30.10.2009 von Michèle Roten , 8 Kommentare
Ich will jetzt mal ganz ehrlich sein. Und Ehrlichkeit ist mitunter peinlich.
Der junge Mann, neben den ich mich im Bus setzte, ass eine Pizza. Er fragte in gebrochenem Deutsch, ob ich ein Stück wolle, er esse nicht gern alleine.
Tatsache: Das ist unfassbar toll. Einfach so jemandem etwas von der Pizza anzubieten.
Tatsache: Die Pizza roch wirklich gut.
Tatsache: Ich zögerte einen unmerklichen Moment lang. In diesem unmerklichen Moment schossen mir diffuse Gedankenfetzen durch den Kopf. Irgendwas von wegen: Vielleicht ist das keine normale Pizza. Vielleicht ist sie schlecht, vielleicht ist sie vergiftet, vielleicht hat sie Drogen drauf. OHNE WITZ. Pizza. Drogen. Ich Idiotin überlegte mir, nein, überlegen kann man das nicht nennen, dafür ging es zu schnell, es waren auch mehr Affekte als Gedanken, ich Idiotin zögerte, das Stück Pizza anzunehmen, weil der Mann gebrochen Deutsch sprach. Mir wird ganz anders, wenn ich daran denke. Ich verfluche hiermit unsere Gesellschaft dafür, dass ich zögerte, die Pizza anzunehmen, weil der Mann ein Ausländer war.
Denn die Gesellschaft ist schuld. Der Diskurs. Die TV-Beiträge, die Zeitungsartikel, die Kommentare. Na gut, Klartext: die SVP und ihre Wähler, diese bornierten Landignoranten, denen vor lauter Unlust zu lernen nur noch Angst einfällt als Reaktion auf alles Neue.
Aus meinen eigenen Erfahrungen könnte ich nämlich gar nicht darauf kommen, so etwas zu denken. Ich habe keine schlechten Erfahrungen mit Ausländern und Pizza! Na ja, mit Pizza schon, aber nicht mit Pizza im Zusammenhang mit Ausländern. Und mit Ausländern schon gar nicht. Im Gegenteil. Ich finde Ausländer gut! Ich bin froh, dass sie da sind! Diese Stadt wäre nichts ohne die Ausländer. Nein, Moment, diese Stadt wäre gar keine Stadt ohne die Ausländer! Das muss an dieser Stelle jetzt mal gesagt werden: Herzlichen Dank, dass ihr hier seid, liebe Ausländer. Herzlichen Dank für all die Kiosks und Imbisse, die nicht schon um 17.30 zumachen, sondern sogar, meine Güte! wie… urban!, die ganze Nacht aufhaben. Herzlichen Dank dafür, dass ihr uns zeigt, wie Gemeinschaft funktioniert. Herzlichen Dank dafür, dass ihr so tolle Sachen macht wie euch im Park gegenseitig die Haare zu schneiden. Herzlichen Dank dafür, dass ihr meine Schuhe repariert und dem Bock fachmännisch den Bart stutzt. Und natürlich herzlichen Dank, liebe Thailänder, Inder, Araber, Griechen, Italiener, Türken, Spanier für eure tollen Küchen.
Apropos: Ich nahm das Pizzastück. Und dass das irgendwie stolz klingt, scheisst mich auch schon wieder an.
[...] Obwohl, das mit dem Kulturverständnis ist zuweilen schon sehr verwirrend, wie es Michèle Roten wieder einmal herzhaft auf den Punkt bringt. [...]
Für deine (grundsätzlich zurecht) hohen Ansichten über Ausländer malst du das Bild von ihnen eher etwas einfarbig. Weisst du was ich meine?
Ich finde es eigentlich völlig ok wenn Kommentare gelöscht werden. Gerade die richtig weichen von Leuten, die gar nicht gecheckt haben, um was es im Text überhaupt geht und die einfach ein bisschen rumventilieren.
Vielleicht sollte Michèle Rothen Sekundärliteratur anbieten, oder die zentralen Sätze in der Kolumne gelb markieren.
…da warens nur noch drei. Von mindestens 11. Macht 7 gelöschte Kommentare. Also man kann es wirklich übertreiben.
Wir löschen beleidigende und extrem dumme Kommentare. Grundsätzlich hat kein Leser ein Recht auf einen publizierten Kommentar, Leserbriefe in der gedruckten Ausgabe werden schliesslich auch sorgfältig ausgewählt.
nur so als Idee: warum prüft ihr die Kommentare nicht vor dem veröffentlichen wenn ihrs doch soooo genau nehmt?
weil das magazin doch noch ans gute in den menschen glaubt. also nützt solche sachen doch nicht so schamlos aus, sonst gibt es bald gar nichts mehr gratis und es werden nur dinge angenommen, die vorhin mit der lupe geprüft werden.
Ich könnte genau den gleichen Text schreiben mit einer kleinen aber bedeutsamen Änderung: ich liebe Ausländerinnen und ich liebe sie heiss und innig. Ich find sie sexy und interessant. Ich habe sogar eine geheiratet und bin seit 45 Jahren nicht geschieden. Eine Serbin hat mir vor 40 Jahren gesagt, jugoslawische Frauen sind gut, aber stellen Sie bloss nie einen jugoslawischen Mann an.
Von mir aus könnten eine halbe Million Türkinnen einwandern. Dann
wär erst was los in Switzland.