…Ich Schweizer darf und Deutscher sein

Stehen wir den «Sauschwaben» näher, als wir glauben?

31.07.2010 von Roger de Weck , 5 Kommentare

Als einst Johannes Paul II. die Eidgenossenschaft besuchte, kommentierte die Freiburger Zeitung «La Liberté»: «Un homme simple dans un pays compliqué», ein einfacher Mann in einem komplizierten Land. Mancher Ausländer, und sei er Papst, hat seine Mühen mit der Schweiz. Wer sie wirklich begreifen will, muss darauf viel Zeit verwenden und Liebe zum Detail. Die einen, die das Mustergültige suchen, bewundern die friedliche, begüterte Alpenrepublik. Die anderen wollen vor allem die Kleinlichkeiten eines Kleinstaats sehen, der das gute Gewissen gepachtet habe und neuerdings viel streitet: am liebsten mit dem Nachbarn Deutschland, aber auch mit Frankreich und Italien, mit der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, China, Russland, Libyen und — seit dem Verbot von Minaretten — mit Teilen der islamischen Welt.
In der deutschen Presse kommen die Eidgenossen vor, wenn sie Skandale und Skurrilitäten zu bieten haben, was ihnen in letzter Zeit ganz gut gelungen ist. Deutschland begnügt sich mit zwei Klischeebildern, die beide die helvetische Wirklichkeit verkürzen, denn die Schweiz ist weder Heidiland noch ein Panzerschrank mit Nummernschloss. Doch ist sie zu unbedeutend und letztlich auch zu malerisch, als dass der Betrachter die Hintergründe erkunden möchte.
Den deutschen Konservativen dient das helvetische Gemeinwesen als Beleg für die Richtigkeit ihrer Weltanschauung: Wer arbeitet und spart, den Sozialstaat eindämmt, der Wirtschaft freie Hand lässt, sichert Wohlstand und Vollbeschäftigung. Diese Bewunderer übersehen an ihrer beispielhaften Schweiz jedoch das, was ihnen weniger ins Konzept passt:
Zwar ist und bleibt die Eidgenossenschaft konservativ, aber die Rentenversicherung zum Beispiel ist so beschaffen, wie es sich in der Bundesrepublik die Linke wünscht: Alle, auch Selbstständige und Beamte, zahlen einen hohen Prozentsatz ihrer Einkünfte ein, ohne Bemessungsgrenze.
Zwar ist das Sozialsystem weniger ausgebaut als in der Bundesrepublik, aber die Arbeitgeber tun viel mehr für die Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter.
Zwar halten die Gewerkschaften still, aber auf sanfte Art haben sie das weltweit höchste Lohnniveau erkämpft.
Und dank der direkten Demokratie haben Schweizer ohnehin mehr zu sagen, als Deutschlands Konservative ihren Landsleuten zubilligen möchten — man stelle sich vor, die deutschen Bürgerinnen und Bürger dürften darüber abstimmen, ob die Bundeswehr abgeschafft wird.
Deutschland wird nicht umhin können, früher oder später etwas direkte Demokratie auch auf Bundesebene zu wagen, so wie der neue EU-Vertrag europäische Volksbegehren vorsieht. Im 21. Jahrhundert ist die bundesrepublikanische Gesellschaft reif genug, nicht alles und jedes an sogenannte Volksvertreter zu delegieren, die von ihren Fraktionschefs gegängelt werden, sobald sie sich den Luxus einer eigenen Meinung gönnen.
Ihrerseits haben die Schweizer gewiss einiges zu lernen von der Bundesrepublik, deren politische Kultur ein Wort fasst: Verfassungspatriotismus. Kein Eidgenosse beruft sich auf diesen Ausdruck, weil die schweizerische Bundesverfassung ein Flickenteppich ist. Das Volk hat sogar Verfassungsartikel bejaht, die nach Ansicht der meisten Fachleute menschenrechtswidrig sind.

