Ich bin jung, ich bin erfolgreich, ich bin Albaner.

Warum es nur wenige in der Schweiz schaffen. Und viele nicht.

29.09.2007 von Martin Beglinger , 15 Kommentare

Fragt man in der Schweiz nach Erfolg und seinen Ursachen, dann kommt sehr rasch eine Gegenfrage: Was heisst schon Erfolg? Sicher, es gibt depressive Professoren und zufriedene Coiffeusen, und es muss auch nicht zwingend erfolglos sein, wer nicht erfolgreich ist. Doch man kann den Begriff auch endlos zerreden, um gar nicht über Erfolg – und Misserfolg – reden zu müssen.

«Spielt der Pass eine Rolle?», fragt der ökonom Markus Schneider in seinem brillanten Buch «Klassenwechsel. Aufsteigen und Reichwerden in der Schweiz: Wie Kinder es weiterbringen als ihre Eltern» (Echtzeit-Verlag). Die Antwort heisst: ja. «Aber die Trennlinie verläuft nicht zwischen Inländern und Ausländern, sondern je nach Nationalität.» Für Italiener, Franzosen, Spanier und Deutsche bietet die Schweiz «beste Chancen», zunehmend auch für Inder und Chinesen, so Markus Schneiders Fazit. Doch für Serben, Türken und Albaner sieht es deutlich weniger gut aus.

Warum das so ist, darüber wird allerdings auffallend selten debattiert. Und wenn, dann steht man rasch im Minenfeld der politischen Korrektheit, das die hiesigen Rassismuskommissionen abgesteckt haben. Diese wittern bereits verkappten Rassismus, wenn etwa der Autor Siegfried Kohlhammer schreibt: «Erfolg und Misserfolg der Einwanderer hängt weniger davon ab, wie man auf sie im Gastland reagiert, sondern davon, wie sie auf das neue Land reagieren, wie sie dort agieren. Und das hängt wesentlich von ihrer Kultur ab.»*

Doch was meinen die Einwanderer selber dazu?

Für niemand scheinen derzeit die Zeichen schlechter zu stehen als für die zweihunderttausend Kosovo-Albaner, die nach den Italienern (zweihundertneunzigtausend Personen) mittlerweile die zweitgrösste Migrantengruppe in der Schweiz sind. Ist von ihnen in der öffentlichkeit die Rede, dann fast immer schlecht, nämlich in der Regel in den Polizeinachrichten. Die üblichen Ausnahmen sind die beiden (eingebürgerten) Nationalfussballer Valon Behrami und Blerim Dzemaili.

Doch es gibt sie, die erfolgreichen Kosovo-Albaner in der Schweiz, und nicht nur dort, wo sie unter sich geschäften, zum Beispiel in der blühenden Reisebranche. Fündig sind wir schnell geworden, und getroffen haben wir schliesslich eine ökonomin, zwei ärzte, einen Juristen, zwei Studentinnen und einen Gastronomen/Informatiker.

Die sieben kennen sich nicht oder bestenfalls flüchtig. Alle sind sie froh, dass es hier für einmal nicht um albanische Raser, albanische Dealer, albanische Mörder geht, und trotzdem hat sich niemand von ihnen um Publizität gerissen. Denn die sieben mögen nicht als Muster-Albaner im Schaufenster stehen, die alles besser wissen und alles besser machen und sich über den Rest ihrer zweihunderttausend Landsleute stellen. Wenn sie eines in der Schweiz sehr rasch verinnerlicht haben, dann die Tugend der Bescheidenheit. Shqiponja Isufi, 26, ist Doktorandin in ökonomie und arbeitet als Assistentin an der Universität Zürich. Ihre Eltern haben beide in Pristina studiert und waren in den Achtzigerjahren in die Schweiz geflüchtet. Shqiponja Isufi zog erst 1990 mit neun Jahren zu ihren Eltern nach Emmen. Nach drei Jahren Sekundarschule wechselte sie ans Gymnasium, machte dann die Matura und studierte Wirtschaft.

Ibrahim Kastrati, 33,  führt das Café Handelshof im Zürcher Kreis 1, ein hipper Bankertreff, in dem nonstop die Börsenkurse über den Flachbildschirm laufen. Sein Vater war 1977 als Saisonnier in die Schweiz gekommen, die Mutter arbeitete als Magazinerin. Ibrahim, das älteste von fünf Kindern, zog erst 1990, im Alter von 16 Jahren, zu seinen Eltern, obwohl er lieber in Kosovo geblieben wäre. In Basel besuchte er eine Privatschule, bildete sich zum Netzwerk-Supporter und Grafiker aus, wurde dann selbstständiger Informatiker und gründete eine Werbeagentur. Vor einem Jahr hat er zudem das Café Handelshof übernommen und umgebaut.

Shqipe Bajrami, 31, Studentin, ist das älteste von sechs Kindern eines Schuldirektors, der 1994 aus Kosovo floh und politisches Asyl in der Schweiz erhielt. Sie selber, die ein Universitätsstudium in Pristina begonnen hatte, kam 1996 im Alter von 20 Jahren, zusammen mit der restlichen Familie, zu ihrem Vater nach Chur. Nach diversen Sprachkursen holte sie in Freiburg die Schweizer Matura nach, weil die albanische hier nicht anerkannt wird, und begann in Zürich Germanistik und Völkerrecht zu studieren. Nebenbei arbeitet sie als Dolmetscherin.

Ilir Daljipi, 30, ist angehender Anwalt in Zürich und hat während seines Praktikums am Bezirksgericht Zürich des öftern den Spruch gehört, er sei der einzige Albaner auf dieser Seite des Gerichts. Sein Vater war 1980 als Gastarbeiter aus Mazedonien in die Schweiz gekommen, Ilir Daljipi zog im Alter von zwei Jahren nach Zürich. Nach der Sekundarschule wechselte er an die Kantonsschule und studierte anschliessend Jus.

Florim Cuculi, 30, ist Assistenzarzt und will Kardiologe werden. Sein Vater kam in den Achtzigerjahren als Bauarbeiter aus Mazedonien in die Schweiz. Seine Mutter ist Hausfrau. Mit 14 Jahren wurde Cuculi von den Eltern nach Wikon LU geholt, eher gegen seinen Willen, weil er fürchtete, in der Schweiz nie Arzt werden zu können. Er machte die Sekundar- und Bezirksschule, nach der Matura studierte er Medizin. Cuculi war für mehrere Praktika in den USA.

