Hoch über Basel

Ist dieser Turm zu gross für Basel oder Basel zu klein für diesen Turm? Eins ist sicher: Das vorderhand höchste Gebäude der Schweiz wird die Stadt nachhaltig verändern.

09.05.2008 von Christoph Keller , 4 Kommentare

Roche ist ein freundlicher Nachbar. Jedes Jahr, gegen Mitte November, erhalten die umliegenden Haushalte in den Basler Quartieren Wettstein und Hirsbrunnen einen vielfarbigen Wandkalender für das kommende Jahr, mit den besten Grüssen von Roche. Man darf als Nachbar auch das firmeneigene Postbüro im Bau 74 benützen, nirgends in der Stadt sind die Schlangen vor den postalischen Schaltern so kurz wie bei Roche. Steht der Einsatz eines Helikopters bevor, weil irgendeine Lüftung ausgewechselt, weil ein Dach saniert werden muss, kriegen die Nachbarn weit im Voraus ein Informationsschreiben mit der Bitte um Verständnis. Das bequeme, in der Tiefe variable Schwimmbad in Bau 67 darf von jedem, der in Besitz einer simplen Nachbarschaftskarte ist, frei benutzt werden.
Mittags sieht man ziemlich viele der 78 600 Angestellten des Konzerns an der Grenzacherstrasse Richtung Kantine streben, sie überqueren die öffentliche Strasse mit baumelnden Badges, in Gruppen meist, zu zweit. Die Anwohner unten zum Rhein haben sich daran gewöhnt, dass morgens und abends schwere Mercedes durch die Quartiersstrasse gleiten, hinter den getönten Fenstern sitzt eventuell Franz Humer, der sich kürzlich nach zehn Jahren als CEO von Roche auf den Platz des Verwaltungsratspräsidenten zurückgezogen hat, oder vielleicht ist es der neue CEO, Severin Schwan, Anfang 40 erst. Die Limousinen fahren vors Tor von Bau 21, dem Glanzstück der Architektur des legendären Otto Rudolf Salvisberg, und jeder könnte zuschauen, wie sie aussteigen, die Herren über eine Firma mit einem Umsatz von 46 Milliarden Franken.
Aber man hat anderes zu tun, an derRheinpromenade, in der Frühlingssonne. Der Hund hat gerade in die Rabattegekackt, der Sohn ist vom Fahrrad gefallen, oder man ist in einen Schwatz vertieft.
Vor den schmucken Häusern an der Peter-Rot-Strasse spielen Kinder unter blühenden Magnolienbäumen Fussball, in unmittelbarer Nähe von Hochsicherheitslabors und gebändigten, ausgesprochen giftigen Substanzen, und keines der Kinder mag sich an einen Tag erinnern, an dem es «gestunken» hat.
Selbst als die «Basler Zeitung» im Herbst vor einem Jahr gross titelte, «Roche will 160-Meter-Turm bauen» und weiter «Roche will hoch hinaus. Sehr hoch», blieb man gelassen im Quartier. Man rieb sich die Augen, man wunderte sich, und diejenigen, die vor ein paar Jahren zugezogen sind, von der Roche stattliche Häuser an der Westseite des Areals erworben haben (unter der Versicherung, man habe Roche-seits «keine Ausbaupläne») ärgerten sich. Die wirkliche Erregung aber fand andernorts statt – ein Kolumnist in der «Basler Zeitung» (die Rubrik heisst «Unsere kleine Stadt») schrieb unter dem Titel «Der Turmbau zu Basel» vom hohen Turm in der Stadt Babel, und dass dieses Vorhaben gescheitert sei, weil «Gott die Zungen der Menschen verwirrte» – düster orakelte er, man sei in Basel möglicherweise schon «auf dem Weg nach Babel». Andere Kommentatoren sahen einen «Dammbruch» mit immer mehr Hochhäusern kommen, immer mehr Skyline für die kleine Stadt, und einer mahnte gar, man soll «bitte genügend freien Platz lassen für den Fall, dass der Turm zusammenkracht».
Am Tag der offenen Tür auf dem Roche-Areal konnte man dann frei von einem Gebäudekomplex zum anderen schlendern, man durfte sich umsehen im Direktionstrakt, man konnte zuschauen bei der Herstellung von Tamiflu, es gab Feuerwehrdemonstrationen und Getränke für alle, theatralische Inszenierungen zum Sinn des Lebens und vieles mehr.

