Ihr fühlt zu viel!

Niemand seziert den Kult um die Gefühle des modernen Menschen so gnadenlos wie die israelische Soziologin Eva Illouz.

19.06.2009 von Birgit Schmid , 4 Kommentare

Für sie gehören immer zwei dazu. Die israelische Soziologin Eva Illouz, 48, verbindet scheinbar unvereinbare Dinge, die zueinander stehen wie Feuer und Eis, Katz und Maus, oder, behaupten wir mal: wie Frau und Mann. Und tatsächlich durchdringen sich die Gegensätze auf faszinierende Weise. Liebe etwa ist nicht selbstlos und unabhängig von materiellen Werten, schrieb sie in ihrem Bestseller «Der Konsum der Romantik»: Luxusgeschenke wie ein Wochenende in Paris oder ein Diamantring stabilisieren die Intimbeziehung und organisieren unsere Gefühle. Die Partnersuche im Internet, kam Illouz in «Gefühle in Zeiten des Kapitalismus» zum Schluss, funktioniert nach denselben Marktmechanismen wie der Warentausch: Der Suchende preist sich als Produkt an.
Die renommierte Wissenschaftlerin arbeitet im Kulturlabor, ohne dass es beim Vermischen der Sphären zu Explosionen kommt: ohne zu moralisieren. Darin unterscheidet sie sich von ihren Vordenkern der Frankfurter Schule, gegen die sie anschreibt, wie sie sagt, und die sie fortführt: Die Soziologin hält regelmässig Vorlesungen in Deutschland, aktuell am Wissenschaftskolleg in Berlin. Sie betreibt weder Kapitalismuskritik im Stile Adornos noch beklagt sie mit Richard Sennett die «Tyrannei der Intimität». Sondern analysiert die Emotionalisierung des öffentlichen Lebens und die Ökonomisierung des Privaten so luzide, als läge ihr Untersuchungsgegenstand auf der Couch. Irritationen hinter ihren Positionen zu erspüren, ist jedem selbst überlassen.
In ihrem neuen Buch «Die Errettung der modernen Seele» liefert Illouz jetzt eine ausführliche Kulturgeschichte der Selbstbeobachtung. Ihre These: Seit dem Siegeszug der Psychoanalyse Anfang des 20. Jahrhunderts gilt das Individuum, das sich nicht selbst verwirklicht, als therapiebedürftig. Ja, erst die Sprache des Gefühls hat unser mangelhaftes Wesen zum Vorschein gebracht. Gleichzeitig setzte der Einfluss der Psychologie auf die Populärkultur eine ganze Selbstverbesserungsindustrie in Gang, von Selbsthilfegruppen über Psychoratgeber bis zu modernen Coaches.
Wie der «therapeutische Stil» unsere Lebensgeschichte prägt, hat Illouz am Beispiel der amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey illustriert («The Glamour of Misery»). Durchpsychologisiert, so Illouz’ Schluss, gehen wir aber nicht in Gefühl auf. Sondern durch Nachdenken und Reden über Emotionen erlangen wir erst Kontrolle über sie.
Eva Illouz lebt mit ihrem Mann und den drei Söhnen in Jerusalem nahe der Hebrew University, wo sie einen Lehrstuhl in Soziologie innehat. Man trifft sich an einem schwülen Samstagmorgen im Juni, an dem die Forscherin zufällig Geburtstag hat. «Ich wurde nur an diesem Tag geboren», wehrt sie Glückwünsche verlegen ab. Im Hintergrund spielt klassische Musik, die Türen zum blühenden Garten stehen offen. Die «Expertin für gesellschaftliche Wärmetechniken», wie sie die Zeitschrift «Literaturen» genannt hat, strahlt eine scheue Sanftheit aus. Sie denkt, bevor sie spricht. Eva Illouz wurde 1961 in Marokko geboren, ging in Frankreich zur Schule, studierte in den USA. Seit 1991 lebt sie in Israel und betont: «Ich bin Europäerin.»

