Ich habe was, was Du nicht hast

99,9 Prozent der Menschen wollen nicht wissen, wie Technik funktioniert. Hauptsache, sie tut es. Apple hat das begriffen. Das seit gestern in den USA erhältliche iPhone spricht für sich.

10.07.2007 von Steffan Heuer , 7 Kommentare

Im Frühling 2001 mussten sich Jonathan Rubinstein, bei Apple Computer für die Hardware-Entwicklung verantwortlich, und der Ingenieur Anthony Fadell in die Höhle des Löwen wagen. Firmenchef Steve Jobs wollte endlich sehen, welche Prototypen für einen tragbaren MP3-Player die beiden zusammen mit ihrem kleinen Team entwickelt hatten. Das Gerät sollte in die Tasche passen und Musik auf einer neuen Mini-Festplatte speichern, die Rubinstein beim Hersteller Toshiba entdeckt hatte. Darüber hinaus waren alle Optionen offen, denn MP3-Player gab es bereits seit Jahren in allen möglichen Formen und mit allen möglichen Benutzeroberflächen.

Apple wäre aber nicht die Ikone für elegantes, durchdachtes Design, wenn das Duo einfach bestehende Konzepte der Konkurrenz variiert hätte. Es wollte ein Gerät bauen, um das sich die Welt reissen sollte. Dazu hatte Fadell drei Modelle aus Schaumstoffblöcken geschnitten und mit Senkblei aus seinem Angelkasten beschwert. Die ersten zwei waren «Opferlämmer» – wie sich der Journalist Steven Levy in seinem Buch «The Perfect Thing» über die Entstehung des iPods ausdrückt. Die dritte Attrappe – ihren Favoriten – hatten Fadell und Rubinstein vorher unter einer Schale auf Jobs’ Tisch versteckt, um sie hervorzuzaubern, nachdem der Boss die anderen Ideen wie erwartet abgeschossen hatte: zu teuer, schwer zu verkaufen.

Dann allerdings holte Apples Marketingchef Phil Schiller seine mit Rubinstein separat gebastelten Attrappen ins Zimmer, von denen Fadell nichts wusste. Sie alle zierte ein leicht zu navigierendes Clickwheel statt der üblichen Tasten. Die Besprechungsteilnehmer waren sich sofort einig: grünes Licht für das Projekt «Dulcimer». Aus dem Decknamen «Hackbrett» wurde im Oktober 2001 der iPod – und eine neue ära des Musikhörens begann. Als Microsoft-Gründer Bill Gates das neue Gerät zum ersten Mal sah, berichtet Levy, sei er wie gebannt gewesen.

Apple hat seitdem den Markt an der Schnittstelle von Unterhaltungselektronik und Informationstechnik neu definiert. Bald wird der hundertmillionste iPod verkauft sein. Dazu kommen weit mehr als zwei Milliarden Songs im iTunes-Shop. Auch andere Teile in Apples ökosystem blühen auf: Die Computerverkäufe haben sich laut dem amerikanischen Marktforschungsinstitut NPD in den ersten Monaten 2007 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt, der Marktanteil hat sich auf mehr als sechs Prozent erhöht.

Das beim iPod Gelernte nutzt Apple, um sein soeben lanciertes iPhone zu einer Art multimedialem Kommunikationsspielzeug mit ähnlich minimalistischer Anmutung zu machen. Analysten wagen kaum Prognosen darüber, wie viele Millionen davon wie schnell verkauft werden. Daran, dass das Apple-Handy einen Nerv trifft, besteht kein Zweifel.

Der Kunde ist iKönig

Wie aber funktioniert das – Erfolg zu haben in einer von Technik übersättigten Welt, in der ständige Upgrades, Viren-Attacken und andere Probleme dem Kunden frustrierende Kämpfe zumuten? Ganz einfach: indem Apple das Rad ganz bewusst zurückdreht, indem es seinen Kunden die Komplexität der Hardware, die Qual der Wahl bei passenden Peripheriegeräten und Software erspart. Im – zugegeben kleinen – Apple-ökosystem tummeln sich zufriedenere und langfristig loyalere Nutzer als im Rest der Elektronikwelt. Kaum eine andere Technikmarke schafft es, seine Anwender so für sich einzunehmen.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt für Jonathan Rubinstein in der kompromisslosen Kundenorientierung. «Die Player in Verbindung mit dem iTunes-Angebot zeigen dem Nutzer bei jedem Handgriff, dass hier nicht Eierköpfe am Werk waren, die bloss ein technisches Problem gelöst haben, weil sie es für eine Herausforderung hielten», sagt der Ingenieur, der Apple im April 2006 verliess und nun eine kreative Pause in Mexiko einlegt.

