Heisse Sachen

3000 vulkanische Quellen gibt es in Japan. Man nennt sie Onsen. Dort hüpfen die Leute rein. Sie tun es oft und gerne. Das mussten wir uns einfach anschauen.

10.06.2007 von Max Küng , 7 Kommentare

Die Hölle. So muss es sein, in die Hölle zu fahren. So muss es sich anfühlen. Genau so. Verbrennen. Ich glaubte zu verbrennen. Dabei hatte ich erst einen Fuss im heissen Wasser im dunklen Raum, ganz hölzern, nach Schwefel stinkend. Dann den zweiten. Sachte. Aua. Aua. Verdammt. Langsam glitt ich in das heisse Nass. Ganz langsam. Sachte. Die Hölle, genau. Das musste die Hölle sein. Und dann sass ich und dachte nichts anderes als: heiss, heiss, heiss.

Ich hatte davon gehört, von Leuten, die in Japan waren. Zu Hause erzählten sie, mit leuchtenden Augen, als hätten sie etwas erfahren, gesehen, das sie verändert hatte. Und sie sprachen mit einer Wehmut, als würden sie am liebsten zurück, sofort. Das Wort «Onsen» kam aus ihrem Mund. Der japanische Ausdruck für heisse Quelle. Was wir hier unter Wellness verstehen und seit ein paar Jahren als so etwas wie einen Boom bezeichnen, das gehört in Japan landesweit und seit Jahrhunderten zur breiten Kultur: Man hüpft in Becken, die von heissen Quellen gespiesen werden. Dreitausend Orte mit solchen Quellen soll es geben. Und zwar richtig heissen Quellen. Ein Vorteil, wenn man auf einem Archipel lebt, der nichts anderes ist, als ein Nest von Vulkanen.

Der schnabelgesichtige Superschnellzug pflügte sich durch die Vororte hinaus aus dem Zentrum Tokios Richtung Norden, in die Berge. Die Vororte, diese endlosen Ansammlungen von Schachtelhäusern, die einem das Gefühl geben, als jage man mit irrem Tempo durch eine gewaltige Schrebergartenlandschaft – einfach ohne Gärten.

Und nach einer Stunde Fahrt sieht man die ersten Berge. Es wird grün, und man bekommt einen Vorgeschmack darauf, dass Japan nicht gleich Tokio ist, nicht gleich Moloch, nicht gleich ein grossstädtisches Chaos aus Neon und Stahl und Beton und mehrspurigen Strassen und irrem Gewusel von 34 Millionen Menschen. Japan besteht vor allem aus einem, zu siebzig Prozent genau gesagt: aus Bergen. Einer chaotischen Bergwelt, sonderbar spitzen Gipfeln, dicht bewaldet, an eine Märklin-Eisenbahnlandschaft erinnernd. Und manche dieser Berge sind aktive Vulkane. Exakt: 109 davon. Zu einem bin ich unterwegs. Er heisst Shirane. Tausend Meter unter dem Krater liegt ein legendärer Ort: Kusatsu.

Es heisst, dass die Quellen von Kusatsu im Jahre 110 von Prinz Yamatotake entdeckt wurden, dem Sohn des Kaisers Keiko dem Zwölften. Und die Einheimischen glauben, es sei ein Adler gewesen, der eines Tages mit einem verletzten Bein in einer heissen Quelle landete, welche ihn heilte. Egal. Klar ist, dass die Japaner an die heilende Kraft des Wassers glauben – was wiederum auch damit zu tun hat, dass die moderne Medizin lange auf sich warten liess, da Japan sich gegen aussen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts abschottete, um keine verderblichen Einflüsse ins Land kommen zu lassen.

In Karuizawa kletterte ich in einen Bus und schlief sofort ein. Nach anderthalb Stunden weckte mich der Fahrer, wir waren am Ziel. Ich hatte mir den Ort idyllischer vorgestellt. Ich sah lauter hässliche Häuser. Und dazu stank es recht penetrant nach faulen Eiern.

Wie ich Japaner wurde

Im Ryokan, dem traditionellen japanischen Gasthaus, empfingen mich ein Mann und eine Frau. Sie trug einen Kimono und er mein Gepäck. Die Schuhe wurden vor der Schwelle des Ryokan deponiert, in Sandalen ging es weiter. Der Mann zeigte mir sogleich das Männerbad, ein zweigeteilter Raum aus Holz. Im vorderen Teil zieht man sich aus, deponiert seine Kleider in Bastkörben. Im hinteren Teil, dem eigentlichen Bad, bewegt man sich nur nackt. Dort wäscht man sich. Dann steigt man ins eigentliche Bad. Das ist das Erste, was ich zu lernen hatte: dass man sich wäscht, bevor man badet. Und zwar richtig gut wäscht. Keine Pseudoreinigungen, sondern lange und intensiv. So, wie ich mich noch nie zuvor gewaschen hatte. Das eigentliche Baden dient nicht der Reinigung, oder anders gesagt: Es dient höchstens der Reinigung des Geistes.

