Im Wilden Westen

Nichts lieben die Amerikaner so sehr wie das Leben im Freien. Wer mithalten will, muss um das seine fürchten.

04.09.2007 von Peter Haffner

Hätte ich gewusst, in welche Gefahr mich das bringen würde, hätte ich nicht so freudig Ja gesagt, als Hillel fragte, ob ich mit ihm Abalone tauchen komme.

Ich hatte keine Ahnung, was Abalone sind.

Wir hievten das Kajak auf das Dach seines SUV, packten die Kinder in den Fonds und fuhren los, Richtung Pazifik. Ich mit meinem Auto, mit Philip, Hillels Vater, auf dem Nebensitz. Philip ist ein Rabbi, der sich in der Bürgerrechtsbewegung engagiert hat und es für einen Fehler hält, dass die Juden nicht missionieren, wie das die Anhänger aller anderen Religionen tun. An seinem Sohn waren alle Missionierungsversuche gescheitert; weder glaubte Hillel an Gott, noch hielt er die Bibel für mehr als ein Sammelsurium von Abstrusitäten für Leute, die nicht alle Sinne beisammen haben. Was Philip ein bisschen wurmte. Als Rabbi war er weise genug, es nicht persönlich zu nehmen, und er hatte seinem Sohn sogar versprochen, von den Abalone zu kosten – Schalentieren, die zu essen Juden verboten ist.

“Leviticus 11, 10”, sagte Philip, als ich ihn nach dem Grund des Verbots fragte, mit einem Seufzer, von dem nicht ganz klar war, ob er dem Speisegesetz, seinem Sohn oder der widersinnigen Situation galt, in die beide ihn brachten.

Hillel hatte von den Steaks geschwärmt, die man aus Abalone machen könne, bis uns allen das Wasser im Mund zusammengelaufen war.

“Und dann die Geschlechtsdrüsen”, hatte er gesagt und die Augen verdreht. “Gelten bei den Japanern als Delikatesse!”

Man müsse sie dem lebendigen Tier aus dem Leib schneiden und an Ort und Stelle verzehren, hatte er erklärt, was unseren Appetit ein wenig dämpfte.

Hillel hatte eine Fischerlizenz für Kalifornien und eine Stempelkarte für Abalone, die nötig ist, weil man nur drei Stück pro Tag und nicht mehr als vierundzwanzig im Jahr tauchen darf. Die Saison ist von April bis November beschränkt, und Tiere mit einem Durchmesser von weniger als achtzehn Zentimetern darf man nicht nehmen.

Am Strand des Van Damme State Park standen die Ranger bereit, Abalone-Taucher zu kontrollieren. Sie nähmen es sehr genau, hatte Hillel gesagt, und erteilten bei Zuwiderhandlungen saftige Bussen. Im ärmelkanal vor Guernsey, wusste er, hatte ein Polizist einen Abalone-Taucher ausser Saison auf frischer Tat ertappt und in Arrest genommen; ein Ereignis, das als die erste Unterwasser-Verhaftung der Welt Schlagzeilen machte.

Verglichen mit dem, was uns hier in Amerika drohen würde, war das ein Pluspunkt, wie ich leider zu spät erkannte. So viele Unterwasser-Polizisten, wie nötig wären zum Schutz von Leib und Leben, konnte es gar nicht geben. Dass sich die Ranger nicht ins Nass wagten, hatte einen Grund.

Hillel stieg in seinen Tauchanzug, packte Flossen, Maske, Schnorchel, Bleigurt und das Abalone-Eisen samt Messschraube ins Kajak, und wir paddelten los. Philip hatte sich inzwischen an den Strand gelegt, nachdem er den Kindern das Versprechen abgenommen hatte, nicht zu ertrinken.

Es war ein Tag zum Reinbeissen. Wir kurvten um ein paar Felsen herum, an denen weisse Gischt schäumte, und dann weiter hinaus im tiefblauen Ozean Richtung China. Das Wasser lag still wie die Suppe im Teller, eine leichte Brise kühlte die Sonnenglut. So musste es im Paradies gewesen sein, als niemand niemandes Feind und Löwe und Lamm in Liebe vereint waren.

“Du schaust nach Haien aus”, sagte Hillel, während er die Maske aufsetzte, in die Flossen stieg und den Bleigurt schnürte. “Und bleibst immer in meiner Nähe, klar?”

“Haie?” rief ich, vielleicht etwas lauter als beabsichtigt. Ich vermochte gerade noch zu fragen, welche Art von Haien, überzeugt, dass es nur die kleinen sein konnten, die Kinder in den Aquarien knuddeln durften.