Für 2400 Angestellte

Um die künftige Arealentwicklung zu versinnbildlichen, war ein gesondertes Zelt mit einer Arena für viele Zuschauer errichtet worden – dort schoben professionelle Animatoren mit eleganten Bewegungen Styroporklötze herum, zeigten zunächst auf, welche Bauten im nördlichen Teil des Areals errichtet werden (neue Labor- und Produktionsgebäude), lieferten Fakten, lieferten Zahlen, kamen dann, mit musikalisch untermalter Dramaturgie, zum Höhepunkt, dem Hochhaus, dem «Bau 1», zukünftiger Arbeitsplatz für 2400 Angestellte. Die immer höher wachsenden Styroporklötze unter dem Auge des Betrachters verwandelten die vorgestellte babylonische Apokalypse rasch zu etwas ganz anderem, nämlich zum einigermassen nüchternen, sachlichen Bekenntnis von Roche zur Stadt Basel, die heute und zukünftig Konzernstandort bleiben soll. Das haben die Besucher verstanden.
Pierre de Meuron hat als Kind auch Fussball gespielt, unter den Magnolien.
Der ruhigere, zurückhaltendere Partner von Jacques Herzog, ist, adelige Herkunft hin oder her, ein Kind des Wettsteinquartiers geblieben, des oberen Kleinbasels mit seinen städtebaulichen Brüchen, mit der Notwendigkeit für gegenseitige Rücksichtnahme. Er empfängt in einem kahlen, aber mit farbigen Wänden doch warmen Raum im Carré auf der anderen Seite des Rheins, flussabwärts, ein weitläufiges Gelände, das ganz vom Büro der Architekten «mit stets aussergewöhnlichen erfinderischen Lösungen für die Bedürfnisse ihrer Kunden» (die Jury des Pritzker-Preises für Architektur 2001) belegt ist.
Pierre de Meuron nahm ein Blatt Papier und skizzierte seinen Auftrag.
Zunächst stand da die Zahl «2400» für die Zahl der Arbeitsplätze, die auf einem kleinen Rechteck, einem Bruchteil des Roche-Areals, untergebracht werden müssen, und zwar (ein paar schräge Linien) unter Respektierung der ortsüblichen, gesetzlichen Lichteinfallswinkel – 2400 Arbeitsplätze, die jetzt in der ganzen Stadt verstreut sind, die nun auf minimalstem Grundriss konzentriert werden müssten. Das Hochhaus mit seinen 154 Metern, 6 Meter weniger als in den ersten Entwürfen vorgestellt, 42 Stockwerke hoch, darauf will Pierre de Meuron hinaus, dieses Hochhaus sei nicht das Produkt einer wie auch immer gearteten «Gigantomanie», sondern das Ergebnis des «klarsten, konsequentesten Raumprogramms für das Areal».
Auch die rhythmisierte doppelte Spirale, die den zukünftigen «Bau 1» kennzeichnen, sei keine architektonische Spielerei, schon gar nicht eine Anspielung an die Doppelhelix, die verschraubte Anordnung der Gene in jedem Lebewesen, wie manche behaupten, sondern sei bedingt durch die gewünschten Arbeitsabläufe in diesem Gebäude. Entlang von zwei geschwungenen Treppen, der Aussenhülle entlang einmal steiler und einmal flacher emporgezogen, sollen die Roche-Angestellten leichter über die Stockwerke hinweg miteinander kommunizieren können, informell. Das sei eine Forderung von Roche gewesen, betont Pierre de Meuron – so habe sich eine Architektur ergeben, die sich ganz «von innen nach aussen» entwickelt habe, aus sachlichen Gründen, also gerade nicht mit einem Wunsch, «spektakulär zu sein».
«Was aber, wenn aus sachlichen Gründen ein Hochhaus entsteht, das alles überragt, das obenaus schwingt?»
«Nun – das Hochhaus der Roche ist zunächst einmal kein Manifest, sondern ein klarer Ausdruck von dem, was notwendig ist. Architektur in unserem Verständnis ist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Umfeld, mit dem nahen, örtlichen, aber auch mit dem städtischen insgesamt.»
«Werden die Menschen in der Stadt das auch verstehen?»
«Es gibt keine Gewissheit, dass die Stadt eine Intervention in dieser Grössenordnung tatsächlich schluckt. Auch für uns stellt sich die Frage, wie viel Veränderung in einer Generation möglich ist, denn eines ist klar – je schneller die Transformation der Städte, desto schmerzvoller sind die Erfahrungen.»