Die Frau im Kimono, sie heisst Makiko, brachte mich auf das Zimmer. Ein recht grosser Raum, mit Tatamiboden, in der Mitte ein tiefes Tischlein aus glänzend lackiertem Holz, auf dem ein Korb stand mit einem roten Origami-Tier. Ich glaube, es war ein Schwan. Makiko servierte Tee und lauwarmes Gebäck. Dann ging sie, nicht ohne sich mehrmals zu bedanken und sich zu verneigen, und dann war ich alleine.

Also versuchte ich, die Yukata anzuziehen. Die Yukata ist eine Art Kutte, ein Kimono aus Baumwollstoff. Ich wusste, denn das kann man in jedem Reiseführer lesen, dass es unglaublich wichtig ist, dass man die Yukata richtig trägt. Die linke Seite über die rechte Seite schlagen. Dann mit dem Gürtel satt und eng binden. Andersrum tragen nur die Toten die Yukata. Deren letztes Gewand. Nach ein paar Anläufen gelang es mir tatsächlich, die Yukata einigermassen passabel mit dem Gürtel zu fixieren, und ich machte mich sofort auf ins Gemeinschaftsbad, um ein erstes Mal in das schweflige Wasser zu steigen, das viel gerühmte, das sagenumwobene. Unterwegs sah mich Makiko. Sie schüttelte den Kopf und kicherte und hielt sich dabei die Hand vor den Mund. Man nennt dieses Lachen Hajirai, das beschämte Lachen. Ich hatte es geahnt. Der Gürtelknoten war selbst für eine Langnase mies geraten und eine in japanischen Augen ästhetische Unmöglichkeit. Makiko griff zu, es ging sehr schnell, und schon stand ich perfekt gegürtet und gekleidet da. Makiko legte Daumen und Zeigefinger ihrer Rechten aufeinander, bildete einen Kreis, so wie die Taucher es tun, wenn alles in Ordnung ist, und hob ihre Hand. Ein Wort kam aus ihrem Mund. «Okay.»

Vor mir ging ein Gast ins Bad. Ich nutzte die Gelegenheit und nahm in mir zum Vorbild. Deponierte meine Sandalen vor der Schiebetüre, wie er es getan hatte. Ich machte alles nach, was der andere mir vormachte. Ich zog mich im Vorraum aus, deponierte meine Kleidung in einem Korb. Der Gast sass nackt auf einem niedrigen, hölzernen Ho-cker. Er wusch sich. Er füllte ein kleines, rundes Holzbecken mit Wasser, übergoss sich damit, immer und immer wieder, sicher zwanzig Mal. Er seifte sich ein, sehr gründlich, dann schrubbte er sich mit einem kleinen weissen Tuch ab. Das tat ich alles auch, obwohl die Abreibung so lange dauerte, dass es wehtat. Mein Vorbild rieb und schrubbte und rubbelte. Er putzte sich wirklich, wirklich gründlich. Auch meine Haut wurde langsam rot. Kann man so schmutzig sein, dass man sich so lange putzen muss? Ich hatte das Gefühl, dass ich in meinem Leben noch nie so sauber war. Dann endlich stand er auf, nach langen Minuten der Reinigung, und liess sich ohne Mucks, aber langsam ins heisse Wasser gleiten. Bald sass ich neben ihm und sagte «ui, ui, ui», worauf er mit Schweigen reagierte. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht deuten, denn meine Brillengläser beschlugen augenblicklich, als ich mich zu ihm in das heisse Wasser gesellte.

Man konnte das Geschnatter aus dem Frauenbad nebenan hören. über was sie wohl redeten? Reden Frauen überall auf der Welt über dieselben Dinge? Ging es um Gucci? Oder um Ehe futschi-futschi? Auf jeden Fall hörte es sich heiter an, und für einen Moment tauchte ich so weit ins Wasser, dass es den Gehörgang flutete, die Welt stumm wurde und ich dachte, jetzt kocht mein Gehirn, jetzt stockt das Eiweiss unter meiner Schädeldecke und sieht aus wie etwas, das mit beim Nachtessen serviert wird.

Der Japaner stand auf. Er schaute nicht und lachte nicht und verliess das Bad. Er harrte nur wenige Minuten aus. Ich fragte mich, ob es ihn wohl ekelte, neben einem weisshäutigen Kerl zu sitzen, einem Kerl mit Bart und beschlagenen Brillengläsern. Oder war es ihm zu warm? Ich blieb noch fünf Minuten, zählte am Ende die Sekunden, liess mir viel Zeit beim Anziehen, und als ich auf mein Zimmer ging, krebsrot, traf ich Makiko, und ich sagte ihr auf Englisch, dass das Bad ganz schön verdammt heiss sei. Makiko lächelte und sagte in fragendem Tonfall: «Hotto?»

Ja, sagte ich, verdammt hotto. Worauf Makiko kicherte und sagte: «Not hotto. Only 40 degrees.» Bloss 40 Grad? Ich kam mir blöd vor. Es fühlte sich nämlich nicht an wie 40 Grad, eher wie 400 Grad. Und vor allem wusste ich: Morgen würde ich das öffentliche Bad im Sainokawara-Park besuchen. Und das sei, so hatte ich irgendwo gelesen, 46 Grad heiss. Hoffentlich würde sich das als Schreibfehler herausstellen.

