06.03.2010 von Michèle Roten , 6 Kommentare
Ich ärgere mich ein bisschen. Wirklich. Dass ich nicht selber auf die Idee gekommen bin. All die Texte. All die Wörter. Die Buchstaben. Das Ringen um eine Idee, um einen Gedanken. Allein, mit sich selber, eingeschlossen in sich selbst. Und dann kommt da eine Siebzehnjährige und macht vor,wies auch funktionieren kann: einfach abschreiben. Und hoffen, dass man nicht erwischt wird. Dann ist eh alles gut. Und wenn man erwischt wird, einfach die geile, kluge, nonchalante Erklärung geben: Ja, Mensch. So ist das halt heute! Ich bin aufgewachsen in der Copy-Paste-Generation! Ich wollte der Welt den Spiegel vorhalten! Nicht? Man bekämpft das System mit seinen eigenen Mitteln. Und all die Feuilleton-Kritiker, die vorher noch Zeter und Mordio schrien, machen: HM! Jaja, das hat schon was. Hat sie schon recht, eigentlich.
Ich ärgere mich ein bisschen. Auch darüber, dass die Hegemann dann doch noch ihre geniale Strategie ein bisschen kaputtgemacht hat, indem sie sich reumütig der Gedankenlosigkeit und des Egoismus bezichtigte, und dass sie wenigstens in den Danksagungen erwähnen hätte können, dass da so einiges abgeschrieben war, das war schade. Mädchen, es lief doch gut! Warum bist du nicht einfach bei der rotzigen Antihaltung geblieben? Das war genial! Und wahr! Warum dann doch noch aufspringen auf die Bekenntnis- und Absolutionssau, die gerade durch unser globales kleines Dorf getrieben wird? Verdammt, manchmal wünsche ich mir mächtige Kirchen zurück. Früher wurden diese Sachen im Beichtstuhl abgehandelt. Jetzt, in unserer aufgeklärten, pluralisierten und individualisierten Gesellschaft, sind plötzlich alle, ist die Gesellschaft selber zuständig für die Sündenvergebung. Und ich will gar nicht! Ich will keine weinenden Politiker sehen, die sich öffentlich für ihre Rumhurerei entschuldigen. Ich will nicht die Idole meiner Kindheit beobachten, wie sie in Talkshows weinend von ihren diversen Süchten berichten. Hätte es eigentlich die Sache besser gemacht, wenn Roman Polanski damals eine Pressekonferenz einberufen hätte, um unter Tränen zu sagen: Ich habe eine Minderjährige vergewaltigt. Es tut mir sehr leid. Hätte es? Oder O. J. Simpson: Hallo, ist das Mikro an? Ich habe jemanden umgebracht. Sorry! Oh und jetzt noch diese deutsche Bischöfin, die besoffen Auto gefahren ist! Das war wenigstens mal eine professionelle öffentliche Beichte. Irgendwie wird das Bild vermittelt, Geständnisse und Entschuldigungen würden Missetaten mildern. Und das ist nicht gut. Denn in einer Gesellschaft muss man davon ausgehen können, dass sich die meisten an die Regeln halten und ansonsten bestraft werden. Öffentliche Selbstbezichtigung ist keine ernst zu nehmende Sanktion. Im Gegenteil. Ist Publicity.
Jedenfalls ärgert mich, dass die Hegemann jetzt doch noch kleinlaut und einsichtig tut. Vor allem, weil der erste Ansatz so schlau war. Aber sogar «Na ja, ich wollte einfach so schnell und so leicht wie möglich berühmt und für talentiert gehalten werden» wär mir noch lieber.
Und gerade jetzt ärgert mich, dass ich schon wieder einen Text selber geschrieben hab. Dabei haben bestimmt schon andere über dieses Thema öffentlich nachgedacht. Copy Paste, Mann! Copy Paste! Ach, verdammt.

Fotografiert von Serge Hoeltschi
Wie auch immer zu erklären wäre, auf welche Art und Weise Frau Roten mit ihrem inhaltsfreien Teenie-Geschreibsel solch eine Präsenz erlangen kann, die Kritik gebührt nicht ihr.
