Ich bin die Chinesische Mauer

China hat zwei grosse Mauern. Die Internetmauer ist am schwierigsten zu überwinden. Sagt sie hier.

02.05.2008 von Thomas Zaugg

Das Internet sei ein wichtiges Schlachtfeld, sagte mein guter Freund Li Changchun, Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas – ein wichtiges Schlachtfeld, um die spirituelle Zivilisation des Sozialismus zu etablieren.

Chinas digitale Kriegsmaschinerie ist gewaltig. Über 30 000 amtliche Zensoren und niemals schlafende Überwachungsrechner bespitzeln Chinas WWW, E-Mails, Chats, Foren. An die 60 Gesetze und Vorschriften beschreiben den richtigen Umgang mit dem Internet, Forenbenutzer werden bei der Registrierung vor den Strafen gewarnt, seit einem Beschluss des Obersten Gerichts im Januar 2001 gehört die Todesstrafe dazu.

Die Chinesen nennen mich «Golden Shield», ich bin ein dezentes, dezentrales Überwachungssystem, ich rechne mit Denunziantentum und Selbstzensur. Auf jeden der 30 000 Überwacher entfallen 7 366 chinesische Surfer. Was die Überwacher überlasten würde! Die Internetpolizei kann zum Glück die meiste Zensurarbeit an die Webseitenbetreiber delegieren. Die Internetpolizei erteilt Anweisungen. Oft per SMS. Die Webseitenbetreiber zensurieren daraufhin ihre Seiten, Forenbeiträge, Chats, und kommen so kaum in engeren Kontakt mit der Internetpolizei.

Ich zensuriere selten ganze Webseiten, ich gehe sehr subtil vor. Es existiert eine Schlagwortliste mit bösen Wörtern. Wenn sie im Netz auftauchen, schlage ich Alarm. Diese Schlagwortliste ist mein grosses Geheimnis. Nur einmal, ganz kurz, erschienen in einem Forum einige der bösen Wörter, darunter «4 June» (das Datum der schändlichen Demonstrationswelle auf dem Tienanmen-Platz, 1989), «Menschenrechte», «Unabhängigkeit Taiwans», «Pornografie», «Oralsex», «BBC» und «Falun Gong». Die Wörter blieben einige Minuten online. Dann konnte ich sie wegmachen.

US-amerikanische Unternehmen perfektionieren mein System. Die Zusammenarbeit reicht von eigens für die chinesische Sicht auf Geschichte und Gesellschaft zensurierten Webseiten bis zu engster Zusammenarbeit, etwa mit Yahoo. Das Unternehmen hatte 2004 die persönlichen Daten des Shi Tao preisgegeben. Der staatskritische Journalist wurde so erfolgreich zu einer Haftstrafe von 10 Jahren verurteilt!

Ich werde jetzt exportiert. Länder wie Iran oder Vietnam sollen meine zukünftigen Arbeitgeber sein, sagen Experten. «Wir müssen dem Gebot folgen», sagte mein guter Freund Li Changchun, Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, «Ehre und Schande im sozialistischen System klar zu definieren und aktiv eine Zivilisation auf dem Internet aufzubauen und zu fördern, die Internet-Umwelt zu reinigen und unzivilisiertem Verhalten entgegenzusetzen und eine neue gesunde und progressive Tendenz in der Internet-Zivilisation zu bilden.»

Es gibt nämlich immer noch eine Gegenzivilisation! Auf Facebook schrieb letzthin ein Schweizer Student, ärgerlicherweise aus China: «Wikipedia läuft hier nicht, ich bediene mich des Uni Zürich- VPN-Clients um auf Wiki und Blogs zugreifen zu können.» Ich kontaktiere in dieser Sache die Schweizer Behörden.

Diese Mauer wird schwer zu stürzen sein. | Bild: Julia Marti
Diese Mauer wird schwer zu stürzen sein. | Bild: Julia Marti

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