Das erste Bad brannte den Alltag weg, den Dreck und die Last und die Müdigkeit, und seltsam gestärkt trat ich mit einer Yukata gekleidet und mit Sandalen an den Füssen auf die Strasse. Als ich mich in dieser Montur im Spiegel betrachtete, dachte ich, ich sehe aus, als ginge ich zu einem «Star Trek»-Kostümball. Aber bald legte ich die Scheu ab, denn es ist nicht nur bequem, so gekleidet durch den Ort zu spazieren, sondern auch normal. Die Kleidung der Onsen-Reisenden. Und: Niemand lachte mich aus.

Baden ist das eine

Das Wasser, es ist nicht nur heiss, es ist anders. Hitze alleine, deswegen kommen die Leute nicht nach Kusatsu. Hier ist das Wasser, das gesund macht. Das jede Krankheit kurieren soll, wie man sagt, ausser jene der gebrochenen Herzen. Nirgendwo ist das Wasser so wie hier, dessen pH-Wert zwischen 1,7 und 2,1 liegt, also etwa Magensäure entspricht, und jegliche Art von Bakterien und Mikroben innert Sekunden killt. Das schweflige Wasser helfe bei Neuralgie, Muskelschmerzen, diversen chronischen Angelegenheiten wie Müdigkeit, bei «feminine ailments», weiblichen Beschwerden, und aktiviere den körperlichen Stoffwechsel aufs Allerfeinste. Schon der erste Shogun wusste das und liess Wasser aus Kusatsu in Fässern in das fast 200 Kilometer entfernte Tokio schaffen, das damals Edo hiess.

Baden ist das eine. Doch zu einem richtigen Onsen-Aufenthalt gehört noch ein anderer wichtiger Punkt: das Essen. Das Menü ist fix und fixer Bestandteil der übernachtung. Das hat Tradition und wie jede Tradition einen Grund: Anfang des 17. Jahrhunderts unterlag Japan einer feudalistischen Militärdiktatur, dem Tokugawa-Shogunat. Dieses verlangte von den lokalen Herrschern (Daimyo genannt), auch in Edo einen Wohnsitz zu unterhalten, was im Land zu grösseren Reisereien führte, was wiederum nach sich zog, dass am Wegesrand Gasthäuser entstanden, Ryokans eben, in denen bald von der Regierung die disziplinfördernde Pflicht eingeführt wurde, den Gästen Essen zu fixen Zeiten zu servieren (damit die Gäste nicht zum Essen ins Nachbardorf mussten und diesen Ausflug zur Rumhurerei und Saufgelagen nutzen konnten).

Das Nachtessen begann punkt sechs. Leichter Jazz lief im Hintergrund. Der Speisesaal war nicht gross, und er ist eine Ausnahme. Normalerweise werden in einem Ryokan die Mahlzeiten auf dem Zimmer serviert. Neben mir sass ein Paar, und der Mann stellte sich während des Essens als grosser Schlürfer und Schlabberer heraus – und als Schmatzer sowieso. Ich ass still von den kleinen Plättchen, die Makiko servierte. Sashimi vom Kingfish, seltsam bitteres Gemüse, Gemüse, das aussieht wie eine zusammengerollte Riesenraupe, eine ge-schnitzte Maroni, eine Muschel, und alles ging gut runter, sogar der sehr eigenwillig schmeckende Rogen des Seeigels glitt hinab (mithilfe eines Schluckes des lokalen Bieres, wie immer aus einem eisgekühlten Glas getrunken) – bis der Fisch serviert wurde. Der Fisch sah aus wie ein prähistorischer Fund. Sein Mund stand offen. Er schien stumm zu schreien. «Mebaru», sagte Makiko. Ich hatte keine Ahnung, wie man einen Fisch mit Stäbchen verspeist.

Draussen sass eine Gruppe unter einem Dächlein und hielt die Füsse in ein Becken mit heissem Wasser. Der Yubatake dampfte wie ein Höllenloch. Und irgendwie ist er es ja auch. Der Yubatake ist eine Art Dorfbrunnen. Ein ziemlich grosser Dorfbrunnen. Eine schwärende Wunde mit schwefelgelbem Grund im Zentrum Kusatsus, wo das Wasser, heiss und stinkend, aus dem Boden schiesst, 5000 Liter in der Minute.

Ich scheiterte am Fisch. Also beschloss ich, am nächsten Tag etwas später zum Essen zu kommen, damit mir jemand vorass, damit ich bei meinen Nachbarn abschauen konnte, wie man einen ganzen Fisch mit Stäbchen isst.

Auf dem Flug lernte ich einen jungen Architekten aus Zürich kennen, der einen Teil seiner Kindheit in Japan verbracht hatte. Jetzt kehrte er für ein paar Wochen zurück, um Studien zu betreiben, den Tempel von Ise betreffend. Ein Tempel, den es zweimal gibt. Einmal fertig gebaut und nebenan sich im Bau befindend. Alle zwanzig Jahre wird der Tempel neu erbaut. Der alte wird niedergebrannt – und man beginnt auf demselben Grund wieder mit dem Bau der neuen Anlage. Ist er fertig, wird der andere Tempel wieder niedergebrannt, und man beginnt wieder mit dem Aufbau der Gebäude. Und so geht das hin und her und immer weiter, wie schon seit 1200 Jahren, ein episches architektonisches Pingpong. Der Architekt sagte, als wir auf Onsen zu sprechen kamen, dass mir ein grosser Spass bevorstünde. Ein grosser Spass und die ultimative Erholung/Erfahrung. Und dann sagte er, dass sie ihn dann sicher sehen wollen.