Ylfete Fanaj, 25, Studentin, lebte mit ihrer älteren Schwester bei ihrer Grossmutter, als sie 1991 mit neun Jahren zu ihren Eltern und drei Geschwistern aus einem kosovarischen Dorf nach Sursee zog. Ihr Vater war Arbeiter in einer Brauerei, die Mutter ist Hausfrau. Nach der Sekundarschule und einer KV-Lehre machte Ylfete Fanaj die Berufsmatura. Heute studiert sie an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern, arbeitet Teilzeit, sitzt neuerdings für die SP im Luzerner Stadtparlament und kandidiert auf deren second@s-Liste für den Nationalrat.

Besnik Abazi, 43, ist Oberarzt. Der Sohn eines Lehrers floh 1991 als soeben ausgebildeter Mediziner aus Kosovo, um der Zwangsrekrutierung durch die jugoslawische Armee zu entgehen. In der Schweiz begann er als Krankenpfleger und bildete sich später zum Facharzt für Psychiatrie weiter. Heute arbeitet er als Oberarzt bei den Externen Psychiatrischen Diensten des Kantons Basel-Landschaft in Liestal.

1. Das Glück

Kaum ein Gespräch beginnt ohne die Vorbemerkung, dass es kein Gesetz des Erfolgs gibt.

Aber es gibt Spuren, Muster, Konstellationen. Und Sackgassen. Starten wir mit der banalsten Erklärung: Glück. «Ich hatte das Glück, im Jahr 1991 noch ohne Visum als Tourist einreisen zu können», sagt der Oberarzt Abazi. Und er war zum Glück im richtigen Moment am richtigen Ort, um seinen Vorgesetzten während der Arbeit und in Notfallsituationen zu beweisen, dass er mehr ist als ein tüchtiger Pfleger.

Die ökonomin Isufi sagt ähnlich wie Abazi: «Zum Glück sind wir 1990 kurz vor der grossen Welle von Kosovo-Albanern in die Schweiz gekommen.» Der Jurist Daljipi: «Mein Glück war, dass ich zufällig in Zürich-Wollishofen in einem Quartier mit einem kleinen Ausländeranteil aufgewachsen bin und es wenig Fremdsprachige in meiner Klasse gab. So lernte ich besser Deutsch.» Vom Glück, die «richtigen» Gene aus dem grossen Genpool erwischt zu haben, spricht niemand. Auch sonst ist wenig vom Glück, also vom Zufall die Rede, denn Glück erklärt nicht viel.

2. Der Wille

Wesentlich öfter fallen in den sieben Begegnungen Begriffe wie Fleiss, Biss und Durchhaltewille. Und mehr als einmal ist zu hören, man habe eben «die schweizerische Arbeitsmentalität verinnerlicht, also Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung» (Oberarzt Abazi). Auf die Frage nach den Gründen für seinen Erfolg sagt der Gastronom und Informatiker Kastrati mit einem Lächeln: «Schaffe, schaffe! Ich stehe um fünf Uhr auf und arbeite bis 22 Uhr, sieben Tage pro Woche. In den letzten zehn Jahren habe ich nie mehr als drei Wochen Ferien gemacht.» Studentin Bajrami: «Ich wusste von Anfang an: Um als Albanerin in der Schweiz Erfolg zu haben, muss ich doppelt so viel arbeiten wie die Schweizer.» Sie erhielt zwar ein Stipendium, aber sie ging auch Büros putzen, um ihr Studium finanzieren zu können. Später arbeitete sie ausschliesslich als Dolmetscherin.

Oberarzt Abazi: «Dass ich nicht gleich eine Stelle als Arzt fand, war eine schwere Enttäuschung für mich. Aber ich wollte unbedingt in einem Spital arbeiten, egal, in was für einem Job, ich hätte auch in der Küche gearbeitet, Hauptsache, es war in einem Spital. Als ich Pfleger auf der Psychiatrischen Klinik wurde, eigentlich nicht mein medizinisches Wunschgebiet, schaute ich jeden Tag auf die Parkplätze der Tagesärzte und fragte mich: Wann wird mein Auto einmal dort stehen?» Er musste dreieinhalb Jahre warten und sich bewähren, bis er sich mit Erfolg um eine Stelle als Arzt bewerben konnte.

Die ökonomin Isufi: «In der Sekundarschule habe ich sehr viel gelernt, weil ich am Anfang grosse Angst hatte, ich würde nicht bestehen. Ich war ehrgeizig und bin es noch, aber ich habe mich nie dafür geschämt, dass ich etwas erreichen will. Die Schweizer Kinder lernen natürlich auch, nur geben sie es nicht gern zu. Sie exponieren sich nicht, um nicht als Streber zu gelten. Und was würden sie sagen, wenn sie ihr Ziel einmal verpassen?»

Der angehende Kardiologe Cuculi: «Als Jugendlicher musste ich dauernd beweisen, dass ich als Albaner kein ‹Böser› bin, um überhaupt erst vorgelassen zu werden. Unser schlechtes Image hat mich am Anfang enorm gestresst. Ich wollte allen zeigen, dass es auch andere Albaner gibt. Das war ein starker Antrieb für mich.»

Der Jurist Daljipi: «Wenn ich Albaner am Gericht treffe, freuen die sich oft sehr, dass ich es so weit gebracht habe. Sie hätten zwar auch gern solchen Erfolg, doch fehlt ihnen die Bereitschaft, den Tribut dafür zu bezahlen: lernen, bescheiden leben, mit Druck umgehen können.»

3. Die Familie

Glück und Fleiss allein nützen wenig ohne Unterstützung. Das betonen alle. Die erste, vielleicht die wichtigste Hilfe kommt aus der eigenen Familie, so oder anders oder eben gar nicht. Auf jeden Fall stellen die Eltern zentrale Weichen. Wie sie dies tun, hängt meistens davon ab, ob sie «bildungsnahen» (und oft städtischen) oder «bildungsfernen» (ländlichen) Schichten angehören, wie sich die Bildungsforscher ausdrücken. Drei unserer sieben Gesprächspartner stammen aus bildungsnahen Familien. Deren Eltern sind, wie etwa der Schuldirektor Bajrami, typischerweise als politische Flüchtlinge in die Schweiz gekommen und nicht als Saisonniers, und «sie unternehmen alles, um uns Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen», wie Shqipe Bajrami sagt. «Mein Vater hat für uns Kinder sofort eine kleine Bibliothek mit deutschsprachigen Büchern angelegt, weil er weiss, wie wichtig die Sprache ist»; ein Musterbeispiel für die vielfach belegte Erkenntnis, dass jene Kinder sehr viel häufiger Schulkarriere machen, deren Eltern dies schon taten, egal in welchem Land.