Und wie baut Novartis?

Die Stadt am Rheinknie, von der chemischen Industrie so abhängig wie Bern von der Bundesverwaltung, wie Zürich von den Finanzdienstleistern, wie Genf von den internationalen Organisationen – sie erfährt zurzeit markante, spürbare Zeichensetzungen vonseiten ihrer grössten Steuerzahler.
Im Nordwesten, gegen Frankreich zu, pflügt die Novartis, Basels anderer Pharma-Multi, das alte Industrieareal der Sandoz um und verwandelt ausgediente Fabrikationsgebäude, Lagerhallen, Pumpstationen zu einem hochmodernen «Campus des Wissens», der als «Stadt in der Stadt» dem modernen Wissensmanager und polyglotten Wissenschaftler alles Lebensnotwendige bieten soll, vom Einkaufszentrum übers Fitnesssstudio hin zu Erholungszonen. Längst hat sich das klassizistisch angehauchte Konzept einer von den besten Architekten der Welt geprägten Gestaltung (es stammt aus der Feder von Vittorio Magnago Lampugnani, Professor für Architektur an der ETH Zürich) ausgewachsen zu einem Ort immer neuer, immer höherfliegender Projekte – da entsteht, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eine eigentliche neue Stadt, exklusiv, selbstgenügsam.

Vasellas Traditionsbruch

Novartis, 1996 aus der Fusion zwischen Ciba und Sandoz hervorgegangen, hat sich entschieden – nicht für die Fortsetzung der bürgernahen Tradition des letzten CEO der Ciba, Alex Krauer, der weitherum als früher Vertreter des «republikanischen» Unternehmers galt, sondern für die autokratische Haltung des CEO der Sandoz, Marc Moret, dem ein ausgeprägter «Instinkt für die Mechanik der Durchsetzung» nachgesagt wurde. Daniel Vasella, verheiratet mit der Nichte von Marc Moret, CEO von Novartis und Spiritus rector des «Novartis Campus», ist in der Stadt nie heimisch geworden; dass er nach seiner Wahl an die Spitze des Unternehmens ins steuergünstige Risch im Kanton Zug gezogen ist, war sogar Thema in der Regierung – jedenfalls verkehrt das Basler Establishment nicht mit Vasella, und schon gar nicht ist er im «Daig», dem Restbestand der Basler Notablen, verankert. Dass er die Hüningerstrasse, die Verbindungsstrasse nach Hüningen, die quer durch den «Novartis Campus» führt, privatisieren will, empfinden manche als Ausdruck einer spürbaren Distanz gegenüber den lokalen Verhältnissen.
Etwas anders ist die Lage auf der anderen Seite des Rheins, bei Roche. Matthias Baltisberger, Leiter des Standorts Roche in Basel, ein gebürtiger Kleinbasler, ist viel unterwegs in der Stadt, von einer der vielen verstreuten Abteilungen zur anderen, und meistens zu Fuss, ein hagerer, gross gewachsener Manager, ein Schaffer. Sein Büro ist ebenso nüchtern wie seine Feststellung, dass das neue Hochhaus ein Produkt der Notwendigkeit sei, 2400 Arbeitsplätze auf enger Grundfläche zu konzentrieren, dass die erreichte Höhe also nichts zu tun habe mit einem Streben nach oben. Der «Bau 1» sei «eine starke städtebauliche Intervention», gewiss, aber einer von «hoher Qualität».
Ich warf ein: «Es gibt Leute, die sagen, das Hochhaus der Roche sei dasselbe wie der Campus von Novartis, nur einfach in die Höhe gebaut.»
«Ich möchte den Campus von Novartis nicht kommentieren, verstehen Sie, aber ich kann sagen, dass heute viele internationale Konzerne diesem Trend erliegen, einen Campus zu bauen, um ihren Mitarbeitern das bestmögliche Arbeitsumfeld zu bieten. Da stehen sie bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter vor dem kniffligen Problem, dass sie neue Leute mit einem noch attraktiveren, noch spektakuläreren, noch spannenderen Campus anwerben müssen, eine Spirale ohne Ende. Diesem Trend entziehen wir uns bewusst – es wird in unserem Hochhaus kein Einkaufszentrum geben, kein Fitnesszentrum, keine sonstigen sogenannten Facilities.»
«Warum nicht?»
«Weil wir uns als integralen Bestandteil dieser Stadt betrachten und weil wir uns sagen, dass diese Stadt funktionieren muss, dass sie lebendig bleiben muss. Das tut sie nicht, wenn wir unseren Mitarbeitern alles intern anbieten – wir wollen, dass sie sich im städtischen Umfeld bewegen, dass sie hinausgehen, ins Fitnesszentrum um die Ecke, in die Einkaufsläden am Claraplatz.»
«Die ganze Stadt als Campus.»
«Sagen wir es so – es ist einer der grossen Standortvorteile der Stadt Basel, dass alles innert einer halben Stunde Fussmarsch erreichbar ist, die ganze Infrastruktur, mitsamt dem reichen kulturellen Angebot. Das ist im internationalen Vergleich einmalig.»