EU: Das «Vierte Reich»
Deshalb bevorzugen die Eidgenossen einen anderen Ausdruck, nämlich jenen der Willensnation — ein Widerspruch in sich, denn «Nation» stammt vom lateinischen natio, «Geburt, Abstammung»: als kämen hiesige Babys mit einem Willen zur Zusammengehörigkeit auf die Welt.
Letztlich ist «Willensnation» so fraglich wie «Eidgenossenschaft». Es gibt keinen Eid und zuweilen auch wenig von der genossenschaftlichen Fraternité, die Friedrich Schiller beschwor: «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern / In keiner Not uns trennen und Gefahr.» Heute erwächst Schweizer Zusammenhalt nicht zuletzt aus langer Gewohnheit. Wohingegen einst die äussere Bedrohung zur Kohäsion beitrug. Im Zweiten Weltkrieg war das Land von Nationalsozialisten und Faschisten eingekreist, das Volk einträchtig wie selten. Inzwischen fehlt aber ein potenzieller Aggressor, und es scheint etlichen Schweizern zu missfallen, von Freunden umgeben zu sein. Jedenfalls misstraut ein beträchtlicher Teil der Öffentlichkeit der EU — und erst recht Deutschland. Einzelne stempeln die Europäische Union zum «Vierten Reich». Das Bild des Nachbarn prägt das Europabild, und die gegenüber Frankreich unbefangenen Romands sind da eher gelassener; Kritik an französischen Professoren, die in Westschweizer Hochschulen forschen und lehren, ist bislang ausgeblieben.