Der Grossteil der hier lebenden Kosovo-Albaner stammt hingegen aus ländlichen (Arbeiter-)Schichten, denen Bildung ziemlich fernliegt. Sie sind einer traditionalistischen Kultur verhaftet, in der Ehre und Stolz und vor allem das Wort des Patriarchen zählen. Das Interesse der Grossfamilie steht meistens über jenem des Individuums. «Erfolg heisst für sie, wenn etwas gut für die Familie und gut für die Nation ist», sagt Oberarzt Abazi. So hoffen noch immer viele Eltern, dass ihre Kinder nicht etwa eine möglichst gute Ausbildung machen, sondern dass sie möglichst bald eine Arbeit finden, damit ein zusätzlicher Lohn in die Familienkasse fliesst, welche auch die mitunter mehr als hundertköpfige Grossfamilie in der Heimat subventioniert. Das hier verdiente Geld wird in erster Linie in Autos, Hochzeiten und Häuser in der Heimat gesteckt, aber kaum je in die Bildung.

Die bildungsfernen Eltern der erfolgreichen Söhne und Töchter haben dieses Muster durchbrochen. Der Gastronom Kastrati erzählt: «Als ich mit 16 nach Basel kam, ging ich zuerst in die Migros-Sprachschule und dann drei Jahre lang an eine Privatschule. Das kostete fast 1000 Franken pro Monat, sehr viel Geld, aber meine Familie hat mich unterstützt, wobei ich selber am Abend noch arbeiten ging.» Warum seine Eltern dies taten, liegt wohl an einer verlorenen Illusion. Die erste Generation, die zwanzig oder dreissig Jahre im Dauerprovisorium Schweiz gelebt hat, beginnt sich von der Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat zu verabschieden. Und erst recht die folgenden Generationen. Ibrahim Kastrati sagt: «Für meine Eltern ist ebenso klar wie für mich, dass wir in der Schweiz bleiben. Sie haben begriffen, dass es nichts bringt, alles Ersparte in ein Haus in Kosovo zu investieren, wenn sie doch nur zweimal pro Jahr darin wohnen können. Für die paar Feriennächte gehen sie gescheiter ins Hotel. Das Geld hier zu investieren bringt mehr.»

Die grössten Hürden des albanischen Traditionalismus haben nicht die Söhne zu überwinden, sondern die Töchter. Sie sollen mit 20 Mütter werden und nicht Studentinnen. Wer mit 25 noch immer ledig und ohne Kinder ist, fällt aus dieser Sicht vollends aus der Rolle. Ylfete Fanaj, die Studentin an der Luzerner Hochschule für Soziale Arbeit: «Als ich 17, 18 Jahre alt war, wurden meine Eltern von Anfragen aus Kosovo überrannt, mich zu verloben und dann zu verheiraten. Hätte mein Vater damals Ja gesagt wie so viele andere Väter, wäre mein Leben sicher ganz anders verlaufen. Doch er hat alle Anfragen abgewimmelt. Für meine Eltern stand fest, dass Heiraten nicht infrage kam, solange ich mit der Lehre nicht fertig war, und da war ich 21. Mit dem KV-Abschluss hatte ich von all meinen Cousins und Cousinen den höchsten Schulabschluss, und darauf waren meine Eltern stolz. Zugleich spürten sie den Druck aus der Verwandtschaft: Was macht deine Tochter? Warum heiratet sie nicht? Alles dreht sich immer um die Familienehre. In Kosovo hat nie jemand nach meinen Leistungen in der Schule gefragt, alle wollten nur wissen, ob ich endlich einen Freund habe. Innerhalb meiner Verwandtschaft sind meine Eltern die Einzigen, die nicht mehr in diesen Mustern denken. Doch dafür habe ich mich auch eingesetzt, das kam nicht von gestern auf heute.»

Auch in Akademikerfamilien drücken diese Vorstellungen gelegentlich noch durch. Die ökonomin Isufi erzählt: «Ich passe nicht in die Frauenschublade der Kosovaren, weil mir Bildung wichtiger ist als die Gründung einer Familie. Wenn meine Mutter mit diesen Vorstellungen konfrontiert wurde, sagte sie immer: ‹Kümmert euch um eure Kinder und ich mich um meine.› Die meisten meiner Landsleute stecken ihr Geld in ein Haus, in die Hochzeit und ins Auto. Dementsprechend sieht Kosovo im Sommer jeweils aus wie der Genfer Autosalon, aber Investitionen in die Bildung sieht man eben nicht sofort. Dass ich, als 26-jährige Doktorandin, kein eigenes Auto habe und auch keine teuren Kleider trage, das ist für viele unbegreiflich. Ich erhielt auch viel mehr Gratulationen, nachdem ich die Autoprüfung geschafft hatte, als zur bestandenen Matura. Wenn ich mit den Leuten über solche Dinge zu reden versuche, dann sagen die nur: Hör auf, du hast zu viel studiert! Ich habe es aufgegeben, andere Leute ändern zu wollen. Ich mag ja meine Cousins, aber die Diskussionen über ihre Frauenbilder trieben mich nur noch in die Flucht. Ich habe aufgehört damit.»

4. Die Schule

Die Theorie besagt, dass bessere Aufstiegschancen hat, wer hier geboren und eingeschult wird. Und dass handkehrum nichts schwieriger ist als ein Nachzug in die Schweiz mitten in der Pubertät, weil der Kulturschock die Jugendlichen zwischen Stuhl und Bank treibt. Die Erfahrung dieser sieben Erfolgreichen ist, Zufall oder nicht, eine andere. Nur ein Einziger, der Jurist Daljipi, wurde hier eingeschult, in Zürich-Wollishofen. Die Praxis der andern widerspricht der Theorie.

Assistenzart Florim Cuculi sagt: «Der Wechsel mitten in der Pubertät war tatsächlich ein Schock. Ich selber wäre ja lieber in Mazedonien geblieben. Hier wollte man mich erst in die Realschule schicken, weil ich, damals 16-jährig, kein Wort Deutsch sprach. Sie schickten mich schliesslich in die Sekundarschule, weil ich sehr gut in Mathematik war. Ich erhielt neun Stunden Stützunterricht pro Woche und büffelte fünfzig neue Wörter pro Tag.»

Zu ihrer Schweizer Schulerfahrung sagt Shqiponia Isufi, die ökonomin: «Ich sprach kein Wort Deutsch, als ich hier in der dritten Klasse in Emmen eingeschult wurde, doch ich erhielt sofort sehr guten Stützunterricht in Deutsch. Am Ende der sechsten Klasse wollte mich mein Lehrer in die Real schicken, doch mein Vater sagte, mit diesen Noten müsse ich ins Gymnasium. Am Schluss ging ich in die Sek. Wie oft hatte ich von meinem Primarlehrer gehört: lieber eine gute Real- als eine schlechte Sekundarschülerin. Aber das ist falsch. In der Praxis zählt die Sek mehr.»