Während seiner knapp zehn Jahre in Cupertino war Ruby, wie Rubinstein intern heisst, der Mann für die Hardware-Vision und somit massgeblich an der Produktpalette beteiligt, die Apple vor dem Abgrund rettete: die bunten iMacs, die silbernen Powerbooks und Desktops und die weissen iMacs. «Durch alle Produkte zieht sich ein Gedanke», sagt der Ingenieur rückblickend: «Die Leute wollen keine Zeit damit verschwenden, etwas zu lernen, das ihnen eigentlich die Arbeit abnehmen soll. Ingenieure wie ich sind eine verschwindende Minderheit – 99,9 Prozent der Menschheit haben mit Technik nichts am Hut. Wer das schon beim Nachdenken über ein neues Produkt vergisst, entfernt sich von seinen Kunden.»

Wenn es noch eines Hinweises bedurft hatte, dass Apple seine Wurzeln als reine Ansammlung von Programmierern und Schraubern hinter sich gelassen hat, dann war es die Namensänderung Anfang Januar. Das Wort Computer haben Jobs & Co. aus der Firmenbezeichnung gestrichen, jetzt heisst das Unternehmen nur noch Apple Inc.

Der Verzicht auf den Zusatz «Computer» hat für John Seely Brown erhebliche Bedeutung: Die Technik zieht sich elegant zurück und wird für den Nutzer langsam unsichtbar. Das predigt der ehemalige Chefwissenschaftler der Kopiererlegende Xerox Corp. seit Langem, auch während des Jahrzehnts, in dem er Direktor des zukunftweisenden Forschungslabors Xerox PARC in Palo Alto war. Dort wurden bahnbrechende Innovationen wie das Ethernet, die grafische Benutzeroberfläche, die Computer-Maus und der Laserdrucker entwickelt – wenn auch nicht vermarktet. Seely Brown beschäftigt die Frage, wie Menschen und Organisationen mit dem sich beschleunigenden technischen Fortschritt und der Informationsflut besser umgehen können, statt sich von Geräten und Anwendungen erst versklaven und dann vergraulen zu lassen.
Der Computerwissenschaftler ist Optimist, wie er mit einem verschmitzten Lächeln versichert, während er sich in seinem mit Bücherstapeln zugestellten Wohnzimmer über eine Tasse Grüntee beugt. Er hat Windows – wie Mac-Maschinen in seinem ausladenden Haus in Palo Alto und arbeitet mit beiden Betriebssystemen. Mit einem entscheidenden Unterschied, wie er sofort erklärt: «Gut durchdachte Technik schiebt sich nur in den Vordergrund und wird uns bewusst, wenn wir sie brauchen. Sie versteht es, sich in allen anderen Situationen im Hintergrund zu halten. Die übergänge müssen sanft und gleitend sein.»

Tor zur Welt

Elektronik in modernen Autos ist seiner Meinung nach das beste Beispiel, um die Mängel der IT-Industrie aufzuzeigen: «Wenn ich am Steuer sitze, frage ich mich nie, welches Betriebssystem in meinem Wagen läuft oder ob das System gerade neu hochfährt. Es läuft wie der Strom aus der Steckdose. Aber wenn ich in Gefahr gerate, schaltet sich das Antiblockiersystem plötzlich ein. Wie das genau funktioniert, ist mir egal – ich greife einfach direkt auf die Technik zu.» Für Seely Brown sollte die Technik genauso selbstverständlich der Verbesserung der Lebensqualität dienen wie der Gehstock einem Blinden, wenn er sich im Strassenverkehr bewegt.

Den fast nahtlosen übergang zwischen Technik und Lebensumwelt hat Apple mit Abstand am besten gemeistert, sagt der Forscher. Aus mehreren Gründen. Der iPod ist nur auf den ersten Blick nicht mehr als ein tragbares Gerät, das Musik abspielt. Er ist eigentlich eine Schnittstelle, das unauffällige Tor in eine Welt von Online-Diensten und der Synchronisation persönlicher wie kommerzieller Sammlungen von Liedern, TV-Sendungen, Filmen, Podcasts. «So sollte Technik funktionieren, die nicht entfremdet, sondern Spass macht. Es gibt jede Menge Menschen, die ihre Mac-Produkte leidenschaftlich lieben. Die einzige emotionale Reaktion von Windows-Nutzern ist normalerweise Hass. Und das, obwohl Windows oder Microsoft Office über die Jahre besser geworden sind und das Mac-System komplizierter», sagt Seely Brown.