Roches Geschenke an Basel

Matthias Baltisberger war diskret genug, nicht darauf hinzuweisen, wie viel die Roche-Gründerfamilie und die nach wie vor als Hauptaktionäre fungierende Familie Hoffmann-Oeri für die Attraktivität dieser Stadt geleistet hat. Das Tinguely-Museum, ein Wurf von Mario Botta, das Museum für Gegenwartskunst im St.-Alban-Tal, wichtige Teile der Kunstsammlung des Kunstmuseums, auch das neu erbaute Schaulager für moderne Kunst – sie alle gehen zurück auf Stiftungen, Donationen, die genährt wurden vom Erfolg der Roche, sie sind Geschenke der Roche an die Stadt. Die Bevölkerung der «Kunststadt Basel» weiss, dass sie dieses Label zu einem grossen Teil der Roche verdankt – Matthias Baltisberger war diskret genug, auch auf diesen Umstand nicht zu sprechen zu kommen; und er hat auch nicht darauf hingewiesen, dass Geschenke in dieser Grössenordnung verpflichtend wirken, vor allem für den Beschenkten.

Der Geist von Gebäude 21

Aber im Grunde geht es um den Zusammenhang zwischen Architektur und der Performance, der Leistung, aber auch darüber hinaus: Architektur als bewusst inszenierte, zeichenhafte Positionierung im Raum, als Sichtbarmachung einer kulturellen Haltung.
Es gibt keinen anderen Konzern weltweit, der seine Corporate Identity so sehr auf die Architektur stützt wie Roche. Bei keinem anderen Weltkonzern jedenfalls würde die Pressesprecherin auf die Frage, was denn die korporative Identität der Firma eigentlich ausmacht, ins Regal greifen und vier oder fünf aufwendig gestaltete Architekturbücher auf den Tisch legen, ein Buch auch mit dem Titel «Gebaute Corporate Identity bei Roche».
Die Sache mit der Architektur brachte nicht Fritz Hoffmann-La Roche in Gang, der Firmengründer, der 1896, weit draussen vor der Stadt an der Grenzacherstrasse, ziemlich genau an der Stelle, an der jetzt das neue Hochhaus zu stehen kommen soll, in einer langgezogenen Fabrik die Produktion von Pharmazeutika wie Antifebrin, Wismut, Guajacolcarbonat und einen frühen Blockbuster namens Airol vorantrieb. Fritz Hoffmann-La Roche hatte anderes zu tun, als sich um Architektur zu kümmern – er reiste nach Paris, nach London, nach New York, eröffnete Filialen, Fabriken, Zweigstellen, schaffte es, die Firma mit Produkten wie «Digalen» zu einem früh global tätigen Unternehmen zu machen, immer die Unsicherheit der Märkte und das drohende Scheitern im Nacken.
Auch sein Nachfolger, Emil Barell, der 1920 nach dem Tod Fritz Hoffmann-La Roches ein zwar produktives, aber in der Unsicherheit der Finanzmärkte auch gefährdetes Unternehmen übernahm, hatte anderes zu tun – er führte die Roche mit eiserner Hand durch die Krisenjahre, scheute nicht vor drastischen Kosteneinsparungen zurück, und er pflegte (das erzählt der Historiker Hans Conrad Peyer in seiner Firmengeschichte) Mitarbeiter zu entlassen, indem er deren Hut und Stock zum Fenster hinauswarf und sie bat, diesen zu folgen.
Es war seine Gattin, Ida Leuzinger, eine «fortschrittliche, umfassend gebildete Frau», wie es in einer Roche-Broschüre zur Architektur heisst, die Emil Barells Geschmack für eine sachliche, reduzierte Architektur prägte. Sie war es, dem Vernehmen nach, die einen jüngeren, gerade eben aus Berlin zurückgekehrten Architekten, Professor an der ETH Zürich, ins Hause Barell einführte: Otto Rudolf Salvisberg. Er war ein Vertreter der «Neuen Sachlichkeit» und erhielt zunächst den Auftrag zum Bau der privaten Villa der Barells, er avancierte daraufhin zum Hausarchitekten von Roche; sein erster Bau für Roche, das Verwaltungsgebäude 21, noch heute Sitz der Direktion, ist eine Ikone der modernen Architektur. Im Lauf der Jahre erstellte Salvisberg nicht nur den bis heute gültigen Masterplan für das Areal der Roche in Basel, er zeichnete auch unzählige Labor- und Bürogebäude, die bis heute stehen. Salvisberg baute in Mailand, Salvisberg baute in London, Salvisberg projektierte in Nutley, USA – überall entstanden seine charakteristischen, eleganten Gebäude mit den breiten, simslos an die Fassade gezogenen Fenstern, und überall dominierte die Farbe Weiss.
Salvisberg und Barell, der Reduktionist und der strenge Patron, der Formalist und der kühle Rechner – sie prägen die Roche bis heute, Salvisberg ist noch immer Roche.

