, kommt er irgendwie weg», sagt Spirig später den Satz, den sein Vorgesetzter in Bern, Oberfeldarzt und Divisionär Gianpiero Lupi, so vehement bestreitet. «Wer nicht will, der stört den Betrieb, also lässt man ihn gehen.» Und das liege nicht an ihm, sagt Spirig, der es ja in der Hand hätte, und der das Wort «untauglich» höchst ungern schreibt. Wenn psychologische Gutachten vorliegen, habe er sich daran zu halten, sagt Spirig, auch wenn er ihnen misstraut.
«Die Spiesse punkto Militärtauglichkeit sind nicht gleich lang», meint Spirig. Hauptsünder, seiner Erfahrung nach: Gymnasiasten, Städter und Secondos. Gymnasien hält der Chefarzt für «Brutstätten der Untauglichkeit». Da werde einer «in der Klasse ausgelacht, wenn er tauglich ist». Man könne beobachten, wie gewisse Untauglichkeitsgründe Karriere machen, weil sie vom einen Jahrgang an einer bestimmten Schule an den nächsten verraten werden. «Nachdem wir einmal im Kanton Zug einen Bettnässer hatten, waren es im nächsten Jahr schon drei, im dritten Jahr sieben. Gute Ausreden sprechen sich rum.» Den Secondo-Effekt, zweitens, beschreibt Spirig wie folgt: Sehr viele Eingebürgerte, deren Familien aus Krisengebieten stammen, würden eine «posttraumatische Belastungsstörung» geltend machen und dadurch untauglich geschrieben, «aber da wird viel geflunkert». Er hält die Secondos, gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung, für untervertreten in der Armee. Und der militärische Stadt-Land-Graben, drittens, sei ja hinlänglich bekannt, mit «beunruhigenden Untauglichkeitsraten etwa in Basel-Stadt, die ungefähr bis Liestal reichen, ab dort wirds ländlich».
Das sind erstaunliche Aussagen für einen Armeefunktionär. Unbestritten davon ist nur der Zusammenhang zwischen Urbanisierung und Untauglichkeit. Er ist bestens belegt: Im Negativrekordjahr 2005 mit einer Gesamttauglichkeit von nur 56 Prozent waren in Appenzell-Innerrhoden 73 Prozent tauglich, in Basel-Stadt nur 45 Prozent. Ähnlich niedrige Raten gab es in Zürich (51 Prozent im ganzen Kanton, die Stadt Zürich alleine brachte es sogar nur auf 39 Prozent) und Genf (59 Prozent), Höchstwerte gab es dagegen in ruralen Gebieten wie Obwalden und Glarus (beide 73 Prozent). Diese riesigen Differenzen rufen nun auch Politiker auf den Plan. Nationalrat Christian Miesch (SVP, BL), Mitglied der Sicherheitskommission, plant «einen Vorstoss in der Geschäftsprüfungskommission, um gewisse Kantone punkto Untauglichkeit genauer unter die Lupe zu nehmen», wie er sagt. Miesch wittert hier «einen ähnlichen Missbrauch wie bei der IV» und vermutet «in etwa 10 Prozent der Fälle erschlichene Gutachten» als Grund der Ausfälle. Dieser SVP-Mann scheint fest entschlossen, nach den Scheininvaliden die Scheinuntauglichen ins Visier zu nehmen.
Die Armeeführung wehrt sich gegen diese Sicht der Dinge mit Studien, die belegen sollen: Städter sind keine Simulanten, sie sind tatsächlich nicht fit. So verweist Andres Kunz, Chefarzt im Rekrutierungszentrum Rüti, wo alle jungen Zürcher ausgehoben werden, in einer Untersuchung darauf hin, dass in Gebieten mit hoher Untauglichkeit, also in Städten, auch die Gesundheitskosten pro Kopf am höchsten und die Bevölkerung damit wohl am kränksten ist. Dass die Städter und Agglomerationsbewohner drei- bis viermal so häufig an Allergien und Asthma leiden wie ihre Kollegen vom Land. Und dass sie auch im militärischen Sporttest die tiefsten Punktzahlen erreichen. Stadt macht schlapp und krank, so die Erkenntnis.
Militärmediziner Kunz macht ausserdem einen Zusammenhang zwischen dem hohen Ausländeranteil in städtischen Gebieten und erhöhter Untauglichkeit geltend: «Auffälligerweise decken sich die Gebiete mit hohem Ausländeranteil zum Grossteil mit jenen, in denen die Tauglichkeiten tief sind. Umgekehrt ist in Gebieten mit tiefem Ausländeranteil die Tauglichkeit höher.» Kunz stützt so die These vom Secondo-Graben seines Kollegen Spirig in Windisch, indem er festhält, «dass sich eingebürgerte Ausländerkinder zu einem überdurchschnittlich hohen Prozentsatz nicht als volle Schweizer Staatsbürger fühlen und nur eine geringe Bereitschaft haben, sich in einem militärischen Umfeld zu integrieren». Ob diese Punkte freilich einen teils mehr als 40 Prozent tiefen Stadt-Land-Graben hinreichend begründen können, bleibt fraglich. Fakt ist: Während die Schweiz zunehmend verstädtert, wird die Armee zum Land-Sturm.
Wehrmann und Werwolf
Aus allen Lautsprechern des Rekr Zen Win erschallt mit viel Hall eine Stimme: «Nummer 417, Speiser Patrick, bitte an die Loge!» 417 kann vorzeitig nach Hause. Alle paar Stunden klingen solche Durchsagen durch sämtliche Räume der Anlage. Klare Fälle, vielleicht schon mit einem Gutachten eingerückt, das einen kaputten Rücken bestätigt, müssen nicht bis zum Ende warten. 417 erscheint an der Loge, kriegt von einem WK-Soldaten seine Habseligkeiten über die Theke zugereicht, dazu ein Tütchen mit dem Sold für einen Tag, 4.00 Franken, dann trottet er in den grauen Aargauer Nachmittag hinaus. Untauglich.
An einer Wand der Eingangshalle hat sich ein Klüngel gebildet, ein Dutzend 19-Jährige drängt sich unter lauten Kommentaren vor der Rangliste des Sporttests, die an der Wand hängt. «Check mal da unten, der Schlaffsack hat nicht mal 60 Punkte.» Der Geist des Wettbewerbs hat sich längst Bahn gebrochen in diesem neuen Kollektiv, die meisten dieser jungen Männer, ohne Ambitionen eingetroffen, wollen plötzlich ihr Bestes geben. Die Resultate ergeben eine Multikulti-Liste, in der Deutschschweizer Namen schon fast exotisch auffallen: Ivanovic, Nguyen, Machacaz, Lee, Ramirez, Näf, Owens, Maksutoski, Bürgin, Cerkic. Auf Platz 2, mit 92 von 100 Punkten: Nummer 123, Negroni, Santino.
