Ich fress TV

Nur Banausen hauen Kochshows in die Pfanne. Fernseh-Connaisseurs schlemmen sich durch das Programm.

09.05.2008 von Michèle Roten , 3 Kommentare

Es läuft ja wirklich viel Blödsinn im Fernsehen. Das denke ich eigentlich jedes Mal, wenn ich mich zunehmend verzweifelt und Haken schlagend wie ein Hase durch die Sendung gewordenen schlechten Ideen drücke. Schrecklich, die Abscheulichkeiten an Menschen, die da ihre Lebensgeschichte erzählen, obwohl sie gar keine ist; peinvoll, die hundsjämmerlichen Dialoge und furchtbaren Schauspieler in Soaps, die üblen Quizshowmoderatoren, die sich unter Todesschmerzen ein paar Scherze aus den Rippen leiern, um sich selber davon abzulenken, dass sie eigentlich «Tagesschau»-Sprecher hatten werden wollen. Die lobotomisierten Dial-In-Sendungs-Frauen, die ständig ihre manikürten Spastifinger in die Kamera strecken, als lernten sie gerade zählen, und die mit weit aufgerissenen Augen Sätze sagen wie: Noch zwanzig Sekunden!, oder: Noch vierzehn Sekunden!, und manchmal auch: Noch eine Minute!, und ich drücke und schalte und zappe – und irgendwann bleibt mein rastloses Auge auf einem Bild ruhen, das einen Kochtopf zeigt. Oder wie ein herrlich scharfes Messer durch Gemüse flitzt. Flinke Finger, die irgendwas mit irgendwas befüllen, zerteilen, einstreichen, durchmischen. Heisses Fett, das Fleisch vor Freude spritzend in der Bratpfanne empfängt, und ich entspanne mich, und die Welt scheint ein bisschen besser. Kochsendungen sind allüberall im TV dieser Tage. Und wenn Sie mich fragen, ist das das Beste, was uns passieren kann auf der Mattscheibe.
Ich bin ratlos, wenn sich fernsehschauende Mitmenschen über die ständig steigende Zahl dieser Formate echauffieren. Sie regen sich darüber auf, dass man die Rezepte nicht nachkochen könne, weil alles viel zu schnell geht. Ausserdem ist doch eh alles schon vorgekocht! Und das ständige Gequatsche! Schliesslich ist ein Koch ein Koch und kein Showmaster! Und was da gekocht wird, ist ja auch wieder nicht die ganz grosse Küche, sondern aufgemotzter Alltagsfrass. Und sowieso: Obsolet, daneben, dass man, da man sowieso mehrmals täglich essen muss, auch noch in der Freizeit damit behelligt wird. Null Relevanz, das Thema! Und die Sendungszeiten – unmöglich, wer will denn um Mitternacht noch sehen, wie eine Terrine zubereitet wird?
Und das Hauptargument: Absurd zuzuschauen, wie etwas zubereitet wird, das man danach nicht essen kann. Dieses Argument allerdings kann mit einem Wort ausgehebelt werden: Pornografie. Die Fantasie isst mit, genauso wie sie mitvögelt.