Seveso, Roches Sündenfall

Das mittlerweile zum Weltkonzern ausgewachsene Unternehmen verpflichtete ab den Fünfzigerjahren den Salvisberg-Schüler Roland Rohn, der die zurückhaltende Formensprache seines Lehrers in Fassaden von Sichtbeton und Glas überführte; und auch die neuesten Bauten von Roche auf dem Basler Areal nehmen Salvisbergs Formensprache auf. Das Forschungsgebäude mit vorgelagerter Bibliothek an der Grenzacherstrasse, entstanden in enger Kooperation von Herzog & de Meuron mit dem Künstler Rémy Zaugg, besticht mit seiner Transparenz und mit seinen grossflächigen, von aussen einsehbaren Aussagen wie «UND HÄTTE SICH, SOBALD ICH DAS LICHT DER WELT ERBLICKTE, EIN TRAUM EINGESTELLT», während der später entstandene Produktionsbau, ein ebenso luftiger wie auch zurückhaltender und transparenter Bau, das Selbstbewusstsein eines Konzerns demonstriert, der in Zeiten allseits abgesicherten Patentschutzes nicht mehr auf hohe Mauern und Sichtschutz setzen muss, um seine Verfahren zu schützen.
Das ist Roche im Geiste Salvisbergs: nüchterne und kalkulierte Positionierung im Geschäft. Man hat früher als andere klar das Potenzial der Gentechnologie gesehen, stellte mit der Polymerase Chain Reaction (PCR), mit der Gensequenzen beliebig «multipliziert» werden können, bereits 1991 eine grundlegende, durch Patente geschützte Technologie für die Gentechnik zur Verfügung. Der Erwerb von Genentech, ein mutiger Entscheid, brachte 1990 auf einen Schlag so viel Wissen, Kompetenzen und Verfahren in die Firma ein, dass sich ein beinahe unerschöpfliches Potenzial auftat. Man scheute bei Roche nicht davor zurück, auch durchaus umstrittene Partnerschaften einzugehen, 1998 etwa mit deCode Genetics, der Start-up-Firma des Isländers Kári Stefánsson, der auf die eine Datenbank mit dem genetischen Code aller lebenden 270 000 Isländerinnen und Isländer Zugriff hat; Roche sicherte sich vertraglich den Zugang zu diesen Datenbanken.
Bei jeder heiklen Frage rund um die Patentierung bestimmter Medikamente (der Streit zwischen Roche und Aids-Organisationen in Südafrika und anderswo, die verlangten, Roche soll auf den Patentschutz verzichten, um den Armen den Zugang zu günstigen Generika gegen HIV-Aids zu ermöglichen, ist nur ein Fall unter vielen), bei jedem Produkt, das gesundheitspolitisch ins Gewicht fällt (zuletzt im Fall von Tamiflu, dem antiviralen Mittel, das als das rettende Medikament gegen die Vogelgrippe gehandelt wurde und weltweit eine wahre Kaufflut ausgelöst hat), stets war man bei Roche bedacht, das Profil tief zu hängen; nur keine Publicity, als habe Roche die sprichwörtliche gutbaslerische Diskretion internalisiert.
Man muss als Journalist dreimal nachbohren, um zu einem Interview zu kommen (und wenn es so weit ist, steht die Pressesprecherin am Ende der vereinbarten Stunde abrupt auf, beendet das gerade laufende Gespräch). Traditionellerweise hält die Medienabteilung bei Roche nicht viel von einem «partnerschaftlichen» Umgang mit den Medien, und Roche ist mit dieser Strategie auch gut gefahren – mit einer Ausnahme. Als 1976 in Seveso die Fabrik einer Tochtergesellschaft der konzerneigenen Givaudan in die Luft ging, als Tausende Menschen durch Dioxin vergiftet wurden, als die «Giftfässer von Seveso» mit dem entsorgten Gift auf ihrer Irrfahrt durch Europa plötzlich verschwanden; da wurde sichtbar, dass sich hinter dem spröden Umgang mit Medien und Öffentlichkeit mitunter auch etwas anderes verbirgt: Arroganz.

