20.03.2009 von Sacha Batthyany
Sämtliche Plätze sind belegt, das Licht wird gedimmt, Markus Schaefer und seine Partnerin Hiromi Hosoya beginnen ihren Vortrag an der ETH Zürich. Und während sie über ihr Verständnis von Architektur sprechen, über ihre Art zu denken und zu planen, greifen immer mehr schwarz gekleidete Studenten zu ihren schwarzen Notizbüchern. Und sie tun gut daran. Denn hier spricht die Zukunft.
Von der Zukunft ist in ihrem Atelier zunächst wenig zu sehen. Es ist, wie es bei Architekten immer ist, weisse Flachbildschirme stehen auf langen Tischen, und in der Ecke stehen Styropormodelle. Erst wer den beiden gegenübersitzt, merkt: Hier geht es um mehr als um Gebäude in futuristischem Design oder Wolkenkratzer mit kühnen Fassaden. «Wir sind an der Form wenig interessiert», sagt Hosoya, sagt Schaefer überzeugt, «uns geht es darum, die Welt so zu bauen, dass sie die nächsten hundert Jahre noch funktioniert.» Solche Sätze klingen in Zeiten, in denen Moskau, Dubai oder Taipeh um das höchste Gebäude streiten zunächst eher zurückhaltend, fast idealistisch. Doch das sind Hosoya und Schaefer nicht.
Zum Beispiel Ljubljana. Auf einer Fläche von 230 Hektaren soll in den nächsten fünfundzwanzig Jahren ein neuer Stadtteil entstehen. Beruhend auf ihrem Masterplan, entstehen Pärke, Boulevards, Regierungsgebäude, Wohnungen. Sie entwerfen Plätze, auf denen sich Menschen dereinst an Sonntagen treffen, verlieben und betrügen werden, Hiromi Hosoya und Markus Schaefer, die Japanerin und der Schweizer, kreieren das zukünftige Leben in der slowenischen Hauptstadt. Kosten: 2,6 Milliarden Euro.
Zum Beispiel das Engadin. Sie gewannen den Architektur-Wettbewerb für den neuen Flughafen in Samedan. In Mailand erhielten sie den Auftrag für ein Einkaufszentrum, auf dessen Dach sie mehrere Wohnungen stellen und einen Park anpflanzen wollen. Und für den Volkswagen-Konzern führten sie eine Mobilitätsstudie durch, dessen Resultate bei VW in Wolfsburg auf Touchscreens erscheinen: «Autos haben in ihrer gegenwärtigen Form keine Zukunft mehr.»
Hiromi Hosoya und Markus Schaefer, sowohl beruflich als auch privat ein Paar, leben zwar seit fünf Jahren in Zürich, «doch man kennt uns hier kaum, wir gehören nicht zur Szene». Gut möglich, dass ihr Auftreten manchen in der Schweiz irritiert, denn hier sind zwei, die im grossen Stil denken. «Bigger than life», über die eigene Nasenspitze hinweg, über Landesgrenzen und den morgigen Tag hinaus. «Uns interessiert das System, nicht die Form.» Inhalt geht vor Fassade, Sinn ist wichtiger als Schein. Vor jedem ihrer Projekte setzten sie sich mit Mathematikern, Soziologen, Verkehrsplanern zusammen, «für nachhaltige Lösung», so ihre Überzeugung, «braucht es innovative Ideen auf sämtlichen Ebenen». Mit einem Studenten entwarfen sie ein Modell eines Wolkenkratzers direkt an der Themse, vierzig Stockwerke hoch, auf jeder Etage wächst eine andere Gemüsesorte, Karotten, Blumenkohl und auf dem Dach ein Weizenfeld, das ist vertikale Landwirtschaft und das ist für viele ein Hirngespinst, nur ein Luftschloss, nicht mehr. Wieso eigentlich nicht?
Kennengelernt haben sie sich in Harvard 1995, als sie bei Rem Koolhaas abschlossen. Damals hatten beide schon ein Studium hinter sich, Hosoya in englischer Literatur, Schaefer in Neurobiologie, seine Abschlussarbeit schrieb er über Wüstenameisen in Tunesien, drei Monate lang auf allen Vieren beobachtete er die kleinen Insekten, wie sie sich organisieren, wie sie sich ihre Wege bahnen, und er sagt, was er auch über Architektur sagt: «Ich war interessiert an ihrem System.» Der Ameisenhaufen hat ihn nachhaltig geprägt. Nach Harvard kam Rotterdam, Schaefer arbeitete für Koolhaas und war unter anderem für Prada zuständig, von der Parfümflasche bis zur Ladenkonzeption. Hosoya leitete das europäische Büro des japanischen Architekten Toyo Ito. Es folgten Jahre im Transit, Tokio, Rotterdam, London, Hosoyas Bauch wuchs, später der Sohn und dann die Erkenntnis, dass jedes Kind eine Art Nest braucht, «in Japan nennen wir es Gen Fuukei», sagt sie, «eine Ur-Landschaft, die jeden Menschen ein Leben lang prägt». Deshalb also der Umzug nach Zürich, der Ur-Landschaft, des Kindes zuliebe, von hier aus agieren sie global, Markus Schaefer, der von sich sagt: «Ich denke vom grossen Massstab zum kleinen», und Hiromi Hosoya, die von sich sagt: «Ich denke vom kleinen zum grossen» — sie trafen sich in der Mitte, und darin liegt bekanntlich die Kraft.

Bild Tom Haller

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