06.06.2008 von Thomas Zaugg , 1 Kommentar
Dies ist die tragische Geschichte eines Journalisten, der auch einmal über das iPhone schreiben wollte. Die Geschichte beginnt am Schreibtisch des Journalisten. Seht, dort sitzt er seit Tagen und zertrümmert sich den Kopf, sucht nach neuen Ideen, und plötzlich verliebt er sich in eine, die tänzelt vor seinem inneren Auge, wunderschön wie das Internet ohne Inhalt.
Der Journalist schreibt wuchtig. All seine Arbeitskollegen haben schon über das iPhone geschrieben – aber egal, er will es besser machen. Abends verlässt er sein Büro, torkelt wie betrunken, diesmal ohne Abstecher, nach Hause ins Bett und schläft sofort ein. Er träumt von seinen Sätzen. So zufrieden haben sie ihn gemacht, perfekte Sätze, wie er glaubt, nie wieder wird er so gut schreiben, ein Traumtext zum Wunderwerk iPhone.
«Nimmst du wieder Drogen?» Der Journalist erwacht. Er sitzt auf einem Stuhl. Ihm gegenüber ein Mann, der seinen iPhone-Artikel in der Hand zerknüllt und den Kopf schüttelt. Der Mann ist sein Chef. Sein Chef sagt: «Die Frage ist ernst gemeint.»
Nun folgt, was jeder durchmacht, der über das iPhone schreibt: die Zeit danach. Vorwurf für Vorwurf büsst der Journalist für jeden seiner schönen Sätze. Warum er das gemacht habe? Warum er über ein Gerät schreibe, mit dem bereits über 40 000 Schweizer telefonierten? Leserbriefe fluten sein Büro, unkritische Schreibe wird dem Journalisten vorgehalten. Ausgerechnet ihm, der doch so lange zuwartete, weil er ganz sicher sein wollte, dass das iPhone seinem «Leben einen Sinn» verliehen hatte, wie er im Artikel schrieb. Dann das Totschlagargument: er, der Schreibende, habe «im Grunde nur Abgedroschenes» übers iPhone geschrieben. Ob ihm denn die Ideen ausgingen?
Wochen später legt sich die Empörung, aber der Journalist will so etwas nie mehr erleben. Er verbannt das iPhone aus seinem Wortschatz. Der Name wird deportiert in jene düstere Gehirngegend, wo der Journalist bereits andere Wörter unterdrückt: «eine bessere Welt», «Afrika», «Schweizer Nazi» und viele andere mehr. Der Journalist wird nie wieder über das iPhone schreiben.
Diese fiktive Geschichte besteht aus verschiedenen wahren Kernen. Sie zeigt die Tragweite der Tragik, mit der leben muss, wer sich ans iPhone wagt. Denn was kann man darüber noch schreiben? Was schreiben, wenn man es bald wieder tun muss? Wenn Steve Jobs am Montag das neue iPhone vorstellt? Die ganze Welt weiss gleich wenig Bescheid, Apples geizige Informationspolitik degradiert Journalisten zu Papageien. Und lange, lange sucht man Kritisierbares am iPhone, und selten findet man etwas, was Apple im nächsten Update oder Gerät nicht bereits eingeplant hätte.
Bezeichnend für die Medienmisere, wie kryptisch sich der Journalist im Schlussteil seines ansonsten brillanten Artikels ausdrückt: «Ich habe das Gefühl, dieses Gerät durchschaut mich. Oft höre ich seine Stimme. Sie tönt sehr sexy. Ich will dann nichts mehr schreiben, lege alles beiseite. Fahre mit meinen Fingern wieder und wieder über den Multitouchscreen.»

Die Illustratorin findet auch: iPhone, ausgelutscht. | Bild: Julia Marti
Herr Zaugg, mit ihrer vifen schreibe sollten sie einmal am Kurzgeschichtenwettbewerb teilnehmen…ihre chancen wären vortrefflich! weiter so.