Im Bett mit Berlusconi

17.04.2010 von Walter De Gregorio , 5 Kommentare

Rom, Fontana di Trevi, Ende März. Das Fotoshooting zieht sich in die Länge. Immer wieder bittet Patrizia D’Addario um eine kurze Auszeit, damit sie Autogramme signieren und für private Gruppenfotos posieren kann. Sie wird gefeiert wie ein Star von den meist jugendlichen Besuchern, die aus Barcelona sind, aus Warschau, Sydney, Paris. Italiener sind nur wenige zu sehen um diese Zeit, es ist mittlerweile kurz nach Mitternacht, ein Pärchen aus Bari unterhält sich mit Patrizia, die aus derselben Stadt stammt. Es war ihre Idee, am Trevi-Brunnen zu posieren. «So wie Anita Eckberg. Ich steige in den Brunnen, und wenn die Polizei mich verhaftet, dann habt ihr eine gute Schlagzeile: ‹Polizei verhaftet Berlusconis Hure!›»
Aus der Schlagzeile wird nichts. Die beiden Polizisten, die an diesem Sonntag kurz vor Ostern Nachtdienst schieben, bleiben gelangweilt in ihrem Alfa sitzen. Die AS Roma stolpert im Nachtragsspiel gegen Livorno (3:3). Trotz frühlingshaften Temperaturen ist das Wasser im Brunnen kalt. Patrizia bleibt doch lieber draussen. Nach einem Nachtessen mit Vongole und Scampi hat sie sich fürs Fotoshooting extra umgezogen. Nun steht sie in High Heels und einem Kleid mit Eckberg-mässigem Ausschnitt vor dem Brunnen, ihre Stimme ist überraschend sanft und leise. Einen Vamp stellt man sich anders vor. Sie geniesst den Rummel, «doch das war nicht immer so, damals».
Damals, das ist der 17. Juni 2009. Das Interview im «Corriere della Sera» bewirkt eine tektonische Plattenverschiebung. Keine Fernsehstation auf Erden, die nicht wissen will, ob die Geschichte stimmt, die Patrizia D’Addario dem renommierten Mailänder Blatt erzählt. Natürlich stimme sie nicht, versichert Silvio Berlusconi: «Ich kenne dieses Mädchen nicht, habe sie nie gesehen oder mit ihr gesprochen, und entsprechend absurd sind die Anschuldigungen.» Niccolò Ghedini, ein harter Hund und einer der besten Anwälte von Berlusconi, redet dem Volk ins Gewissen: «Wem sollen die Italiener glauben: einem Flittchen oder dem Regierungschef?» Aussenminister Franco Frattini eröffnet ein Scheingefecht: «Die Frau ist von linken Journalisten bezahlt worden, um Silvio Berlusconi zu beschuldigen.»
Die Staatsanwaltschaft beendet kurz vor Weihnachten die Diskussion um die Glaubwürdigkeit von Patrizia D’Addario und bestätigt durch die Veröffentlichung der Abhörprotokolle indirekt ihre Version. Fast ein Jahr lang waren Telefongespräche von Personen abgehört worden, die in Verdacht standen, Politiker bis hinauf zum Regierungschef mit Frauen und Drogen zu beliefern. Als Gegenleistung wurden diese Personen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bevorzugt behandelt, so die Staatsanwaltschaft. Auch die Gespräche von Patrizia mit Gianpaolo Tarantini, dem Verbindungsmann zu Berlusconi, waren abgehört worden; darunter die Buchungsbestätigung für Patrizia sowie die Zahlungsmodalitäten für die Nacht mit dem Premier, wie die publizierten Tonbandaufzeichnungen beweisen.
Patrizia war es vor Jahren gelungen, ihren Ex-Freund mithilfe von Tonbandaufnahmen wegen Gewalt und Zuhälterei zu überführen und hinter Gitter zu bringen. Fortan liess sie das Tonband auch bei den Treffen mit ihren Kunden heimlich laufen. Aus Schutz, wie sie sagt. Das Aufnahmegerät hatte sie auch beim Treffen mit Berlusconi dabei. Sie habe den Premier damit reinlegen und erpressen wollen, wird ihr vorgeworfen. «Ich bin reingelegt worden, nicht er», sagt Patrizia. Berlusconi habe ihr vieles versprochen und nichts gehalten. Für die Staatsanwaltschaft ist es einerlei. Die Aufnahmen sind Teil der Beweisführung im Strafverfahren gegen den luxuriösen Escort-Ring von Tarantini. Juristisch habe der Premier aber nichts zu befürchten, so Berlusconis Anwalt Ghedini: «Er wäre, rein theoretisch gesprochen, nur Endabnehmer einer Dienstleistung (utilizzatore finale).»
Nachdem er lange alles hartnäckig bestritten hatte, rang sich Berlusconi aufgrund der Evidenz schliesslich zu diesem einen und einzigen Satz durch, der in Italien als Generalabsolution verstanden wird: «Ich bin kein Heiliger. Wer von uns ist das schon?» Er werde auch die kommenden Wahlen gewinnen, vermutet Patrizia D’Addario, als wir nach dem Shooting beim Trevi-Brunnen kurz über die Regionalwahlen sprechen, die noch bevorstehen (und inzwischen prompt von Berlusconis Partei gewonnen wurden). «Die Nacht mit einer Prostituierten ist für viele Italiener eine Art Kavaliersdelikt. Es ändert sich nichts. Berlusconi bleibt der Premier. Ich bleibe die Nutte.»
Patrizia D’Addario trinkt, wie den ganzen Abend schon, Wasser ohne Kohlensäure, auch in dieser Bar unweit der Fontana di Trevi; Alkohol verträgt sie nicht, auch keine Zigaretten, aber Süssigkeiten, davon könnte sie kiloweise essen, wie sie sagt (und ansatzweise beweist: Cannoli di crema, Tartuffino, Gelato con lamponi). Man sieht es ihr nicht an.