Es gehe darum, wie ein Nutzer sich in der Technik zurechtfindet, so Brown. «Die IT-Industrie ist bis heute nicht genug herangereift, um Technik vom komplizierten Luxus zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen.» Gewiss, Unternehmensanwendungen sind stabil und verlässlich, ebenso die Fahrzeugelektronik – weil Milliarden Dollars und potenzielle Sammelklagen bei Unfällen daran hängen. Bei Desktop-Systemen hingegen haben sich die Verbraucher an das Elend gewöhnt. «Microsoft und Mobiltelefonie haben die schlechten Standards gesetzt», sagt Brown. «Wir haben akzeptiert, dass es schlechten Service gibt, dass es Viren gibt, dass es keinen Kundendienst mehr gibt und ich mir auf Online-Foren meine Hilfestellung bei anderen Nutzern erfragen muss», geht er die Mängelliste durch. «Diese Produktpolitik hat die Verantwortung auf die Kunden abgewälzt. Das führt dazu, dass ich den Fehler erst einmal bei mir selbst suche, wenn mein Computer abstürzt!»

Nicht dass Apple den besseren Kundendienst hätte oder sein Betriebssystem perfekt sei, ergänzt der Forscher, aber es biete ein ökosystem aus einem Guss. «Ich kann erwarten, dass bestimmte Dinge einfach funktionieren. Gutes Design bietet mir Hinweise entlang einem Interpretationspfad, auf dem ich Schritt für Schritt mit der Technik vertraut werde, oft, ohne dass ich es merke.»

«Wow» ist «gähn»

Diese Art von vertrauenerweckendem Kontext fängt bei der Verpackung an. Statt die Kunden mit einem mit Versprechungen beklebten Karton und vagem Kabelsalat im Inneren abzuspeisen, investiert Apple erheblichen Aufwand in das Design seiner Verpackung. Es gibt monochrome Flächen mit Klappen, die sich schrittweise öffnen, und Fenster, die nach und nach Einblicke auf das Gerät und sein Zubehör erlauben.

Seely Brown vergleicht dieses Schälen der Technik-Zwiebel mit der Arbeit eines guten Landschaftsarchitekten. Wer einen Park richtig anlegt, weist dem Spaziergänger durch Bepflanzung, Wegführung, unterschiedliche Oberflächen und anderen dezenten Hinweisen den Weg zum Ausgang – in der Designsprache sind das «Affordances» eines Objektes. Verengt sich ein Pfad immer weiter, wissen wir intuitiv, dass wir uns vom Haupteingang entfernen. «Ich kann auch Dutzende von Hinweisen oder Pop-up-Menüs anbringen», sagt der Wissenschaftler.

«Aber die schaffen überinformation, die stört und verwirrt.»
Ein gehöriger Teil der Anziehungskraft speist sich aus Apples ungewöhnlichem Erscheinungsbild, das Chefdesigner Jonathan Ive seit bald einem Jahrzehnt in enger Abstimmung mit Steve Jobs prägt. Sein Team ist «ein kleiner Kult innerhalb eines Kultes», wie «Business Week» unlängst in einem Porträt des britischen Designers formulierte. Ein Dutzend Entwickler arbeiten hinter verschlossenen Türen an Prototypen. Sie können sich dabei auf die willige Kooperation von Firmen in Fernost verlassen, denn Zulieferer wissen, dass sie hier an der vordersten Front des Technikdesigns mitmachen dürfen – was hier entwickelt wird, wird die Konkurrenz in einem halben oder ganzen Jahr kopieren, um auch ihrer Elektronik das Mäntelchen der Vertrautheit und intuitiven Bedienbarkeit umzuhängen.

Nachbauen indes ist keine Garantie dafür, dass die Nutzer dann ebenso zufrieden sind wie beim Original. Für den Trendforscher Paul Saffo, der bis vor Kurzem beim Institute For The Future in Silicon Valley den Blick ganz weit nach vorn gerichtet hielt, leiden moderne Menschen an einem «technischen Stockholm-Syndrom», sprich: Sie haben sich mit den Unzulänglichkeiten der Technik wie mit einem Geiselnehmer arrangiert. ärger, Frust und Zeitverschwendung werden in Kauf genommen wie bei wenigen anderen Alltagsverrichtungen. «Die Vermarkter packen Funktionen und Versprechungen in ein Produkt, die wenige verstehen oder brauchen. Ich muss mir nur die Werbung für Windows Vista ansehen. überall steht ‹wow!› auf den Plakaten, aber richtiger wäre ‹gähn› oder ‹seufz›», stichelt Saffo. «Wer zu viel verspricht, enttäuscht die Leute. Aber daran ist keine Firma allein schuld, wir sind alle aktive Mitverschwörer.»