«Ohne Freud wäre Woody Allen nur ein Trottel und Tony Soprano nichts weiter als ein Gangster, gäbe es zwar einen Ödipus, aber keinen Ödipuskomplex», schreiben Sie in Ihrem neuen Buch «Die Errettung der modernen Seele». Das klingt anerkennend. Trotzdem kritisieren Sie die Psychologie. Was werfen Sie ihr vor?
Ich habe nichts gegen die Psychologie als Wissenschaft. Ich bewundere Sigmund Freud sehr. Mir geht es um die Vereinnahmung und Vereinfachung psychologischer Theorien, deren endloses Recycling gerade durch die Massenmedien. Die Psychologie hat sich paradox entwickelt. Zwar preist sie ein Modell der Hilfe an. In Wahrheit ermutigt sie uns aber, von uns selbst als leidendem Subjekt zu denken. Das setzte vor allem nach 1968 ein, als die Idee der Selbstverwirklichung aufkam. Das Individuum sollte sein Potenzial nun voll und ganz ausschöpfen. Aber was ist ein Potenzial? Etwas, das erst realisiert werden muss. Das gewöhnliche Leben von gewöhnlichen Leuten fühlte sich plötzlich dumpf an. Die Idee der Selbstverwirklichung lässt dich spüren, was nicht befriedigend ist und wandelt sich zur Quelle des Leids, die hauptsächlich in dir liegt. Möglicherweise zieht man dann noch eine narrative Linie zwischen Kindheit und Gegenwart und konstruiert eine Geschichte über sich selbst, in der das Ungenügen erklärt wird. Die Psychologie fördert das Opferdenken.

Wie äussert sich die Psychologisierung gesellschaftlich?
Das Ideal der mentalen, emotionalen und psychologischen Hilfe hat unser Verständnis der Psyche verflacht. Nehmen wir als Beispiel das Singlesein. In der christlichen Kultur ging man ins Kloster, wenn man sich für das Alleinsein entschied, und hat sein Leben Gott gewidmet. In einer psychologischen Kultur, in der Intimität für die mentale Gesundheit als notwenig erachtet wird, hat jemand, der auf emotionale Intimität verzichtet, einen schweren psychischen Defekt. Einerseits befreit die Psychologie unser Urteil von Moral. Sogar ein Krimineller kann nun dank fehlender Liebe der Mutter in seiner Kindheit entschuldigt werden. Gleichzeitig macht dieses helfende Gesundheitsideal uns unfähiger, wirkliche Andersartigkeit zu akzeptieren. Wer sich nicht der Norm entsprechend verhält, gilt schnell mal als geistesgestört. Das Konzept der mentalen Gesundheit, das wir verinnerlicht haben, verflacht unser Verständnis davon, wie komplex und verschiedenartig die Seele ist.

Die Psychologie gab uns eine Sprache, um über unsere Gefühle zu reden. Sie ermöglichte uns erst, gewisse psychische Vorgänge wahrzunehmen. War das Leben einfacher, als wir noch nicht wussten, wie uns geschieht?
Man gab dem Unverständlichen, Irrationalen früher mehr Raum. Ich sage es mit einem literarischen Beispiel. Goethes Werther begeht Selbstmord, weil er sich unsterblich in Charlotte verliebt hat, seine Liebe aber eine unmögliche ist. Will sich heute jemand aus diesem Grund töten, würde man ihn sofort psychologisch und medikamentös behandeln. Man würde in seiner persönlichen Geschichte forschen und Hinweise finden, weshalb er psychisch instabil, mental schwach und depressiv ist.

Man würde Worte aus dem Vokabular des Psychoslangs finden.
Wir würden sagen: Werther fehlte es an Selbstachtung. Wer sich liebt, würde so etwas nie tun. Aus Liebesschmerz Selbstmord zu begehen, war für die Romantiker aber eine Art heroische Bejahung des Selbst. In vielen kulturellen Konzepten fühlt sich der Mensch lebendig durch das Leiden und erreicht erst so Weisheit und ein Leben in Vollkommenheit. Die Psychologie veränderte dieses Verständnis. Sie machte das Leiden unerträglich und unfassbar. Das Leben wird nicht als strukturell schwierig und meinem Willen widerstrebend angesehen, die Welt nicht als gegnerisch. Vielmehr haben wir nun ein Konzept von Glück, in dem das Leiden verschwinden muss, weil es als Zeichen eines unerfüllten Lebens gilt.