Allora, wie war der Sex mit Berlusconi?
Ich habe den Präsidenten zweimal getroffen, beide Male im Palazzo Grazioli, seiner Privatresidenz in Rom. Beim ersten Treffen blieb ich nicht über Nacht. Tarantini, der Verbindungsmann, hatte mich nur als Gast für das Diner des Präsidenten gebucht. Ob ich dann übernachten würde, wollte Tarantini mir überlassen. Was natürlich nicht stimmte. Er ging selbstverständlich davon aus, dass ich bleiben würde, wenn der Präsident es wollte. Entsprechend verärgert war Tarantini. Ob ich noch ganz bei Sinnen sei, das Angebot des Präsidenten abzuschlagen.

Das Angebot, mit Ihnen ins Bett zu gehen?
Ja. Wir waren etwa zwanzig Mädchen. Er nahm meine Hand und sagte: «Du setzt dich hierher, neben mich.» Ich fühlte mich geschmeichelt, mehr nicht. Ich dachte, ich gefalle ihm einfach, weil ich neu bin in der Runde. Die anderen Frauen schienen alle schon einmal da gewesen zu sein. Sie kannten das Hauspersonal, sie schienen vertraut mit der Situation, sie kannten das Zeremonial. Zuerst Video-Schauen mit dem Präsidenten. Seine grössten politischen Triumphe, das Treffen beim G-8. Er sprach von den Leuten, die er persönlich kannte, Bush, Putin, aber auch von seiner Frau Veronica Lario. Ein kleiner, weisser Hund zottelte an uns vorbei. «Den hat mir die Frau von Bush geschenkt», sagte er, und alle Mädchen klatschten Beifall und lächelten. Mich hats gelangweilt, was den Präsidenten anspornte, noch mehr aus sich heraus zu gehen. Er erzählte Witze, widmete mir romantische Lieder, er ist ein hervorragender Sänger und Tänzer.

Und doch gaben Sie ihm einen Korb.
Ich war als Escort gebucht worden, 2000 Euro für das Nachtessen. Eine Nacht mit dem Präsidenten war in diesem Preis nicht inbegriffen. In der Regel bekommt man als Mädchen, wenn man über Nacht bleibt, vom Präsidenten einen Umschlag mit 5000 bis 10 000 Euro. Ich hätte das Geld gut gebrauchen können, aber mir ging es um mehr. Ich wollte, dass mir der Präsident mit seinen Beziehungen hilft, um eine sehr persönliche Sache zu lösen: das Bauprojekt meines Vaters. Er hatte sich das Leben genommen, nachdem er von falschen Freunden in den Bankrott getrieben worden war. Auf seinem Grab schwor ich, sein Bauprojekt voranzutreiben. Ich habe alles versucht, habe mit den lokalen Behörden in Bari gesprochen, habe Anwälte bezahlt, inzwischen mindestens 70 000 Euro, ich habe gefleht und gebettelt, aber der Baustopp wurde nicht aufgehoben. Als mich Tarantini für ein Nachtessen mit einer politisch «sehr einflussreichen» Person buchte, wusste ich noch nicht, dass es sich um den Präsidenten handeln würde. Aber ich war überzeugt, dass das meine Chance sein würde, um ans Ziel zu kommen.