Bevormundung tut gut

Apples Produkte bieten oft genug einen Lichtblick, argumentiert Saffo, jene «lifechanging experience», die Steve Jobs immer wieder hinausposaunt. «Solche Aha-Momente sind so ungewohnt, dass sie Vertrauen und Glauben schaffen. Apple versteht es, an die Hoffnungen und Wünsche seiner Kunden zu appellieren», so der Zukunftsforscher. Die Folge: Kunden werden zu Fans und zu Aposteln, die ungeduldig aufs nächste Produkt warten und sogar ein Auge zudrücken, wenn Details nicht stimmen. Dass iPods Probleme mit der Lebensdauer der festeingebauten Batterien hatten und sich die Firma deswegen aus einer Sammelklage freikaufen musste, schadete weder der Beliebtheit noch dem überwältigenden Marktanteil der Geräte.

Die akribische Liebe zum Designdetail hat einen paradoxen Effekt: Der technische Aspekt ist fast Nebensache geworden. Apple wird inzwischen nicht mehr als Hersteller von Kästen und Software wahrgenommen, sondern als Anbieter von Lifestyle-Produkten wie die Sportartikel-Marke Nike oder das Möbelhaus Ikea – und ist damit positiver Teil des Alltags geworden. Dazu muss die eingesetzte Technik nicht einmal die Beste sein, sagt Mark Rolston, Senior Vice President für den Bereich Creative bei Frog Design in Austin. Der Webdesigner hat seit 1991 für grosse Technikfirmen wie Microsoft und SAP gearbeitet und war für die Gestaltung der Website von Dell verantwortlich, das wichtigste Marketing- und Vertriebsinstrument des Computerriesen mit seinem Direktkunden-Modell.

«Microsoft und Apple besitzen eine stark ausgeprägte Philosophie, die man an ihren Produkten klar ablesen kann», erklärt Rolston. «Für Microsoft ist Technik der Zweck, für Apple nur ein Mittel zum Zweck. Microsoft stellt die Systemarchitektur in den Mittelpunkt. Windows ist ein offenes Gebilde mit unendlichen Optionen zum An- oder Ausbau.» Microsoft baue an seinem Labyrinth immer weiter an, setzt Rolston nach, und wage es nie, die Stellschraube zurückzudrehen. Vista ist für ihn das jüngste Beispiel des ausufernden Fortschritts: «Wenn ich ein Programmierer bin, ist das wunderbar, denn ich kann mir eine von Hunderten Lösungen suchen oder selbst schaffen. Bin ich aber ein normaler Nutzer, der etwas auf die einfachste, praktischste Art und Weise erledigen möchte, werde ich vor den Kopf gestossen.»

Beispiel digitale Fotografie. Wer  einen Mac besitzt, wird automatisch aufs hauseigene Programm iPhoto gelenkt, das mit allen Kameras funktioniert und das Speichern, Bearbeiten, Verwalten und Drucken von Abzügen in wenigen Handgriffen erlaubt. «Bei Windows habe ich die Qual der Wahl – Microsoft ist es egal, wie ich meine Bilder behandle. Ich muss mich auf die Suche nach der besten Option machen, ohne Garantie, dass ich am Ende für meine Investition belohnt werde», sagt Rolston. Während Apples Vorgehensweise die Freiheit des Nutzers einschränkt, macht sie den Verlust an Auswahlmöglichkeiten durch die Gewissheit wett, dass alles wie am Schnürchen klappt und Bilder mit ein paar Klicks auf dem iPod oder einer Website landen.

Diese Bevormundung im Interesse einer unkomplizierten Gerätenutzung, bei der Steve Jobs das letzte Wort hat, widerspricht eigentlich dem offenen Charakter des Internets und immer weiter verbreiteten Web-Diensten, bei denen Programme automatisch und ohne jeden menschlichen Eingriff miteinander kommunizieren. «Das Netz bedarf der weit offenen, technozentrischen Philosophie von Microsoft», sagt Rolston, «denn so entstehen immer neue Erfindungen. Aber sobald sich gewisse Standards gebildet haben, braucht es jemanden wie Apple, der den besten Weg herausdestilliert, eine Aufgabe gut und elegant  zu erledigen.»
Der Verzicht auf bestimmte Funktionen gleicht der Entscheidung, bei einem Schweizer Messer einige der kompliziertesten, möglicherweise wirksamsten Klingen zu entfernen. Das beugt der Verletzungsgefahr nichtversierter Kunden vor. Mark Rolston hat einen noch besseren Vergleich parat: «Microsoft ist ein Werkzeugkasten für Tüftler, die ihr System wie einen japanischen Sportwagen aufmotzen wollen.» Apples Vision ist eher die eines Porsches – eines kompletten, geschlossenen Systems, an dem Experten so lange herumfeilen, bis es beinahe perfekt daherkommt.