Früher delegierten wir an einen allmächtigen Gott, heute suchen wir den Grund des Leidens in uns. Sie schreiben, dass die Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts selbst Züge einer Volkserlösungsreligion annahm. Mit welchen Konsequenzen?
Damit wurde uns viel aufgebürdet. Um sich zu rechtfertigen, hat die Psychologie die Idee gefördert, dass wir für unser Schicksal und unser Leben selbst verantwortlich sind. Hier wird es gleichsam politisch. Die Psychologie hat die Politik entlastet, welche ständig die Grenze zwischen den Verantwortlichkeiten des Individuums und jenen der politischen Institutionen zu verhandeln versucht. Das Individuum wird nun verantwortlich gemacht für alles, was ihm passiert, an Gutem und Bösen. Brüche in Lebensläufen wie Scheidung oder Entlassung, oder wenn man trotz Anstrengung immer noch zum mittleren Kader gehört, werden als eigenes Verschulden interpretiert. Es ist interessant, dass die starken kollektiven Bewegungen der Sechziger- und Siebzigerjahre — der Kampf der Arbeiter, der Schwulen und der Frauenrechtlerinnen — verschwanden, als die Psychologie dominant wurde.

Die Psychologie ist schuld, dass wir heute so unpolitisch sind?
Es gibt sicher weitere Faktoren, weshalb heute starke politische Bewegungen fehlen. Ich bin aber überzeugt, dass die Psychologisierung aller Lebensbereiche, von den Arbeitsverhältnissen bis zu den sexuellen Beziehungen, eine wichtige Rolle gespielt hat in der Neutralisierung politischen Denkens.

Wie hat die Psychologie die zwischenmenschlichen Beziehungen verändert?
Nietzsches letzter Mann, der Nihilist, der nur an sein eigenes Wohlergehen denkt und aus Eigennutz handelt, setzte sich als Vorbild durch. Es wird nun berechnet, was einem nützt, das heisst: gut tut. Man denkt über sein emotionales Leben in Form von Bedürfnissen nach. Wie oft hat man den Satz gehört: Ich habe mich von ihm getrennt, weil er meine Bedürfnisse nicht mehr abgedeckt hat. Der psychologische Mensch ist ein Geschöpf, das genau berechnet, was ihm nützt und was für es «stimmt».

Das führt zu Ihrer Aussage, dass Gefühl die neue Vernunft ist. Die Psychologie hat unser Gefühlsleben rationalisiert. Können Sie das erklären?
Die moderne Sprache des Gefühls lässt uns in jeden verborgenen Winkel unserer Seele blicken. Die Psychologie hat uns alphabetisiert, was das Gefühlsleben betrifft. Wir nehmen unser Inneres wahr und sind dadurch emotionaler geworden. Dank unserem psychologischen Wissen können wir beim Reden über unsere Befindlichkeit auf gängige Interpretationsmuster zurückgreifen. So bringen wir Emotionen in eine standardisierte Form, wodurch wir die Gefühle wiederum kontrollieren.

Wir können uns heute artikulieren und sagen, was uns bewegt. Diese Fähigkeit ist sehr weiblich. Gleichzeitig gab die Emanzipation den Frauen eine Stimme. Wird in heutigen Beziehungen zu viel über Gefühle geredet?
Bei all diesen Überlegungen muss man aufpassen, dass man nicht reaktionär klingt. Zuerst einmal: Auf Werte wie Freiheit und Gleichheit will niemand mehr verzichten. Einen Zugewinn kann man nie ohne Verluste haben. Wir haben manche Dinge, die uns das Leben vereinfacht haben, verloren, aber um viele ist es nicht schade. Klar, nicht alle Ideale, die wir erreicht haben, machen uns glücklicher. Frauen und Männer sind nicht glücklicher, nur weil sie in gleichwertigen Beziehungen leben. Beziehungen sind durch emotionale Ansprüche sicher schwieriger zu verhandeln geworden.