«Ich habe mich extra ein wenig zurückgehalten», verrät 123, der Schreinerlehrling. Wenn er zu nah an 100 gekommen wäre, so seine Theorie, müsste er todsicher weitermachen zum Offizier. Er ist auch nicht mehr ganz überzeugt von seinem Wunsch zum Grenadier. Es kommt ihm drauf an, wo die RS wäre. «Ich will nicht zu weit weg von Basel. Ich will während der Ausbildung am Wochenende mein Kind sehen können.» Santino hat einen eineinhalbjährigen Sohn.
Nummer 128, Nico Ramirez, der Skater, sitzt seit zwei Stunden vor einem Computer und beantwortet Fragen. «Wie stark hat Sie in den letzten Wochen Folgendes belastet: das Gefühl, dass Sie für Ihre Sünden bestraft werden sollen.» Nico führt mit der Maus den Cursor auf «trifft nicht zu» und klickt. Es folgt die nächste Frage, eine von Hunderten dieses psychologischen Tests: «Manchmal habe ich das Gefühl, der Boden sei nicht flach, sondern gewölbt.» Klick, trifft nicht zu. «Ich fühle mich rundum gut und glücklich.» Nico klickt auf «selten». Später, nach dem Test, wird Nico für eine genauere psychologische Exploration aufgeboten, einem Einzelgespräch mit einem Armeepsychologen. Im Test haben sich Auffälligkeiten gezeigt beim Drogenkonsum und bei Suizidgedanken. «Eine Frage lautete, ob man schon mal an Selbstmord gedacht habe», sagt Nico. «Klar hab ich schon mal daran gedacht. Wer nicht.»
Eine Tür weiter: Proband 214, ein schmächtiger Junge mit pechschwarzem Haar, sitzt bereits im Büro des Armeepsychologen und erhält ein Feedback auf seine Tests. Bei ihm haben sich keine Auffälligkeiten gezeigt. Es entspannt sich dennoch ein ziemlich absurder Dialog.
«Sieht ganz nach tauglich aus bei Ihnen.»
«Gut!»
«Oder hatten Sie in letzter Zeit irgendwelche Krisen?»
«Krisen? Nein. Ausser dass ich eine kleine Persönlichkeitsspaltung habe.»
«Aha. Das ist aber nicht so gut.»
«Es ist nicht so tragisch.»
«Wie kommen Sie da drauf? Dass Sie das haben?»
«Also, weil ich bin Zwilling im Sternzeichen, und von daher habe ich meine psychischen Macken.»
«Was für psychische Macken?»
«Amigs bin ich ganz ein netter, amigs total verschlossen. Amigs so – dann wieder so.»
«Aber das ist keine Persönlichkeitsspaltung.»
«Neinnein, keine ganze.»
«Denn eine Persönlichkeitsspaltung ist ja was Dramatisches, das wissen Sie doch.»
(Pause)
«Darf ich Sie noch was fragen, Herr Doktor? Kennen Sie die Psychokrankheit Lykanthropie?»
«Nein. Nie gehört. Was ist das?»
«Das ist, wenn Menschen denken, dass sie ein Werwolf sind.»
«Ach so. Aha. Aber das ist… selten. Oder?»
«Ich weiss es nicht so genau.»
«Das ist bei Ihnen nicht der Fall, oder?»
«Neinnein. Ich habe nur gern Werwölfe.»
«Soso. Also dann, das wärs, ich wünsche Ihnen alles Gute.»
«Vielen Dank, auf Wiedersehen.»
Das Kompaniekalb ist tot
Lykanthropie dürfte noch nicht vorgekommen sein als Untauglichkeitsgrund, aber die psychischen Probleme bilden heute die häufigste Ursache für einen UT-Entscheid. Bei jedem zweiten Ausgemusterten spielen sie eine Rolle, während Rückenleiden, der frühere Klassiker, noch 20 Prozent ausmachen.
Ist die Schweizer Jugend psychisch degeneriert? Unsinn, sagt Professor Thomas Gehring, Chefpsychologe der Armee, in Windisch einquartiert und der einzige Krawattenträger im Haus. Der Grund für den scheinbaren Anstieg sei banal: «Früher hat man psychologische Aspekte bei der Aushebung schlicht gar nicht getestet!» Die mens sana zum corpore sano hat nicht interessiert. Mit dem Resultat, dass die Ausfallquote während der Rekrutenschule noch im Jahr 2002 bei gut 20 Prozent lag, während sie seit dem neuen Rekrutierungssystem noch 5 bis 6 Prozent betrage. Die anhaltende Kritik also, dass massenhaft Stellungspflichtige auf dem «blauen Weg» von der Armee wegkämen, sei total verfehlt. «Wir haben kein Problem mit Simulanten», sagt er lächelnd, «diese Jungs sind ganz schlechte Schauspieler.»
Das grössere Problem seien die «Dissimulanten», also Stellungspflichtige, die irgendwelche psychischen oder physischen Schwierigkeiten verheimlichen, um ja nicht untauglich geschrieben zu werden. Immerhin 1,3 Prozent der 38?000 Stellungspflichtigen des Jahres 2007 haben gegen einen Untauglichkeitsbescheid Rekurs eingelegt, nur 0,4 Prozent wehrten sich gegen einen Tauglichkeitsentscheid.
Wer aus psychischen Gründen untauglich geschrieben werde, der sei es auch tatsächlich, sagt Thomas Gehring. Wobei «untauglich», hebt er den Zeigefinger, eben keineswegs zwingend «krank» bedeute, sondern nur «ungeeignet für die Armee». Eigentliche psychiatrische Befunde wie Depression, Schizophrenie oder Psychosen, die für die Betroffenen auch im Zivilleben dramatisch sind, seien selten. Den Hauptharst der psychischen UT-Gründe bilden «militärrelevante Anpassungsstörungen, adoleszenzspezifische psychische Auffälligkeiten, intellektuell nicht geeignete Voraussetzungen und Suchtmittelmissbrauch mit entsprechender Persönlichkeitsstruktur». Dinge also, sagt die Armee, «die für diese Personen im Zivilen oft ohne grosse Bedeutung sind».
