Helden wie wir

Sein Blick ist so scharf, dass es wehtut. Und da er auch penibel beschreiben kann, was er sieht, liest sich Peter Stamms neuer Roman nicht wie Literatur, sondern wie das eigene Leben.

31.07.2009 von Anuschka Roshani , 1 Kommentar

Auf dem Rückweg von Peter Stamms Haus in Winterthur sitzt, auf einem Treppenabsatz, ein junges Mädchen mit einem hübschen, unfertigen Gesicht und weint. Es wischt sich über die Augen, nicht, als schämte es sich seiner Tränen, aber doch, als wolle es kein Aufheben darum machen.
Ein Vater, dessen asiatische Züge sich im Gesicht seines blonden Sohnes spiegeln, trägt einen Rucksack, aus dem eine Angel ragt. Auch der Sohn hat einen Rucksack umgeschnallt und darin eine Angel. Es giesst in Strömen, sie reden trotzdem davon, nun zusammen Fische zu fangen.
Ein Halbwüchsiger, dem Locken den Blick verschleiern, wird von Polizisten umringt, er spricht laut, brüllt fast; was er sagt, ist nicht zu verstehen.
Drei der Wirklichkeit abgeluchste Szenen, geschehen innerhalb weniger Minuten, weniger Meter. Täglich geht man an ähnlichen vorbei. Diesmal nicht. Noch hat man Peter Stamms Sorgfalt vor Augen, als er einem zum Schluss eine Rande mitgibt. Er hatte sie aus dem Beet seines Gartens gerupft, ihr den Strunk abgerissen, nicht ohne sich zuvor zu vergewissern, ob man mit dem Grün etwas anfangen wolle. Sie abgespült, getrocknet und in ein Plastiksäckchen gepackt, damit sie nicht abfärbt.
Was also würde Peter Stamm mit ihnen anstellen? Wären sie für den Schriftsteller Ausgangspunkt für Spaziergänge im Kopf? Würde er seiner Wahrnehmung an der Tastatur nachfolgen? Natürlich ist auch Stamms Welt aus Atomen gebaut, seine Welt ist unsere Welt, aber wenn er schreibend wie durch ein Vergrösserungsglas auf sie schaut, dann sieht er grössere Bausteine im Kleinen. Dann entdeckt er jede Menge Leben in jeder Menge Geschichten, oder andersrum. Im Laufe der Jahre hat sich der 46-Jährige so zu einem Spezialisten fürs Allgemeine entwickelt. Für das, was zwischen Menschen geschieht, weil es das ist, was sie verbindet.
Seine Erzählungen und Romane handeln von dem, was jeder kennt: von dem Unspektakulären, das sich für den Einzelnen plötzlich spektakulär anfühlen kann. Vom Normalen, das aus dem Tritt gerät. Es gibt in jedem Leben diese Momente, in denen nichts mehr selbstverständlich ist, in denen man sich fühlt, als betrete man eine stillgelegte Rolltreppe. Es schwindelt einen, während man sie hochsteigt. Weil es immer dann am leichtesten ist, wenn sich Wahrnehmung und die Formulierung, die man für das Wahrgenommene findet, decken, wenn sich beides aufeinanderlegt, ohne dass die Ränder verrutschen. Nach eben dieser Passgenauigkeit von Realität und Sprache sucht Stamm, und er geht dabei präzise vor wie ein Buchhalter, wie der Buchhalter, der er früher war.