Wo man kocht, da lass dich nieder Es ist sehr einfach zu erklären, warum ich Kochshows so gern mag: Ich esse gern, ergo interessiere ich mich für Essen. Genauso wie ich gern Musik höre und mich deswegen auf dem Laufenden halte, was in dem Bereich so passiert. Ich interessiere mich also für neue Geschmäcker, aufregende Zubereitungsarten, aussergewöhnliche Kombinationen. Ich mag es zuzuschauen, wie aus Ingredienzen ein Ganzes, ein Gericht entsteht. Ich mag es, das Handwerk des Kochens zu beobachten, sei das der jonglierende Pizzaiolo oder der schabende Shish-Kebab-Mensch oder der mit Trockeneis hantierende Molekularkoch oder meine Mutter beim Salatrüsten, ich schaue einfach gern zu, kochen sieht gut aus. Die Zubereitung eines Essens ist eine unschuldige, durch und durch friedliche und meist, weil man ja wann immer möglich nicht allein isst (essen sollte), auch philantropische, liebevolle Handlung. Mit jedem guten Essen wird das Menschsein gefeiert, indem man das Beste daraus macht, es zu erhalten – es ist eine lustvolle Kapitulation. Man könnte sich ja mit Haferbrei am Leben erhalten, alles darüber hinaus ist Hedonismus.
Kochsendungen vermitteln mir also per se ein wohliges, hoffnungsvolles Gefühl, es ist eine Art Antidepressiva: Solange gekocht wird, kann alles nicht so schlimm sein. Dieser simple Effekt vermag es sogar, mich fast schon unempfänglich für die Person des TV-Kochs zu machen (ich bleibe hier bewusst bei der männlichen Form, denn interessanterweise scheint es kaum Köchinnen zu geben, zumindest im Fernsehen) – er ist mir entweder ganz egal, oder ich habe zumindest einen Filter der Nachsichtigkeit drauf während Kochshows. Da kann Biolek noch so dilettantisch rumhampeln, alle dreissig Sekunden den Probierlöffel irgendwo reintunken und lustvoll grunzen und vor lauter OchsoeinguterTropfenwährenddesKochensdasistschondasSchönste das Fleisch im Chili con Carne vergessen («Ja, jetzt… muss ich nochmal ins Rezept schauen.») – ich bin weit, weit davon entfernt, mich zu ärgern. Oder Jamie Oliver: Ich kriege zwar mit, dass die Cholerikerin in mir unruhig wird, sobald er seine Lispellippen fischig öffnet und alsdann fast hyperventilierend vor Laberlust nicht mehr schliesst bis zum Ende der Sendung, aber sobald er das Poulet packt, als ob es noch leben würde und die Marinierung zur Massage wird, bin ich glücklich und gelassen, und man kann ja auch den Ton abschalten.
Zacherl, Mälzer, Schudel, Lichter, wie sie alle heissen: Vielleicht nerven sie tierisch, es ist mir egal, solange sie kochen. Ob sie enorm frech und punkig sind und auch mal Kartoffelstock aus der Tüte verarbeiten oder eher orthodoxe Oberlehrer-Attitüden haben wie Johann Lafer, wenn Kerner, der Banause, einmal mehr ahnungslos in die Töpfe seiner Gäste stiert, giert in der Freitagabend-Kochshow: Ich bin okay, du bist okay!
Und so sitze ich ziemlich zufrieden vor dem Fernseher, wenn ich Kochshows kucke. Und ich kriege natürlich Appetit, geht ja nicht anders. Und ja: Dann esse ich irgendeinen Junkfood, weil meist nichts anderes da ist, oder ich koche mir etwas relativ Unelaboriertes.

Pop à point Das ist ja auch so ein Punkt der Kochsendungs-Kritiker: Die Leute schauen diese Shows und essen dazu eine Tiefkühlpizza. Natürlich! Die Leute werden sich dank solchen Sendungen nicht plötzlich viel besser ernähren. Aber langsam und ein bisschen, das schon, ich bin überzeugt davon. Ich habe noch nie von so vielen Hobbyköchen gehört wie dieser Tage. In der Migros gibts plötzlich unbehandelte Zitronen. Die gegenseitigen Einladungen unter Freunden haben Wettkampf-Charakter. Vorbei die Zeiten, als Junggesellen sich von Ravioli aus der Dose ernährt haben. Kochen und essen wird durch die Präsenz im Fernseher endlich zu dem, was es sein sollte: Populärkultur. Die Shows sind Bildungsfernsehen, jede Beschäftigung mit dem Thema, sei das Format auch noch so schlecht, vermittelt Wissen.
Apropos Format – es gibt eines, das, und da muss man jetzt mal jeglichen Dünkel beiseiteschieben, ein wahrer Geniestreich in der Fernsehgeschichte ist: «Das perfekte Dinner». Eine Woche lang bekochen sich abwechselnd fünf Leute um die Wette. Grossartig.
Allein die Grundanlage, dass einander komplett fremde Menschen plötzlich zusammen in einer Wohnung sitzen: Der bemühte Smalltalk am ersten Tag ist haarsträubend toll. Dann die gekochten Versuche, alle zu beeindrucken, die Kochtypen, die sich da zeigen (der Niedergarer, die Rahmpanscherin, die Mise-en-place-Neurotikerin und so weiter), die Küchenpannen, die jedem schon passiert sind, die vernichtenden Kommentare der Mitstreiter, die eben am Tisch noch Mhhhhh, lecker! geraunzt haben! Und: die Wohnungen! Allein das wäre ja schon eine Sendung wert, einfach die Wohnungen von irgendwelchen Leuten zu zeigen! Rattanmöbel, Wohnwände, Himmelbetten, was es nicht alles gibt! Diese Sendung erfüllt alle voyeuristischen Wünsche.
Und trotz so viel Amüsement geht der Effekt dieser – und überhaupt aller – Kochshows über schieren Eskapismus hinaus. Es inspiriert ganz einfach, anderen beim Kochen zuzusehen. Ach, Artischocken! Lieber Himmel, Linsen! Allein, mal wieder an in Vergessenheit geratene Zutaten erinnert zu werden, ist jede Minute wert, die man an eine Kochsendung verliert; man geht ja in festgetrampelten Wegen beim Kochen, wie bei allem anderen auch, wenn man sich nicht wirklich damit beschäftigt.
Der New Yorker Koch und Autor Anthony Bourdain hat übrigens Kochsendungen auch mal mit Pornografie verglichen, allerdings im Kontext, dass man im Fernsehen sehe, was man selbst nie tun würde.
Ich würde ihm zwar widersprechen. Aber selbst wenn es so sein sollte: Allein das Wissen um die Theorie erweitert doch die stümperhafte Praxis um eine entscheidende Dimension.