“Der Weisse Hai”, sagte Hillel, und verschwand in der Tiefe.

Ich blickte über das Wasser, das ungerührt vor sich hin lächelte. Nein, Hillel konnte mir keine Angst einjagen, nicht ein Typ wie Hillel, der Fallschirmspringer, Extremkletterer und Kamikazetaucher, der keine Ahnung hatte von Gefahren. Vergangenes Jahr, hatte ich unlängst in der Zeitung gelesen, gab es weltweit genau sechsundachtzig Hai-Attacken auf Menschen, wovon nur sieben tödlich verliefen. Das Risiko, bei einer Partie Bridge zu sterben, war höher als das, Opfer einer jener von Steven Spielberg gezüchteten Pitbull-Kreaturen zu werden.

Das alles haspelte ich herunter, als Hillel zum Luftholen auftauchte und einen Helm der deutschen Wehrmacht ins Kajak warf. Er nickte zustimmend.

“Das Dumme dabei ist, dass die Hai-Attacken an nur zwei Orten der Welt erfolgen”, sagte er dann. “In Südafrika und hier.”

Dann verschwand er wieder, nicht ohne mir nochmals eingeschärft zu haben, ihm zu folgen, um ihn im Notfall an Bord holen zu können.

Es war grossartig. Das Kajak mass keine drei Meter und war damit nicht halb so lang wie ein Weisser Hai. Ein Biss, und das Ding würde sinken wie die Titanic, mit mir als Leonardo DiCaprio ohne Kate Winslet. Und wie hatte sich Hillel das vorgestellt? Dass ich den Hai, wenn er kam, fragen würde, ob er vielleicht mein Paddel als Zahnstocher möchte?

Ich schaute prüfend über das Wasser, als ich im Augenwinkel wahrnahm, wie sich etwas auf mich zubewegte. Es war der deutsche Wehrmachtshelm. Entsetzt zog ich den Fuss zurück, als die schleimige Masse nach meinem grossen Zeh tastete.

“Schaff das Ding weg!” schrie ich, als Hillel auftauchte.

“Ein Hai, wo?” keuchte er.

“Nein, das da!” rief ich und zeigte auf den deutschen Wehrmachtshelm, als er mir eben ein zweites Exemplar vor die Füsse warf.

“Ach so, die Abalone”, sagte er. “Prachtsexemplare, nicht?”

Er erklärte mir, wie man sie vom Felsen holt. Sehe man eine, müsse man blitzschnell das Eisen unterschieben und sie loslösen. Berühre man sie vorher auch nur eine Sekunde, klammere sie sich so fest, dass man sie selbst mit einem Schaufelbagger nicht wegkriegen würde.

“Unglaubliche Saugkraft”, sagte Hillel. “Aber warum lässt du die Füsse aus dem Kajak hängen? Ist nicht gut, macht die Haie neugierig.”

Ich zog die Füsse hoch in der Hoffnung, die zwei Monsterschnecken seien keine Fussfetischisten. Das Wasser blieb glatt wie eine Leinwand, auf der nun “Der Weisse Hai” gespielt wurde, das Original samt der siebenundzwanzig Sequels. Bloss das Popcorn fehlte, um die Sache richtig geniessen zu können. Wie hatte ich die Abalone nur für einen deutschen Wehrmachtshelm halten können? Rund und rostig, wie das Ding war, sah es zwar aus wie einer, aber schliesslich waren Hitlers Armeen nicht in Amerika gelandet. Was mich schade dünkte, denn dann hätten sich die Haie vielleicht an ihnen überfressen und würden jetzt nicht mein Kajak umkreisen in Vorfreude auf mich.

Und deutsche Wehrmachtshelme würden sich nicht meinen nackten Füssen nähern, um ihre atomare Saugkraft an meinen Zehen zu erproben!

“Hillel!”

Nichts zu sehen von ihm. Vielleicht hatte ihn ein Hai verschluckt und mir damit das Leben gerettet. Die gerechte Strafe für seinen Unglauben. Gab es etwas Vernünftigeres als das jüdische Verbot, Schalentiere zu essen? Sich nicht zum Köder für Killer zu machen oder verschlungen zu werden von Body-Snatchern, die sich als unschuldige deutsche Wehrmachtshelme tarnten? Mich brauchte Philip nicht mehr zu missionieren, ich war dabei. Levitikus, Hokus Pokus Fidibus, mir alles einerlei – nur raus hier!

Dann sah ich es aus dem Wasser tauchen, das grauschwarze Dreieck. Die Rückenflosse. Und dann das Ding in voller Grösse. Mit Hillels Schnorchel im Maul! Und seiner Tauchermaske! Dem Bleigurt und dem Abalone-Eisen!