Sie sagen, die Psychologie hätte zu einer Androgynität geführt. Dank der Sprache des Gefühls hätten sich die Geschlechter angeglichen. Vor allem Männer müssen nun auch empathisch und kommunikationsbereit sein und mit der Umwelt in Beziehung treten. Hat das nicht viel eher zu einer Überforderung geführt?
Aus feministischer Sicht würde ich sagen: Das Beste, was Männern passieren kann, ist, sie von überholten Vorstellungen von Männlichkeit zu befreien. Rollenmodelle haben auch etwas Repressives. Dieser Prozess der Annäherung hat in der Familie längst begonnen, wo die Männer beweisen, dass sie genau so gut Haushaltarbeiten verrichten und Kinder betreuen können wie die Frauen.

Und doch löst die Verweiblichung der Gesellschaft auch Unbehagen aus. Sie zitieren in Ihrem Buch die «New York Times»-Kolumnistin Maureen Dowd, die sagt: «Um heute zu gewinnen, müssen sich Männer feminisieren.»
Tatsächlich werden schweigende, starke, selbstsichere und emotionslose Männer durch das vorherrschende therapeutische Ethos pathologisiert. Nur weibliche Männer gelten als wirklich gesund. Das Modell des Wohlbefindens schliesst andere Befindlichkeiten aus. Ruhige Leute, die nicht gerne reden und über sich selbst nachdenken, hält man für inkompetent. Die Psychologie kreiert also neue Formen der Inkompetenz. Davon betroffen sind primär wortkarge Männer. Es könnte ja aber sein, dass deren Arbeit gerade schweigsame Konzentration verlangt, Mut wichtiger ist, Körperkraft. Denken Sie an Feuerwehrmänner oder Soldaten, für die es besser ist, nicht zu sehr in sich zu gehen, damit sie ihre Pflicht tun können. Die Psychologie als Norm setzt sprachliche Ausdrucksfähigkeit voraus, über die nicht jeder verfügt.

Wie sieht es in den Beziehungen zwischen Israeli aus? Israelische Frauen scheinen sehr tough, hörbar heute Morgen, als sich das Paar im Hotelzimmer nebenan laut gestritten hat.
Der typische israelische Mann unterscheidet sich vom europäischen Mann. Er ist Soldat und Familienmann zugleich. Er beteiligt sich an der Kindererziehung und im Haushalt und muss doch nicht zwingend ein weiblicher Mann sein. Das hat mit der Soldatenkultur zu tun. Diese ist so dominant, dass auch Frauen den Männern in nichts nachstehen wollen. Wenn die Männer hart wirken, so ist das weniger sichtbar als bei den Frauen, was nicht heisst, dass die Frauen tougher sind. Die Frauen haben in der jüdischen Kultur zudem viel Macht, weil sie für die Familie sorgen und ausser Haus arbeiten, während ihre Männer im religiösen Studium absorbiert sind.

Wie viele Israeli liegen wöchentlich auf der Couch eines Psychoanalytikers?
Sehr, sehr viele. Wir sind das Land mit der höchsten Dichte an Psychologinnen und Psychoanalytikern.

Weil Freud selbst Jude war und die Psychoanalyse jüdische Wurzeln hat?
Ich würde es nicht so romantisieren. Die Psychologie war in Israel sehr früh an der Gründung des Staates beteiligt. Der Beruf des Sozialarbeiters und Schulpsychologen erhielt eine staatliche Legitimität, da die junge Nation Experten mit entsprechenden Dienstleistungen und Behandlungstechniken brauchte, um das Leben der Leute aktiv zu formen, sie zu bilden und zu erziehen, sprich: sie zu kontrollieren. Die Wohlfahrt wurde eine Ideologie, das psychische Wohlergehen der Bevölkerung zum Anliegen des Staates.