Ein intakter Mensch
Nach seiner kaufmännischen Lehre begann er bei der Schweizerischen Verkehrszentrale als Buchhalter, auf deren Aussenstation in Paris, mit neunzehn. Er war ein guter Schüler gewesen, in seiner Klasse beliebt, nur im Turnen eine ziemliche Niete, und da so was zählt, wenn man sechzehn ist, verlor er die Lust an der Schule und ging ab. Die Matur holte er dreieinhalb Jahre darauf nach, nicht, um es bloss zu Ende zu führen, sondern um zu lernen. Wäre es ihm nur um ein Blatt gegangen, hätte er später nicht immer wieder Wege abgebrochen, etwa sein Studium der Anglistik, Psychologie und Psychopathologie. Im Grunde aber wollte er früh immer nur eines: schreiben, und dass er das lange nur nebenbei tat, hängt wohl auch damit zusammen, dass bis heute einer seiner Leitsätze über das Schreiben lautet: «Entwickle nicht deinen Stil, sondern deine Persönlichkeit.»
Dazu hatte er genug Möglichkeiten. Als Ramper — sieben Jahre lang wies er Flugzeuge bei der Gepäckladung ein —, als Journalist, als Satiriker beim «Nebelspalter», als Hörspiel- und Theaterautor, als Nationalratskandidat für die Grüne Partei Winterthur. Er reiste viel, in die entlegensten Ecken, erfuhr einiges, war — wie es Elisabeth Raabe ausdrückt, die seine erste Verlegerin bei Arche wurde — bereits vor der ersten Veröffentlichung «ein fertiger, intakter Mensch», der sich auch ohne zu schreiben durchs Leben geschlagen hätte, es aber dennoch ungeheuer wollte. Er schrieb und schrieb, schmiss ebenso viel weg, drei vollständige Manuskripte, bis er seinen Roman «Agnes» endlich an fünf Verlage schickte. Nur an «die besten, grossen», erinnert sich Stamm, darunter Fischer, Rowohlt, Suhrkamp, «in der Verblendung des jungen Autors, der sich für ein Genie hält». Fünf Absagen kamen zurück. Erst als er Gelegenheit hat, das Manuskript der Zürcher Literaturagentur Liepmann zu zeigen, geht es los.
«Agnes» macht den Thurgauer 1998 aus dem Stand zum viel beachteten Schriftsteller, dessen Werk in 24 Sprachen übersetzt wird. Es ist die Geschichte von Agnes, die in Chicago einen Schweizer Journalisten kennenlernt, sich verliebt, schwanger wird und sich entscheidet zu gehen, als die Fiktion Übermacht über die Wirklichkeit gewonnen hat. Der Schweizer nämlich hatte auf Agnes’ Wunsch hin eine Figur aus ihr gemacht, er hatte ihr gemeinsames Leben auf dem Papier entworfen, Kapitel für Kapitel, bis Agnes seine Einbildung wahr macht.
Auslöser für «Agnes» war ein Augenblick. Stamm sass mit seiner damaligen Freundin in Freiburg an der Saane, betrachtete sie von der Seite und meinte auf einmal, eine Unbekannte neben sich sitzen zu haben. Und obwohl einen das verstören könnte: Stamm machte es glücklich. Es kam ihm wie eine Epiphanie vor, wie ein Aufglimmen des Glücks, und bewog ihn, daraus einen Handlungsfaden zu spinnen. So wie bei einer Matrjoschka wieder und wieder ein neues Püppchen zum Vorschein kommt, so schachteln sich hier die Geschichten ineinander, und wahrscheinlich verrät Stamms Erleben des Bekannten als zutiefst Unbekanntes darüber hinaus viel — über jeden anderen Protagonisten, den literarischen und realen, wie über Stamm. «Du merkst, dass du immer mit Bildern lebst», so nüchtern formuliert es Stamm.
Das heisst, am Anfang war nicht das Wort. Stattdessen ein Gefühl. Der Schriftsteller arbeitet wie ein Trafo: Zunächst ist da der Abdruck eines Gefühls, das sich wie in einem Tagtraum an die Oberfläche seiner Erinnerung schiebt, dann versucht er, dafür die richtige Form zu finden. Was er findet, ist ein Bild, und dieses Bild erzeugt beim Leser wieder ein Gefühl, ein ureigenes, das nicht zwangsläufig das Gleiche sein muss wie jenes, das Stamm hatte. Das baut der Leser in seine Welt ein, in seine Gefühlswelt, somit wahre Welt, und es ist unwichtig, welches Bild sich sein Gedächtnis wählt, um es aufzubewahren. Es geht allein darum, sich der Welt und seiner selbst zu versichern.
Peter Stamm erzählt von seinem siebenjährigen Sohn: wie dieser sich die Welt mittels Sprache erfahrbar mache. «Zu Matteos ersten Wörtern gehörten Auto und Katze, dabei haben wir weder das eine noch das andere.» Er habe oft den Eindruck, dass Matteo die Dinge erkenne, indem er ihre Namen lerne. Vielleicht habe er gerade deshalb zuallererst etwas benannt, was ihm fremd war — um sich damit vertraut zu machen.
Nichts anderes tut Stamm, wenn er schreibt: Er macht eine Sache zu seiner Sache. Er erkennt, während er schreibt. Er befragt sich. Bei seinem neuen Roman «Sieben Jahre» fragte er sich: «Inwiefern hat jemand Macht über uns, der uns liebt?» Der Held Alexander beginnt eine Affäre mit Iwona, einer Polin, die ihn gleichermassen abstösst und anzieht. Verheiratet ist er mit Sonja, schön, klug, eine, die nie zu schwitzen scheint. Iwona begehrt er, obwohl sie weit weniger begehrenswert wirkt als Sonja, bei ihr ist er er, bei Sonja muss er jemanden darstellen. «Sieben Jahre» ist ein grosses Buch geworden, und daher ist es kein Zufall, dass es als Anwärter für den Schweizer und Deutschen Buchpreis gilt. Die ersten Leserstimmen hat Stamm schon eingesammelt. Drei Männer offenbarten ihm, auch sie würden so eine Sonja zu Hause haben, so ein Wunder weiblicher Perfektion. Demnach ist Sonja nicht zu schön, um wahr zu sein, es gibt sie.
Darin liegt Stamms Kunst: Jede seiner Geschichten könnte die eigene sein. Seine Leser verlieren sich im Text und können sich doch hinterher neu zusammensetzen. Und da Stamm hochbewusst schreibt und zugleich wie auf einem Bewusstseinsstrom dahintreibend, weil er immer nach dem schlichtesten Wort, eigentlich tonlosem, in seinem Gehirn fahndet, anstatt nach dem klingendsten, deswegen können die Leser nicht aufhören zu lesen. Nicht aufhören, es abzugleichen mit ihrem Leben oder dem Entwurf ihres Lebens.
Einigen Kritikern stiess seine verknappte Sprache auf, Elke Heidenreich bezeichnete ihn als «eiskalte Präzisionsmaschine». Aber wenn er sich bemüht, alles Gefühlige wegzulassen — sich extra fürs Schreiben in den Zug setzt, mit der ewig selben Musik seine Ohren ablenkt oder ein Metronom aufstellt —, dann, weil er das Gegenteil erreichen möchte: Mitgefühl.