Abgrenzungsdrang
Zweifellos wirkt in der Deutschschweiz der Zweite Weltkrieg nach: die Furcht, einverleibt zu werden. Ganz anders die Haltung vor dem Ersten Weltkrieg. Der Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II. verzückte das bürgerliche, damals offenbar gar nicht so republikanische Zürich, wie der Historiker Klaus Urner berichtet: «Der Kaiserbesuch vom 3. bis 6. September 1912 gestaltete sich zu einem einzigartigen Schauspiel. Weder zuvor noch später ist in der Eidgenossenschaft, die sich in Fragen diplomatischer Empfänge grösste Zurückhaltung auferlegte, ein ausländisches Staatsoberhaupt mit solcher Begeisterung und aufwendiger Gastfreundschaft aufgenommen worden wie Wilhelm II. Zum festlichen Empfang hatte sich Zürich um Bahnhofplatz und Bahnhofstrasse mit einem Meer von deutschen und schweizerischen Flaggen und Fähnchen geschmückt. Alsbald sah man vom Rietberg, wo der Kaiser Quartier nahm, die gelbe Kaiserstandarte flattern. Schon im äusseren Bild der Stadt war augenfällig, wie stark sie von ihrer Rolle als Gastgeberin des Kaisers fasziniert war.»
Danach, im Ersten Weltkrieg, neigte die deutsche Schweiz zu Deutschland, die welsche Schweiz zu Frankreich. Erst Carl Spitteler, dem späteren Literaturnobelpreisträger, gelang es, in berühmter Wortmeldung, «unseren (gemeinsamen) Schweizer Standpunkt» zu bekräftigen. Es ist vielleicht ein Zufall und gewiss ein Symbol, dass 1914 ein Deutschschweizer Kaiserverehrer zum Oberbefehlshaber der Armee avancierte, General Ulrich Wille, 1939 aber ein Romand, der Waadtländer General Henri Guisan. Diesmal nämlich waren sich alle Sprachregionen einig in ihrer Ablehnung. Antideutsch waren gerade die vom Aufgehen im «Dritten Reich» bedrohten Deutschschweizer. Von der gewichtigen Randgruppe der Nazi-freundlichen Frontisten abgesehen, überwog der Wille zur Abgrenzung — auch wenn im Krieg die Alpenfestung, das «Reduit national», teilweise mit deutschem Baumaterial ausgestaltet wurde.
Der Reduit-Mythos überdauert seit sechs Jahrzehnten, im Widerstreit mit dem ganz anderen Bild der Schweiz, das Thomas Mann in Kilchberg zeichnete: «Wenn ich ‹Europa› dachte, so war es eigentlich immer die Schweiz, die ich im Sinne hatte: dies freie, kleine, aber nicht enge, sondern vielgestaltige und mehrsprachige, von europäischer Luft durchwehte und nach seiner Natur so grossartige Land, das ich liebe von jeher.» Zwar ist Deutschland nach wie vor der wichtigste Handelspartner, mit Baden-Württemberg haben wir mehr Aussenhandel als mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber viele Deutschschweizer setzen sich reflexartig vom «grossen Kanton» ab, wie sie den Nachbarn im Norden nennen. In der jüngsten Blüte der Mundarten kommt das zum Ausdruck.
Der Abgrenzungsdrang liesse sich auf die Anfänge der gut sieben Jahrhunderte alten Eidgenossenschaft zurückführen, auf ihren Kampf gegen Habsburg. Der Historiker Jean-Rudolf von Salis sah eine andere Wegmarke: «Das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen ist eigenartig und widerspruchsvoll. Am prägnantesten ist die Tatsache, dass zwei Völker, die die gleiche Sprache sprechen, den Eindruck erhielten, sie sprächen nicht die gleiche Sprache, in der Disputation zwischen Martin Luther und Ulrich Zwingli über das Abendmahl in Erscheinung getreten. Danach wurde die Verständigung zwischen der Zürcher Reformation Zwinglis und der Reformation Calvins in Genf möglich, Augsburger Bekenntnis dort — Helvetische Konfession hier: Das ist mehr als ein Symbol, es ist ein historischer Wendepunkt, in dem alemannische und welsche Schweiz einander geistig näherkamen, deutsche Schweiz und deutsche Denkweise einander fernerrückten.»
So fern nun doch nicht, denn die Schweizer haben ihren Nationalhelden einem Deutschen zu verdanken. Sie besannen sich auf Wilhelm Tell dank Schillers Stück, erst nach der Uraufführung 1804 in Weimar entdeckten sie ihn richtig wieder — ein Sinnbild dafür, dass die Schweiz auch ihrer Nachbarn bedarf, um sich zu entfalten. Anderthalb Jahrhunderte später schrieb Max Frisch: «Was ich in Deutschland suche: die Weite im Verwandten. Viele tragen in Deutschland den Kopf etwas höher, als ihnen zukommt, und verwechseln sich mit der Grösse ihrer Anzahl, also mit einer Grösse, derer auch die Schafe und die Läuse sich rühmen könnten; doch wo man eine wirkliche Persönlichkeit trifft, ist sie freier als im kleinen Land, unverkürzt, unverstümmelt, unverklemmt, bei gleicher Anlage hat sie meistens eine reichere Entfaltung; überall spürt man den grösseren Spielraum — auch im Erfreulichen.»
Frisch war 1977 Ehrengast und Redner auf einem Parteitag der deutschen Sozialdemokraten in Hamburg, zu Hause machte ihn das verdächtig. Der Zürcher Germanist und Oberst im Generalstab Karl Schmid unterstellte Schweizer Intellektuellen, die sich auch an deutschen und französischen Debatten orientierten, ein «Unbehagen im Kleinstaat», so der Titel seiner Streitschrift aus dem Jahr 1963. Diese Unpatrioten hätten «das Gefühl, im Kleinstaat stehe man abseits der Geschichte», und hielten es nicht aus, auf den helvetischen «Zwischenraum zwischen den grossen Nationen» verwiesen zu sein; überdies fürchteten sie, im neutralen Land «sei man nicht nur schwach und peripher, sondern immer auch lau». Deshalb nährten sie die «Sehnsucht nach der Bergung im Grossen-Ganzen». Wehe dem, der Deutschland mag! Deutschland hingegen soll uns bitte mögen.

Im Gegensatz zur französischen Schweiz, die im tonangebenden Paris kaum Gehör findet, ist die Deutschschweizfür die Deutschen keine Provinz.