Es war Hillel. Ich verbarg meine Enttäuschung und mimte Freude, als er mir die dritte und grösste Abalone unter die Nase hielt, bevor er sie zwischen meine Beine legte. Er meinte, wir sollten doch noch ein bisschen zwischen den Felsen herumpaddeln und die Höhlen erforschen, aber ich sagte, ich hätte leider einen Termin.

“Einen Termin?”

“Ja, beim Zahnarzt”, sagte ich, glücklich über den spontanen Einfall.

“Beim Zahnarzt? Am Sonntag?”

“Ja, äh”, sagte ich. “Geht ihm leider nur heute. Du weisst ja, wie überlastet die Zahnärzte sind.”

Hillel schüttelte den Kopf, willigte aber ein, auszuprobieren, wieviel Zeit wir zum Ufer brauchten. Wir kamen an, als sich die dritte Abalone zwischen meinen Beinen zu schaffen machte. Vermutlich wusste sie auch, dass die Geschlechtsdrüsen eine Delikatesse und am besten lebendig zu essen sind.

Dann sahen wir uns umrundet von Strandbesuchern, die unseren Fang bewunderten. Und natürlich die Tatsache, dass wir uns in das Gewässer gewagt hatten, wo kürzlich vier Abalone-Taucher aus unbekannten Gründen verschwanden.

“Was ist schon dabei”, sagte ich schulterzuckend. “Man darf sich bloss nicht einschüchtern zu lassen.”

Wie viele Kalifornier, ist Hillel ein Outdoor-Mensch. Es muss etwas Genetisches sein, diese Vorliebe für das Leben im Freien, Nächte um Lagerfeuer, Kaffee aus Blechtassen und verbrannte Steaks, mit denen man die Stiefel sohlt. Nach unserem Pazifik-Abenteuer zögerte ich nicht, als er mich fragte, ob ich wenigstens zum Wandern mitkomme.

“Wunderbar!” rief ich, und sagte etwas von “das Wandern ist des Müllers Lust”, “lustig ist das Zigeunerleben” und “es muss nicht immer Kaviar sein”.

Wir schulterten die Rucksäcke und zogen los in die Hügel. Die Sonne lachte, die Vögel sangen, und ich studierte die Tafel, die am Beginn des Wanderweges aufgepflanzt war.

“Achtung Berglöwen!” stand darauf.

Die Raubtiere seien geschützt, erklärte Hillel, weshalb sie sich so vermehrt hätten, dass sie bis hierher, an den Stadtrand, kämen. Vor allem kleine Kinder seien gefährdet.

Ich bedauerte, dass wir keine dabei hatten, um sie von uns abzulenken. Sollte einer kommen, meinte Hillel, müsse ich mich so gross machen wie möglich. Das schüchtere ihn ein. Wie gross denn das Tier sei, fragte ich.

“So gegen zwei Meter”, sagte er.

“Dann ist ja alles gut”, sagte ich. “Ich bin einsfünfundachtzig.”

Zu dumm nur, dass meine Zähne deutlich kleiner waren als die des Tieres. Andererseits – Hillel war einssiebenundsechzig und so viel jünger, dass ein Berglöwe ziemlich bescheuert sein musste, wenn er ihn nicht mir vorzog. Ich behielt das für mich, während Hillel über den Stand der Dinge in Sachen Berglöwen dozierte.

Im Whiting Ranch Wilderness Park unweit von Los Angeles hatte ein Berglöwe eine 30jährige Mountainbikerin angegriffen; Anne Hjelle, eine frühere Soldatin, die nach ihrem Dienst in der Armee als Fitnesstrainerin arbeitete. Der Berglöwe hatte sich im Busch versteckt, sie angesprungen und ihren Kopf samt Helm zwischen die Zähne genommen. Als Annes Freundin Debi ihr Mountainbike auf ihn schleuderte, Annes Bein packte und auf ihn losschrie, schleppte er beide gut zehn Meter ins Unterholz.