«Ich bin nicht sicher», fährt Shqiponia Isufi weiter, «ob ich es damals ohne Unterstützung meines Vaters geschafft hätte, denn selber war ich damals eher schüchtern. Meine Sekundarlehrer hingegen haben mich sehr unterstützt, und es war keine Frage, dass ich an die Kantonsschule wechseln konnte. Von den zweitausend Kantonsschülern waren sechs Albaner. Das heisst übrigens nicht, dass alle die Matura machen und studieren müssen. Ich mag es auch nicht, wenn jetzt alle Verwandten ihren Kindern sagen: Werdet wie Shqipe und geht an die Universität! Was für mich gut ist, muss nicht für alle andern gut sein. Man muss das tun, was man gerne tut, dann macht man es auch gut.»

Shqiponja Isufi genoss einen grossen Vorteil, den manche andere albanische Kinder nicht haben: die Unterstützung bei den Hausaufgaben durch ihre Mutter. Diese Hilfe fehlt vielen albanischen Kindern, was zum einen an Sprachschwierigkeiten und Desinteresse der Eltern liegt, oft aber auch schlicht an fehlender Energie nach acht Stunden Fabrikarbeit.

Ilir Daljipi zählt zu den wenigen, der auch ohne elterlichen Support in der Schule reüssiert hat: «Ich habe mich immer allein organisiert und wollte schon nach der sechsten Klasse ins Gymnasium. Doch meine Eltern vertrauten der Lehrerin, und die hatte mich für die Sekundarschule vorgesehen. Das war eine verpasste Chance. Auch dass ich später an die Kantonsschule wechselte, tat ich aus eigenem Antrieb. Da vertrauten die  Eltern dann mir.»

ähnlich sind die Erfahrungen, welche die Luzerner Studentin Ylfete Fanaj gemacht hat: «Ich hatte sehr gute Noten in der Primarschule und ging dann – als einzige Kosovo-Albanerin – in die Sekundarschule, obwohl ich sicher bin, dass man eine Schweizer Schülerin mit den gleichen Noten ins Gymi geschickt hätte.»

Als bewusste Diskriminierung empfand sie das nie, gleichwohl bezweifelt niemand der sieben, dass der schlechte Ruf die Chancen ihrer Landsleute drückt. Auch die Erfolgreichen machen mitunter diskriminierende Erfahrungen: Oberarzt Besnik Abazi: «Ich spüre das zum Beispiel am Zoll oder bei Polizeikontrollen. Man wird oft geduzt und eher abschätzig behandelt, bis ich mich als Arzt zu erkennen gebe. Dann sind die Leute ganz plötzlich freundlich.» Shqiponia Isufi, die ökonomin, hat selber nie offene Ablehnung in der Schweiz erlebt, «doch es gibt sicher Grenzen für Leute, die nicht Meier oder Müller heissen». Solche unsichtbaren Mauern hat zum Beispiel die Cousine von Florim Cuculi erfahren, wie der Luzerner Assistenzarzt erzählt. «Sie ist intelligent, hat auch keine violett gefärbten Haare»

(Cuculi), doch es gab Lehrstellen, für die sie sich nur unter falschem Schweizer Namen und nicht mit ihrem eigenen albanischen hätte vorstellen können. Dass es eine grosse Rolle spielt, ob sich ein Afrim oder ein Peter bewirbt – und zwar bei gleichen Noten – haben Studien längstens belegt.**

Liegt der fehlende (berufliche) Erfolg also doch an der Diskriminierung? Zum Teil, meinen die Erfolgreichen, aber eben nur zum Teil. «Es existiert auch eine relativ weit verbreitete Opfermentalität unter den Kosovo-Albanern», sagt Oberarzt Abazi, was wenig verwunderlich ist mit einer generationenlangen Erfahrung serbischer Unterdrückung. Doch Shqiponja Isufi sagt: «In der Schweiz kann es schon mal eine faule Ausrede sein, wenn jemand sagt: ‹Weil ich Kosovo-Albaner bin, habe ich keinen Erfolg.› Man muss sich immer auch fragen, was man bei sich selber ändern kann und nicht erst nach der hundertsten Absage realisieren, dass man mit Notendurchschnitt 4 in der Sek B keine KV-Lehrstelle erwarten kann.»

ähnlich Ylfete Fanaj, die Studentin an der Luzerner Hochschule für Soziale Arbeit: «Wenn jemand dauernd sagt, als Albaner werde er in der Schweiz eh nur diskriminiert, dann kann das auch zur Prophezeiung werden, die sich selber erfüllt. Doch man muss den Jugendlichen helfen, aus ihrer Opferhaltung herauszukommen. Wer lehrt sie, an sich selber zu glauben und Eigenverantwortung zu übernehmen? Dieses Denken wird leider nicht gefördert.»

5. Die Abnabelung

In jedem der sieben Gespräche steht man irgendwann vor der Frage: Fühlen sich diese erfolgreichen Albaner überhaupt noch als Albaner? Oder haben sie sich angepasst? Ist Assimilation der Preis für Erfolg in der Schweiz? Rasch wird eines aus den Antworten klar: Assimilation ist auch unter den Erfolgreichen ein ungeliebter Begriff, weil er für alle eine Opferung der eigenen Kultur bedeutet, ein Kappen der Wurzeln, im Grund eine Kapitulation. Und deshalb will es niemand so nennen, auch wenn real genau dies passiert: eine Annäherung an die Mehrheitsgesellschaft und zugleich eine gewisse Distanzierung vom eigenen Milieu. Diese ist allerdings weder einseitig noch erzwungen. Den Erfolgreichen ist der Ausbruch aus dem Gehäuse des Traditionalismus gelungen. Sie haben die neue Gesellschaft und Kultur schätzen gelernt, ohne die alte unbedingt zu verdammen.

Eine Nagelprobe dafür ist die Partnerwahl. Muss der Ehemann oder die Ehefrau Albaner sein? Für alle sieben ist klar: Er oder sie muss nicht. Jeder soll frei entscheiden, Zwang darf es keinen geben. Das sagen nicht nur die erfolgreichen Jungen, sondern auch deren Eltern, obschon die Vorstellung von Schweizer Schwiegertöchtern und -söhnen längst nicht allen leicht fällt. Aber sie akzeptieren die Möglichkeit.

Ylfete Fanaj, die Luzerner Studentin meint: «Assimilation fände ich falsch, weil ich nicht alle meine alten Werte verlieren möchte. Doch es ist schon so:

Die Erfolgreichen haben sich stärker der Schweizer Mentalität angepasst als andere. Aus meiner Sicht musste ich aber nichts opfern, ich habe einfach andere Sichtweisen kennengelernt. So denke ich heute mehr an meine eigenen Bedürfnisse als an die meiner Herkunftsgemeinschaft. Auch mein Frauenbild hat sich verändert. Vieles hängt von einem selber ab, das sage ich auch oft meinen Cousinen. Man muss seine Rechte einfordern, sich wehren. Wer nicht dafür kämpft, bekommt sie nicht geschenkt.»