Am iPhone etwa bastelten bei Apple mehrere Hundert Mitarbeiter abwechselnd knapp zwei Jahre lang, um den Touchscreen und andere Designelemente so zu entwickeln, dass sie von Jobs als «geschichtemachend» beworben werden konnten. Aber die einzelnen Teams wussten weder, dass andere  Teams an anderen Komponenten arbeiteten, noch bekamen die Manager und Techniker des Netzbetreibers Cingular das Telefon zu sehen, um es zu testen. Cingulars CEO Stan Sigman durfte das fertige Gerät ein paar Wochen vor seiner Vorstellung zum ersten Mal bewundern.

Sigman hatte die Katze im Sack gekauft, weil er Apple beinahe blind vertraute. Das Vielzweck-Handy folgt dem gleichen Modell wie die Computer: keine externe Software, die Apple nicht abgesegnet hat; so sollen Pannen vermieden werden, die Kunden vergraulen könnten. «Steve Jobs ist eine Art Supermann, was das ästhetische Gespür angeht. Aber er hat auch diabolische Züge», sagt der Xerox-Forscher Seely Brown zum Thema der  totalen Kontrolle über die Nutzererfahrung.

Die grosse Frage ist, von welcher der beiden Philosophien die nächste  Generation angezogen oder abgestossen sein wird. Kinder in den meisten Industrienationen wachsen mit digitalem Spielzeug auf und erwarten drahtlosen Netzzugang an jedem Ort.

Sag einfach «Hello»

John Seely Brown sieht grossen Nachholbedarf, um das Lernverhalten von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit Technologie zu erforschen. In Online-Welten wie World of Warcraft etwa legt sich jeder der mehr als acht Millionen Spieler sein eigenes Armaturenbrett mit Kontrollfeldern und Anzeigetafeln an, das selbst Mitglieder derselben Zunft oder desselben Clans nicht auf Anhieb verstehen. «Kinder finden sich dort erstaunlich leicht hinein, aber wie formen sie ein geistiges Modell der virtuellen Welt und ihrer Funktionen?», wundert sich der Computerwissenschaftler. «Das ist genau so schwierig, wie in einen fremden Kulturkreis einzutreten, in dem ein Nicken oder eine Handbewegung viele Bedeutungen haben kann. Das ist ein sozialer Lernprozess, bei dem man Schritt für Schritt begreift, bis man ihn mit geschlossenen Augen versteht.»

Apple hat diesen Lernprozess mit seinem Mac-ökosystem vor mehr als zwanzig Jahren angestossen, glaubt der Xerox-Veteran. Aber die Reise in die Welt der fremden Technik hat erst begonnen. Kein Wunder, dass das Unternehmen für die Werbekampagne seines iPhones das gleiche Wort gewählt hat, das 1984 vom ersten Mac leuchtete: «Hello».   

Das Wunder zählt, nicht das Werk: Apple-Handy iPhone. | Bild: Michael Birchmeier
Das Wunder zählt, nicht das Werk: Apple-Handy iPhone. | Bild: Michael Birchmeier

Die Diskussion

7 Reaktionen

  1. Samuel Kneubühler

    Mir und auch den Kollegen von http://www.pcwelt.de fällt auf, dass von den allermeisten Journalisten nicht eine Spur der Kritik an diesem Gerät aufkommt.
    Für Informatiker nicht verständlich. Schliesslich setzt Apple auf ein geschlossenes System von Software, das andere Anbieter ausschaltet.
    Dass es auch negative Punkte (nebst des hohen Preises und der Stellung von Apple am iPhone) gibt, kann man hier nachlesen.

  2. Oliver Reichenstein

    Die Kritik kommt meistens von irgendwelchen Technikfritzen, die irgendeine Zahl mit irgendeiner anderen vergleichen und Features vermissen, oder dann mögen sie sonst einen unwichtigen Firlefanz daran nicht. Sache ist doch: Handys haben eine schreckliche Usability. Das Interface von Nokia und Co, hochgelobt, und doch ein einziger Salat, ist zum davonrennen (dass die frühen Motorolas noch schlimmer waren tut nichts zur Sache). Handy-Interfaces waren bisher einfach Humbug.