Haben Sie selbst je eine Psychoanalyse gemacht?
Eine Psychotherapie, ja, aber sie hat nichts genützt. Ich war allgemein unglücklich und litt am Elend der Welt (lacht). Mein grösstes Problem war, in einem Land zu leben, das ich nicht verstehe. Ich sage meinen Freunden immer, die Leute würden zum Psychiater gehen, um über ihre Eltern zu sprechen. Ich brauchte einen Psychiater, um über mein Land zu reden: Was es bedeutet, ein entwurzelter Mensch zu sein, sich fremd zu fühlen. Die Psychologie ist gut ausgerüstet, wenn es um persönliche Probleme wie zu wenig Sex in der Ehe oder Sex mit dem Falschen geht. Für mein Problem, musste ich feststellen, hielt die Psychotherapie nichts bereit.

Warum wählten Sie Israel als neue Heimat?
Aufgewachsen bin ich in der jüdischen Gemeinschaft in Marokko, danach zog meine Familie nach Frankreich. Dort und in den USA identifizierte ich mich stark mit der jüdischen Geschichte. Mit dreissig kam ich hierher und merkte, dass sich das Leben von Juden in anderen Ländern stark von jenem der Juden in Israel unterscheidet. Das hatte ich nicht erwartet. Unser Leben ist voll von solchen Entdeckungen, die nicht voraussehbar sind. Das ist übrigens eine weitere Kritik am Heilsversprechen der Selbstbeobachtung: Auch wenn wir permanent in uns hineinhorchen, können wir emotionale Reaktionen nicht abschätzen. Wir sind weniger Persönlichkeiten mit einem stabilen Set an Charakterzügen und Eigenschaften denn vielmehr Geschöpfe der Situation.

Erwarteten Sie nicht einfach zu viel, sowohl von Ihrer Therapie wie von Israel?
Ich glaube nicht, dass ich etwas erwartete. Zum ersten Mal aber erlebte ich die jüdische Existenz als Nation, darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht, was das für Neuankömmlinge bedeuten könnte. Für mich waren die Juden immer die anderen, und als andere fühlte ich mich wohl, überall auf der Welt. In Israel gehörte ich plötzlich zur Mehrheit, die andere kreiert. Damit hatte ich grosse Mühe.

Die Psychologie hat bewirkt, dass sich öffentliches und privates Leben stärker durchdringen. Wie prägen die zwei Ebenen die israelische Gesellschaft?
Die Privatsphäre in Israel ist noch weniger privat als in Europa. Das ist historisch begründet. Der Kibbuz, der bei der Staatsgründung zentral war, kennt die Trennung von Privatleben und Gemeinschaft nicht. Im Kibbuz stand man permanent unter Aufsicht, die Kinder schliefen getrennt von ihren Eltern, da lange galt, dass Kinder nicht der Familie gehören, sondern der Gemeinschaft, dem Staat. Das hat bis heute Auswirkungen. In Israel gibt es keine Mythologie des Privaten. Die Familie wird nicht als Schutzraum vor der Aussenwelt gesehen, sondern als Fortsetzung der Öffentlichkeit. Die Geburtenrate ist hoch, weil der Staat aus Sicherheits- und politischen Gründen zu Kindern ermutigt. So ist er in der Familie präsent. In Europa ist die Familie viel stärker ein gegen aussen gerichtetes institutionelles Selbst.

Grenzen verschwinden aber auch bei uns. Das zeigt sich in den Beziehungen in der Arbeitswelt. Seit sich Arbeitspsychologen des Betriebsklimas annehmen, um die Kommunikation zwischen Arbeitern und Vorgesetzten zu verbessern, sind die Hierarchien flacher geworden. Hat das auch Nachteile?
Dem Einzelnen wird auch hier mehr Verantwortung übertragen, er ist zuständig für sein Wohlergehen und seine Leistung. Psychologisch nur ein bisschen bewandert, weiss er, dass sein Erfolg davon abhängt, wie er sich präsentiert und zu andern in Beziehung tritt. Er kennt nun Techniken, seinen Ärger zu kontrollieren und seine Emotionen zu managen. Dank emotionaler Selbstkontrolle kann er mehr leisten. Der Manager wiederum wendet den therapeutischen Stil auf seine Weise an, fühlt sich in den Untergebenen ein und ist nun auch Psychologe, der «Persönlichkeiten» führt.