Inniges Wechselspiel
Und in der Tat, Schweizer Autoren geniessen seit je Anerkennung über die Grenze hinweg. Im Gegensatz zur französischen Schweiz, die im tonange benden Paris kaum Gehör findet, ist die Deutschschweiz für die Deutschen keine Provinz. Zürich und Basel, aber auch Luzern oder Winterthur strahlen vergleichsweise stärker als deutsche Städte ihrer Grösse. Eidgenossen avancieren zu Rektoren deutscher Hochschulen. Künstler, Schauspieler, Intellektuelle, Medienleute, Fussballer entfalten sich hüben wie drüben. Christian Gross ist Erfolgstrainer in der Bundesliga, Martin Suter erklimmt die Spitzen der «Spiegel»-Bestsellerliste. Mittlerweile tauscht man sogar die Grossbankiers, der Ostschweizer Josef Ackermann führt die Deutsche Bank, der gebürtige Ostdeutsche OswaldGrübel leitete erst die Credit Suisse, dann die UBS.

Argwohn des Kleineren
Mit keinem anderen Nachbarn hat die Schweiz ein so inniges Wechselspiel. In Carl Spittelers Worten: «Noch enger als der Westschweizer mit Frankreich, ist der Deutschschweizer mit Deutschland auf allen Kulturgebieten verbunden», so sah es der Dichter vor Jahrhundertfrist. Unzählige Schweizer haben deutsche Vorfahren, Vettern oder Freunde. Ihrerseits wechseln Deutsche gern und derzeit in Scharen in die Eidgenossenschaft.
Die Deutschschweizer wiederum bilden die Mehrheit in der Schweiz, aber eine Minderheit im deutschen Sprachraum — das widerstrebt vielen, und wie jede Minderheit beargwöhnen sie die Mehrheit. So sehr man deutsche Bekannte individuell schätzt, so sehr misstraut man kollektiv den Deutschen, deren Fernsehen man durchaus auch schaut, deren Moden man importiert, deren Politik man diskutiert, in deren Hauptstadt man gern weilt: Je stärker der deutsche Einfluss, desto grösser wird der kleine Unterschied, den man hervorhebt. Und wer zu Vorurteilen neigt, nutzt alles, um sie zu bestätigen. Zum Beispiel den Streit um die Verteilung des Fluglärms um den Flughafen Kloten, obwohl der Kanton Zürich diesen Nachbarschaftszank mitverantwortet.
Jahrzehntelang ignorierten die Zürcher ihre süddeutschen Nachbarn, sie missachteten Vereinbarungen. Als die Süddeutschen schliesslich die Geduld verloren und sich verhärteten, wetterten dieselben Zürcher über deutsche Überheblichkeit und Grossmannssucht. Vorurteile sind Projektionen.
Wir machen die Deutschen schlechter, als sie sind, während sie uns besser machen, als wir sind. Wenige Beziehungen sind dermassen asymmetrisch. Trotzdem ist die Schweiz für ihre nördlichen Nachbarn zum beliebten Auswanderungsland geworden, so wie die Eidgenossenschaft in ihrer Wirtschaftsgeschichte immerzu von den Deutschen profitierte. Pioniere der Pharma- und Uhrenindustrie stammten aus Deutschland. Der Frankfurter Apotheker Heinrich Nestle gründete in Vevey den grössten Schweizer Konzern. Der Bamberger Walter Boveri war Mitgründer von ABB in Baden. Der Essener Verleger Girardet errichtete das zweitgrösste private Medienhaus Tamedia — nur drei von vielen Beispielen.
Auch in der Geistesgeschichte war der deutsche Beitrag ein Segen. Deutsche zogen die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) und die Universitäten Zürich und Bern gross. Diese hatten in den 1830ern und 1840ern fast nur deutsche Professoren und eine Mehrzahl deutscher Studenten: eine unterdrückte liberale, intellektuelle Elite, die in die Schweiz geflüchtet war. Der Nassauer Staatsrechtler Ludwig Snell zählte zu den Vordenkern der direkten Demokratie. Gottfried Semper errichtete nicht nur Dresdens weltberühmte Semper-Oper, sondern auch das Hauptgebäude der ETH. Doch herrschte damals schon Angst vor der «Verdeutschung». In seinen Memoiren berichtet der Literaturwissenschaftler Friedrich Theodor Vischer, der von 1855 bis 1866 an der ETH lehrte, manche Zürcher hegten gegenüber den Deutschen eine Aversion, die womöglich auf den Schwabenkrieg von 1499 zurückgehe, wie er vermutete. «Die Folge war», schreibt Vischer, «dass man als Deutscher selbst im Umgang mit gebildeten Kreisen nie das Gefühl loswurde, auf unterhöhltem Boden zu wandeln, und jeden Augenblick damit rechnen musste, etwas gegen die Deutschen hören zu müssen.»