Verwechslungsgefahr
Einmal kam ein junger Russe nach einer Lesung zu ihm und sagte, «Agnes» sei seine Geschichte, Agnes seine Freundin, eine Arabistik-Studentin, die ihre Kindheit in Afghanistan verbracht habe. «Was den Studenten an meinem Buch berührt hat, war nicht meine Geschichte, waren nicht meine Gefühle», sagt Stamm, «was ihn berührt hat, waren seine Gefühle und die Tatsache, dass schon vor ihm jemand so gefühlt und darüber geschrieben hatte.» Stamm wundert und freut sich darüber zugleich. Einerseits erstaunt es ihn, wie sie von seinen Büchern reden, geradeso, als ob ihnen all diese Dinge passiert seien, andererseits will er exakt das: Seine Leser sollen seine Bücher als Wirklichkeit nehmen, nicht als Literatur. Sein Roman «An einem Tag wie diesem» habe ein Paar zusammengebracht, ein anderes auseinander, hat er gehört.
Was bleibt, ist Verwechslungsgefahr. Häufig würden die Leute von seinen Fiktionen sprechen, «als sei ich nicht der Urheber». Er wird es in Kauf nehmen müssen, als Preis für die Ernsthaftigkeit, die er scheinbar gewöhnlichen Menschen widmet. Und er muss zugeben, dass er es auch geniesst, «Gott zu spielen, weil ich eine Welt schaffe, die die Leute glauben». Eine Italienerin soll ihm so sehr geglaubt haben, dass sie ihr dreijähriges Kind tötete; auf ihrem Nachttisch, hiess es in den Gerichtsakten, habe «Agnes» gelegen.
Selbst sein Lektor beim Fischer-Verlag, Oliver Vogel, gesteht, er müsse aufpassen, sich nicht total zu identifizieren. «Ich glaube ihm jedes Wort, frage ihn danach jedes Mal, ob er die Erzählerfigur ist.» Und daran gebe es doch gar keinen Zweifel, dass «einer, der solche Bücher schreibt, nicht bürgerlich sein kann, Abgründe haben muss». Etwas Amoralisches begleite Stamms Hyperrealismus; sein überaus feines Gehör erlaube ihm keine Schranken beim Nachdenken.
Diese schonungslose Genauigkeit, der sich Stamm aussetzt, die er seinen Lesern zumutet, scheint ihn für einige verdächtig zu machen. Da sieht einer was und wagt es auch noch, dieses beim Namen zu nennen. Dabei gibt er sich so stinknormal: hat wie jedermann eine Familie, zwei kleine Söhne und eine Frau, die Modedesignerinist. Wohnt in einem hübschen alten Haus, ist offen, freundlich und unaufgeregt. Sieht aus wie einer, nachdem man sich auf der Strasse nicht umdreht. Zieht keine Show ab, weder auf dem Papier noch als Person. Bei Lesungen — einen Kugelschreiber in der Hemdentasche, die Armbanduhr neben sich auf dem Pult — liest er, als wolle er verschwinden hinter dem Geschriebenen. Trotz all seiner vermeintlichen Durchschnittlichkeit aber scheint er etwas über die Menschen zu wissen, schlimmer noch, es ihnen auf den Kopf zusagen zu können, obwohl Stamm betont, seine Geschichten seien nicht autobiografisch, nur sehr persönlich. Stamm sagt: «Alle meine Bücher haben was mit mir zu tun; ich weiss nicht was, ist auch egal, aber ich schreibe nur das hinein, was ich weiss.» Ab und zu erschrecke er wegen dem, was da stehe. Weil es eine Seite von ihm freilege, von der er nichts ahnte, die ihm nicht unbedingt sympathisch sei.
Irgendwas bei ihm wirkt wie eine Schubumkehr. Er ist ein Meister der Auslassung, aber die funktioniert bloss, weil rechts und links genug steht. Er malt kein Bild aus, tupft nur hie und dort, das aber mit derart viel Akkuratesse, dass man meint, er habe das gesamte Panorama ausgepinselt. Er ist seltsam unterspannt und bezieht daraus Spannung. Fast gewinnt man den Eindruck, er halte vor allem deshalb einen gewissen Abstand, damit sein Gegenüber etwas hat, was es überwinden kann.