    Der Text hier (Original bei brandeins) kam zuerst unter dem Titel "Schnittstelle" heraus. Nur, und das ist meine vielleicht etwas nördige Kritik am Text, redet man da kaum von der Schnittstelle, die das wahre Novum darstellt.

    Schaut: Handys, mit denen man sörfen, Musik hören, planen, Fötteli machen kann, die gibts schon lange. Und technisch sind 50% der in Japan im Umlauf stehenden Handys dem iPhone überlegen. Was aber die Schnittstelle, das Interface (das Gesicht dazwischen, d.h. zwischen Mensch und Technologie), angeht, da haben die ganz grosse Arbeit geleistet. Wirklich. Ob das den Technikfritzen nun passt oder nicht.

    [[Image:iphone_b.jpg|frame|{{photographFooter|credit=iA Japan|caption=Was ich als alter Apple-Fanboy erwartet hätte, ist ein wirklich einfaches Handy, also ein iPhone Nano oder iPhone Mini oder iPhone Shuffle.}}]]

    Wenn man kritisieren möchte, dann müsste man sagen, dass das iPhone (für ein Apple Produkt) zu kompliziert ist. Die haben zu viel Technik eingebaut, zu viel Features installiert. Was ich als alter Apple-Fanboy erwartet hätte, ist ein wirklich einfaches Handy. Ohne Kamera, ohne MP3, ohne surfen, ja, am liebsten sogar, ohne SMS! Ich hab jetzt nicht die Zeit, das alles zu erklären, aber eins will ich noch anmerken: Die Microsoft-, Motorola-, Nokia-Propaganda und der ganze Fanspammüll, den ich auf meiner Webseite kriege, seit ich was zum iPhone geschrieben habe, ist hanebüchen. Einfach lächerlich. Alle paar Stunden postet einer eine Riesenlange technische Begründung, warum und wieso das iPhone so schlecht ist und warum man es nicht kaufen darf.

    Die Journalisten, die das Ding in der Hand hatten, sind meistens hin und weg (ja, Microsoft-Mitarbeiter). Ich weiss nicht, ob das bei Stefan Heuer der Fall war (ich meine, ob er wirklich eins in Händen hatte), aber die ganzen Amijournis haben es tatsächlich ausprobiert und dann ihr Urteil abgegeben. Das empfehl ich den Technikfritzen auch.

    Man kann jedoch, ohne es in den Händen zu halten, klar sagen, dass das Interface (sprich, das, was die Leute von einem Stück Technik sehen), absolute Spitze ist. Das ist völlig indiskutabel. Es war höchste Zeit, dass da mal was geht. (So wie es höchste Eisenbahn ist, dass ihr endlich das überteuerte SMS mit Email ersetzt).

  3. Bastian Stalder

    Was Samuel Kneubühler und pcwelt.de vielleicht nicht verstanden hat, ist, dass es in diesem einen Artikel hier ja nicht ums Technische am iPhone an sich geht, sondern um die Art, wie Apple technisch komplexe Geräte für die Endnutzer möglichst intuitiv und einfach gestaltet.
    Wer natürlich nach über 10 Jahren Windows noch immer nicht von diesem System abgekommen ist, schert sich wohl auch nicht viel um Benutzerfreundlichkeit und Einfachheit.
    Zudem stimmt es doch gar nicht, dass die meisten Journalisten das iPhone nur loben. Kritik wird auch da genannt. Allerdings wundere ich mich schon, wie man überhaupt einen seriösen Artikel über ein Produkt schreiben kann, das man gerade mal knapp 24 Stunden verwendet hat.

    Klar kann man mit fehlender UMTS-Unterstützung als Kritiker gross auftrumpfen. Aber das iPhone wurde vorerst (!) für den US-Markt konzipiert. Und wenn europäische Journalisten da nach UMTS schreien, haben sich schlicht keine Ahnung von den dortigen Gegebenheiten.

    MMS geht ja auch nicht, oh Schreck! Auch diese Kritik ist letztlich lächerlich. Man denke bloss an die baldige Einführung grossflächiger WLAN-Abdeckungen. Wer zum Henker will da noch winzig kleine Bildchen zu teuren Preisen übers Handy-Netz verschicken.

    Apple war schon immer der Zeit etwas voraus (USB, Diskettenlaufwerke, Flachbildschirme etc.). Wer sich mit dauerndem Blick in die Vergangenheit der Zukunft widmet, wird damit immer Mühe haben.