Geistesverwandte
Indessen fühlen sich die meisten Deutschen wohl in der Schweiz, die meisten Schweizer ebenso wohl in Deutschland. Für Schriftsteller wie Thomas Hürlimann oder Adolf Muschg, dem früheren Präsidenten der Akademie der Künste am Brandenburger Tor, wurde Berlin zeitweilig zur zweiten Heimat, so wie Gottfried Kellers fünf Berliner Jahre zu den produktivsten zählten. Die deutsche Offenheit ist ein Vorzug, dessen sich viele Deutschschweizer nicht bewusst sind. Will sich ein Romand in Paris behaupten, muss er in aller Regel Franzose werden. Es ist paradox — Frankreich behandelt Französischschweizer schlechter als Deutschland die Deutschschweizer, aber die Romands mögen Frankreich ganz gut, während viele Deutschschweizer Deutschland schmähen.
Liegt der tiefere Grund darin, dass sich Deutsche und Deutschschweizer stärker ähneln, als ihnen lieb ist? Wie die Kuhschweizer, betonen neuerdings die Sauschwaben historische Kontinuitäten. Die Deutschen befassen sich nicht länger nur mit den zwölf Jahren Nationalsozialismus. Vielmehr entdecken sie wieder — über dieses abscheuliche Jahrdutzend hinweg — die grossen Linien seit den Anfängen des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, zu dem bis 1648 und teilweise darüber hinaus viele Eidgenossen gehörten. Es herrschte Kleinstaaterei: über zweihundert Staaten im 16. Jahrhundert, 39 bei der Auflösung des Reichs 1806. Der Föderalismus, der die Bundesrepublik der 16 Bundesländer und die Eidgenossenschaft der 26 Kantone verbindet, leitet sich davon ab. Die Zentralmacht bleibt verhältnismässig schwach, stark waren einst die Kurfürsten, so wie heute die Ministerpräsidenten der Bundeskanzlerin zusetzen und die Kantonsregierungen dem Bundesrat.
So behauptet sich in beiden Ländern der Korporatismus, um informell zu regeln, was die Zentralmacht nicht regeln soll. Die Geistesverwandtschaft geht so weit, dass die Bundesrepublik bis in die 1970er-Jahre den Wunschtraum ihrer «Verschweizerung» hegte: die Vorstellung eines Westdeutschlands, das wirkungsmächtig wäre im Wirtschaftlichen und sich dafür aus den Wirrnissen der Weltpolitik heraushielte.
Diese Illusion zerstob bei der deutschen Wiedervereinigung. Die Bundesrepublik hat eben andere Proportionen — und überdies einen ganz anderen Begriff von Konsens. Mit aller Härte markiert der Deutsche seine Position, These und Antithese, worauf ein Konsens erstritten wird, die Synthese. Ungeübte Beobachter dachten im Jahr 2005, CDU und SPD kämen nie zusammen, dann bildeten sie eine recht erfolgreiche Grosse Koalition, der mancher Deutsche nachtrauert. Bei uns in der Schweiz gilt das umgekehrte Vorgehen: Am Anfang ist der Konsens, «wir sind uns doch alle einig!», heisst es. Doch sobald diese Eintracht postuliert worden ist, zieht jeder an seinem Faden und zerrt das Konsensgewebe in seine Richtung. Zwei völlig verschiedene Arten, sich zu einigen — weswegen Deutsche und Schweizer oft uneinig sind, und solche Gegensätze beleben die Nachbarschaft.
Neun Nachbarn hat die Bundesrepublik, so viele wie kein anderes Land in Europa. Einer sind wir, möglicherweise jener Nachbar, zudem Deutschland am friedlichsten umging in der Geschichte. Im Gedicht «Gegenüber» schreibt Gottfried Keller:

