15.05.2010 von Martin Beglinger , 47 Kommentare
Vor einem knappen Monat, am 21. April 2010, sassen sämtliche Baselbieter Lehrkräfte in der Basler St.-Jakobs-Halle; 3000 Leute und eine Stimmung, die ungefähr so schlecht war wie an der Generalversammlung der UBS, die ein paar Tage zuvor am selben Ort getagt hatte. Der Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich (SP) versuchte, der Lehrerschaft seinen Reform- und Sparkurs zu verkaufen, doch der Mann hatte einen sehr schweren Stand damit. So stellte der Ettinger Sekundarlehrer Daniel Vuilliomenet einen Antrag, wie man ihn im ganzen Land noch nie gehört hat: Er verlangte einen sofortigen Stopp sämtlicher Volksschulreformen. Vuilliomenet drang zwar nicht durch damit, doch 746 Lehrerinnen und Lehrer stimmten dem radikalen Vorhaben zu, und ganze 1000 enthielten sich der Stimme, was kaum anders zu deuten ist als Zeichen «tiefster Verunsicherung der Lehrerschaft einerseits durch die Reformflut und anderseits durch den undurchsichtigen Führungs- und Planungsstil der Bildungsdirektion», wie Bea Fünfschilling sagt, die Präsidentin des Baselbieter Lehrervereins.
Nicht minder reform- und bürokratiekritisch klingt es in Kantonen wie Bern, Solothurn, St. Gallen, Luzern — und Zürich. Das Stadtzürcher Primarschulhaus Allenmoos hat Mitte April seine «Aktion Schule im Sinkflug» gestartet. «Unsorgfältige Reformen und überbordende Administration fressen die Zeit für die Vorbereitung des Unterrichts und die Betreuung der Kinder — die Kinder kommen zu kurz», heisst es in einer Petition. Ein halbes Dutzend weiterer Schulen hat sich seither mit der Aktion solidarisiert, innerhalb von vierzehn Tagen haben 4000 Personen ihren Namen unter diesen Protest gesetzt.
Die Klage unter vielen der rund 100 000 Lehrerinnen und Lehrer in der Schweiz ist überall die gleiche: Es ist die Klage über einen Reformwahn, der die Schweizer Schulen in den letzten fünfzehn Jahren überzogen hat. Und mit ihm eine Bürokratisierungswelle wie nie zuvor. Von Harmos bis zur schulischen Integration sind in der Schweiz «Hunderte» von Reformprojekten auf allen Stufen am Laufen, schätzt der Bildungsforscher Urs Vögeli-Mantovani. Den genauen Überblick haben selbst die Spezialisten verloren.
Das Gleiche gilt für die Bildungsbürokratie. Ein hoffnungsloses Unterfangen, wer dieses Dickicht in Zahlen zu fassen versucht. Alle, die es versucht haben, sind kläglich gescheitert. Weil auch die Bildungsdirektionen selber dauerreformiert werden, lässt sich nichts miteinander vergleichen. Sicher ist nur, dass «das System wächst und wächst und unter dem Strich immer teurer wird», so das Fazit von Samuel Ramseyer, Präsident der Bildungskommission im Zürcher Kantonsrat, gegenüber dem «Tages-Anzeiger».
Das Grosse zeigt sich auch im Kleinen: Der langjährige Schulpsychologe einer Zürcher Vorortsgemeinde hat ermittelt, dass von 1975 bis 2008 die Schülerzahlen und Klassenlehrstellen um je 20 Prozent gestiegen sind, jene für die schulische Heilpädagogik hingegen um 155 und für Schulverwaltung gar um 355 Prozent. (Die Zahlen stammen aus Jürg Jegges Buch «Fit und Fertig».) Der Zürcher Psychologe und Hochschuldozent Jürg Frick schrieb dazu im «Tages-Anzeiger»: «Die Bürokratisierung nimmt von Jahr zu Jahr zu: Papiere, Konzepte, Programme, Formulare, Untersuchungen, Befragungen, Statistiken, Tabellen, Berichte, Leistungsvereinbarungen. (…) Statt die Kräfte der Lehrerinnen und Lehrer mit Reformen, Sitzungen und Projekten zu verzetteln, braucht es hier eine radikale Umkehr. Es braucht wenige, gut ausgewählte Reformen, die mit den Beteiligten umgesetzt werden.»
Abhängigkeiten
Frick zählt zu den wenigen, die solche Kritik überhaupt öffentlich zu äussern wagen. Viele Bildungsfachleute gehen hingegen sofort in Deckung, wenn man sie auf Stichworte wie «Bildungsbürokratie» oder «Reformwahn» ansprechen will. Einer sagt: «Das sind sehr spannende Themen, aber zu heikel für mich. Ich kann es mir nicht leisten, mich mit meinen Auftraggebern anzulegen.» Anton Strittmatter, der kampferprobte langjährige Chefpädagoge des Schweizer Lehrerverbandes LCH, sagt dazu: «Sehr viele Erziehungswissenschaftler sind ein Stück weit in die Prostitution geraten, weil sie am Tropf der Bildungsdirektionen hängen.»
Einer, den solche Rücksichtnahme herzlich wenig kümmert, ist Roland Reichenbach, 48, Pädagogikprofessor an der Universität Basel. Reichenbach sitzt in seinem grosszügigen Büro, das in der prächtigen Orangerie eines barocken Landsitzes aus dem 18. Jahrhundert zu finden ist. Der Mann, ein Hüne mit wallendem, dunkelbraunem Haar, gebürtig aus Gstaad, ist der schnellstredende Berner, den man je angetroffen hat, ein ebenso schneller Denker sowie «ein grosser Freund des arabischen Sprichwortes, dass ein schnelles Kamel haben muss, wer die Wahrheit sagt».