154 Meter Unbescheidenheit

Roche verkörpert das Prinzip der Diskretion auch in einem weiteren Sinn: Roche ist der einzige Chemiekonzern, der bis heute im Besitz einer Familie steht, der Familie Hoffmann-Oeri. Sie steht nicht nur im Ranking der Reichsten der Schweiz ganz weit oben, sondern sie zeichnet sich, vielleicht mit Ausnahme der angeheirateten Gigi Oeri, Managerin des FCB, durch eine sehr diskrete, sehr effiziente mäzenatische Tätigkeit in der Stadt aus – auch hier mit einem Low Profile. Unausgesprochen auch der Umstand, dass sich die Besitzerfamilie Herzog & de Meuron als Nachfolger von Salvisberg und Rohn auserkoren haben, nicht nur für Roche, sondern auch für Kunstbauten wie das Schaulager.
Profitabilität also gepaart mit Diskretion, geschäftlicher Erfolg, der nie zelebriert wird, eine spröde Distanznahme gegenüber der medialen Öffentlichkeit trotz grosszügigem Mäzenatentum.
Aber –
wie reiht sich jetzt das vielgeschossige Hochhaus, das sich in den Himmel schraubt, 154 Meter hoch, ein spektakuläres Werk, von Weitem sichtbar, das höchste Bauwerk der Schweiz auf lange Zeit hinaus, ein in die langjährige Tradition?