Ihr Vater sei ein Mafioso gewesen, schrieben gewisse Zeitungen.
Nicht gewisse Zeitungen, die Zeitungen von Berlusconi, nachdem die Geschichte publik wurde! Sogar mein Bruder wurde in den Dreck gezogen. Er starb wegen eines Ärztefehlers im Spital von Pisa, mit nur 35 Jahren. Doch Berlusconis Zeitungen schrieben, er sei von der Mafia beseitigt worden, mit der sogenannten Lupara Bianca, einem Mord, der keine Spuren hinterlässt. Dieselbe Zeitung, wir reden hier von Berlusconis «Panorama», behauptete weiter, dass ein Strafverfahren gegen mich laufe. Obwohl die Staatsanwalt von Bari dies dementierte, verbreitete der Chefredaktor jener Zeitung weiterhin seine Lügen.

Was ja nicht wirklich überraschen kann, wenn man sich mit Berlusconi anlegt. Sie gingen mit klaren Absichten ins Bett mit ihm.
Ja, und der Präsident wusste es. Er wusste alles über mich. Vermutlich hatte er sich bei Tarantino informiert. Jedenfalls sprach mich Berlusconi plötzlich auf das Bauprojekt an, er war sehr aufmerksam und wollte wissen, wie es ging, ob er mir helfen könne. Ich hätte vor Freude weinen können. Der Präsident erkundigt sich über mein Projekt! In jenem Moment war ich überzeugt, dass ich es geschafft hatte. Dann aber wollte der Präsident vor allem über mein Liebesleben reden. Mit wem ich zusammen war, was ich erlebt hatte. Ich erzählte ihm über meine gescheiterten Beziehungen, vor allem über meinen Ex, der mich geschlagen und ausgenützt hatte. «Dieses Mädchen glaubt nicht mehr an die Liebe, nicht mehr an die Männer», sagte er dann in die Runde, «mal schauen, ob ich dieses Mädchen heilen kann.» Das hat mich gekränkt. Ich erzähle ihm persönliche Dinge, und er macht Witze über mein Schicksal. Die anderen Mädchen haben gekichert, und gleichzeitig hat es sie innerlich fast zerrissen vor Wut. Denn der Präsident blieb bei mir auf dem Sofa, er streichelte mein Haar, meine Hand, dann meine Beine, obwohl ich Strümpfe anhatte.

Obwohl Sie Strümpfe hatten?
Der Präsident liebt nackte Beine. Tarantini hatte mir klare Anweisungen gegeben. Schwarzes Cocktailkleid, wenig Schminke, nackte Beine. Ich habe dann doch Strümpfe angezogen, es war bereits Spätherbst.

Hatten Sie das Gefühl, dass Berlusconi Ihnen tatsächlich helfen wollte? Sie sagten, er sei sehr aufmerksam gewesen bei Ihrem ersten Treffen.
Er bat mich, wenige Minuten, nachdem ich mich bei ihm vorgestellt hatte, zu ihm aufs Sofa. Dann begann er, mich auszufragen. Ich war die Einzige, welcher er während des ganzen Abends Fragen stellte. Ich habe mir sicherlich etwas eingebildet darauf, ich dachte, ich sei etwas Spezielles, auch wenn mir immer klar war, wie die Rollen verteilt waren. Hier die Escort-Dame, dort der Präsident. Er fragte mich auch, ob ich eine Karriere machen möchte als Sängerin, er könne mir helfen dabei. Oder ob ich Lust hätte auf eine Fernsehkarriere. Er habe schon andere Mädchen am richtigen Ort parkiert, wie er sagte.

Wusste er, dass Sie eine Prostituierte sind?
Natürlich wusste er das, auch wenn er und seine Anwälte dies später bestritten. Tarantini war Berlusconis Vertrauensmann, er hatte nicht nur mich für diesen Abend im Palazzo Grazioli gebucht. Es waren auch andere Frauen vom Escort-Dienst zum Diner geladen. Das geht auch aus den Abhörprotokollen der Polizei hervor.

Putins Bett
Das sogenannte System Tarantini funktioniert so: Frauen und Drogen gegen politische Hilfe bei der Vergabe öffentlicher Dienste. Gianpaolo Tarantini, so die Untersuchung der Staatsanwaltschaft, habe zuerst alleine, dann mit seinem Bruder Claudio und Freunden aus Bari einen Escort-Ring aufgebaut, den er für seine Geschäftsinteressen nutzte, unter anderem für den Verkauf seiner Medizinalinstrumente. Die Ausschreibungen an öffentlichen Spitälern soll er jeweils dank politischer Protektion gewonnen haben. Die Protektion sicherte er sich einerseits auf die klassische Art, also durch Zahlung von Schmiergeld, andererseits durch das Zuliefern von Edelprostituierten. Tarantini zahlte den Frauen Reisespesen und Hotelunterkunft und ein Honorar von 1000 bis 2000 Euro.
Um in den exklusiven Kreis des Premiers aufgenommen zu werden, mietete sich Tarantini für einen Monat und 100 000 Euro in der Nachbarsvilla von Berlusconi auf Sardinien ein und knüpfte dort durch pompöse Partys, die er organisierte, die richtigen Beziehungen. Für Berlusconi habe er, so Tarantini nach eigenen Aussagen, zwischen September 2008 und Januar 2009 vierzehn Escort-Treffen in der Privatresidenz des Premiers in Rom organisiert.