Andererseits wünscht sich wohl keiner mehr einen Boss, der mit der Peitsche auf dem Thron sitzt und vor dem man innerlich zittert.
Genau, bei aller Kritik darf man nicht vergessen, dass die Psychologie soziale Beziehungen am Arbeitsplatz humaner gemacht hat. Man ist stärker gezwungen, den andern als Mensch mit einem psychologischen Makeup zu sehen. Man hat es nicht einfach mehr mit Arbeitern zu tun, die sich ausbeuten und instrumentalisieren lassen.

Noch einmal ein Aber: Gerade weil der ganze Mensch gefragt ist, der sich mit seinen Ideen, Gefühlen und Gedanken engagiert, also eine private Seite einbringt: Hat das nicht neue Krankheitsbegriffe wie das Burnout-Syndrom kreiert?
Sie haben recht, und hier schliesst sich der Kreis: Verhaltensmerkmale und Persönlichkeitszüge, die man früher vielleicht noch eher mal als getrübte Stimmung oder schlechte Laune abtat, werden vom psychologischen Diskurs vereinnahmt und zum Krankheitskonstrukt gemacht, das auf immer mehr Opfer zutrifft. Nicht nur der Einzelne definiert sich nun als krankhaft. Nutzniesser der Pathologisierung sind auch die Feministinnen, die Psychologen, der Staat mit seinen Sozialarbeitern, die akademische Forschung bis hin zur Pharmaindustrie, die alle ihrer Klientel erzählen, sie seien Opfer.

Ist es letztlich nicht ein Verdienst, immer klüger, gesünder, besser werden zu wollen, wie es Peter Sloterdijk in seinem Buch «Du sollst dein Leben ändern», postuliert? Der Mensch soll üben und sich mittels kultureller Praktiken ständig verbessern.
Ich verstehe nicht, warum das nun auch noch Sloterdijk fordern muss. Darum geht es doch konstant in unserer ganzen Kultur. Man sagt uns unablässig, dass wir uns körperlich und mental verbessern sollen. Ich vertrete genau das Gegenteil und sage: Hört endlich auf, euch verbessern zu wollen! Dieses Ethos der Selbstverbesserung hat man irgendwann einfach satt.

Das Leben ist keine Couch: Eva Illouz | Alex Trebus
Das Leben ist keine Couch: Eva Illouz | Alex Trebus

Die Diskussion

4 Reaktionen

  1. Christian Moser

    Das Ethos der Selbstverbesserung macht uns selten besser, befördert jedoch den Eindruck, selbst irgendwie mangelhaft zu sein. Dies fördert das Bedürfnis, pysische und psychische Wartungsarbeiten am eigenen Geist und Körper auführen zu müssen. Auch dann wird das Ziel kaum jemals erreicht und so drängen wir uns, möglichst ohne Unterlass, weiter zu verbessern.

  2. Dario Cavegn

    Hat Frau Ilouz genau das nicht gerade gesagt? ;)

    Sehr gutes Interview, auch sehr gute Fragen. Je mehr davon, desto besser wird das Magi.