Sie tut sicherlich ihr Bestes, man kann niemandem vorwerfen, nicht über seine Fähigkeiten hinaus tätig zu sein.
Die Kritik muss sich an die Redaktion richten.
Wir erleben ja in heutigen Zeiten das Phänomen, dass ganze Redaktionen aus jungen Leuten besetzt sind, die aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung so konditioniert sind, dass sie den sogenannten “Ernst des Lebens” in seiner ganzen Komplexität nie kennengelernt haben.
Aufgewachsen in einer unpolitischen Spassgesellschaft ist diese Journalisten-Generation nicht in der Lage, ihre eigene Situation kritisch zu hinterfragen und daraus Schlüsse zu ziehen.
Vielmehr bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als den Status Quo zu erhalten, um sich nicht selbst überflüssig zu machen.
Ein Resultat dieser Entwicklung ist Michèle Roten.
Es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, warum ausgerechnet diese Kolumne von Michèle Roten derart gehässige Kommentare – die zum Glück mittlerweile gelöscht wurden – nach sich gezogen hat. Diese Kolumne ist eine äusserst treffende (selbst-)ironische Reflexion der jüngsten Ereignisse um Hegemann, Kässmann etc.
Ist doch super, dass das Magazin eine Kolumne abdruckt, die die neue Dimension, welche die Medien als moralische Legitimationsinstanz einnehmen, indem sie die Beichten von “Sündigern” abdrucken, kritisch beleuchtet.
Ich muss Herrn Wolff recht geben – und es trifft nicht nur auf diese spezielle Kolumne zu. Dass Frau Roten offenbar eine Fangemeinde hat, kann man nur so erklären: Sie verkörpert für ältere Herren ungefähr das, was Mark Huisseling für junge Mädchen ist. Und inhaltlich sind beide ohnehin gleichermassen wirr und flach. Und selbstverliebt.
Ich finde es eigentlich erstaunlich, dass die sogenannte “gesetzte Gesellschaft” nicht in der Lage ist, die Komplexitätät, wie Herr? Wolff sie nennt, zu hinterfragen und bereit ist, der jüngeren Generation zuzugestehen, dass man die Dinge auch anders sehen und anpacken kann!? MR zeigt doch nur auf, dass in der heutigen durchmedialisierten Welt, eine offensive Beichte die Wehmut nach der guten alten Zeit weckt, wo ein Vertuschen meist noch unentdeckt blieb, die Idole auf dem Sockel bleiben durften! die Flucht nach vorne ist nur eine Folge von der totalen Transparenz unseres Tuns,…sie kommt dem Licht der Wahrheit nur einen Schritt zuvor! Jeder darf die Ironie von MR darin entdecken! Lernen wir mit den neuen Rahmenbedingungen umzugehen, die notabene nicht die Junge Generation geschaffen hat! …übrigens, ich interpretiere die Angriffe auf MR als Unfähigkeit, ihre Kolumnen richtig zu interpretieren!
Uninteressant, da nichts Konstruktives hinsichtlich der nun neu aufgeworfenen Copy&Paste(/Text-als-Zitatgewebe/Intertext/whatever-Poststrukturalismus)-Debatte. Das ist lediglich Gossip, die Fixierung auf Hegemanns Person (das selbstgefällige Vergleichen mit ihr) und v.a. gerade Symptom jener veralteten, reaktionären Geisteshaltung (bzw. Literatur-Anschauung), die durch die Hegemann-Erscheinung berechtigterweise aufgewühlt wurde. Besonders peinlich – die Inkonsequenz durch das anbiedernde “Genie”-Zugeständnis am Schluss. Hätte mir gerade zu diesem Thema in dieser Kolumne mehr erhofft.
Michèle Rotens Kolumnen sind super, gut geschrieben und komponiert, witzig und anders. Und zwar eigentlich immer. Ich würde nicht behaupten, dass ihre Fangemeinde aus älteren Herren besteht – im Gegenteil – ich bin mir sicher, dass sie ebenso aus authentischen, intelligenten, urbanen und gebildeten Frauen besteht, die selber was erlebt haben und ihre Umwelt genauestens beobachten und erkennen (so wie ich ::))