Was war Ihr erster Eindruck von Berlusconi?
Der Präsident bot mir sofort das Du an — «nenn mich Silvio» —, und er wirkte absolut entspannt. Er bat mich zum Tanz, wir beide allein, alle anderen schauten zu. Dann führte er mich durch den Palazzo, zeigte mir die verschiedenen Schlafzimmer, machte Anspielungen. «Das hier ist das Bett, das mir Putin geschenkt hat, es ist das bequemste», sagte er und zwinkerte mir zu.

Es ist das Bett, in welchem Sie später die Nacht mit Berlusconi verbrachten.
Ja, Putins Bett. Es ist riesig, es steht mitten im Zimmer, ein sehr schönes Bett mit weissen Vorhängen und weicher Daunendecke. Aber an jenem ersten Abend, wie gesagt, habe ich nicht im Palazzo übernachtet. Obwohl der Präsident mir immer wieder zwischen die Beine griff, mich küsste und liebkoste. Er hat sich von den anwesenden Gästen, ausschliesslich Mädchen mit Ausnahme seines Personals und Tarantini, der selbstverständlich auch dort war, nicht beeindrucken lassen. Er war absolut relaxed und voller Energie. Bevor ich mich ins Hotel habe fahren lassen, das mir Tarantini organisiert hatte, musste ich mich auf den Schoss des Präsidenten setzen. Er zeigte mir ein Buch mit all seinen Villen.

Wer hat ausser Putin sonst noch ein signiertes Bett im Palazzo von Berlusconi? Bush, Angela Merkel, Paolo Maldini?
Keine Ahnung. Mir hat der Präsident nurdas Bett von Putin gezeigt. Aber es gibtnoch eine Menge anderer Betten im Palazzo. Am Schluss des Abends schenkte er allen Mädchen Schmuckstücke in Form von Schmetterlingen. Berlusconi steht auf Schmetterlinge.

Sie sahen Berlusconi ein zweites Mal. Und gingen dann mit ihm ins Bett. In Ihrem Buch beschreiben Sie ihn als hoch dosierte Potenzpille.
Hoch dotiert?

Hoch dosiert. War er hoch dotiert?
Dazu sage ich nichts. Jedenfalls habe ichdie ganze Nacht kein Auge zugetan. Sobald ich dachte, jetzt ist es vorbei, kam er aus der Dusche und war frisch wie zuvor. Er hat schätzungsweise zehnmal geduscht. Die Details kennen Sie aus meinem Buch.

Die kenne ich, ja. Deshalb weiss ich auch nicht, ob ich die Antwort wirklich hören will. Doch nochmals im Sinne der historischen Quellenforschung: War Berlusconi gedopt in jener Nacht? Er ist immerhin 73.
Ich weiss nicht, ob er Viagra geschluckt oder sonst was zu sich genommen hat. Ich weiss nur, dass wir die ganze Nacht aus einer grossen Kanne Kräutertee getrunken haben. Keine Ahnung, was wirklich drin war. Er hat sich jedenfalls sehr um mich bemüht, er ist ein grosszügiger Liebhaber. Er fragte mich, ob ich auch Lust empfinde. Ich empfand keine, und ich habe es ihm auch gesagt. Doch statt aufzuhören, fing er erst richtig an. Er sah es als persönliche Herausforderung. Schliesslich sagte er, ich sei womöglich frigid.

Sie sagten, Berlusconi wollte Sie zum Höhepunkt bringen. Gelungen ist es ihm nicht. Hätten Sie nicht einfach einen Orgasmus vortäuschen können? Vielleicht wären Sie Ihrem Ziel nähergekommen.
Durchaus möglich. Ich frage mich heute noch, was geschehen wäre, wenn ich ihm etwas vorgespielt hätte.

Der Regierungschef soll auf Sex ohne Kondom bestanden haben. Seine Begründung: Als Premier werde er medizinisch so oft kontrolliert wie sonst niemand in Italien.
Dazu möchte ich nichts sagen. Alles zum Thema ist auf den Tonbandaufnahmen der Staatsanwaltschaft.