In der Armee aber stören sie. Sie hat sich damit dem Vorwurf ausgesetzt, schon geringfügige Problemfälle leichtherzig aus der Staatspflicht zu entlassen. «Die Armee ist keine Erziehungsanstalt», sagt Thomas Gehring dazu. «Früher wurde das Kompaniekalb mitgeschleppt, das ist heute nicht mehr so.»
In erster Linie gehe es darum, abzuklären, ob ein künftiger Soldat sich selbst oder andere gefährden würde im Militärdienst. Er macht ein Beispiel: «Ab und zu ein Joint ist kein UT-Grund, aber einem Cannabis-Abhängigen wollen wir kein Gewehr in die Hand drücken.» Auf seinem Schreibtisch liegt ein Auswertungsblatt, wie es für jeden Stellungspflichtigen angefertigt wird. Eine ganze Reihe von Kategorien stehen drauf, und war ein Proband in einem bestimmten Bereich auffällig, ist das Feld markiert, und der Mann bedarf der erhöhten Aufmerksamkeit: «kri» steht für «Kriegserfahrung», «gew» für «Gewaltpotenzial», «som» für «Somnambulie». Es gibt auch noch «Klaustrophobie», «Lagerleben», «Alkohol», «Drogen weich», «Drogen hart», «Verhältnis zu Waffen» und «Zusammensein/Sozialphobie».
Manche der jungen Männer, die zur Rekrutierung einrücken, sagt der Chefpsychologe, hätten noch nie ausserhalb des Elternhauses übernachtet, schon gar nicht in einer grösseren Gruppe. «Wenn wir dann sehen, dass einer während der Rekrutierung ausflippt im Schlafsaal, ist das eine wichtige Information.» Ob das aber, Herr Gehring, nicht Tür und Tor für Betrügereien öffnet? Einmal schlafwandeln durchs Rekrutierungszentrum und weg von der Armee? Der Professor verneint kategorisch: «Wie gesagt, wir haben kein Problem mit Simulanten.» Es sei jedoch so, dass viele, die untauglich geschrieben würden, den Kollegen später erzählen, sie hätten simuliert, weil sie damit besser dastehen als mit der wahren Diagnose. «Niemand gibt gerne zu, wegen echter psychischer Probleme untauglich zu sein.»
«Armee ja, aber ohne mich»
Zweiter und letzter Tag für den Rekrutierungszyklus 06 A, Basel-Stadt und Baselland, heute fallen die Entscheidungen. Ein paar vertreiben sich die Wartezeit im grossen Saal, wo das Militär aus Freundlichkeit den Musiksender MTV an die Leinwand projiziert, es läuft die Kuppel-Show «DisMissed». Ein paar sitzen im Informationsraum, wo man sich an Bildschirmen die 250 möglichen Funktionen in der Armee erläutern lassen kann. Ob man lieber Waffenmechaniker, Veterinärsoldat, A-Spürer, Artillerienachschubsoldat, Hufschmied oder Informatikpionier werden möchte. Achtung: Für die Lenkwaffe Stinger werden keine Linkshänder zugelassen.
Nummer 209, der Pitbull-Besitzer, der Militärhundeführer werden wollte, musste seinen Traum begraben. «Die brauchen nur drei Hündeler pro Jahr», sagt er. «Ich habe zu wenig Erfahrung, hats geheissen.» Macht er halt Baumaschinenführer, denn das kann er in seinem Job gebrauchen.
«Die Jungen stellen sich heute nicht mehr die Frage: Was halte ich vom Militär?», sagt Karl Haltiner, Militärsoziologe an der ETH. «Sie überlegen stattdessen pragmatisch: Was bringt es mir?» Der ideologische Rechts-links-Kampf um die Armee, der in den Achtzigern gerade auch die Jugend umgetrieben hatte, sei längst beendet. Wurde 1989 die erste Armeeabschaffungs-Initiative der GSoA von den jungen Urnengängern noch deutlich angenommen, so waren sie bei der zweiten im Jahr 2002 klar dagegen. Die Jungen hätten nichts mehr gegen die Armee. Was es aber gebe, sagt Haltiner, sei eine Tendenz zur Haltung «Armee ja, aber ohne mich». Das zeige sich etwa in den jährlichen ETH-Bevölkerungsumfragen zur Möglichkeit einer Berufsarmee, die laut Haltiner heute bei einer Mehrheit der Jungen Zustimmung findet.
Angesprochen auf die These eines «brain drain» in der Armee, der Vermutung also, dass sich die gebildeten Schichten mehr und mehr aus der Wehrpflicht stehlen, holt Haltiner erst einmal weit aus. Die tief reichende Miliztradition der Schweizer Armee habe immer schon einen grundsätzlich antimilitärischen Charakter gehabt. «Anders als in einem Adelsstaat, wo das ganze Offizierskorps automatisch aus den noblen Schichten stammte, gab es in der Schweizer Bauernkultur immer ein grosses Misstrauen gegen eine militärische Führerkaste.» Das zeige sich noch heute, wenn man die militärische Repräsentationskultur der Schweiz mit derjenigen ihrer Nachbarn vergleiche: «In der Schweiz empfangen selbst hohe Militärs ihre Gäste in Zweckbauten von zwei Metern vierzig Raumhöhe, in Italien fängt das bei vier Metern an, dazu Stuck an der Decke.»
Dennoch aber, so Haltiner, gab es auch in der Schweiz lange eine Personalunion von gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und militärischer Elite. Ein Offiziersgrad war Voraussetzung für eine Karriere im Staatsdienst oder der Privatwirtschaft. Das ist längst vorbei. «In den Achtzigerjahren», so Haltiner, «fingen die oberen Bildungsschichten an, sich der Armee zu entziehen.» Der Trend ist aber seiner Beobachtung nach etwa seit Mitte der Neunziger gebrochen, weil der ideologische Anti-Armee-Effekt verschwunden sei und auch eine Kaderposition in der Miliz heute unter dem Gesichtspunkt des persönlichen Nutzens angestrebt oder verweigert wird. «Eine klare Entwicklung Richtung Unterschichten-Armee sehe ich jedenfalls nicht», sagt Haltiner. Probleme gebe es höchstens bei den sogenannten Zeitsoldaten, einer Gruppe von Kadern, die gegen Bezahlung und zeitlich befristet als Ausbildner in der Armee tätig sind. Hier ortet Haltiner «viele Zivilversager».