«Sie?» fragte ich. «Die anderen Badegäste.» – «Die anderen?» – «Die Männer.» – «Wollen was sehen?» – «Ihn.» – «Ihn?» – «Ja. Ihn. Dein Ding. Sie werden ganz wild darauf sein, ihn zu sehen.» – «Warum?» – «Sie wollen wissen, wie gross er ist.» – «Oje.» – «Und sie werden lachen.»

Kluge Affen

Als ich nach dem Essen mein Zimmer betrat, lag der Futon ausgerollt auf den Reisstrohmatten, den Tatami, dort, wo zuvor das Tischlein stand, und nachdem ich ein bisschen erschrocken bin, weil die WC-Brille geheizt war, ganz so, als müsse alles heiss sein, was mit dem Körper in Kontakt kommt, sank ich in einen schnellen Schlaf.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Es war absolut still, bis auf das leise Prasseln des dampfenden Wasserfalls des Yubatake, das klang wie ein ferner Regen. Ich sah mich im Zimmer um. Ein Elektroöfelchen stand da. Es hiess DANDY 3500. Ein ziemlich guter Name für ein Elektroöfelchen. Jetzt brauchte es niemand. Jetzt war Frühling. Aber im Winter wird es verdammt kalt, schliesslich ist man in den Bergen hier, und im Winter soll es wunderbar sein, in den heissen Quellen zu baden, in jenen Becken, die unter freiem Himmel sind, Rotemburo genannt, wenn der Schnee das Becken umfasst und die Kristalle auf dem Kopf schmelzen. In gewissen Bädern in den Bergen nahe der Stadt Na-gano etwa, im Höllental, benutzen im kalten Winter auch die Schneeaffen genannten Rotgesichtsmakaken gerne die heissen Bäder. Sind ja nicht dumm, die Affen.

Ich hörte nichts als das ferne Prasseln und das insektenhaft feine Wandern des quarzgesteuerten Sekundenzeigers des Weckers im Dunkel, der auf dem kleinen Fernseher stand. Der Wecker zeigte halb vier. Also gut, dachte ich, Zeit für ein Bad. Gebadet wird immer, rund um die Uhr.

Im Haus war absolute Stille, und fast klang es laut, als ich die Tür zum Bad aufschob. In gedämpftem Licht lag das mit dem trüben Wasser gefüllte Becken im hinteren Raum. Nackt im zweiten Raum wusch ich mich nochmals eindringlich. Nichts war zu hören, ausser dem feinen Plätschern des heissen Wassers, das in kleinen Mengen über einen Holzkanal in das Becken geleitet wird. Das Holz war gelb vom Schwefel. Zwei Lampen spendeten fahles Licht, und auch sie passten ins Bild. Wäre da nicht eine moderne Wanduhr im Vorraum, man wüsste nicht, welches Jahr wir schreiben, in welchem Jahrhun-dert man sich befindet. Das Baden ist eine Zeitreise. Das Becken ist nicht gross, vielleicht zwei mal drei Meter, und auch nicht sonderlich tief. Sitzt man auf der inneren Bank, reicht das Wasser bis zum Bauch. Sitz man flach im Becken, dann bis zum Hals. Das reicht auch.

Es gab für einen Moment nichts mehr auf der Welt als dieses Bad und das leise Plätschern und die Empfindung, gekocht zu werden, ein leichter Schmerz, der schwindet und dem Gefühl der Erlösung Platz macht.

Nach zehn Minuten war ich dann doch froh, dass es noch mehr gab als diesen Raum, dieses Becken mit schwefligem Wasser. Ich war krebsrot. Glühend ging ich durch die dunklen Gänge und über die knarrende Holztreppe zurück in mein Zimmer, zurück in die Nacht, die still war, bis zwei Vögel Streit bekamen. Vögel, deren Gefiepse ich noch nie gehört hatte und das unnatürlich klang, als imitiere ein Geräuschmacher Vögel mithilfe eines schlappen Luftballons. Ich fragte mich, warum die Vögel hier anders klingen als bei uns. Das war mir bei den Tokioter Stadtraben schon aufgefallen.

Das Frühstück stand schon bereit. Acht Uhr. Etwas sehr Bekanntes von Erik Satie ab CD, irgendwie besonders langsam gespielt, ein Tablett, darauf Tellerchen und Schalen, ein Dutzend, in einer davon ein Berg von weissen Mini-Aalen. Am Yubatake herrschte bereits reges Treiben. Touristengruppen zogen vorbei, angeführt von Fahnen schwenkenden Führern. Bald war ich in Kurmontur unterwegs in den engen Strassen Kusatsus und spazierte schnurstracks in den nahen Sainokawara-Park und dort in das öffentliche Bad. Die Prozedur war dieselbe: ausziehen, waschen, waschen, waschen, ab ins heisse Bad, wo ich bald unter dem Utase-yu, einer Kaskade heissen Wassers stand, das auf meine bleichen Schultern prasselte.