Aus den Tonbandabschriften geht hervor, dass Berlusconi, gemäss Anweisungen von Tarantini, ungeschützten Sex verlangte.
Ja, und ich habe Tarantini gesagt, dass das für mich eigentlich nicht geht. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Drohungen
Berlusconi verbringt die Nacht vom 4. auf den 5. November 2008 mit Patrizia D’Addario. In den USA wird zur selben Zeit Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt. In Rom findet eine Wahlnacht statt, die live übertragen wird am Fernsehen. 500 geladene Gäste aus Wirtschaft und Politik, davon rund 100 Parlamentarier. Nur der Ehrengast fehlt: Italiens Premier. Am Tag danach empfängt Berlusconi eine handverlesene Gruppe von Journalisten zum Briefing, während sich Patrizia D’Addario im Nebenzimmer bereit macht fürs Frühstück. Doch Berlusconi will vorher nochmals mit ihr ins Bett und klemmt das Briefing mit den Journalisten ab. Später am Morgen wird er einen zweiten offiziellen Termin zu den USA-Wahlen kurzfristig absagen, um mit Patrizia zu frühstücken. Offizielle Begründung: Migräne. Es sind nicht die einzigen Termine, die der Regierungschef zugunsten privater Interessen streicht, wie die abgehörten Telefongespräche mit Tarantini zeigen. Mindestens einmal lässt er sich auch bei einem dringenden Sachgeschäft mit Staatspräsident Giorgio Napolitano entschuldigen; gemäss Abhörprotokoll, um sich mit Tarantini zu treffen. Später wird Berlusconi doch noch etwas zu den amerikanischen Wahlen sagen: «Der neue Präsident ist schön gebräunt.»

Es gibt Tausende von Frauen, die für Escort-Agenturen arbeiten. Wieso hat Berlusconi ausgerechnet Sie ausgesucht?
Tarantini hat mich ausgesucht. Sie müssten ihn fragen. Er wusste von meinem Freund, der mich mit Schlägen in die Prostitution gezwungen hatte. Das ist alles dokumentiert, Spitalaufenthalte, Arztzeugnisse, 2000 Seiten umfasst mein Dossier mit all den Strafklagen gegen meinen Ex, der schliesslich ins Gefängnis musste.

Nach zwei Monaten kam Ihr Ex wieder frei. Weil die Regierung ein Gesetz erlassen hatte, das Kleinverbrechern eine grosszügige Strafreduktion gewährte, das sogenannte Indulto.
Ein Schock. Ich hatte nie etwas übrig für Politik, aber diese Schweinerei verstehe ich bis heute nicht. Da wird jemand letztinstanzlich verurteilt, weil er seine Freundin mit Gewalt in die Prostitution zwingt, und schon ist er wieder draussen, weil schnell ein Gesetz geändert wird.

Ironie des Schicksals, dass Sie ausgerechnet mit dem Mann ins Bett gehen, der wie kein anderer die Gesetze nach eigenem Gusto verändert.
Ich ging nicht aus politischen Gründen mit dem Präsidenten ins Bett.

Und doch nehmen Sie wenige Wochen später das Angebot von Berlusconis Partei an, für die Europa-wahlen zu kandidieren.
Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Es kann grundsätzlich nicht schaden, ein politisches Amt zu übernehmen. Aber die Politik selber interessiert mich bis heute nicht. Das wussten auch die Leute, die mich im Auftrag von Berlusconi fragten, ob ich für das Europaparlament kandidieren wolle. Ich sähe gut aus und sei sympathisch. Alles andere würden sie mir dann erklären, wenn ich gewählt sei.

Dazu kam es nicht, weil Berlusconis Frau Veronica Lario ihr Veto einlegte. Bedauern Sie es?
Die Frau des Präsidenten legte nicht wegen mir persönlich das Veto ein. Kurz vor den Wahlen kam die Sache an die Öffentlichkeit mit der 18-jährigen Naomi Letizia. Scheinbar hatte der Präsident auch mit ihr eine Affäre. Das war eine Affäre zu viel für Veronica Lario. Sie kritisierte ihren Mann und dessen Partei aufs Schärfste. Es würden zu viele Mädchen aus dem Showbusiness für politische Ämter rekrutiert, zu viele Mädchen, die einfach nur schön und nett sind, so Frau Lario. Was ja auch stimmt. Jedenfalls wurde ich nach diesem öffentlichen Bannstrahl der Präsidentengattin aus der Europaliste gekippt und auf die lokale Wahlliste von Bari gesetzt.