Stille Wasser sind tief, sagt man. Und jenen stillen Gewässern, deren Stille nicht durch die kleinste Welle aufgewirbelt wird, haftet paradoxerweise etwas besonders Aufreizendes an. «Ich hoffe doch, dass er ein Geheimnis hat, er holt ja schliesslich seine Kunst irgendwoher», sagt Eva Koralnik von der Agentur Liepmann über ihren Autor. Der sagt: «Ich habe öfter den Eindruck, die Leute haben Schiss vor mir. Vielleicht weil ich was Strenges habe?»
Streng wirken seine lotrechten Denkerfurchen, die er sich in den letzten paar Jahren eingefangen haben muss, womöglich über der Schärfe seines Blicks. Es könnte aber auch daran liegen, dass er viele mit seiner zufriedenen Zurückgenommenheit provoziert — so einer muss doch einen enormen Ehrgeiz haben, wie kann er dann nicht zerrieben werden von Ansprüchen?
«Ich glaube, die meisten von uns leben in Situationen, die ihnen nicht ganz entsprechen, sind weniger selbstbestimmt, als sie sein wollen.» Er stellt das glasklar fest, ohne zu psychologisieren. «Gertrude Stein hat mal gesagt, die meisten Menschen sind meistens glücklich, und erst fand ich den Satz doof, aber ich glaube, er stimmt. Menschen haben ein grosses Talent, sich einzurichten in dem, was sie haben. Man muss vielleicht nur anfangen, das Leben anders anzugucken.» Er selbst schaut anders darauf, milder, seitdem er Vater geworden ist.
Mag sein, dass er einfach den Fehler seiner anderen Schriftstellerkollegin Colette nicht wiederholen will, die einsehen musste: «Ich hatte eigentlich ein sehr schönes Leben, nur habe ich es zu spät gemerkt.» Mag sein, dass seine Autonomie ihn zufrieden macht: in seiner Fantasie alle, auch die krummen Pfade einschlagen zu können, um sie im wahren Leben nicht mehr gehen zu müssen. Jedenfalls sei für ihn die eigentliche Herausforderung, sagt Stamm, ein normales Leben zu führen, dieses aufregend hinzukriegen, so wie er versucht, die undramatischen Leben seiner Figuren mitreissend zu gestalten. «Ich finde es schade, wenn man nichts aus seinem Leben macht.»
Während seines Studiums hatte er einige Monate lang Einblick in die Psychiatrie. Was er sah, kam ihm nicht abartig vor; er kannte solche Gefühlswirren, sie waren lediglich ins Extreme gesteigert. «Jeder Mensch hat doch etwas Immenses, und auch ein Buch ist ja im Grunde ein Wahnsystem.»
Vermutlich ist es gar nicht so schwierig, der Person Peter Stamm hinter seinen Texten auf die Spur zu kommen — weil da ja zum Glück seine Texte sind. Zum Beispiel seine Reportage über die norwegische Hafenstadt Båtsfjord. Dort hat er einen Satz geschrieben, der alle Stamm-Stimmung birgt: «Da fiel mir die alte Geschichte ein vom Matrosen, der die silberne Teekanne des Kapitäns über Bord fallen lässt und dann zu ihm geht und fragt: ‹Ist etwas verloren, wenn man weiss, wo es ist?›»

«Sieben Jahre» erscheint am 12. August im S. Fischer Verlag, Frankfurt.

«Auch ein Buch ist ein Wahnsystem», sagt Peter Stamm. Manchmal erschreckt ihn, was er geschrieben hat. | Vincent von Ballmoos
«Auch ein Buch ist ein Wahnsystem», sagt Peter Stamm. Manchmal erschreckt ihn, was er geschrieben hat. | Vincent von Ballmoos

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Stalder Hanspeter

    Sensationell
    Herzliche Gratulation für die Rezension von Peter Stamms neuem Roman «Sieben Jahre» durch Anuschka Roshani. Das ist Journalismus, der dem Buch entspricht.

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