Drei alte Männer sassen da, nackt, auf einem Felsen, der aus dem dampfend heissen Wasser ragte, und redeten. Das weisse Tüchlein hatten zwei über ihre Schulter geworfen, und der eine trug es auf dem Kopf. Leises Gelächter schallte von ihnen her. Ein junger Mann sass bis zum Kinn im Wasser, die Augen fest geschlossen, schien zu meditieren, und sonst war niemand da, so früh am Morgen.

Hässlichkeit der Provinz

Ich hielt es kaum aus, stieg rasch aus dem Wasser, und es wurmte mich, dass ich kein Thermometer dabei hatte, ich hätte so gerne die Temperatur auf ein Zehntelgrad gemessen, um etwas wie einen Beweis zu haben. Dann setzte ich mich auf das Holzbänklein am Beckenrand in die frische Morgenluft. Ein Spazierweg führte dem Bad entlang in die Höhe. Freundlich winkte ich einem alten Mann zu, der in das Bad gaffte. Er winkte nicht zurück.

Nach dem Bad war mir nach Bewegung, und ich nahm den erstbesten Pfad, der in einen Wald führte und recht bald steil anstieg. Ich beschrieb einen Bogen aus dem Städtchen hinaus, und irgendwann kam ich an die Hauptstrasse, National Route 292, die ganz und gar nichts Romantisches hatte. Hier, am Rand, wo auch manche der Bettenburgen stehen, ist Kusatsu nichts als ein tristes Kaff, ein Konglomerat aus ramschgefüllten Vorgärten, klimatisierten Supermärkten, rostigen Kleinautos in der übergangszeit von der Winter- in die Sommersaison. Eine Kleinstadt in der Provinz. Schönheit ist in Japan all-gegenwärtig. Verpackungen von Süssigkeiten etwa sind wahre Kunstwerke. Die Süssigkeiten selbst sowieso. Bei der Architektur sieht es ein wenig anders aus.

Beim Undojana-Park studierte ich eine Tafel mit den einheimischen Vögeln, als ein Mann herantrat und die Tafel ebenfalls studierte. Er hatte in der einen Hand eine Leine mit einem sehr kleinen Pudel daran, in der anderen eine Halbliterdose Asahi-Bier. Er sagte etwas, ohne seinen Blick von der Tafel zu nehmen. Ich wusste nicht, ob die Worte an mich gerichtet waren, an den Pudel oder an sich selbst. Ich fragte ihn, was ich alle Menschen hier fragte: Warum sind alle verrückt danach, in heisses Wasser zu steigen? Der Mann schwieg. Ich ging zurück ins Zentrum. Bei der Feuerwehrstation war man daran, die beiden roten Wagen zu polieren. Sie glänzten in der Sonne wie kandierte äpfel.

Ich blieb noch einen Tag, machte eine Tour durch Kusatsu, in der Yukata, in der Hand ein kleines Täschchen mit dem weissen Lappen drin. Von öffentlichem Bad zu Bad, manche gratis, andere gegen einen bescheidenen Eintritt zu besuchen. Wie die altern Knacker es tun. Und vor allem wollte ich auf den Gipfel des Vulkans, Mutter aller Quellen, Resultat von Eruptionen im frühen Pleistozän, wo ein See im Krater liegt, türkisblau, mit schwimmendem Schwefel und dem sauersten Wasser der Welt, Yugama mit Namen, umrandet von einer Mondlandschaft, grau und tot. Zum letzten Mal brach er 1983 aus.

Murakami-Moment

Die Fahrt auf den Berg mit dem Bus dauerte eine halbe Stunde, und schon bald sah ich, dass sich etwas zusammenbraute, je höher wir stiegen, Kurve um Kurve, an der Skischanze vorbei, den pausierenden Schneekanonen, den grösser werdenden Schneeresten, Serpentine um Serpentine, den Schründen, Rüfen, aus denen es mächtig dampfte, und der Dampf drang in den Bus und füllte ihn faulig, und als ich oben aus dem Bus kletterte, ging gerade ein heftiger Hagelschauer nieder. Ich liess mich nicht beirren und folgte einem betonierten Pfad, der steil zum Gipfel hochführte, hinter dem sich der Kratersee hinduckt. Die Hagelkörner knirschten unter den Schuhen, der Wind blies scharf, und der Nebel wurde immer dichter. Oben angekommen, sah ich: nichts. Ich sah auch die Holzbank erst, als ich darüber stolperte. Mir war ein wenig anders, und ich bekam ein Gefühl dafür, wie es einem Einbrecher geht, wenn der Juwelier über eine Vernebelungsanlage verfügt. Der Wind pfiff mit hohem Ton (würde man diesen Ton in einem Film verwenden, man würde denken: total übertrieben), ich wartete, lange Minuten, zitternd vor Kälte, und plötzlich zerfetzte der Wind den Nebel, der Boden war zu sehen, dann ein flacher Abgrund, steinig, grau, tot, und weiter unten schimmerte blau der Yugama, durch den Nebel hindurchleuchtend wie ein fluoreszierendes Meer, um gleich wieder gänzlich zu verschwinden im Weiss, wie der Rest des Bildes.