«Noch schwieriger wäre es für mich gewesen», fährt Ylfete Fanaj fort, «wären meine Eltern nicht mit der Zeit offener geworden. Aber auch sie sagen mir immer: ‹Vergiss nicht, wo deine Wurzeln sind.› Das will ich auch gar nicht. Aber es ist trotzdem sehr wichtig, dass Kosovaren nicht nur Kosovaren als Freunde haben. Ihre besten Freunde sollten wenn möglich auch Schweizer sein, denn sie bringen eine andere Welt ein. Ich glaube, dass sich Kosovaren nicht progressiv entfalten können, wenn sie traditionell erzogen wurden und nur unter sich bleiben. Natürlich will ich in Kontakt mit meinen Verwandten bleiben, nur lasse ich mir nicht von ihnen vorschreiben, wie ich mein Leben führen soll.»

Ilir Daljipi, der Jurist: «Meine besten Freunde waren immer Schweizer, was damit zu tun hat, dass ich in den Schulen immer der einzige Albaner war. Albanische Kollegen habe ich erst wieder beim Studium an der Uni kennengelernt. Ich bin seit zehn Jahren Schweizer Bürger und fühle mich auch grösstenteils als Schweizer, obwohl ich mich keinesfalls gegenüber meinen Landsleuten abheben oder sie beleidigen möchte, wenn ich das sage. Viele junge Albaner haben den Mut nicht, die traditionellen Strukturen aufzubrechen, weil sie die Konsequenzen fürchten. Das kann ich auch gut verstehen, denn ich habe doch einiges am Bezirksgericht gesehen.»

«Schwer zu sagen, ob ich ein typischer Albaner bin», meint Gastronom und Informatiker Kastrati. «Ich habe zwar in Basel einen albanischen Fussballklub gegründet, den FC Dardania, doch selber bin ich fast nie mit Albanern zusammen. Ich ging schon immer lieber ins Kaufleuten als in eine albanische Disco. Zur Arbeit fahre ich mit dem Tram. Was soll ich mit dem alten Audi im Stau stehen, wenn ich im Zug arbeiten kann?»

Die ökonomin Isufi: «Ich wähle meinen Partner unabhängig von Nationalität, Haut- und Haarfarbe, vermute allerdings, dass ein Schweizer eher meiner Lebensphilosophie entspricht. Eine Zeitlang lehnte ich die ganze albanische Kultur als rückständig ab. Im Vergleich zu mir ist mein Vater viel stärker Kosovare geblieben. Tief in mir drin bin ich eine Luzernerin.»

«Mein Vater hat uns Kindern immer gesagt: Lebt möglichst so, wie man hier lebt», erinnert sich die Germanistikstudentin Bajrami. «Er ist dem Land sehr dankbar, dass es uns aufgenommen hat. Weil wir seit elf Jahren nicht mehr in Kosovo waren, könnte man meinen, wir gehörten nun zur Schweiz. Dabei ist es so, dass wir zur schweizerischen wie zur albanischen Gesellschaft gehören, aber zu keiner ganz. Wir leben im Spagat.»

Der Oberarzt Abazi: «Auch ich lehne Assimilation ab, weil das hiesse, die gesamte eigene Tradition aufzugeben. Wichtig ist, dass die Leute nicht im eigenen Getto leben. Diese Tendenz ist zwar am Abnehmen, aber noch immer verkehrt mindestens die Hälfte der Albaner in der Schweiz ausschliesslich mit eigenen Landsleuten.»

Je grösser die Gemeinschaft, umso einfacher lässt sichs untereinander bleiben. Die 200 000 Albaner leben hier in vielen kleinen Kosovos. Der Bruder holt den Schwager, dann den Cousin, die Cousine, die Enkel, und alle aus der gleichen heimatlichen Ecke, eine Kettenwanderung. So kennt man die Leute, die Sprache, die Sitten, und nicht selten geben sich diese Emigranten kosovarischer als in der Heimat selber. Aus Verunsicherung, zum Schutz, aus Trotz igeln sich viele im Traditionalismus ein. Diese «Reethnisierung», wie sie die Migrationsforscher beobachten, befördert zwar das Gefühl des Vertrauten, doch sie behindert die Chancen jenseits der kleinen Exil-Kosovos.

Wie stark die Abschottung den Aufstieg von Migranten erschwert, zeigt sich auch bei den 35 000 Tamilen im Land. Sie gelten zwar inzwischen als «die besseren Schweizer» («Facts», 1999) und nicht mehr als «Heroin-Tamilen» («Blick», 1985), weil sie unauffällig, arbeitsam und deshalb – vermeintlich – integriert sind. Doch real lebt und bleibt keine andere Ausländergemeinschaft stärker unter sich als die Tamilen. Und keine kommt wirtschaftlich weniger vom Fleck. «Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher» resümiert die tamilische Studentin Anu Sivaganesan eine Studie der Stadt Zürich, die die berufliche Stagnation der Tamilen belegt. Anu Sivaganesan war die erste Tamilin, die im Kanton Zug die Matura geschafft hat. Doch auch sie wäre wohl erfolglos geblieben ohne Abnabelung vom eigenen traditionalistischen Milieu – zum Preis, bei vielen Landsleuten als Verräterin der eigenen Kultur zu gelten. Daran, sagt Anu Sivaganesan, «kann verzweifeln, wer keinen Ersatz für die traditionelle Familie hat».

6. Das Netzwerk

Wer raus will aus dem «Getto», muss also wissen, wohin, um nicht zwischen Stuhl und Bank zu landen. Deshalb braucht es neue Netzwerke, persönliche Beziehungen ausserhalb des alten Milieus, «soziales Kapital», wie es die Soziologen nennen. Davon haben die sieben erfolgreichen (Kosovo-)Albaner eine Menge gesammelt. Alle verkehren heute hauptsächlich unter Nicht-Kosovaren, beruflich wie privat. Ihre besten Freunde sind Schweizer, erzählen mehrere. Gefunden haben sie sie in Vereinen, in der Schule, im Beruf, auch in politischen Parteien.

Ylfete Fanaj: «Schon in der Primarschule nahmen mich Freundinnen in die Pfadi mit. Das klappte zwar nicht, weil ich damals noch zu wenig gut Deutsch konnte. Ohne Sprache funktioniert eben gar nichts. Doch solche Vereine sind sehr wichtig, auch Jugend- und Sportvereine. Grosse Unterstützung erhielt ich später von den drei Geschäftsführerinnen jener Sprachschule, wo ich das KV gemacht hatte. Diese drei Frauen, alle mit einem migrantischen Hintergrund, wurden zu Vorbildern für mich. Sie verlangten Leistung von mir und ermutigten mich zugleich, die Berufsmatura nachzuholen. Wir gingen zusammen ins Kino, ins Theater, wir diskutierten auch oft über meine eigenen Zweifel, die ich immer wieder hatte. Ich weiss nicht, ob ich ohne deren Unterstützung die Berufsmatura begonnen hätte.»