Anne überlebte, doch als die Männer des Sheriffs den Wald absuchten, fanden sie ein verlassenes Mountainbike und die Leiche eines halb aufgegessenen, teilweise verscharrten Mannes. Er wurde als der 35jährige Mark Jeffrey Reynolds identifiziert. Der Killer, ein drei- bis vierjähriger, gegen 55 Kilo schwerer Berglöwe, wurde unweit des Tatortes aufgestöbert und erschossen. In seinem Magen fanden sich Hautgewebe und Teile von Marks Lunge und Leber, und DNA-Tests ergaben, dass das Blut an seinen Klauen von Anne, seinem zweiten Opfer, stammte. Die Fachleute rätselten, was ihn zu der zweiten Attacke veranlasst haben mochte, wo er doch schon satt war. Hatte er gefürchtet, Anne wolle ihm den Rest der Beute stehlen? War er ein Serienkiller, von seinem Jagderfolg auf den Mountainbiker so aufgedreht, dass er nach dem nächsten Tier auf zwei Rädern lechzte? Oder hatte er etwa eine Familie zu ernähren, die er mit einem zweigängigen Menu überraschen wollte?

Die Sache war nicht so klar wie bei dem zweijährigen, mit nur 26 Kilo deutlich unterernährten Berglöwen, der die 27jährige Shannon Parker angriff, als sie mit Freunden im kalifornischen Tulare County in der Nähe eines Kaffs wanderte, das “Roads End” heisst. Ihr Freund Mathias rammte dem Tier zweimal sein Messer zwischen die Schulterblätter. Doch erst nach einem längeren Bombardement mit Steinen liess es ab von seinem Opfer, das schwere Fleischwunden am Oberschenkel erlitt, am einen Auge verletzt war und das andere verlor. Die Ranger brauchten nur der Blutspur zu folgen, um den Berglöwen zu finden und zu erledigen.

Hillel legte eine Verschnaufpause ein. Der Weg, auf dem wir gingen, wurde schmaler, das Gebüsch undurchdringlicher, und wenn nicht endlich ein Berglöwe kam und ihm das Maul stopfte, war Hillel nicht mehr zu stoppen. Als optimistischer Amerikaner sparte er die Erfolgsstory für den Schluss auf. Sie war eben erst passiert, im Prairie Creek Redwoods State Park in Nordkalifornien. Der 70jährige Jim Hamm und seine 65jährige Frau Nell, ein sportliches, schon ein halbes Jahrhundert verheiratetes Paar, waren fast am Ende ihrer Wanderung angelangt, als Nell ihren Mann um Hilfe bitten hörte. Wie sie sich umdrehte, sah sie, was nicht in Ordnung war. Jim hatte den Kopf in den Fängen eines Berglöwen. Kurzentschlossen marschierte Nell auf diesen los, schrie ihn an, das gehöre sich nicht, las ein Holzscheit auf und traktierte ihn ergebnislos damit, bis Jim ihr den Rat gab, den Kugelschreiber aus seiner Tasche zu fischen und ihn damit ins Auge zu stechen. Das misslang, weil sich der Kugelschreiber verbog, worauf Nell wieder zum Scheit griff und es ihm in die Schnauze rammte. Darauf liess er Jims Kopf los, schaute sie an und legte die Ohren zurück, bereit zum Angriff. Nell bedeutete ihm barsch, das bleiben zu lassen und schwang das Scheit, bis er sich verzog.

Ich fragte Hillel, wie weit wir von dem Ort des Geschehens entfernt seien und rechnete aus, wie lange der flüchtige Berglöwe bis hierher brauchen würde. Er konnte es gerade schaffen, aufgebracht wie er sein musste. Und hungrig.

“Hillel!”

“Was?”

“Da, im Gebüsch!”

“Rühr dich nicht!”

Ein ledriger Kopf tauchte auf.

“Ach, das ist bloss eine Alligator-Echse.”

“Alligator?!”

“Harmlos. Scheisst dich nur an, wenn du ihn zu fangen versuchst. Aber versuchs nicht – er verliert dabei leicht den Schwanz.”

“Besser als umgekehrt”, sagte ich.

Wir kamen heil zu Hause an, und als Hillel mich fragte, ob ich nächstes Wochenende wieder mit ihm irgendwohin käme, brauchte ich keine Sekunde für die Antwort.

“Mit dir? Mit dir gehe ich höchstens noch in den McDonalds!”

So kam es, dass ich mich einer Gruppe von Vogelbeobachterinnen anschloss, die samstags mit Ferngläsern bewaffnet durch die Gegend streift. Es sind ältere Damen, die alles über unsere gefiederten Freunde wissen, und die Distanz zum Getier, die dieses Hobby bedingt, hat etwas Beruhigendes. Alle paar Stunden kann man einen Vogel entdecken, von dem die Damen nicht nur wissen, wie er heisst, sondern auch, wie er pfeift und tirilliert, was sie einander vormachen in fröhlichem Singwettstreit.