Ich nahm den nächsten Bus nach Kusatsu. Als ich das Hotel betrat, donnerte es gewaltig. Super, dachte ich, denn ich wollte ins Bad eilen, stellte es mir mehr als romantisch vor, im heissen Wasser sitzen, die Augen geschlossen und zu hören, wie die schweren Tropfen auf dem Dächlein über dem Becken detonieren, und ich würde nochmals an das Gefühl denken, das ich hatte, als ich auf dem Vulkan stand, blind und ängstlich, zitternd und hoffend, dass er nicht gerade jetzt ausbrechen würde – es war ein Murakami-Moment (fehlte bloss noch, dass eine Frau auftauchte, die wunderschöne Ohrläppchen hatte und…). Dann kam mir eine alte europäische Weisheit in den Sinn: Blitze  & Wasser = Lieber aufs Zimmer und Tee trinken und abwarten. Es würde wohl kaum der Blitz in die Teetasse einschlagen.

Bald sass ich wieder auf einem Schemel, das Ritual wiederholte sich und wusch mich intensiv, keine Falte wurde ausgelassen, und mir fiel dabei die Geschichte ein von einem Theater-regisseur, der bekannt dafür war, als ständigen Begleiter einen ziemlich strengen Körpergeruch mit sich herumzutragen. Als es einer Assistentin irgendwann zu viel wurde, sprach sie ihn darauf an, worauf er ihr erklärte, dass es dafür Gründe gäbe, dass nämlich sich zu viel zu waschen schlecht für die Aura sei. Wenn das stimmen sollte, dann wäre von meiner Aura in zwei Tagen nichts mehr übrig.

Im heissen Becken sass neben mir ein Japaner mit dem weissen Lappen auf dem Kopf. Er pfiff munter eine Melodie, sie war mir bekannt, so bekannt, dass ich einen Moment nachdenken musste, von wem sie stammt. «Ah», sagte ich, «Beethoven. ‹Freude schöner Götterfunken›.»

Der andere hielt inne und nickte anerkennend. «I love german classical music», sagte er, und ich war sehr erfreut, einen Japaner zu treffen, der wirkte, als sei er für einen Schwatz zu haben, so wie es in den Bädern nicht unüblich ist. Ich wollte mit ihm aber nicht über Beethoven reden, sondern über Onsen. Ich fragte ihn tausend Dinge gleichzeitig. Warum? Wie oft? Weshalb? Wo? Und wie stark der religiöse Aspekt sei, denn im Shintoismus (die Japaner pflegen ein eklektizistisches Verhältnis zu Religionen, und die meisten bedienen sich sowohl beim Buddhismus wie auch beim Shintoismus) ist Reinheit der erstrebenswerte Zustand – Beschmutzungen sowohl physischer wie psychischer Natur gilt es zu vermeiden.

Der Mann blieb unverbindlich (Religion ist ein Thema, über das man nicht gerne spricht), sagte, er und seine Frau kämen gerne immer wieder mal von Tokio her, von wo es ja nicht weit sei. Es sei gesund. Ja, er sei überzeugt, dass er länger lebe, weil er bade.

Dann nickte er mir zu und machte sich daran, aus dem Becken zu steigen, nicht ohne ein bisschen zu stöhnen. Ich fragte ihn schnell, wo es noch schön sei, wo ich noch hinreisen müsse. Er stand vor mir, sein runzeliger Körper mit wenig Bauch und Haaren sah aus wie tausend Jahre alt, sein Ding hing verschrumpelt herab, und er macht keine Anstalten, es mit seinem Lappen zu bedecken. «Gora», sagte er. Gora sei der Ort, und Gora Kadan der Ryokan, wo ich hin müsse, wollte ich ein sehr japanisches Erlebnis. Aber das habe seinen Preis. 100 000 Yen die Nacht. Das sind gut 1000 Franken.

Ich sagte «oh», und wenig später wechselte ich das Becken, schlüpfte in Holzsandalen und schob die Tür nach draussen auf, wo es kalt war, und ging durch den Regen auf einem Steg zum hölzernen Aussenbecken, blieb kurz im Regen stehen, bis mir kühl wurde, fast schlotterte, die Zähne klapperten, und dann glitt ich in das Heiss, das ich nun nicht mehr als Schmerz empfand, sondern als Erlösung. «Gora Kadan», dachte ich. Und es gärte der Entschluss, als plötzlich ein Blitz zuckte und ich ins-tinktiv innerlich zu zählen begann. «21, 22». Dann lautes Krachen. Am nächsten Tag brach ich nach Gora auf.

Bäder mit Aroma

Die Züge zischten durch das Land wie ein Japanmesser durch Papier, und ich blätterte in einer japanischen Zeitschrift, in der nichts ausser Ryokans mit eigenen heissen Bädern abgebildet waren. Ich sah ein Bad mit rot brodelndem Wasser. Hypermoderne Hotelbauten, die aussehen wie aufs Festland gesteuerte Schiffe mit ultrastrengen Holzbädern. Ein Bad unter freiem Himmel, über einem Gebirgsfluss thronend, das nur mit einer kleinen Standseilbahn zu erreichen ist. Heisse Quellen, die in Becken in einer Bucht zum Baden laden und ins Meer überlaufen. Wannen in Höhlen. Solche, von denen aus sich satter, grüner Wald überblicken lässt. Einfachste, kleinste Häuser, manche nichtssagend, mit traurig gekachelten Bädern, andere bilderbuchmässig idyllisch bis traumhaft inmitten von nichts als Natur, andere Teile von Bauerndörfern, die an eine Zeit erinnern, als die Ronin durch das Land zogen, wie Kulissen zu einem historischen Epos von Akira Kurosawa.