So oder ähnlich haben alle Erfolgreichen Kontakte in der Mehrheitsgesellschaft geknüpft: über Integrationsorganisationen und Parteien, bei der Caritas, beim Dolmetschen, an der Uni, im Spital. Es sind auch kulturelle Brücken.

7. Die Kultur

Zum Schluss ein kurzer Blick auf eine Gemeinschaft, welche nie in den Schlagzeilen steht ausser bei Besuchen ihres Oberhauptes: jene gut dreitausend Tibeter, die seit vierzig Jahren in der Schweiz leben. Unter den tibetischen Secondos lassen sich Scharen erfolgreicher Berufsleute finden, vielleicht sind sie das heimliche kleine Integrationswunder der Schweiz.

«Ich glaube, der Erfolg liegt an unserer Mentalität», sagt Samdruk Dharshing, 19, die in St. Gallen ökonomie studiert und ausdrückt, was viele ihrer Landsleute denken. Der spezifisch tibetische Wertekanon von Eigenverantwortung, Fleiss, Bildungsbewusstsein und Offenheit bei aller Pflege der eigenen Tradition funktioniert ganz offensichtlich gut in der Schweiz.

Handkehrum wird sich schwer mit Aufsteigen tun, wer in einer traditionalistischen Patriarchenkultur hängen bleibt, die mangels staatlicher Institutionen zur Selbstjustiz neigt. Es ist kein Zufall, dass sich die erfolgreichen Albaner weit gehend daraus verabschiedet haben – und ebenso aus der Religion als (kleinem) Teil dieser Kultur. Alle sieben Gesprächspartner sind ursprünglich Muslime, doch niemand von ihnen hält sich im Alltag an die Pflichten des Islam. Sie denken nicht einmal daran. Diese Leute glauben weniger an den Propheten, aber umso mehr an sich selbst.

Besnik Abazi, der Oberarzt in Liestal sagt: «Man muss zwei Wände durchbrechen, um aus der albanischen Gesellschaft hinaus und in die Schweizer Gesellschaft hineinzukommen. Dazu braucht es starke Bohrer. Doch wer will, der kann es schaffen.»

Shqiponja Isufi, 26, Ökonomin | Bild: Christian Schnur
Shqiponja Isufi, 26, Ökonomin | Bild: Christian Schnur
Ilir Daljipi, 30, Jurist | Bild: Christian Schnur
Ilir Daljipi, 30, Jurist | Bild: Christian Schnur
Ylfete Fanaj, 25, Studentin | Bild: Christian Schnur
Ylfete Fanaj, 25, Studentin | Bild: Christian Schnur
Florim Cuculi, 30, Assistenzarzt | Bild: Christian Schnur
Florim Cuculi, 30, Assistenzarzt | Bild: Christian Schnur
Shqipe Bajrami, 31, Studentin | Bild: Christian Schnur
Shqipe Bajrami, 31, Studentin | Bild: Christian Schnur

Die Diskussion

15 Reaktionen

  1. Georg Trümpy

    Offensichtlich ist die Sprache ein Schlüsselfaktor. Für viele ist es eine totale Überforderung, das Sprachgefühl in einer Fremdsprache zu entwickeln. Konsequenz: Es braucht als erster Schritt ein Angebot in der Muttersprache, um das Sprachgefühl zu entwickeln. Im zweiten Schritt kann dieses Sprachgefühl auf eine Fremdsprache weiter entwickelt werden. So haben einige Menschen mehr Chancen, ebenfalls erfolgreich zu sein.

  2. Alfred Büchi

    Ich finde diesen Artikel sehr gut. Mein Tipp: alle Ausländer, die in die Schweiz kommen, müssten zuerst diesen Artikel lesen! Er müsste zur Pflicht-Lektüre gehören. Ebenso sollten alle Politiker diesen Artikel lesen und sich darüber Gedanken machen.

  3. Shqipe Gashi

    Ich finde diesen Text super, endlich wird mal gezeigt das nicht alle Albaner böse oder faul sind. Ich bin selber auch Albanerin und in einer Privatschule (KV-Ausbildung) in Luzern. Ich will auch in meinem Leben etwas erreichen, worauf ich stolz sein kann. Diese sieben Albaner habens echt geschafft, Kompliment.

  4. Urim Mehmedi

    Diesen Artikel finde ich echt Klasse. Auch von meiner Seite her, ein herzliches Kompliment. Es zeigt auch, dass wir es auch können ;-) , nämlich Karriere in der Schweiz machen. Nun ist es wichtig, das Ganze nicht auf die Sieben zu reduzieren, um eine bessere Meinung über uns zu haben. Ich kenne dutzende andere Albaner, die entweder am Studieren sind oder fertig studiert haben. Ich denke, die Zeit ist reif, dass wir uns vermehrt von dieser Seite bemerkbar machen.

  5. Sandra Egli

    Gerade weil ich mich im Moment in Serbien aufhalte, habe ich den Artikel mit Spannung gelesen. Die im Artikel aufgelisteten Faktoren haben mich aber nicht überrascht. Sie erinnern stark an soziologische Erklärungen für Bildungsaufstieg im Allgemeinen (also auch von SchweizerInnen): Eine spezifische Kombination von Glück, individueller Merkmale (Fleiss, Ehrgeiz, etc.), einem unterstützenden Umfeld (Familie, Schule, Freunde, etc.) und kultureller Merkmale (vielleicht kann in der Schweiz ein Unterschied zwischen calvinistischer und katholischer Tradition gefunden werden?). In der Soziologie werden aber noch eine ganze Reihe struktureller Faktoren berücksichtigt, insbesondere Varianzen in der Ausgestaltung des Bildungssystems. Es wäre zum Beispiel spannend zu schauen, ob die Einführung der Berufsmatura die Aufstiegschancen von AusländerInnen verbessert hat. Oder gibt es einen Unterschied zwischen den Kantonen, die die Unterteilung in Oberschule, Real- und Sekundarschule kennen und denjenigen die das flexiblere System der Sek A, B und C haben?