Zahlen zum Bildungsniveau der Armeeangehörigen fehlen allerdings völlig – obwohl die vorhandenen Personaldaten nur ausgewertet werden müssten. Ob etwa die Gymnasien tatsächlich jene «Brutstätten der Untauglichkeit» sind, von denen Peter Spirig, Chefarzt in Windisch, spricht, wäre leicht zu eruieren, wenn man sich die Mühe machen würde. Die Armee hat aber (auch trotz Anfrage des «Magazins») nie erhoben, ob die Anzahl der Gymnasiasten unter den Militärdiensttauglichen eines Jahrgangs jenen rund 20 Prozent entspricht, die in der Schweiz die Matura machen.
Fix und fertig definitiv
«Nummer 123, Herr Negroni Santino, Basel-Stadt, nicht wahr?»
«Jawohl.»
«Bau- und Möbelschreiner?»
«Jawohl.»
Santino hat seinen Tauglichkeitsbescheid schon bekommen und sitzt jetzt im Büro von Oberst König, Kdt Rekr Zen Win, beim Einteilungsgespräch. Hier wird, letzter Akt der Rekrutierung, direkt entschieden, wann, wo und in welcher Funktion ein Soldat die RS absolvieren wird. Santino kriegt zuerst das Sport-Ehrenabzeichen verliehen, weil er mehr als 80 Punkte geschafft hat, nämlich 92. Trotzdem gibt es ein Problem: Für den Militärpolizeigrenadier, Santinos Traumjob, braucht es 96 Punkte. «Ich hätte schon noch ein paar Punkte mehr machen können», sagt Santino. «Aber da steht 92», sagt Oberst König. Der Kommandant hat eine Idee: «Wenn Sie Kampf wollen, dann machen Sie Panzergrenadier! Das kann ich Ihnen geben. Aber das ist dann heavy.» Santino zögert. Er will nicht so gern jede Woche bis nach Thun einrücken, das ist ihm zu weit weg von Basel. «Dann machen Sie halt Sicherungssoldat, das ist in Liestal, da haben Sies nicht weit.»
128 ist einverstanden.
Nummer 123, Nico Ramirez, hat bald seinen Termin beim UCR. «Wahrscheinlich muss ich Zivilschutz machen, das wäre okay.» Ein Kollege, Nummer 118, tritt fluchend aus der Tür, er hat sein Urteil erhalten. «Scheisse nochmal, schiessuntauglich, so ein verdammter Scheiss.» 118 ist untröstlich, kickt mit dem Fuss gegen einen Heizkörper, er hätte gern eine Waffe gehabt. «Tauglich, aber schiessuntauglich! Wegen den verdammten Ohren!»
«Der Nächste!» Nico ist dran.
Er nimmt Platz, der Mann im weissen Kittel blickt ihn nicht an, vertieft in seine Unterlagen.
«Was machen Sie beruflich?»
«Bin arbeitslos.»
«Welche Schulen gemacht?»
«Also Primar, Oberstufe, dann Weiterbildungsschule, dann Schule für Brückenangebot und so weiter.»
Pause. Der UCR blickt auf seinen Bildschirm.
«Also, Herr Ramirez, und jetzt sind Sie da am Arbeitsamt angehängt?»
Keine Antwort.
Pause.
123 soll ein bisschen zappeln.
«Gut. Ihre Befunde. Herz gut, Ohren gut, Augen gut. Ein paar Knochen gebrochen. Folgenlos verheilt?»
«Ja.»
«Dann 69 Sportpunkte, das ist Durchschnitt.»
«Ich hatte grad eine Grippe.»
Pause.
«Hören Sie mal, wie sehen Sie das mit dem Militärdienst?»
«Also, sagen wir mal so, ich habe eine Abneigung gegen Gewalt. Ich würde lieber nicht zum Militärdienst. Zivilschutz würde ich machen. Kanns mir einfach nicht vorstellen, mit einer Waffe rumzurennen.»
«Und diese Geschichte wegen dem Kiffen, wie sieht das aus?»
«Wie gesagt, so 5 bis 6 Gramm pro Tag.»
«Und wer zahlt das? Das geht ja ins Geld, das kostet ja täglich 50 Franken.»
«Neinnein. Zwanzig. Höchstens.»
«Dann haben Sie einfach schlechtere Qualität. Und wenn man nichts verdient, ist das trotzdem viel Geld.»
Pause.
«Also, Herr Ramirez. Ich sehe Sie nicht im Militärdienst. Denn es geht ja darum, der richtige Mann am richtigen Platz, nicht wahr. Nicht wegen dem Körperlichen, das würde gehen. Aber für Sie wäre es wichtig, mal eine Lehre anzufangen, da wäre es von Vorteil, wenn Sie keine RS machen müssten. Aber Zivilschutz, das sollte möglich sein.»
Pause.
123: «Ist das jetzt definitiv?»
UC: «Das ist fix und fertig definitiv.»
123 kann gehen.
Der Rekrutierungszyklus 06 A vom 4. und 5. Februar 2008, Kantone BL und BS, ergab folgende Resultate: Von 122 Stelpfl waren 84 militärdiensttauglich, 18 zivilschutztauglich, 3 wurden ein Jahr zurückgestellt und 4 werden nachrekrutiert. Nur 13 waren untauglich.
Zufrieden, Kommandant König? «Absolut. Ein sehr guter Zyklus. Überdurchschnittlich. Besonders auch für Basler.»
Zufrieden, Sicherungssoldat Negroni? «Super! RS in Liestal, vor der Haustür, was will man mehr?»
Zufrieden, Zivilschützer Nico Ramirez? «Ist okay so. Aber es hat mir gezeigt, dass die bei der Armee absolut keine Ahnung vom Kiffen haben. 50 Stutz für 5 Gramm!»

Die Schweiz sucht die Tauglichen: Casting im Rekrutierungszentrum Windisch. | Bild: Marc Latzel

Hier endet die Pubertät: das Rekr Zen Win. | Bild: Marc Latzel

«Wenn die mich nehmen, sind sie selber blöd»: Nr. 128, Nico Ramirez. | Bild: Marc Latzel

«Wenn ich schon in die RS muss, will ich mich nicht langweilen»: Nr. 123, Santino Negroni. | Bild: Marc Latzel

Einer könnte ein Scheinuntauglicher sein: vor medizinischem Check-up. | Bild: Marc Latzel

Gesunder Wehrgeist in gesundem Körper: Sporttest | Bild: Marc Latzel
Ein längst überfälliges Thema. Es ist leider etwas bezeichnend, dass der Zivildienst im Text nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Dabei spielte er in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, beziehungsweise könnte sie spielen, wenn er nicht so konsequent in die Bedeutungslosigkeit gedrängt würde.