Ich wusste aber auch, dass Japan nicht Japan wäre, gäbe es nicht auch den zeitgenössischen Onsen-Irrsinn: In Hakone gibt es Bäder, so hatte mir ein Freund in Tokio erzählt, deren Wasser aromatisiert sind und nach Rotwein, Sake, Grüntee und Schokolade riechen. Rotwein, so sagte der Freund, sei mit Abstand das Ekligste gewesen.

Ein paar Stunden später sass ich im Empfang des Gora Kadan und beobachtete ein Paar, das aus einem Bentley kletterte, die Frau von Kopf bis Fuss in Chanel gekleidet.

Und wieder dasselbe Prozedere, das Ritual. Die Maid im Kimono, Nakaisan, brachte mich auf das Zimmer, servierte Tee, klärte ab, wann ich das Abendessen haben möchte, wann das Frühstück. Auf dem Tischlein lag ein Brief des Hoteldirektors. Darin bittet er, die hier üblichen Gepflogenheiten zu res-pektieren. «Das Onsen basiert auf dem Geist des Zen und hilft der Meditation in Ruhe.» Daneben lag ein Buch. Es hiess «We Japanese». Ein feiner Band in Leinen, dick und schwer, erstmals erschienen im Jahr 1933, herausgegeben von einem Hoteldirektor im nahen Hakone. Ein Buch, das dem Touristen in englischer Sprache die sonderbar scheinende Welt der Japaner erklärt. Von nachvollziehbaren Dingen wie dem Kirschblütenfest über die Namen von verschiedenen Desserts bis hin zur historischen Fischerei des beliebten Ayu-Fisches mit dressierten Kormoranen. Nun ja. Sie ist auch wirklich sehr, sehr sonderbar, diese Welt. Und fremd. Gar fremd. So fremd, dass das Verstehenwollen bald dem Nichtbegreifen-aber-Akzeptieren weicht, zum Beispiel wenn man im Fernsehen ein Live-Turnier von zwei Mönchen sieht, die das Brettspiel Go spielen, stundenlang.

Silberner Minirettich

Das Gora Kadan ist die Luxusversion eines Ryokan. Selbst das Ding, auf dem beim Essen die Stäbchen ruhen, ist ein Kunstwerk: ein silberner knorriger Minirettich. Und das Essen dann, abends: Mir war schnell klar, dass ich die Menükarte zu Hause rahmen und in der Küche aufhängen würde. Beim ersten Bissen schon, beim Appetizer, wusste ich, dass es lange dauern würde, lange, bis ich wieder je etwas so Gutes essen würde.

Ob der Mann recht hatte, der mir das Gora Kadan empfahl, dass nämlich auch das Dörflein Gora wunderschön sei, das weiss ich nicht. Ich blieb im Ryokan. Sass stundenlang auf den Tatami und starrte in den kleinen japanischen Garten vor meiner Veranda. Dann ging ich ins Bad. Jemand schimpfte einst über die sogenannte Wellnessbewegung. Er tat sie ab als puren Egois-mus, als Eskapismus, als teuer bezahlte Abkehr von der Realität, als feige Flucht. Nun gibt es kein Land, wo das Kollektiv, der Gemeinschaftssinn stärker ausgeprägt ist denn in Japan. Und hier sind alle absolut verrückt nach dem, was wir unter Wellness verstehen. So schlecht also können sie für die Gesellschaft nicht sein, die kleinen Fluchten aus der Hölle des Alltags.

Das Ritual wiederholte sich. Ich erschrak nur noch ein wenig, als ich den ersten Fuss hineinsetzte, gewöhnte mich schnell daran, gleitete hinein, und das Wasser spiegelte das grelle Sonnenlicht, warf es an die Unterseite des japanischen Ahornbaums, dessen feine Blätter vom Wind bewegt zu brennen schienen, lichterloh. Dann schloss ich die Augen, und das Leben kam mir vor, wie ein lang ersehnter Traum.

PS: Der junge Architekt im Flugzeug hatte unrecht: Niemand hatte spezielles Interesse an meinem Ding. Und niemand lachte.

PPS: Der Mann in Kusatsu hatte auch unrecht. Ein Zimmer im Gora Kadan kostet gar nicht 1000 Franken. Sondern weniger. – Ein bisschen weniger wenigstens.