Skyline unerwünscht

Die Frage bereitet den Beteiligten Mühe. Matthias Baltisberger meint, der zukünftige «Bau 1» sei zweifellos ein «Solitär» in der bisherigen architektonischen Ausrichtung von Roche, allerdings könnte in gewisser Hinsicht in der geschraubten Form eine Anlehnung an die geschwungenen Treppen von Salvisberg gesehen werden; oder man könnte eventuell in der Farbe Weiss, die dominieren soll, eine Fortschreibung des Bisherigen sehen. Aber ansonsten ein «Solitär», kein Zweifel.
«Ein Solitär, der was genau zum Ausdruck bringen soll?»
«Wissen Sie, wir haben uns lange überlegt, was wir der Öffentlichkeit vermitteln sollen, und ob überhaupt. Denn schliesslich wird sich jeder ein eigenes Bild machen von dem, was da entsteht. Einige werden sagen, das ist eine Grossprotzerei, andere sagen vielleicht, das ist gute, zeitlose Architektur, da kann man es nicht allen recht machen.»
«Was meinen Sie?»
«Wir meinen zweifellos, dass das gute, zeitlose Architektur ist. Ganz sicher aber sagen wir nicht, das sei ein Monument, denn ein Monument will nur sich selber sein, will sich selber genügen.»
«Und das soll der ‹Bau 1› nicht?»
«Nein – wenn er mit seinen gewundenen Treppen etwas vermitteln will, dann die vernetzte Arbeitsweise von Roche, weitherum.»
Auch Pierre de Meuron spricht ohne Umschweife von einem «singulären Bau», der keinen unmittelbaren Anknüpfungspunkt zum Bestehenden hat. Er gibt allerdings zu bedenken, dass die Höhe von 154 Metern bald einmal einen neuen Standard setzen könnte, eine neue Normalität, gewissermassen. Denn lange Jahre habe in Basel die unausgesprochene Devise gegolten, dass man nicht höher bauen dürfe als das Münster, immer um die 60 bis 70 Meter hoch, eine Zurückhaltung, die mit dem 100 Meter hohen «Messeturm» erstmals überwunden worden sei; und nun setze das Hochhaus der Roche neue Massstäbe.
«Nochmals: Die Bevölkerung von Basel wird dem zustimmen?»
«Da kann ich als Architekt nur sagen, dass wir in einem demokratischen System leben, dass für das Hochhaus ein Bebauungsplan öffentlich auflag, dass es die Zustimmung des Grossen Rates für diesen Bebauungsplan braucht.»
Die Zustimmung der Bau- und Raumplanungskommission des Grossen Rates steht noch aus, aber die Chancen für Roche stehen gut. Das liegt auch an der Verwaltung, die das Projekt, sagt Kantonsbaumeister Fritz Schumacher, von Anfang an begleitet habe, und zwar besonders sorgfältig, weil man es doch mit einer «bedeutenden städtebaulichen Intervention» zu tun habe, mit einer «kräftigen neuen Dominanten» in der Stadt, die zudem einen «hohen ästhetischen Anspruch» formuliere.
Das möchte Fritz Schumacher nicht negativ verstanden wissen, im Gegenteil – für den Kantonsbaumeister ist das neue Hochhaus eher «ein Aufputschmittel» für eine Stadt, die sich mit starken architektonischen Eingriffen eher nicht anfreunden konnte; zuletzt wurde der Neubau des Stadtcasinos aus der Feder der Stararchitektin Zaha Hadid bachab geschickt.
«Also ist der Turm ein Zeichen für einen neuen Trend?»
«Ich meine das nicht so, dass wir aus einem städtebaulichen Defizit heraus dem Projekt zustimmen sollten, sondern ganz im Gegenteil mit dem Selbstbewusstsein einer Grossagglomeration, die je nach Zählung zwischen 750 000 und einer Million Einwohner zählt – eine Stadt auch, die in Zukunft mehr Hochhäuser sehen wird, so zumindest will es der neue kantonale Richtplan, der das verdichtete Bauen zugunsten von Freiflächen verstärken will. Dieses Umfeld kann, davon sind wir überzeugt, umgehen mit der städtebaulichen Dominanz eines solchen Hochhauses.»
«Das dann ganz alleine in der Landschaft stehen wird.»
«Die Frage der Massstäblichkeit ist tatsächlich berechtigt, kein Zweifel, aber es wäre eine Provokation zu sagen, nicht die Baute ist zu gross, sondern die Stadt drumherum ist zu klein – das soll nicht gemeint sein. Umgekehrt sind wir auch nicht der Meinung, dass man das Hochhaus irgendwie domestizieren sollte, indem man etwa fordert, es soll in Basel weitere solche Bauten geben, damit so etwas wie eine Skyline entsteht.»
«Keine Einbindung in die Planung der Stadt also.»
«Doch – wir haben intensiv mit Roche diskutiert. Allerdings haben wir immer in Rechnung gestellt, mit welchem Anspruch Herzog & de Meuron an ein solches Projekt herangehen; und wir wissen auch, dass Roche ein nachgewiesen hohes baukulturelles Verständnis hat.»

Keine Einsprachen, bitte

Das Neue, das Singuläre, bereits eingebunden in eine neue Normalität.
Und was ist mit der Nachbarschaft? Vorderhand wird das nachbarschaftliche Verhältnis an einem anderen Schauplatz auf die Probe gestellt, im nördlichen Teil des Areals, zur Wettsteinallee hin. Dort sollen bestehende Bauten durch neue, viel voluminösere Forschungsgebäude ersetzt werden, ebenfalls von Herzog & de Meuron gezeichnet. Breit abgestützte, «proaktive» Orientierungen haben nicht verhindern können, dass es wegen eines Grünstreifens, der verschwinden soll, zu erregten Äusserungen kam; manche Anwohner werfen der Roche «Arroganz» vor und «Gesprächsverweigerung». Einsprachen gab es dann doch nur wenige. Sie wurden von der grossrätlichen Bau- und Raumplanungskommission abgewiesen, unter anderem mit der Erklärung, die «städtebaulichen Bedenken» seien allesamt «unbegründet».