Und es ist nicht so, dass diese Exkursionen ohne abenteuerliche Höhepunkte verliefen. Als ich einmal gedankenversonnen hinter der Damenriege hermarschierte, fielen alle wie auf Kommando plötzlich auf die Knie und fixierten einen Punkt am Boden. In der Tat, da lag etwas. Es war braun, länglich, leicht gekrümmt und bewegte sich nicht.

“Kot!” riefen sie begeistert wie aus einem Munde, als ich danach fragte.

Und dann entbrannte eine Diskussion, von welchem Tier er wohl stammte. Die Damen entdeckten Kerne irgendwelcher Früchte darin, und eine breitete ein Buch aus, “The Encyclopedia of Tracks and Scats: A Comprehensive Guide to the Trackable Animals of the United States and Canada”. 448 Seiten, der umfassendste Naturführer über Tierkot, wie die Besitzerin stolz erklärte.

Das war etwas nach meinem Geschmack; Sherlock Holmes spielen, mit einem Lexikon unter dem Arm und in Gesellschaft reizender Naturfreundinnen. Ich wäre dabei geblieben, hätte mich die Leiterin nach der letzten Exkursion nicht ermahnt, meine Schuhe samt Kleidern in die Waschmaschine zu werfen.

“Warum denn das?” hatte ich gefragt.

“Poison Oak”, sagte sie.

Die Gegend war voll davon. Harmlos aussehende Pflanzen, deren Blätter ein öl absondern, das einen Ausschlag verursacht, der zum Tod führen kann.

Zuhause angekommen, verbrannte ich Schuhe und Kleider im Garten und studierte das Material, das ich über Poison Oak, zu deutsch Gifteiche, Toxicodendron diversilobum, gegoogelt hatte. Die letzten Rauchschwaden waren verzogen, als ich bei der Stelle anlangte, wo es hiess, das Einatmen des Qualmes von brennender Gifteiche führe zu lebensgefährlichen Lungenschäden.

Ich erzählte Hillel nichts darüber. Stattdessen schwärmte ich ihm vom Abenteuer, das ich, in Erinnerung der eigenen Kindheit in der schönen Schweiz, mit meinem kleinen Sohn eben erlebt hatte. Wir waren zu einem Bächlein gegangen, hatten Froschleich geholt und ins Aquarium getan. Nun waren die Kaulquappen geschlüpft, die der Kleine mit Salat fütterte in einer Menge, die einen Brontosaurus satt gemacht hätte. Bald würden wir sehen, wie die Hinterbeine, dann die Vorderbeine sprossen; und das alles zu Hause, in den eigenen vier Wänden, die einen abschirmten von der grausamen Natur.

Im Bächlein hatte der Kleine auch einen Molch gefangen. Wir hatten ihn mitgenommen und ins Aquarium gesetzt, wo er mit ihm spielte, indem er ihn etwa in ein Lego-Boot setzte. Beide freuten wir uns an dem schönen orangen Bauch des Tieres.

“Kalifornischer Wassermolch”, sagte Hillel, wie ich es ihm zeigte. “Interessantes Tier, hat kaum natürliche Feinde.”

“Warum denn das?” fragte ich.

“Siehst du die Hautdrüsen? Sondern Tetrodotoxin ab, ein Nervengift. Ist ziemlich stark – ein Tropfen reicht, siebentausend Mäuse zu killen.”

“Siebentausend Mäuse?! Das ist ja ein ganzer Mensch!”

“Sicher”, sagte Hillel. “Das Gift ist biochemisch identisch mit dem des Kugelfisches, woraus die Japaner Fugu machen. Wenn du das Viech isst, bist du mausetot.”

Gottseidank hatte der Kleine den Molch noch nicht angebissen.

“Und eine kleinere Giftmenge? Was passiert, was?”

“Lähmt Nerven und Muskeln”, sagte Hillel, “während man bei vollem Bewusstsein bleibt.”

Gottseidank, beim Kleinen war es genau umgekehrt.

“Voodoo-Zauberer in Haiti mahlen Tierteile zu Pulver und mischen es Leuten ins Essen”, redete er weiter. “In der Fachliteratur wird über einen Mann berichtet, der wegen seiner Lähmung und Unfähigkeit, sprechen zu können, für tot erklärt wurde. Als die Giftwirkung nachliess, versuchte er zu seiner Familie zurückzukehren, doch die stiess ihn ab, weil sie ihn für einen wandelnden Toten hielt – einen Zombie.”

Ich hielt den Molch in der Hand, sprachlos und starr vor Schrecken. Von Ferne konnte ich den Kleinen hören, wie er seine Kumpels zusammentrommelte.

“Alle mal herkommen!” rief er. “Daddy spielt wieder den Zombie!”

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