22.01.2010 von Michèle Roten , 1 Kommentar
Ich habe eine Lücke festgestellt in meinem Bekanntenkreis. Der ist sonst demografisch recht breitgefächert. Ich kenne Leute mit Kindern und Leute ohne Kinder. Gläubige, Atheisten, Esoteriker. Leute vom Land und Leute von der Stadt. Ausländer, Schweizer. Ich kenne Professoren und Schulabbrecher. Hippies und Banker. Ich kenne Swinger, Pornosüchtige und Prüde. Vegetarier, Fette, Orthorektische. Reiche und Arme. Alkoholiker und Abstinenzler. Depressive, Frohnaturen.
Aber ich kenne keine alten Menschen. Menschen ab 80. Kenn ich keine. Ich muss es gerade so formulieren: Ich kenne alte Menschen nicht.
Kennen und nichtkennen wie in: Kennst du das, wenn du irgendwas anfassen musst, und das ist vielleicht dreckig oder nass, und du willst dir die Hände nicht dreckig oder nass machen, weil du zu faul bist, und du fasst es nur mit spitzen Fingern an, und dann fällts dir hundertprozentig runter, und anstatt dass du dir nur nachher die Hände hättest waschen oder abtrocknen müssen, musst du schliesslich die ganze scheiss Sauerei aufputzen, und eigentlich wusstest du von Anfang an, dass es so kommen würde? Antwort: Kenn ich.
Oder: Kennst du das, du schläfst mit jemandem und stellst dir jemand anderen dabei vor? Antwort: Nein, kenn ich nicht. Isst du auch manchmal ein Kotelett und stellst dir Chateaubriand vor?
Oder: Kennst du Paranoia? Antwort: Kenn ich.
Wäre nun also die Frage: Kennst du alte Menschen?, lautete die Antwort: Nein. Ich kenne keine alten Menschen, und ich kenne alte Menschen nicht. Meine Grosseltern sind vor langer Zeit gestorben, und sonst kommt man ja kaum je in Kontakt mit dieser Bevölkerungsgruppe.
Und wenn, dann verhalte ich mich komisch. Als ich mich neulich mit einer alten Frau unterhielt, musste ich befremdet beobachten, wie sich meine Sprache veränderte: Nicht nur redete ich lauter und deutlicher und mit mehr Intonation, sondern ich bemühte auch Wendungen wie: Jegersneiau! und Gopfridli nomal! und Tankä höfli! und nannte Erlebnisse, die super waren «dä Plausch», ging plötzlich aufs «AB» statt aufs WC und redete überhaupt sehr viel Quatsch. Es war ein Soziolekt, den ich das Bedürfnis hatte zu benützen, und er unterschied sich im Verstandesgefälle, das er implizierte, in kaum etwas von Babysprache. Wenn man also in demFalle von Mutterisch spricht, war das, was aus meinem Mund kam, Enkelisch und eigentlich durchaus beleidigend. Es erinnerte mich an eine Szene mit der Verkäuferin in einem Kleiderladen unlängst, die einem Schwarzen, der nach einer Hose im Schaufenster griff, zurief: DAS ISCHT ZU GROSS FÜR SIE! DAS GEHT IHNEN NICHT! ZU GROSS!, und dabei mit vollem Körpereinsatz pantomimisch «gross» darzustellen versuchte. Kein schmeichelhaftes Apropos. Aber es wird noch schlimmer:
Weil ich also keine Ahnung davon habe, wie alte Menschen so ticken und worum es bei ihnen geht, hantiere ich mit Vorurteilen und Stereotypen, wie das immer passiert, wenn man etwas nicht kennt. Ich denke also, wenn ich ganzehrlich bin, über alte Menschen ungefähr so: Sie sind kompliziert, ängstlich, verbohrt und wählen alle SVP, weil sie Angst vor Neuem und Unbekanntem haben. Und diese komplett verblödete Stereotypisierung wiederum macht mich selber irgendwie zum SVPler, was natürlich nicht sein darf. Ergo: Ich muss das Unbekannte kennenlernen und mir ein paar neue Freunde suchen: Alte.

Fotografiert von Serge Hoeltschi
Sehr schön! Wer denkt eigentlich je darüber nach, dass wir alle (hoffentlich) alt werden und damit zum Tabuthema unserer Leistungsgesellschaft? Ich denke mal, im Alter würde ich lieber in Asien leben – da kann ich mir sicher sein, Wertschätzung und Respekt zu geniessen und das man mir zuhört!