«Also, sagen wir mal so, ich habe eine Abneigung gegen Gewalt. Ich würde lieber nicht zum Militärdienst.» — Genau hier ist nämlich die Schnittstelle zum Zivildienst. Wer tauglich ist, die Gewalt, die einer Armee nunmal innewohnt, aber nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, hat die Option des Zivildiensts. Eben nicht des Zivilschutzes.
Ich bin überzeugt, dass ein Teil der jetzt “Untauglichen” den Weg in den Zivildienst finden würde, wenn dieser von der Politik nicht so schrecklich unattraktiv (Faktor 1.5 und Gewissensprüfung, die erst jetzt abgeschafft wird) gemacht würde und dazu noch von vielen Seiten kaum beachtet wird (leider auch in diesem Artikel). Die seit Jahren sinkenden Zahlen von neuen Zivildienstleistenden zeigen, dass die Entwicklung in die falsche Richtung geht.
Keinen Militärdienst leisten zu wollen, ist – zumal im 21. Jahrhundert – absolut legitim. Die Alternative sollte aber der Zivildienst sein, nicht der blaue Weg in die “Untauglichkeit”. Wenn nur ein Teil derjenigen, die nicht ins Militär wollen und sich nun per Bettnässer oder Sozialphobie verabschieden, stattdessen Zivildienst leisten würde, hätten alle Beteiligten gewonnen. Die Angst, der “pazifistische Zivildienst” untergrabe das Militär, ist nun wirklich gänzlich fehl am Platz.
Ich möchte mich zum Thema Secondos in der Armee äussern. Mehrmals wird im Text erwähnt, dass eingebürgerte Schweizer weniger Militärdienst leisten, ohne dies jedoch zu belegen. Das finde ich nicht korrekt. Wenn Dr. Spirig so etwas behauptet, dann muss er sich auf Fakten beziehen und diese zitieren. Alles andere ist unseriös.
Persönlich habe ich mehrere Male als Schularzt in verschiedenen Rekrutenschulen gedient. Mir (selber eingebürgert) ist dieses Phänomen nicht aufgefallen. Im Gegenteil. Häufig fällt auf, dass Secondos das Militär gar nicht schlecht finden und sogar eine Offizierskarriere anstreben.
Also, Herr Mingels und Dr. Spirig, bitte Fakten und nicht Annahmen präsentieren.
Wie viele eingebürgerte Schweizer im Wehrpflichtalter verweigern den Militärdienst?
Gibt es unterschiede zwischen den verschiedenen Nationalitäten?
Verweigern eingebürgerte Schweizer den Militärdienst mehr als “echte” Schweizer”?
Wenns diese Fakten nicht gibt, d.h. sie auf Annahmen von rechtsgesinnten Armeeoffizieren beruhen, dann erwarte ich eine Klarstellung.
So systematisch wie die Armee und dieser Artikel den Zivildienst verdrängen, entspricht das auch meiner Erfahrung bei der Rekrutierung. In diesen drei Tagen voller schlechten Psycho- und Sporttests kam zwischendurch Propaganda für das Militär. Was soll ein Aufklärungsfilm, in dem die Ex-Vize-Miss Schweiz vorkommt? Der Film erinnerte mich an Actionfilme und nicht an einen Aufklärungsfilm.
Über den Zivilschutz wurde auch ausreichend berichtet. Den Zivildienst wurde kein einziges Mal erwähnt, obwohl das doch eine Alternative ist, wie die Schweizer Bürger ihre Dienstpflicht erfüllen könnten. Ist diese Art des Erfüllens der Dienstpflicht nicht würdig erwähnt zu werden?
Oder befürchten die Militärs, dass eine offene und faire Informationspolitik, alle Stellungspflichtigen dazu bringen würde Zivildienst zu leisten?
Man mag ja mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, dass neuerdings nicht mehr jeder Werwolf oder anderweitig psychisch auffällige Schweizer seine persönliche Waffe überreicht bekommt, um sich im Mobilmachungsfall zum nächsten Bahnhof durchschiessen zu können. Doch indem die Armee auch nur schon potenzielle Querschläger bereits im Voraus für untauglich erklärt, zeigt sie letzten Endes nicht weniger Bequemlichkeit und Eigennutz als die Jugend, welche sie genau dafür so gerne kritisiert. Mit dieser Haltung geht ihr nach dem Feind irgendwann wohl auch das Volk noch verloren.
So fragwürdig der allgemeine Nutzen des Militärdiensts auch geworden ist: Die 40% der jungen Männer (und 100% der jungen Frauen), welche gar keinen Dienst leisten, sind ein Verlust für die Zivilgesellschaft, welche mit der fortschreitenden sozio-ökonomischen und demographischen Veränderung wohl früher oder später einmal auf sie angewiesen sein wird. Umso mehr Respekt gebührt jener Minderheit der Stellungspflichtigen, welche sich bei der Aushebung nicht pathologisieren lassen will, sondern sich heute schon bewusst für einen zivilen Einsatz im Dienste der Allgemeinheit entscheidet.
Vielleicht hätte ein Zivildiensteinsatz unserem Basler Berufskiffer ja doch noch die eine oder andere neue Perspektive eröffnet. Es wäre ihm jedenfalls zu gönnen.
Sehr geehrter Herr Cuculi, ich will versuchen, auf Ihre Einwände bzgl. der „Secondo-Graben-These“ (=Eingebürgerte Schweizer sind in der Armee unterrepräsentiert) einzugehen – auch wenn dieser Aspekt nur einen Bruchteil der Ausführungen meines Artikels ausmacht. Ich habe versucht, zur Vermutung des Chefarztes von Windisch (die übrigens von einem zweiten Rekrutierungszentrum-Chefarzt, Hr. Andres Kunz vom Rekr Zen Rüti, im Text mit einer Studie gestützt wird, was Sie in Ihrem Kommentar nicht erwähnen; dazu später) Zahlen zu erhalten von der Schweizer Armee. Die Armee hat aber, obwohl mehrere Wochen Zeit waren zwischen meiner Anfrage und dem Redaktionsschluss, solche Zahlen nicht liefern können; also weder Zahlen, die die These stützen, noch solche, die sie dementieren. Aus einer im Grundsatz löblichen und nachvollziehbaren Haltung heraus unterscheidet das VBS nicht zwischen eingebürgerten und anderen Schweizern, die Grenze wäre für die Statistiker in der Tat nicht leicht zu ziehen.