    Die Kontra-Punkte, welche von pcwelt.de ausgeführt werden, sind grösstenteils lächerlich.
    Zum Beispiel die Aktivierung mit iTunes. iTunes wird ohnehin benötigt, um das Gerät zu synchronisieren. Die Möglichkeit, damit auch gleich das Telefon zu aktivieren, sehe ich eher als Vorteil. Jedenfalls ist mir das bei weitem lieber, als in irgendeinem Shop lange warten zu müssen.
    Beispiel Texteingabe. Sie sei nicht so bequem wie bei einer echten Tastatur. Typisch. Als hätte der Redakteur beim ersten Kontakt mit einer Tastatur überhaupt, diese nach wenigen Stunden bereits beherrscht. Da verweise ich doch auf Walt Mossberg, der schrieb, er hätte sein iPhone nach 2 Tagen am liebsten zum Fenster raus geworfen. Nach 5 Tagen liebte er es wieder. Gewöhnung ist alles und beim iPhone scheint man bald nicht mehr darauf verzichten zu wollen, wie es scheint.

  4. Guido Mingels

    (Das Ungeklärte an Apple ist für mich, wie diese Firma es versteht, ihre Kunden emotional an die eigene Marke zu binden. Mich zum Beispiel. Dazu dieser kleine Text, recycelt aus «Magazin» Nr. 31/2005):

    Meine Hochzeit mit Apple MacIntosh war anno 1993, und ich bin ihr seither immer treu geblieben. Ich sage «Hochzeit», weil die Beziehung zwischen Mensch und Mac eine lebenslange, leidenschaftliche, beidseits erfüllende Liebe ist. Als wir heirateten, war MacIntosh ein süsser kleiner Color Classic, sie spielte mit mir schüchterne Spiele wie Tetris und Missile Command, doch bald schon wurde sie reifer und schöner, sass als iMac kurvenreich und im glänzend blauen Kleid auf meinem Schreibtisch und begleitete mich später in klassisch-elegantem Weiss als iBook auf allen Reisen. Sicher, wir hatten oft Streit, ich schlug sie häufig und gerne, und einmal, als ich sie verdächtigte, ein 30-Seiten-Manuskript zur Sprachtheorie von H. Paul Grice vernichtet zu haben, schmiss ich sie sogar zu Boden. Doch sie erholte sich und blieb bei mir. Bald schon schenkte sie mir einen Sohn, iPod, dessen Talent zur Musik mir seither viel Freude bereitet. Ich gestehe es hier, ich gestehe es jetzt, ich liebe meine Macs.

    Und ich bin nicht allein. Die MacMenschen bilden eine Minderheit oder Elite von 25 Millionen – der Rest oder rund 95 Prozent der Welt gehört zu Microsoft/Windows, und dort sind Computer nicht mehr als hässliche Arbeitsapparate. Zweckobjekte. Notwendige Übel. Mac-Menschen aber verbindet der Sinn für das Schöne, Wahre, Gute. Natürlich schätzen sie auch die einfache Handhabe ihrer Maschinen, die intuitiv erfassbaren Arbeitsabläufe, die edle Einfalt, stille Grösse. Natürlich ist es angenehm, dass Macs so robust sind gegen all die Viren, die PCs dauernd befallen. Aber daran liegt es nicht. Es ist etwas Tieferes, etwas Instinktartiges in dieser Beziehung. Der Mac-Mensch greift nach dem leuchtenden Computer wie das Kleinkind nach einer hübschen Glasmurmel oder nach der Mutterbrust: Will haben! Gib her! Jede neue Apple-Erfindung löst beim Mac-Menschen eine eigentümliche Sehnsucht, ja ein Begehren aus.

    Das Verhältnis von Mac und MacMensch sei «ähnlich wie Sex», sagt der amerikanische Journalist und Apple-Süchtige Leander Kahney in seinem Buch «The Cult of Mac» (No Starch Press 2005). Er beschreibt darin Praktiken, die zweifellos pathologisch sind. Die Grafikerin Anna hat sich das Mac-Logo, einen angebissenen Apfel, auf die Pobacke tätowieren lassen. Der Informatiker Peter hat seine Haare zu einer X-Form frisiert, um Apples Betriebssystem Mac OS X zu lobpreisen. Tadd und Nancy aus Florida fahren durch ganz Amerika, um dabei zu sein, wenn irgendwo ein neuer Mac-Store seine Pforten öffnet. Swerdan, ein kalifornischer Grundschullehrer und Hobbymusiker, nimmt seine Songs nicht nur mit einem Mac auf, sie handeln auch von Macs und tragen Titel wie «Startup/Hard Drive» oder «Poor Sad Mac», dessen Refrain wie folgt lautet: «Poor sad Mac, born in a plastic age / a time when the world still thought in beige». Es gibt öffentliche Geburtstagspartys bei Jubiläen von Mac-Modellen, es gibt japanische Bastelbögen, aus denen man papierene Macs falten kann, es gibt Leute, die aus alten Macs Aquarien und aus Mac-Verpackungen Möbel bauen.