  6. Oscar Schmid

    < >

    < <Ähnlich sind die Erfahrungen, welche die Luzerner Studentin Ylfete Fanaj gemacht hat: «Ich hatte sehr gute Noten in der Primarschule und ging dann – als einzige Kosovo-Albanerin – in die Sekundarschule, obwohl ich sicher bin, dass man eine Schweizer Schülerin mit den gleichen Noten ins Gymi geschickt hätte.»>>

    Zu den Aussagen über die Primarschule in diesem sehr interessanten Artikel (Danke, sehr lesenswert!) muss ich ergänzen, da ich diese Äusserungen oft so höre, dass die Primarlehrperson kein Kind für eine bestimmte Schullaufbahn bestimmen kann. Der Übertritt ins Gymnasium liegt ganz allein in den Händen der Eltern und ihrer Kinder. Die Lehrperson kann höchstens empfehlen. Eine Anmeldung erfolgt aber immer durch die Eltern.

  7. Bedzeti Ilhana

    Respekt und Kompliment an die genannten Protagonisten! Ich freue mich sehr von den Menschen zu erfahren, die durch Fleiss und Disziplin ihren Bildungsstand erhöht haben. Ich bin sehr stolz auf euch! Es bedeutet mir viel, dass das Magazin das Interesse hatte, die Albaner von einer anderen Perspektive zu zeigen. Danke! Denn nicht alle Albaner sind schwarze Schafe.

  8. Slavica Dajguzic-Demayer

    Im heutigen Meer von „schwarzen“ und „weissen“ Schafen, undifferenzierten Analysen und Kommentaren und ähnlichen pauschalen Rundumschlägen der rechtsextremen Maschinerie gegenüber der ausländischen Bevölkerung wirkt dieser Artikel erhellend und beruhigend. Doch durch die Vorstellung von sieben albanischen Akademiker/innen wird leider auch der Eindruck erweckt, Integration und Erfolg für junge Ausländer/innen in diesem Land messen sich allein daran, ob sie ein Hochschulstudium anstreben bzw. bereits im Besitze eines Diploms sind oder nicht. Wenn man „Erfolg“ unter anderem auch als Endergebnis einer gelungenen Integration aufzeigen wollte, dann hätte man durchaus auch Leute mit Berufsprofilen ausserhalb der Akademikerwelt porträtieren können. So hätte die Tatsache, dass die Mehrheit von Ausländer/innen in der Schweiz integriert ist und friedlich mit ihren Mitmenschen zusammenlebt, besser bekräftigt werden können. Schade eigentlich, denn die sieben kommen auf diese Weise als „exotische“ Ausnahmen rüber. Die eben grosse Mehrheit zwischen zwei Minderheiten von „Nicht-Integrierbaren“ und „Super-Integrierten“ bleibt in einer Berichterstattung wieder mal vergessen. Folge davon sind undifferenzierte Aussagen der Unwissenden und/oder unnötige Rechtfertigungen von Mitgliedern der betroffenen Volksgruppe im Sinne von „seht, es sind doch nicht alle kriminell, einige findet man sogar an der Uni“.

    Im Übrigen bleibt auch die Kritik am letzten Teil des Artikels, in dem diese eben erfolgreiche Integration der sieben Albaner/innen indirekt auch dadurch erklärt wird, dass sie sich alle (sic!) von der Religion und somit (?!) auch von den traditionalistischen Kreisen abgewandt haben und weniger an Propheten, als an sich selbst denken. Diese unnötige Kalkulierung, das Streben nach dem gesellschaftlichen Erfolg und der Glaube an den Propheten könnten miteinander nicht in Einklang gebracht werden, könnte für zahlreiche Muslime in der Schweiz, die gerade das Gegenteil beweisen, den Effekt einer Zumutung haben. Ob der Autor des Textes somit ungewollt ebenfalls in die Falle der letztlich salonfähig gewordenen Dämonisierung des Islam als Religion geraten ist oder alles purer Zufall ist, sei dahingestellt. Eines ist sicher: die Frage nach dem religiösen Empfinden (und allenfalls Praktizierung) wäre im gleichen Text über junge Portugiesen oder Tamilen, die genauso aus religiös-traditionalistischen Patriarchenkulturen stammen, nie gestellt.

  9. Muhamet Ilazi

    „Die guten Albaner“?

    Dieser Titel ist meiner Meinung nach provozierend und unpassend. Die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Menschen ist auf dem Balkan nicht so fremd. Die letzte traurige Geschichte Balkans kennt zahlreiche solche Unterscheidungen, die zu den schrecklichsten Kriegen der neuen europäischen Geschichte führte. Ohne auf diese Geschichte vertieft einzugehen, sollte eine solche Unterscheidung vermieden werden. Ausserdem ist definitorisch falsch einen erfolgreichen Menschen mit einem guten Menschen gleichzusetzen, denn beide sind unterschiedliche Konzepte mit unterschiedlichen Bedeutungen. Erfolg wird einerseits nach bestimmten objektiven Krieterien gemessen: Berufsabschluss, Titel, Reichtum etc. Ein erfolgreicher Mensch muss nicht unbedingt ein guter Mensch sein. Ein guter Mensch ist andererseits eher subjektiv, lässt sich schwer nach bestimmten objektiven Kriterien bewerten und messen. Die guten und leistungsfähigen Menschen sind in der Tat die erste Generation von Albanern sowie andere Völkergruppen aus den Balkan.

    Ein grosser Teil der zweiten Generation der Ausländer aus dem Balkan ist in die Schweiz durch Familiennachzug gekommen. Die meisten nachgezogenen Kinder könnten die Schule, die Berufsausbildung oder das Studium durch ihre Eltern finanzieren. Ausserdem haben ihre Eltern die anderen bedürftigen Familienangehörigen in ihrer Heimatländer finanziell unterstützt. Die erste Generation hat, meiner Meinung nach, die grösste Entwicklungshilfe nach den letzten Balkankriegen in ihrer Heimatländer geleistet, die leider unverständlicherweise in ihrer Heimat aber auch hier in der Schweiz wenig geschätzt wurde und wird. Nicht zu vergessen ist auch die Leistung als Arbeitskraft dieser Generation, die bei dem Aufbau der Schweiz bedeutend seit der 70er Jahren beteiligt hat. Man muss vor diesen wenig ausgebildeten, aber guten Menschen, Respekt haben, die nicht krimineller Handlungen nachgingen, sondern eine fleissige Arbeitskraft für die Schweiz und eine gute sowie sichere finanzielle Quelle für ihre Heimat waren. Ein Bekannter von mir, als er zum ersten Mal in St.Gallen angekommen ist, beschrieb sie mit folgenden Worten:

    „Als ich zum ersten Mal nach St. Gallen kam, gab es nur eine Ampel in der ganzen Stadt“

    Der Fazit des Autors, dass die Interviewten keine soziale Beziehungen (Sozialkapital) innerhalb ihre ethnische Gemeinschaft pflegen, ist auch unhaltbar. Ich habe das Gefühl, dass die Interviewten diese Frage verneinten. Zumindest kann ich bei den Interviewten aus Zürich, die ich persönlich kenne, sicher sein, dass sie im albanischen studentischen Verein „Studenti“ in Zürich Mitglieder waren. Ausserdem sind sie mit ihren Heimatleuten aus familiären, freundschaftlichen oder beruflichen Gründen eng verknüpft. Dass sie mehr Kontakte mit den Schweizern pflegen, ist für mich unglaubwürdig.