Und sonst wären Sie jetzt Abgeordnete im Europaparlament?
Wenn ich genug Stimmen bekommen hätte, dann ja.

Es vergingen fast acht Monate von der Nacht mit Berlusconi bis zu Ihrem Schritt an die Öffentlichkeit. Wieso so lange?
Die Staatsanwaltschaft hatte Tarantinis Telefongespräche abgehört und mich als Zeugin vorgeladen. Ich konnte schlecht lügen, unsere Gespräche waren auf Band. Da habe ich begriffen, dass ich in ein Spiel geraten war, das zu gross ist für mich. Und auch zu gefährlich. Zuerst hat Tarantini versucht, mich mit Versprechungen zum Schweigen zu bringen. Er sagte, dass sich Berlusconi grosszügig erweisen würde, wenn ich still sein würde. Ich antwortete, dass ich immer noch auf die Lösung meines Bauprojekts wartete. Aus den freundlichen Anfragen wurden konkrete Drohungen. Man hat versucht, mich auf der Autobahn bei Bari zu rammen und von der Strasse zu drängen. Meine Wohnung wurde auf den Kopf gestellt, alles durchwühlt. Alles wurde entwendet, auch meine Slips und BHs, vor allem das Kleid, das ich beim Präsidenten getragen hatte. Komischerweise blieb der teure Fernseher unangetastet. Das alles ist dokumentiert und Teil eines Verfahrens. Auch die Einweisung meiner Mutter ins Spital, sie wurde auf der Strasse mit einem Faustschlag niedergestreckt. Oder die anonymen Telefonanrufer, die drohten, meine Tochter zu kidnappen und zu vergewaltigen.

Was macht Sie so sicher, dass Berlusconi dahintersteckt? Es gäbe radikalere Optionen, Sie zum Schweigen zu bringen.
Einverstanden, aber dann hätte man mich gleich nach der Nacht mit dem Premier beseitigen müssen. Inzwischen war die Staatsanwaltschaft bereits eingeschaltet, es war zu spät für die radikale Option, wie Sie sagen. Zusammen mit meiner Anwältin habe ich entschieden, die Flucht nach vorne zu ergreifen und die Geschichte dem renommierten «Corriere della Sera» zu erzählen. Ich habe nichts dabei verdient, wie die Berlusconi-Blätter lästerten. Es hiess, ich würde Tausende von Euros verlangen für Interviews. Haben Sie mich für dieses Gespräche bezahlt?

Nein, aber die Frage ist nicht unbegründet. Wieso sind Sie überhaupt an die Öffentlichkeit mit der Geschichte?
Weil ich mich bedroht fühlte. Steht man in der Öffentlichkeit, geniesst man paradoxerweise einen gewissen Schutz. Mein Leben wurde aber nicht einfacher. Von den Zeitungen Berlusconis wurde ich als Schlampe oder Spionin beschimpft oder beides gleichzeitig.

Dass Sie mit einem Aufnahmegerät in die Privatresidenz des Premiers gehen, ist wenig glaubhaft. Auch nicht, dass es keine Kontrolle gab.
Es ist aber so! Seit mich mein Ex geschlagen hat und ich ihn dank den Tonbandaufnahmen endlich ins Gefängnis bringen konnte, habe ich bei meinen Treffen als Escort immer ein Aufnahmegerät dabei. Das ist mein persönlicher Pfefferspray. Damit kann ich mich schützen. Die Tatsache, dass jemand ohne Kontrolle ins Schlafgemach des Präsidenten gelassen wird, ist sicher beunruhigend, aber nicht mein Problem. Natürlich hätte ich auch eine Pistole anstelle des Aufnahmegerätes in der Handtasche haben können, wie mir vorgeworfen wurde. Aber ich hatte nun mal keine Pistole dabei.

Berlusconis Anwälte sprachen von einem politischen Komplott. Sie hätten im Auftrag der Linken gehandelt.
Mata Hari, James Bond, CIA. Soll ich Ihnen aufzählen, mit wem ich sonst noch verglichen wurde, für welche Auftraggeber ich alles gehandelt haben soll? Die Wahrheit ist leider viel banaler: Ich habe mich auf ein zu grosses Spiel eingelassen und bin auf die Nase gefallen. Ich wurde ausgenützt und auf den Arm genommen — einmal mehr in meinem Leben. Nicht Berlusconi hat mir den grössten Schmerz zugeführt. Er hat mich als das behandelt, was ich war: eine Edelnutte. Der grösste Schmerz ist, dass ich die Illusion hatte, einmal in meinem Leben Glück zu haben. Ja, ich bin in jener Nacht mit ganz klaren Absichten mit dem Präsidenten ins Bett. Man hat mir vorgeworfen, ihn mit den Tonbandaufnahmen erpressen zu wollen. Das sei moralisch verwerflich. Gut, einverstanden. Doch wie bitte steht es um die Moral des Präsidenten?