Es gibt aber dennoch gewisse faktische Anhaltspunkte, die über die blosse Aussage des Hr. Dr. Spirig (die nicht per se zu unterschätzen ist, der Mann hat immerhin dreissig Jahre Erfahrung in seiner Funktion) hinausgehen: Die bereits im Text erwähnte und zitierte Studie Kunz („Tauglichkeitsrate im Einzugsgebiet des Rekrutierungszentrums Rüti: Erster Versuch einer Analyse der Zusammenhänge zwischen geographischer Verteilung, gesundheitlicher und soziodemographischer Faktoren“, 2005) weist zunächst eine grundsätzliche Übereinstimmung von Gebieten mit hoher Untauglichkeit und solchen mit hohem Ausländeranteil nach. Ich zitiere hier etwas ausführlicher aus der Studie als im Artikel:
„Einen grossen Einfluss (auf die Tauglichkeitsrate) scheint die Herkunft der jungen Männer zu haben. Natürlich sind grundsätzlich alle Stellungspflichtigen Schweizer Staatsangehörige. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass sich Erstgenerationsschweizer – also eingebürgerte Ausländerkinder oder -Jugendliche – in einem überdurchschnittlich hohen Prozentsatz nicht als volle Schweizer Staatsbürger fühlen und dementsprechend nur eine geringe Bereitschaft haben, sich in einem militärischen Umfeld zu integrieren.“
Das fehlende Bindeglied in diesem Argument ist allerdings die Annahme, dass in Gebieten mit hohem Ausländeranteil auch viele Eingebürgerte (und erst damit Wehrpflichtige) leben. Kunz spricht diese Annahme aber explizit aus, (und sie scheint auch mir selbst intuitiv plausibel): „Die Annahme ist vermutlich zulässig, dass in Gebieten hoher Ausländerdichte auch die Rate an Erstgenerationsschweizern höher ist als in Gebieten geringer Ausländerdichte.“ Kunz führt weiter aus: „Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, es gäbe keine fähigen und willigen ‚Erstgenerationsschweizer, doch zeigt die Erfahrung aus der täglichen Arbeit eindeutig ein Gefälle zwischen den Schweiz-stämmigen und jenen Stellungspflichtigen, welche ihre Wurzeln im Ausland, speziell in den Krisengebieten der letzten Jahre haben.“
Auf der anderen Seite ist Folgendes nicht minder interessant: Während meiner Recherche habe ich von mehreren Militärexperten den selben Eindruck gehört, den Sie, Hr. Cuculi, auch nennen, nämlich den, dass ungewöhnlich viele Secondos eine Offizierskarriere anstreben. Obwohl auch hierzu keine Zahlen existieren, so besteht doch Anlasss zur Vermutung, dass die Eingebürgerten auf Kaderstufe überrepräsentiert sind. Das würde zu dem nur scheinbar paradoxen Ergebnis führen, dass Eingebürgerte insgesamt in der Armee unter-, auf Kaderstufe aber überrepräsentiert sind. Diese Lesart, wenn sie zutrifft, würde sich aber durchaus mit Erkenntnissen der Migrationsforschung im Generellen decken: Secondos schwanken in der je „neuen“ Heimat zwischen Ablehnung und Überanpassung, sei es gegenüber der Armee oder was auch immer. Die Extreme des Assimiliationsspektrums sind jedenfalls jeweils stark ausgeprägt.
Zum Schluss und nur der Vollständigkeit halber möchte ich mich von Ihrer Formulierung der „rechtsgesinnten Offiziere“ distanzieren: Meine Gewährsleute für diesen Aspekt der Geschichte waren weder Offiziere noch rechtsgesinnt.
Ich hatte meine Rekrutierung vor zwei Jahren und möchte nun meine Erinnerungen und Meinungen teilen. Ich bin der Meinung, dass jedermann/jedefrau das Recht haben sollte selber zu entscheiden ob er Militärdienst, Zivilschutz/-dienst leisten will oder nicht. Wer gehen will der soll gehen, ich verteufle niemanden der den Dienst leisten will oder eben nicht. Nenne niemanden einen militärgeilen Möchtegern-Rambo oder einen linken Schlappschwanz. Für mich jedenfalls war es nichts. Oder vielleicht hätte ich es mir anders überlegt wenn ich die freie Wahl gehabt hätte doch schon alleine der Gedanke, dass es “Pflicht” ist löste bei mir Gefühle von Zwang aus. Da bleibt halt leider oft nur der Umweg durch die Untauglichkeit, denn der Zivildienst dauert immer noch deutlich länger als der militärische und wirkt auf mich wie eine Strafe für all die “Weicheier”. Und ich war nicht der einzige der so dachte. Von 30 jungen Männern in meiner Gruppe durften 26 schon am ersten Abend nach Hause. Manche hatten sich richtig gut vorbereitet mit Röntgenbildern und Arztzeugnissen. Die meisten hätten aber wohl locker den Dienst leisten können. Ich tendierte zu diesem Zeitpunkt eher dazu keinen Dienst zu leisten. Je länger ich mich dann dort aufhielt, umso stärker wurde dieses Gefühl. Es wurde bestärkt durch die billigen Propagandafilmchen, die verzweifelt versuchten das Militär als cool darzustellen. Als dann der Oberst, Major wassweissich auch noch schwärmte wie toll es bei den Grenis sei, die sich Glatzen schneiden und “Blutsbrüder” werden schaltete es bei mir ab. Durch die psychologischen Tests “durchzufallen” sozusagen war kein Problem. Beim Einzelgespräch mit dem Psychologen durchschaute er mich und wusste, dass zwischen mir und dem Dienst, abgesehen von einigen Angaben, nichts im Wege stand. Doch es schien ihn nicht gross zu interessieren und das war mir Recht so. Der psychologische Test im allgemeinen war ein Witz. “Haben Sie ein Problem damit wenn man Sie anschreit?”. Nein natürlich nicht, ich werde gerne angeschrien… “Dachten Sie jemals über Suizid nach?”. Wer nicht? Bin ich aber dadurch automatisch Suizidgefährdet? Und zum Konsum von Drogen: Von einigen Bekannten habe ich mir berichten lassen, dass während des Dienstes alle gesoffen, gekifft und gekokst hätten bis zum Umfallen. Dass da die untauglichen ausgesondert werden funktioniert also nicht wirklich. Die These, dass Gymischüler zum grössten Teil nicht Dienst leisten, kann ich bestätigen. Wer bei uns Dienst leisten musste wurde schon bemitleidet. Ich möchte auch noch hinzufügen, dass ich Herrn Dr. Spirig nicht zustimmen kann. Aus meinem Umfeld weiss ich zu berichten, dass fast alle Secondos Militärdienst leisteten und erst noch mit Begeisterung. Die meisten unter ihnen waren so gut, dass sie gebeten wurden weiter zu machen, Wachtmeister oder sogar die Offizierschule. Ich weiss nicht woher Dr. Spirig diese Aussage herholt. Für viele Secondos ist es eine Art der Schweiz etwas zurückzugeben. Wenn sich die Armee der Moderne angepasst hätte und nicht im Kalten Krieg stecken geblieben wäre, hätte sie es vielleicht geschafft mein Interesse zu wecken. So bleibt mir nur zu hoffen, dass nachfolgende Generationen von jungen Männern selber entscheiden können was das beste für sie ist und, dass sie offen und ohne Scheinheiligkeit über Vorteile/Nachteile/Alternativen informiert werden.