Auf zu neuen Ufern: das künftige Roche-Hochhaus an der Basler Rheinpromenade | Gregory Gilbert-Lodge
Auf zu neuen Ufern: das künftige Roche-Hochhaus an der Basler Rheinpromenade | Gregory Gilbert-Lodge

Die Diskussion

4 Reaktionen

  1. Mumenthaler Jan Tex

    Es ist tatsächlich an der Zeit, dass diese Stadt aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Dieses Gebäude hat das Potential zum Wegbereiter oder gar Durchbruch einer zeitgenössischen Stadtkultur zu werden, die in Basel trotz viel guten Willens leider noch immer nicht angekommen ist.

  2. willi kohl

    Das Basel städtebaulich ein Problem hat, ist ja nichts Neues, doch warum nur soll sie dieses Manko mit so einem Architekten-Dildo entgegen treten? Ich finde es falsch für eine Stadt, wie Basel, dass eigentlich nur noch ein Architekturbüro die Stadt gestaltet! Herzog & de Meuron wird durch die Ansammlung ihrer Bauten eher langweilig, anstatt spannend, denn seit Jahren stellen die in Basel fast nur noch Glasfassaden hin! Und dabei hat Basel, was die architektonische Vielfalt betrifft und deren Architekten Nachwuchs ein Riesenpotential, wenn das die Stadtplaner, die Bauherren nicht fördern, wird die Stadt Basel weiterhin ein langweiliges Provinzstädtchen bleiben, denn Langeweile kommt auch auf, wenn immer und immer die gleichen Architekten ihre ähnlich wirkenden Bauten hinstellen! Mit moderenem Städtebau hat das nicht zu tun!

  3. F. Altermatt

    Ich bin mal mit einem alteingesessenen, auf dem Bruderholz residierenden Daig-Basler übers damalige Sandoz-Areal spaziert, und er war total von der Rolle, als er das sehen musste: lauter Hochhäuser und technologische Kraken, die sich in den Himmel erheben. Dabei verdiente er selbst daran gut mit und vereinnahmte redlich die Produkte, die dort ersonnen wurden. Fernab der auf die Dienstleistungs- und Promibranche fokussierten Schweizer Öffentlichkeit hat die Chemie schon längst Dimensionen erreicht, die mit dem Roche Tower von 154 m noch längst nicht adäquat repräsentiert sind. Es liesse sich eine ganze Stadt davon bauen! Stattdessen erwartet man, dass sie im Geheimen ihr Universum aufbaut … Warum nur tut sich der (blauweiss gestreifte) Alpenblick so unsäglich schwer damit, diese Realität – neben der der Messetower tunlichst wegretuschiert wurde – zeitgemäss zu erfassen?

  4. Mumenthaler Jan Tex

    Es ist doch Naheliegend und eine tolle Sache, dass Herzog & de Meuron als heimische Architekten von Weltrang an der Gestaltung der Stadt teilnehmen. Es ist ja nicht so, dass andere Architekten nicht zum Zuge kämen.
    Gute Architekten zeichnen sich unter Anderem gerade dadurch aus, dass sie sich innerhalb ihres Stils ständig neu erfinden. Die glatten Fassaden aus Glas sind eben auch eine Mode unserer Zeit (und in der Tendenz ja dabei sich in Filigranere Muster aufzulösen). Dass man daran keinerlei ästhetische Qualität finden kann begreiffe ich nicht.
    Es geht nicht darum, dass Basel zu wenig gute Architektur hat, was ja auch nicht stimmt, im Gegenteil. Es geht vielmehr darum, dass man in Basel den Mut fasst sich als Stadt zu definieren, politisch, wirtschaftlich, kulturell und auch baulich. Selbst die ländlichen Gebiete werden immer städtischer. Da ist es wichtig sich zur Zentrumsfunktion zu bekennen, sie zu festigen. Grosse Städtebauliche Eingriffe die Staub aufwirbeln, sollen auch wachrütteln! Ich möchte mich aber auf keinen Fall beschweren, denn Basel ist, wenn auch langsam, auf einem guten Weg.

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