«Da rauscht das grüne Wogenband
Des Rheines Wald und Au entlang:
Jenseits mein lieb Badenserland,
und hier schon Schweizerfelsenhang.
Und in der Stromeseinsamkeit
Vergess’ ich all den alten Span,
Versenke den verjährten Streit,
Und hebe hell zu singen an:
‹Wohl mir, dass ich dich endlich fand,
Du stiller Ort am alten Rhein,
Wo ungestört und ungekannt,
Ich Schweizer darf und Deutscher sein! ›»

Roger de Weck ist Publizist und designierter Generaldirektor der SRG. Er schreibt regelmässig für «Das Magazin».
Dieser Essay erscheint am 16. August im Sammelband «Sind die Schweizer die besseren Deutschen? Der Hass auf die kleinen Unterschiede». Herausgegeben von Jürg Altwegg, Journalist der FAZ, und Roger de Weck. (Verlag: Nagel & Kimche)

Roger de Weck. Bild von Keystone.
Roger de Weck. Bild von Keystone.

Die Diskussion

5 Reaktionen

  1. Skeptiker

    Ein wunderbarer Beitrag zum 1. August 2010!

  2. geronimo4ever

    Irgendwie scheinen die Seilschaften untötbar zu sein. Das Magazin holt ihn nicht nur ans Tageslicht zurück sondern gibt ihm auch noch die Möglichkeit sein Werk zu promoten!

    Wie immer hat er die Schweizer als Sündeböcke ausgemacht, die Deutschland nacheifern sollen und unbedingt in die EU sollen. Also die alte Litanei!

    Nach dem Abgang bei der SonntagsZeitung hatte ich mich schon gefreut, dass er nur noch in den dunklen Gängen der SRG Babys küsst und ansonsten schweigt! Vergebens…

  3. Skeptiker

    @ geronimo4ever:
    Wenn es also ein Klardenker wagt, ein differenziertes Bild des Verhältnisses CH-D zu publizieren, dann muss er sofort gedeckelt werden. RDW hatte es gewagt, Schweizer wie Deutsche als normale, aber verschiedene Menschen darzustellen. So was geht natürlich nicht. Wir stehen ja über jeder kritischer Betrachtung, wir Musterschweizer! Und schliesslich ist morgen der 1. August!
    Ein Zitat, das mir zu Ihrer “Denke” einfällt:
    “Ich finde es bemerkenswert und bedrohlich, dass wir bald wieder da sind, wo «intellektuell» ein Schimpfwort ist. Das heisst, dass man nicht will, dass nachgedacht wird. Es ist kein Zeichen von Bildungsdünkel, wenn man sich gegen Vereinfachungsdünkel wehrt.”
    Charles Lewisnsky

  4. blackrabbit

    Ich würde mir wünschen, dass Herr deWeck seine Zeit nun vielmehr damit verbringt, Wege zu finden, wie die Kopfsteuer für das Staatsfernsehen gesenkt werden kann.

  5. Skeptiker

    An die Redaktion:
    ……………..
    Warum lassen Sie sinn- und nutzlosen Querverweise, welche von unbedarften Wichtigtuern eingeworfen werden, überhaupt zu? Die Bankgebühren haben mit dem diskutierten Artikel rein gar nichts zu tun. Das ist Datenmüll!
    Gemeint ist:
    http://xxl-ratgeber.de/bankkonto/1867/geloste-frage-ein-schweizer-konto-kostenlos/
    Das gilt aber auch für anderswo oft eingebrachte nichtssagende Links auf Twitter oder Facebook.