Gab es Unterstützung aus der Politik?
Mit Ausnahme von Antonio Di Pietro, dem ehemaligen Staatsanwalt von Tangentopoli und jetzigen Abgeordneten, habe ich keine Solidarität erfahren vonseiten der Politik. Dass die Rechten mich nicht unterstützen würden, liegt auf der Hand, doch auch vonseiten der Linken, in deren Auftrag ich gehandelt haben soll, kam keine Hilfe. Und wissen Sie wieso? Weil die Glocken der Männer zwar rechts und links ihres Gemächts hängen, aber synchron läuten, wenn eine Frau einen tiefen Ausschnitt trägt. Unterhalb des Hosenbundes funktionieren alle Männer gleich.

Gibt es etwas, was Sie gut finden an Berlusconi?
Ich bewundere sogar etwas an ihm. Während Politiker linker Parteien zurücktreten, wenn bekannt wird, dass sie Escort-Dienste buchten, tut der Präsident so, als wäre nichts geschehen. Ich bin überzeugt, dass er sich sogar noch brüstet mit all den Frauen, die er hatte und noch immer hat.

Das sind reine Vermutungen, die eher nach Frustration klingen, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben.
Zwei Beispiele: Der Vizepräsident der Regionalverwaltung in Apulien und der Gouverneur von Lazio. Beides Linke, und beide sind zurückgetreten, nachdem ihre Sex-Eskapaden publik wurden.

Wie waren die Reaktionen, nachdem Sie an die Öffentlichkeit gingen?
Die ersten Monate waren schrecklich. Ich fühlte mich allein gelassen, keine Solidarität, auch nicht vonseiten der Linken, wie erwähnt. Die ganze Welt hat über den Fall berichtet, nur das italienische Staatsfernsehen hat den Skandal ignoriert. Die Privatsender Berlusconis haben mich als billiges Flittchen dargestellt oder sind mit der Sache vom Komplott gekommen. Erst die Sendung «AnnoZero» von Michele Santoro hat die Wende gebracht, auch in der öffentlichen Meinung.

Plötzlich ein Star
«AnnoZero» sollte wenige Minuten vor der Live-Ausstrahlung auf Druck von Berlusconi aus dem Programm von Rai Due gekippt werden. Dies ergab eine Strafuntersuchung; gegen die Verantwortlichen des Staatsfernsehens läuft derzeit ein Verfahren. Ebenso gegen den Direktor der «Tagesschau» auf Rai Uno, Augusto Minzolini. Gemäss Staatsanwaltschaft soll er von Berlusconi regelmässig Anweisungen bekommen haben, so auch im Fall von Patrizia D’Addario. Während die Geschichte weltweit für Schlagzeilen sorgte, wurde das Thema auf Italiens Staatssender — und auf Berlusconis Privatsender sowieso — ignoriert.

Sie sagten, nach «AnnoZero» sei die Stimmung gekippt. Inwiefern?
Einfache Leute hielten mich überall an, sie umarmten mich, küssten mich, riefen mir Mut zu. «Halte durch, zeig es ihnen. Wir sind mit dir.» Wie gestern Nacht, am Trevi-Brunnen hier in Rom. Ich bin plötzlich die Frau, die sich gegen das Establishment lehnt und den allmächtigen Premier herausfordert. Ein Star. Doch was für ein Star, und weshalb? Ich ging mit dem Präsidenten ins Bett. Punkt.

Arbeiten Sie immer noch als Escort?
Nein, ich habe nach jener Nacht mit dem Präsidenten noch verschiedene andere Aufträge angenommen. Seit ich in der Öffentlichkeit stehe, also seit gut zehn Monaten, habe ich aber aufgehört damit.

Sie sollen, nachdem die Geschichte mit Berlusconi öffentlich war, in Katar 1,5 Millionen Euro verdient haben als Escort.
Eine Lüge, die von den Zeitungen Berlusconis auch dann noch verbreitet wurde, als die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft längst das Gegenteil bewiesen haben. Ich war nie in Katar, ich habe keinen Euro verdient an der ganzen Sache. Ich lebe von meinem Ersparten.