Sehr geehrter Herr Mingels. Danke für Ihre Antwort. Leider haben weder Sie noch ich “hard facts”, so dass wir hier einander wahrscheinlich nicht überzeugen können. Aber die Behauptung, Secondos haben Mühe, sich als Schweizer zu identifizieren, möchte ich trotzdem nicht unkommentiert lassen. Sie entspricht einfach nicht meinen Erfahrungen. Natürlich besteht ein gewisser Bias, weil ich selber betroffen bin; nichtsdestotrotz muss betont werden, dass für die meisten eingebürgerten Secondos die Schweiz die primäre Heimat darstellt. Nochmals zum Thema, Secondos leisten weniger Militärdienst. Mehrere Gründe sprechen gegen diese These:
- Von vielen kleinen Gemeinden wird das Leisten von Militärdienst als Voraussetzung zur Einbürgerung dargestellt (zumindest galt das noch 1997 als ich eingebürgert wurde)
- So einfach es klingt, gehört der Militärdienst z.Bsp. für die Jungen mit Balkan-Herkunft, quasi zum “Mann-Sein”. Wenn man keinen Militärdienst leistet, wird man z.Bsp. in der Familie verpönnt.
- Man darf nicht davon ausgehen, dass Secondos grundsätzlich assozial sind und quasi nur von den Vorteilen des Schweizer Passes profitieren, ohne dafür was leisten zu wollen. Auch wenn sie das Militär per se nicht gut finden, leisten sie Militärdienst als Akt der “Dankbarkeit” gegenüber der Schweiz (wie von meinem Vorredner erwähnt).
- Nochmals zu meinen persönlichen Erfahrungen in der Armee. Ich bin ja auf dieses Thema sensibilisiert und kann diese Erfahrung einfach nicht teilen. Habe in jeder RS, wo ich als Schularzt tätig war, immer zumindest. relativ viele ehem. Landsmänner von mir getroffen (Ex-Jugoslawien).
Und abschliessend noch zu den rechtsgesinnten Offizieren. Es war vielleicht etwas salopp ausgedrückt und das tut mir leid. Hängt aber auch mit meinen persönlichen Erfahrungen in der Armee, wo ich die meisten Offiziere, mit denen ich zutun hatte eher rechtsgesinnt und leider allzuhäufig als ausländerfeindlich erlebt habe. Aber auch diese Behauptung kann ich leider nicht meiner Studie belegen, so dass ich Gefahr laufe zu pauschalisieren. Deshalb sollte man das wieder relativieren. Vielen Dank. F. Cuculi
“Hast noch der Söhne. Nein !”
Guete Morge metenand.
Auf dem Schlachtfeld liegen 122 junge männliche Soldaten, nach einer schrecklichen ungerechten Nacht, die ihr Schicksal angenommen haben. Alle tragen Ketteli um den Hals , Name und Nummer eingraviert. Keiner murrt, keiner gibt den Gruss zurück.
GUETE MORGE METENAND!
Nichts, keine Antwort. Es ist zu spät einander grüezi zu sagen. Das Vaterland hat sich geholt was ihm zusteht. Soldaten sterben, ob sie nun tauglich sind oder nicht. Die kleine Chance 40% sind untauglich, also 49 die noch leben könnten. Sie könnten ihren Kinder noch erzählen, dass sie sich geweigert hatten, das Töten zu lernen. Tote Soldaten können nicht mehr über die Sinnlosigkeit eines Krieges klagen.Sie sind verstummt.
PS Als Bild sehe ich tote Soldaten links und rechts in der Mitte der Kommandant stehend, die Hände auf den Hüften, grüssend.
Ein ehemaliger Mitschüler von mir hat dem Psychologen einen Verfolgungswahn vorgespielt. Er schaute einfach alle zwei bis drei Minuten, ob jemand hinter ihm stehe. Er ist nun untauglich. Ein anderer Mitschüler gab an, er sei ein Einzelgänger und betreibe darum auch keinen Mannschaftssport. In Gruppen fühle er sich jeweils unwohl. Das war natürlich klar gelogen. Er ist nun untauglich. Wenn diese Jungs „ganz schlechte Schauspieler“ sind, wie Herr Gehring meint, dann arbeiten in den Rekrutierungszentren aber auch ganz schlechte Psychologen. Aber heute ist es gar nicht mehr nötig, sich eine Geschichte auszudenken. Fehlende Motivation für den Militärdienst reicht meist schon aus um als untauglich zu gelten. Mehr Mühe hatte ein Kollege von mir, der tauglich sein wollte, um Zivildienst leisten zu können. Seine Ablehnung gegen das Militär interpretierte der Psychologe zuerst als UT-Grund. Auf Drängen des Zivis wurde er aber doch noch als tauglich eingestuft. Die teuren psychologischen Gutachten könnte man sich sparen. Wer will, der kommt weg.
Sind wir doch ehrlich und machen uns nichts vor, der blaue Weg ist in der heutigen Zeit doch eine blaue Autobahn. Wer nicht diensttauglich werden will, der wird es auch nicht. Wer trotzdem in jungen Jahren bereit ist, einmal etwas für die Allgemeinheit zu tun und an der Stelle von Militärdienst einen zivilen (Ersatz)dienst leisten will, muss zuerst dafür kämpfen überhaupt tauglich geschrieben zu werden. Anschliessend muss es ihm noch gelingen, drei Kommissionsmitglieder davon zu überzeugen, dass seine Gewissensgründe auch wirklich zwingend für ihn sind. Erst dann und nur dann, darf er seinen 1,5 mal so langen Dienst in einem Heim für Behinderte, beim Trockenmauerbau in einem Umwelteinsatz oder in einem der anderen 1′700 Einsatzbetriebe des Zivildienstes leisten. Es kann volkswirtschaftlich sicher nicht sinnvoll sein 3.7 Mio für ein Zulassungsverfahren pro Jahr auszugeben, dass als einziges Resultat ca. 75 Gesuchstellern verbietet ihre Dienstpflicht zivil zu leisten und sie gegen ihren Willen zurück zum Militär schickt. Wieviele Militärdiensttage diese Abgewiesenen noch überhaupt leisten resp. welche Folgekosten (Militärgerichtsverfahren bei Verweigerung, Ausmusterungen ….) sie noch auslösen, müsste auch einmal untersucht werden. Es liegt jetzt am National- und Ständerat, der vom Bundesrat vorgeschlagenen Gesetzesänderung eine Mehrheit zu verschaffen und den Tatbeweis (Faktor 1.5) für den Zivildienst einzuführen. Die Politik kann sich dann vielleicht später auch noch einmal dazu durchringen, nicht nur militärdiensttauglichen Männern, sondern auch “untauglichen” und Frauen einen Dienst zu Gunsten der Allgemeinheit zu ermöglichen.