  3. Peter Ineichen

    Ich denke Frau Ilouz hat selbst auch zu wenig Liebe bekommen. Zudem hat sie ihr ganzes Leben nur in einer Kriegsgesellschaft gelebt, kaum verwunderbar also, dass sie den Glauben an das Gute verloren hat.
    Aber, sehr geehrte Frau Ilouz, wonach soll der Mensch sein Handeln den richten? Was gibt es, dass uns sagt was wir tun sollen? Die Wissenschaft, der Materialismus? wohl kaum! Das einzige was uns treibt sind unsere Triebe, die Grundlage jeder Entscheidung sind Gefühle! Und dann noch:”wir sollten uns nicht verbessern”, wer das sagt fordert damit dass wir uns verschlechtern, denn alles verändert sich in eine Richtung!
    Teilweise wirklich erschreckend, wie nicht denkende Studierte sich dem Materialismus verschreiben, weil ihnen sonst nicht in den Sinn kommt.
    Nur diese Aussage: “Ihr fühlt zu viel” in sich ist doch lächerlich, erstens sind die Gefühle nicht durch uns bestimmt (eher die andere Richtung!) und zweitens wissen wir ja alle wie gefährlich und unkontroliert Menschen ohne Gefühle sind.
    Das einzige (neben der Erfahrung, aber die sagt nicht was gut oder schlecht für uns war) wonach wir uns entscheiden sind die Gefühle, oder kann mir jemand sonst etwas sagen??????
    Die einzige Art wie es den Menschen gut geht wird also sein sich nach seinen Gefühlen zu richten, und auch im Verstand (dem Erfahrungsspeicher) zu wissen was die Gefühle wollen. Denn unsere Gefühle bestimmen allein ob wir etwas gut oder schlecht finden!

  4. Neomi Picard

    Der Vorwurf “ihr fühlt zu viel” eignet sich wunderbar um Aufmerksamkeit zu erlangen. Ansonsten finde ich Frau Illouz’ Ansichten interessant, aber sehr undifferenziert. “Die Psychologie” gibt es nicht. Wenn man heute noch “Die Psychologie” mit “der Psychoanalyse” gleichsetzt, hat man entweder keine Ahnung oder macht dies bewusst um seine Argumente durchzubringen. Es gibt heute eine Vielzahl psychologischer Methoden und Richtungen, die ganz verschiedene Indikationen und Ziele beinhalten. Viele davon sehen den Menschen als Ganzheit mit seinen Gefühlen, aber auch mit seiner Biologie, seinem Verstand und seinem Geist. Leider herrscht sowohl auf Seiten der Menschen die PsychologInnen aufsuchen, als auch auf Seite gewisser PsychologInnen die Einstellung, die auch in der Medizin weit verbreitet ist, “das Leiden ist zu beseitigen”, “Symptom weg= Patient geheilt”. In einer sinnvollen Therapie geht es aber um viel mehr. Leiden ist ein Bestandteil unseres Lebens. Nur übersteigt das was ein Mensch erträgt oder alleine bewältigen kann oft seine Kapazität. Hier setzt eine sinnvolle Psychotherapie an, in dem sie den Menschen begleitet, stützt und befähigt trotz allem wieder weiter zu machen. Auch Werther hätte nach einer sinnvollen Krisenintervention vielleicht weiter leben wollen und sich wieder verlieben.

    Gerade in der angeblich so psychologisierten Arbeitswelt, sind Gefühle allerdings nach wie vor oft störend und unerwünscht. Ein Arbeitnehmer der fühlt, dass er ausbebeutet wird und sich dagegen wehrt, ist unbequem und sagt heute lieber nichts, da er um seine Stelle fürchtet.

    Frau Illouz meint in Israel gibt es so viele Psychologen, weil man die Menschen dort kontrollieren und in eine bestimmte Richtung bilden und formen wollte. Vielleicht denkt Frau Illouz einmal darüber nach wieviele traumatisierte Menschen in Israel lebten und leben, die ohne die moderne Psychotraumatologie kaum adäquate Behandlungen bekämen. Nicht umsonst sind viele wertvolle Erkenntnisse der Traumaforschung anhand der Schicksale von Holocaustüberlebenden erarbeitet worden.

    Wo Frau Illouz sicher recht hat, ist das Thema Missbrauch der Psychologie durch die modernen Massenmedien. Dies ist aber eher ein grundlegendes Problem der Massenmedien und nicht der Psychologie.

    Fazit: Nicht “die Psychologie” fördert das allgemeine Opferdenken, sondern der allgemein herrschende Machbarkeitswahn, der nur junge, gesunde, fitte, superqualifizierte, flexible und gefühlsmässig ausgeglichene Menschen als Ideal präsentiert, ist auf die Erwartungshaltung der Psychologie gegenüber ausgeweitet worden.

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