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. Mario Aldrovandi

    Schade, dass Frau Roten beim fernsehen das Naheliegende übersehen hat. Sie bedauert, dass kaum Frauen am TV kochen oder dass nicht nachkochbare Sachen zur späten Stunde präsentiert werden. Das es anders geht, zeigt Meta Hiltebrand bei kochen.tv auf TeleZüri und anderen Regionalsendern kurz vor 18 Uhr.

  2. Hanspeter Frey

    Kochsendungen auf allen Kanälen.

    Ich geb auch noch meinen Senf dazu:
    Man kann fast nicht mehr hinschauen.
    Pornografie ist es, weil ein TV-Kanal weiter die Menschen am Verhungern gezeigt werden.
    Welche TV-Anstalt macht den Anfang und liefert für jede ausgestrahlte Fress- äh-Ess, äh- Koch-Sendung, einen gewissen Betrag an Hungernde, irgendwo in der Welt ab ?
    Es schluckt sich sicher besser, wenn der TV-Esser gewiss sein kann, dass sein öffentlich zelebrierter Genuss mit der dadurch ermöglichten Einnahme, einer kleinen, aber lebenserhaltenden Menge, eines auch nicht besonders fein gewürzten Grund-Nahrungsmittels, z.B. durch eine hungerndes Kind, untrennbar verlinkt ist.
    Die Anstalt betreut im Rahmen der Sendung ganz konkrete Projekte, wo Menschen nicht etwas besonders leckeres, sondern überhaupt etwas, zu Essen bekommen !
    So könnte doch so eine Koch-Sendung ein klein wenig wirklichen Stil bekommen, ja es könnte so etwas wie eine klitzekleine, winzige Rechtfertigung für die mediale Schlemmer- und Geniesser-Orgie zustande kommen und die vorgeführten Delikatessen müssten einem nicht mehr ganz und gar im Halse ( hier ist der Kopf der Hals ) stecken bleiben.

    So was scheint aber wohl niemandem in den Sinn zu kommen.

  3. Ursula Guenthert

    Liebe Frau Roten, das mit den fehlenden Frauen stimmt nicht so ganz: es gibt inzwischen mehrere Alibi-Köchinnen, die alle ganz toll kochen können. Dazu gehören Lea Linster, Sarah Wiener, Cornelia Poletto (mit eigenen Kochshows sogar), die regelmässig bei Kerner mitmachen.
    Mir geht das Gequatsche auch auf den Wecker, deshalb möchte ich Ihnen meine Koch-Kultsendung empfehlen: Silent Cooking auf 3Sat mit Patrick Müller. Der sieht auch noch interessant aus und ich habe das Gefühl, dass er nur für mich kocht (Erklärungen werden als Text eingeblendet) und ich das Essen dann anschliessend geniessen kann, wenn auch nur virtuell. http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulinarisches/88127/index.html Immerhin hat mir Patrick Müller schon viele Ideen übermittelt, die ich später in die Realität gebracht habe. Rundum empfehlenswert!
    Gruss, Ursula Günthert

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