Noch eine Kritik an die Adresse des Verfassers des Artikels:
Nennungen Zivilschutz – 7 Stück
Nennungen Zivildienst – 0 Stück
Der Artikel zeichnet zwar ein sehr gutes Bild der Rekrutierung, aber leider ein unvollständiges.
Der Staat macht Kasse und wirft die Kohle zum Fenster raus.
Den Artikel über die jungen Drückeberger und Möchtegernschiesstauglichen find ich Klasse. Es ist eigentlich genau so, wie man’s sich vorstellt. Der Oberst ist von gestern und Nummer 212 möchte halt doch lieber nicht ins Militär. Ja, dann lassen wir ihn halt springen.
An diesem Punkt fehlt mir der Hinweis, dass untaugliche Männer zehn Jahre lang 3% des versteuerbaren Einkommens an die Armee abdrücken. Die Armee hat immer noch massiv zu viel Personal (was ich jeweils im WK erfahren darf, ist immer noch genau so wie früher). Also lautet die Devise weniger Leute rekrutieren und sparen. Nur: Sämi Schmid gibt immer noch viel zu viel aus. Auf dieser Seite muss gespart werden, denn es ist ein Laueriverein.
Ich war vor einigen Jahren an der Rekrutierung. Ich bin mit dem Ziel angereist untauglich zu sein. Dabei war ich zu dieser Zeit Gymnasiast in der Region Basel. Meine Erklärung, warum so viele untauglichen aus Gymnasien kommen ist, dass diese besser Simulieren können. Wir lernen zu argumentieren und uns mit Worten gut und glaubwürdig zu verkaufen.
Ich kann mich noch gut an das Gespräch mit dem Psychologen erinnern.
Er hatte ein Blatt vor sich, wo Punkt für Punkt aufgelistet war, was er mich alles Fragen möchte. Und währenddem ich am die erste Frage beantworten war, überlegte ich mir schon was ich wohl zur nächsten (noch nicht gestellten) Frage sagen soll, damit es schön passt. Zum Schluss hielt er mich für einen psychisch extrem problematischen Menschen und empfahl mir eine Behandlung ausserhalb des Militär. Und genau so haben es auch viele meiner Kollegen gemacht. Heute studieren wir alle und haben auf die psychologische Behandlung allesamt verzichtet obwohl wir in den Militärakten alle kurz vor einem Selbstmord oder in einer tiefen Depression sein müssten…:)
Als 18 jähriger Schwizer bin ich erwachse und ufklährt, will Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit. Die RS Tauglichkeitstests sind nöd fürs Hirni gmacht will säb möcht kei Chrieg sondern loove and piiiss. Und mini Venunft säit mir dass die Aasicht kein psychische Schadä isch!! Immerhin gits für mich dä- vo dä Armee und Herr Mingels leidär immer no tarnti- Wäg in Zivildienscht!
Für das Militär ist es unter Umständen vorteilhaft, Querulanten die Möglichkeit offen zu lassen, mit erfundenen Geschichtchen den Armeeaustritt zu ermöglichen, obwohl damit die allgemeine Militärdienstpflicht untergraben wird. Dafür entsteht indirekt eine Armee der Freiwilligen. Diese zeigen eine höhere Einsatzbereitschaft als eine mit demotivierten Mitgliedern durchmischte Truppe. In diesem Sinn ist eine leicht zu erreichende Abstempelung als «untauglich» angebracht.
Migrationshintergrund und Militärdienstwille
an Herrn Cuculi und Herrn Mingels
Die Fakten, so wie sie aus dem Artikel ersichtlich sind: Die Armee führt keine Statistik über den Migrationshintergrund, alle Rekruten haben den Schweizer Pass. Um Aussagen über den Zusammenhang von Migrationshintergrund und Militärdienstwille rsp. -tauglichkeit machen zu können, wird ein plausibler, aber statistisch ungesicherter Zusammenhang benutzt: In Einzugsgebieten hohen Bevölkerungsanteils mit Migrationshintergrund wird auf einen hohen Anteil mit Migrationshintergrund der Inhaber eines Schweizer Passes geschlossen.
Zudem wird darauf hingewiesen, dass städtische Gebiete einen hohen Anteil an Untauglichen aufweisen. Es wird mit Hinblick auf den höheren Anteil an Personen mit Migrationshintergund dieser städtischen Gebiete geschlossen, dass diese Personen zur hohen Untauglichkeitsrate beitragen.
Mir fehlt dabei der Hinweis, dass es auch umgekehrt sein könnte: Nicht der Migrationshintergrund treibt die (angenommene) Untauglichkeit in die Höhe, sondern das städtische Umfeld. Es resultierte so tatsächlich eine höhere Untauglichkeitsquote als bei der angestammten schweizer Bevölkerung, es gäbe aber einen anderen Grund als die mangelnde Verbundenheit mit der teilweise vielleicht noch fremden neuen Heimat.
Wer sich der RS entziehen will, konnte das zum Glück schon immer tun. In den Fünfzigerjahren mit einigen überdosierten Medikamenten in Verbindung mit einer ordentlichen Portion Alkohol, in den Sechzigerjahren dann als bekennender Kiffer und/oder Homosexueller, danach reichte meistens ein Attest eines Psychiaters. Richtig verweichlichte Rekruten gab es in den Dreissigerjahren, und die konnten nichts dafür. Es war Wirtschaftskrise, und kaum einer dieser mangelhaft ernährten Jünglinge hätte auch nur 30 Punkte bei der Turnprüfung erlangt. Viele wurden in der Armee erstmals mit drei Mahlzeiten pro Tag aufgepäppelt, bevor sie nach Monaten fit für die Grenzwache waren.