    Im Interview werden Themen wie Religion, Krieg, berufliche Diskriminierung, Armut etc., nicht besprochen. Als Fazit kann man sagen, dass das Interview kein Bild albanischer Realität und Identität sowie Kultur in der Schweiz vermittelt. Eine Erklärung könnte der Versuch der Interviewten sein, die möglichst eine ideale Identität bzw. Realität in der Schweiz zu repräsentieren. Man kann sie hier, aus den unerklärlichen Motiven, leider nicht als Beispielhaft für eine gelungene Integration in der Schweiz betrachten.

  10. Ariane Sasaba

    Kompliment!Ein sehr guter Artikel. Es beweisst dass man nicht alle Menschen in den gleichen Topf werfen soll!

  11. Mirjad Keka

    Obwohl ich diesen bericht viel zu spät endeckt habe-nämlich erst heute-bin ich froh, dass eine seriöse Zeitschrift einen so fachlichen Artikel veröffentlicht. Nichts desto trotz bezweifelt niemand, dass es immernoch Albaner gibt, welche sich neben der Spur verhalten. Das ganze wird dann durch nichseriöse, leider aber oft gelesen, Zeitungen wie Blick und 20Minuten gross publitziert und auf die Titelseite gesetzt. Diese Tatsache ist nicht gerade hilfreich, wenn es darum geht, denn Ruf der Albaner zu verbessern. Allerdings finde ich es ein bisschen Schade-obwohl ich für diese sieben Albaner grossen Respekt empfinde-dass das ganze auf sieben erfolgreiche Albaner reduziert wird. Ich persönlich studiere (Systemtechnik) auch und habe gerade mit dem dritten und letzten Jahr begonnen.Allein im Kanton St.Gallen sind mir mehr als zehn Albaner bekannt, welche das Studium abgeschlossen haben oder sich in der Endphase befinden. Die Türken, Serben etc. ausgeschlossen. Trotzdem bin ich erfreut, dass es auch solche Artikel gibt und bin zuversichtlich, bzw. hoffe es aus tiefstem herzen, dass es in ein paar Jahre “normal” sein wird, dass auch Albaner erfolgreich sein können.

  12. ILir Adili

    Mit 27 Jahre kam erstmal in die Schweiz, habe in FHSG St.Gallen berufsbegleitend Mechatronik-Ingenieurwesen Studiert, in zwischen mache berufsbegleitend Masterarbeit für Optische Systemtech-nik. Bestimmt habe sehr hart gearbeitet, nichts wird geschenkt, aber es ist möglich. In die Schweiz man hat die Chance muss aber ausnutzen.
    Natürlich, freue mich sehr auf Erfolge meiner Landsleute, die können image ändern.
    Freundliche Grüsse

  13. Daut Ajeti

    Respekt allen Kosovaren, die es weit gebracht haben oder auf dem Weg dorthin sind. Jedoch geht mir eine Sache nicht aus dem Kopf. Ich wurde in der Schweiz geboren und bin hier aufgewachsen. Mit meinen 16 Jahren befinde ich mich gerade in meiner Informatikerlehre mit Berufsmatura. Meine Verbindung zu meinem Land ist stärker als viele vielleicht denken würden. Ich gehe so oft ich kann nach Kosovo und kann es überhaupt nicht verstehen, wenn mir jemand sagt, dass er nicht gerne nach Kosovo geht. Einige nennen es Zeitverschwendung und andere wiederum sagen, sie haben schlicht und ergreifend kein Geld um Ferien dort zu machen. Die Grosseltern, Tanten und Onkels leben im Heimatland, doch man hat keinen Kontakt mit ihnen, was für mich unverständlich ist. Ich bin der Schweiz sehr dankbar, dass sie mir diese Möglichkeiten bat für meine Eltern, meine Geschwistern und mich. Ich bin auch bereit das Militär abzuschliessen und der Schweiz zu helfen so gut ich kann, als kleines Dankeschön. Jedoch werde ich meine Bindung zu meinem Land nie verlieren. Meine zukünftige Frau wird Kosovarin sein und meine zukünftigen Kinder werden albanisch sprechen. Ich passe mich an, jedoch werde ich meine wahren Wurzeln nie vergessen, schon garnicht verleugnen! Ein Appell an meine Landsleute: “Werdet erfolgreich, zeigt dass sich in unserem Volk mehr als nur Gewalt befindet, jedoch vergesst niemals eure Wurzeln. Wir sind Kosovaren und müssen dazu stehen, was wir sind. Unser Volk ist keine Schande, sondern das Beste in dieser Welt!”

    Unsere Eltern wollen immer nur das Beste für uns. Jedoch wissen die meisten Eltern nicht, was das Beste für uns ist, da sie mit dem Schweizer System nicht vertraut sind. Ich freue mich solch einen Artikel lesen zu können. Ich wünsche meinen Landsleuten viel Erfolg.

    Denkt an euer Vaterland!

    Liebe Grüsse

  14. Donjeta Maloki

    Der Artikel gefällt mir. Als ich meine Lehre (KV Zürich) angefangen habe, hat mir mein Berufsbildner das Magazin gegeben und diesen Artikel gezeigt. Mit grossem Interesse und Freude habe ich die Zeilen gelesen. Heute (zwei Jahre später) habe ich ihn wieder gesucht und wieder gelesen. Nun gefällt er mir noch besser. Vielleicht liegt dies an der Entwicklung oder Veränderung meiner Persönlichkeit. Ich freue mich positives über unsere Mitbürger aus dem Kosovo zu hören.

    Auch ich wünsche euch viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft

    Beste Grüsse

  15. Juliana Nikolla

    Ich finde es sehr spannend zu lesen, wie ähnlich die aussagen von anderen “erfolgreichen” albanern zu meinen sind. über die aussage: “ich erhielt auch viel mehr gratulationen, nachdem ich die Autoprüfung geschafft hatte, als zur bestandenen matura”, musste ich schmunzeln. ich beobachtete das selbe auf meinem weg. Ich studiere an der Soz Zürich, Soziale Arbeite, und arbeite bei der vormundschaftsbehörde der stadt winterthur. Ich danke allen über die informationen über die erfolgreichen albaner und hoffe, öfters auf solche artikel in den medien.

    grüsse juliana nikolla

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