    Mac gut, PC böse: Dieser Wahrheit folgt auch das Product Placement in Hollywoodfilmen. Kahney verweist in seinem Werk auf die romantische Komödie «You’ve got Mail», in der Meg Ryan die idealistische Besitzerin eines Quartierbuchladens und Tom Hanks den ruchlosen Boss eines Mega-Bookstores spielt. Natürlich benutzt Ryan einen Mac und Hanks eine IBM-Maschine. Denn: Mac-User sind die besseren Menschen. Sehr konsequent umgesetzt, ist dieser Grundsatz auch in der erfolgreichen US-Krimiserie «24» mit Kiefer Sutherland, deren Reiz wesentlich darin besteht, dass die Guten plötzlich zu Bösen werden und umgekehrt. Kahney entdeckte jedoch, dass man sich die Aufregung hätte sparen können, wenn man auf die Computer geachtet hätte: Geheimagent Jack Bauer, der zwielichtige Held der Serie, arbeitet immer auf Mac, während seine Kollegin Nina Myers, die sich plötzlich als Terroristin entpuppt, von Anfang an einen PC benutzt.

    All diese Dinge aber sind meinem Arbeitgeber, diesem Unmenschen, offenbar nicht bekannt oder egal. Ohne jedes Musikgehör hat der Verlag kürzlich alle Macs gegen PCs ausgewechselt, um die Arbeit der Hausinformatiker zu erleichtern und die der Journalisten zu erschweren. Jetzt steht der Feind auf meinem Schreibtisch, ein Gerät mit der Bezeichnung «Dell D505», dessen Farbe und Form an einen von einem Lastwagen überrollten und von der Sonne getrockneten Frosch erinnern. Okay, zugegeben, es ist wahr, das Ding stürzt seltener ab als das PowerBook vorher. Aber vernünftig schreiben – quod erat demonstrandum – kann man darauf nicht.

  5. Danny Meier

    Lieber Mac,

    Tja, es ist nun fast 2 Jahre her als ich dich in einem Macshop in Zürich kaufte. Powermac G5 2.0 Dual. So nannte man Dich.
    Seither bin auch ich nicht mehr von deinem System abgewichen. Vielleicht ja auch desshalb weil ich mich immer und überall behaupten musste. Bei der Arbeit, (IT Seller) bei meinen Freunden, ja sogar bei meiner Partnerin der ich meinen alten Dell vermachte.

    Seit dem iPhone und der zugegebenermassen umwerfenden Werbekampagne wo die Medien die meiste Arbeit für Apple abnehmen, hat sich das Blatt nun zusehens geändert. Im Geschäft wird nur noch von Apple und seinem Telefon gesprochen (Sie wissen ja nichts vom ROKR). Ja sie wollen es gar importieren -nur um des Gags Willen. Verrückt.

    Als ich 2005 zum Apple System wechselte, wollte ich etwas anderes. Etwas was andere nicht haben und eigendlich auch gar nicht haben wollten. Ich war Happy. Dann kam Intel mit seinen Wunder-Prozessoren und, ja, ich kann es nicht mehr höhren, dem iPhone. Ich weis das es nicht wenige gibt denen der Rummel zu weit geht. Wir wären lieber wieder die, über die die Windoof (Windows) Fritzen lästern und wir über sie. Die, die lachen können über die Vierenflut der anderen. Wir, die einen Computer besitzen der einfach funktioniert. Früher war eben alles besser, lieber Mac. So geht das.

    Wo immer Du auch bist, alles gute.
    Danny

  6. Manuel Schaub

    Auch wenn ich das iPhone noch nie in den Händen hatte, werde ich es mir kaufen. Es ist mir egal, welche Tabellenfreaks da was dazu meinen, das Teil war bereits vor seiner Lancierung Kult.
    Bis jetzt bin ich mit MAC immer gut gefahren, da kann PCWelt finden, was sie will.

  7. Daniel Landwehr

    Also wenn ich all dies lese, bekomm ich Lust meinen Mac weg zu werfen und auf PC um zu steigen. Ich möchte doch nicht zu einer Gemeinschaft von IT-Verrückten gehören!

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