Sie haben ein Buch geschrieben, geben eine CD raus. Demnächst wird ein Film gedreht, an dem Sie die Rechte besitzen.
Wissen Sie, wie viel ich bisher verdient habe am Buch? Es wurde von 100 000, 200 000 Euro geschrieben. Es sind genau 8000 Euro Vorschuss. 8000! Und wenn ich eingeladen werde für irgendeine Veranstaltung, in Paris, Cannes oder Venedig und als Zirkusattraktion vorgeführt werde, dann werden mir wenig mehr als die Spesen vergütet. Nein, ginge es mir ums schnelle Geld, dann hätte ich nach jener Nacht mit dem Präsidenten geschwiegen und das Angebot von Tarantini angenommen, ein drittes, viertes und fünftes Mal dem Präsidenten zur Verfügung zu stehen, jede Nacht à 10 000 Euro. Und was den Film angeht, den Sie erwähnten: Ja, Gespräche werden geführt, aber Geld habe ich noch keines gesehen. Und wäre es denn so falsch, wenn ich etwas verdienen würde dabei?

Wissen Sie schon, wer die Hauptrolle spielen wird im Film?
Wer glauben Sie?

Danny DeVito.
Alain Delon! Aber er hat noch nicht zugesagt.

Eine letzte Frage zu Ihrer 15-jährigen Tochter, über die Sie nicht reden wollen. Nur dies: Wie hat sie reagiert, als Sie ihr sagten, dass Sie mit der Wahrheit über Berlusconi an die Öffentlichkeit gehen würden?
Mamma, du bist wahnsinnig. Aber ich bin stolz auf dich.

Fotografiert von Gerald Bruneau; ZVG
Fotografiert von Gerald Bruneau; ZVG

Die Diskussion

5 Reaktionen

  1. carlartes

    Seit Längerem meinte ich mitzubekommen, dass sich DAS MAGAZIN wieder zu altem Niveau aufschwingt. Die Beiträge wurden je länger, je besser und wesentlicher. Und nun das! IM BETT MIT BERLSUCONI! Ein mehrseitiges Elaborat, das geradesogut in einem Boulevard-Blatt (nur kürzer) oder in einer Glückspost abgedruckt sein könnte. Der Inhalt wäre nicht auf einer MAGAZIN-Seite, sondern in einer von drei Seiten-Spalten zusammenzufassen. Ich hoffe doch sehr, dass es sich um einen einmaligen Ausrutscher handelt und nich um einen Beleg einer neuen MAGAZIN-Linie.

  2. doro

    Ich muss Carlartes leider zustimmen. Ich habe die ganze Zeit auf ein Pointe gewartet beim Lesen des Artikels und konnte/wollte mir nicht vorstellen, dass es dem Journalisten nur um reinen Voyeurismus geht.
    Eine Freundin hat gemeint, sie fände den Artikel gut. Er greife nicht zu weit unter die Gürtellinie – schliesslich würde sich Giacobbo auch jede Woche im TV über Berlusconis “Dotierung” mokieren. Aber eben: dort in der Regel mit mehr oder weniger lustiger Pointe, und im Rahmen einer Satire. Da dieser Artikel aber weder Boulevard noch Satire ist, frage ich mich schlicht und einfach: was soll das? Das augenscheinliche Wohl- wenn nicht gar Lustgefühl, welches der Journalist beim Interview mit Frau D’Addario verspürt hat, lässt sich beim besten Willen nicht auf die Leserschaft übertragen.

  3. Escort Callgirl » Blog Archive » News Escort Essen

    [...] Das Magazin » Im Bett mit BerlusconiPatrizia D’Addario trinkt, wie den ganzen Abend schon, Wasser ohne Kohlensäure, auch in dieser Bar unweit der Fontana di Trevi; Alkohol verträgt sie nicht, auch keine Zigaretten, aber Süssigkeiten, davon könnte sie kiloweise essen, … Ich war als Escort gebucht worden, 2000 Euro für das Nachtessen. Eine Nacht mit dem Präsidenten war in diesem Preis nicht inbegriffen. In der Regel bekommt man als Mädchen, wenn man über Nacht bleibt, vom Präsidenten einen Umschlag mit 5000 … [...]

  4. raphgu

    Ich fand den Text erstklassig, fundiert, ausgewogen und auf den Punkt gebracht. Natürlich ist der Titel einigermassen populistisch gewählt, aber den Vergleich mit der GlücksPost oder dem Blick…? Nein bitte. Mich persönlich freut es, dass die Machenschaften Berlusconis sachlich und kritisch aber ohne Scham aufgedeckt werden und das ist dem Autor gelungen. Schade, dass das Magazin nicht in Italien (auf italienisch) publiziert wird…

  5. Newsticker vom 27. April 2010 | Prisma Blog

    [...] Nacht beglückt zu haben. Die Rede ist von Silvio, über dessen nächtliche Performance sich das Tagi-Magi mit seiner Ex-Geliebten [...]

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