Das Höhlenloch im Zentrum Kusatsus | Bild: Max Küng
Das Höhlenloch im Zentrum Kusatsus | Bild: Max Küng
Ein bisschen wie im Nebel (hier auf dem Vulkangipfel) fühlt man sich als Europäer immer in Japan. | Bild: Max Küng
Ein bisschen wie im Nebel (hier auf dem Vulkangipfel) fühlt man sich als Europäer immer in Japan. | Bild: Max Küng
Hier putzt und schrubbt man sich lange und gründlich. | Bild: Max Küng
Hier putzt und schrubbt man sich lange und gründlich. | Bild: Max Küng

Die Diskussion

7 Reaktionen

  1. Sacha Lenz

    Ich bin ein langjähriger Magazin-Leser und voller Wohlwollen für Max Küng. Deshalb gönne ich ihm den sicher erholsamen Japan-Aufenthalt. Doch frage ich mich bei diesem Bade-Artikel: so what? Was bringt mir dieser Artikel? Was soll ich daraus für Schlüsse ziehen. Nicht mal lustig ist er. Hätte ein Aufenthalt in Vals oder Zuoz unter dem Strich nicht fast gleich ausgesehen, ähnlich gewirkt? Ich versuche zu verstehen, warum mich dieser Artikel interessieren soll. Es gelingt mir nicht. Hat er irgend eine Relevanz?

  2. Viviane Egli

    Mit Faszination und Freude habe ich Ihren Text und Ihre Bilder zum Thema Onsen gelesen und angeschaut. Intensiv, assoziativ, ernsthaft und humorvoll. Wunderbar erfrischend.


    Josef.Renner
    ich bin selber onsen-fan, finde den text aber auch so völlig in ordnung (relevant und lustig sowieso). vor allem in kombination mit max küngs souveräner performance im video interview (bravo!).

    ps. bitte um tipp bez. online-scrabble-server

  3. Max Küng

    hat ja nix mit japan zu tun, aber hier die gewünschte adresse für schöne stunden:
    http://thepixiepit.co.uk/cgi-bin/scrab/german/p2/crossword.pl

    mit besten grüssen
    max küng

  4. Mario Aeby

    Wer Japan bereits ein- oder mehrere Male besuchen durfte, wird die Erfahrungen Max Küngs mit der neuen Kultur mit einem steten Schmunzeln bis zu Ende lesen. Ein gelungener Artikel! Wer Sauna-Besuche liebt, wird die Aufenthalte im Ryokan und Onsen schätzen lernen. Einzig über die allzu gesunde Nahrung kann man sich ein wenig streiten …

  5. Max Küng

    Eben erhielt ich ein Mail von Charly Iten vom Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich (Abteilung für Kunstgeschichte Ostasiens), welches gewisse Dinge präzisiert: Sehr geehrter Herr Küng, besten Dank für Ihren Bericht "Heisse Sachen" im Magazin von letzter Woche.
    Ich habe mich als erfahrener onsen-Fan wunderbar amüsiert.
    Einen Nachtrag möchte ich allerdings noch gerne anbringen.
    Shintoistische Heiligtümer werden nicht als Tempel, sondern ausschliesslich als Schreine (jap. jinja) bezeichnet.
    Ausserdem handelt es sich bei dem von Ihnen erwähnten ersten shôgun mit Sitz in Edo (Tôkyô) lediglich um den ersten shôgun
    aus dem Hause Tokugawa. Der wirklich erste shôgun im Sinne eines Militärherrschers war dagegen Minamoto no Yoritomo (1147-1199) mit Regierungssitz in Kamakura. Mit freundlichen Grüssen Charly Iten

  6. Patrick Juchli

    Den klugen Affen kann man auch zuschauen und zwar hier und das Live: http://www.jigokudani-yaenkoen.co.jp/livecam/monkey/index.htm

  7. Claudio Del Principe

    Dieser Samstag war kein guter Samstag. Zuerst. Ein guter Samstag fühlt sich gut an. Immer. (Das wurde mir als Kind mitgegeben. Nebst schulfrei und abmachen mit Freunden gabs immer ein Extraprogramm, und zwar – vor dem Baden – Daktari oder Raumschiff Enterprise kucken und – nach dem Baden – ein halbes Brathähnchen mit Ofenkartoffeln verputzen). Ein guter Samstag ist: den Körper ausgiebig mit Frühstück, den Geist mit dem «Magazin» füttern und dann voller Tatendrang losziehen. An diesem Samstag aber bin ich ein verkaterter, zweifacher Papi, draussen spielt der Juni nebliger Novembermorgen und mein Extraprogramm ist Familen-Wochenendeinkauf. Ich verdrück mich auf die Toilette. Neblig und leicht deprimierend auch die Bilder in Max Küngs Onsen-Reportage. Doch dann, plötzlich, eine heitere Offenbarung. Meine Frau ruft mir zu, sie gehe jetzt ohne mich mit den Kindern einkaufen, dafür hat sie den Nachmittag für sich. Ah, schon besser! Entspannt tauche ich in Küngs erste Zeilen. Und schon nach dem zweiten Abschnitt merke ich: das nimmt mich mit. Sehr, sehr tief mit. Ich lasse mir ein extra heisses Bad einlaufen. Gegen den immer noch grausliger Nebel und den unverschämt kalten Frühlingstag da draussen. Haben wir noch von diesem giftgrünen japanischen Badesalz, das wir einmal im Muji in London gekauft haben? Oh, ja. Ich schütte alles was noch drin ist (aber was es ist, weiss ich nicht genau, denn auf der Etikette hat es nur japanische Schriftzeichen) in die Wanne. Und dann gleite ich hinein, in die heisse Geschichte. Es wird die beste Symbiose aus Lesen und Abtauchen, die ich je erlebt habe. War es gar Meditation? Domo arigato, Küng-san!

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