Roland Reichenbach passt in keine Schublade. Er ist kein Linker, kein Rechter und gewiss auch kein Anwalt der politischen Korrektheit, wohl aber der eloquenteste Reformkritiker im Land. Was nicht heisst, dass er gegen jede Reform wäre. Er weiss, dass er gelegentlich «Applaus von der falschen, der konservativen Seite» kriegt, was ihn gar nicht freut, weil er sich beileibe nicht als Romantiker fühlt, der früher alles besser fand. Reichenbach nimmt einzig seine Freiheit als Wissenschaftler in Anspruch, mehr als andere jene Frage zu stellen, die der Psychoanalytiker Aron Bodenheimer einmal «obszön» nannte: Die Frage nach dem Warum. Obszön deshalb, weil bei dieser typischen Kinderfrage die Gegenseite sofort unter Legitimationszwang gerät. Wer etwas verlangt, muss einsehbare Gründe vorbringen können, sonst wird die Sache schwierig.
Die Concorde-Falle
Sechs Jahre lang war Reichenbach Professor an der norddeutschen Universität Münster, bevor er auf den Lehrstuhl nach Basel berufen wurde. Noch bevor er dort im Februar 2008 begann, hielt er im Herbst 2007 ein fulminantes Referat vor der Aargauer Lehrerschaft über die «Concorde-Falle» und das «erfolgreiche Scheitern» von Bildungsreformen. Die Reaktion? Wie gehabt. Begeisterung an der Basis, ganz im Gegensatz zum damaligen Bildungsdirektor Rainer Huber (CVP), dessen Kanton (via Fachhochschule Nordwestschweiz) den Lehrstuhl von Reichenbach mitfinanziert. Huber war derart verärgert über diesen Auftritt, dass Reichenbach sich ernsthaft fragte, ob er tatsächlich in die Schweiz zurückkehren solle, an einen Ort, an welchem die Politik einzelnen Wissenschaftlern offenbar vorschreiben möchte, was sie sagen sollen und was nicht. Er trat seine Stelle dann trotzdem an — und bekam aus Halbdistanz, aber ohne die geringste Schadenfreude mit, wie Rainer Huber, der Ambitionierteste unter den Schweizer Bildungspolitikern, ein Jahr später mit Getöse scheiterte. Zunächst wurde sein grosses Reformprojekt «Bildungskleeblatt» an der Urne versenkt und kurz darauf der Bildungsdirektor selbst.
Die Concorde-Falle: ein Begriff, den Reichenbach im Buch «Die Logik der Unvernunft» des ungarischen Spieltheoretikers László Mérö entdeckt hat. Gemeint ist dies: Je länger man einen schlechten Film schaut, umso eher schaut man ihn bis zum Schluss. Je länger man auf einen Bus wartet, desto unwahrscheinlicher ruft man ein Taxi, weil der Bus zwischenzeitlich ja doch eintreffen könnte. Irgendwann wird es zu spät, um aufzuhören. Nicht anders bei der Concorde: Schon früh im Laufe der Entwicklung dieses Überschallflugzeugs war allen Beteiligten klar, dass das Projekt ein finanzielles Desaster sein würde. Jenseits jeder Rentabilität. Aber es steckte viel zu viel politisches Prestige drin, als dass die Verantwortlichen vernünftigerweise Übungsabbruch beschlossen hätten. So wurde die Concorde zum Prototypen für ein «erfolgreich gescheitertes» Projekt: offiziell beklatscht, inoffiziell ein Fehlschlag.
Exakt diesen Mechanismus sieht Reichenbach auch bei vielen Schulreformen am Werk, ob bei Harmos oder der schulischen Integration. Nicht dass er alles unnötig oder schlecht daran fände, denn früher war durchaus nicht alles besser. Für ihn beginnen die Probleme schon vor dem Start, nämlich bei der Begründung von Reformen: «Die behaupteten Defizite, mit denen Reformen behoben werden sollen, sind oft nicht wissenschaftlich abgeklärt worden.» Stattdessen werde pausenlos reformiert und innoviert, aber niemand wisse mehr warum.
Immer schön aktiv
Der Zeitgeist der letzten zwanzig, dreissig Jahre hielt Veränderung a priori für gut und den Status quo für langweilig. Wer etwas beim Alten belassen wollte, galt rasch als behäbig, verschlafen, von gestern. Oder zynisch. «Wenn die Politik oder die Bildungsverwaltung irgendwo ein Problem entdeckt hat, kann sie schlecht nichts tun, auch wenn niemand glaubt, dass es wirklich hilft. Untätigkeit könnte als Zynismus ausgelegt werden.» Oder wie Reichenbach in seinem Aargauer Vortrag mit sarkastischem Unterton gesagt hatte: «Hauptsache immer schön aktiv bleiben und Dinge umkrempeln, den maroden Laden ausmisten, denn irgendwo sind alle Läden marode, alle Institutionen ineffektiv, alle Schulen unwirksam, alle Lehrerinnen und Lehrer unprofessionell… Ein weites Feld also, in dem es immer etwas zu verändern gibt.»
Die Politik will handeln, aktiv sein, am liebsten gar an der Spitze, um als «Pionierin» gelobt zu werden. Es geht ja immerhin um Bildung, die mehr denn je als goldenes Tor zu einem guten Leben gilt. Weil die Politik selber unter steigendem Legitimationsdruck von Eltern, Medien und Wirtschaft steht, braucht sie ein überzeugendes Alibi: die Wissenschaft. Pädagogen, Erziehungswissenschaftlerinnen und Bildungsforscher sollen den Reformbedarf begründen. «Evidence based policy», evidenzbasierte Politik heisst der Modebegriff, der quasi ein objektives Gütesiegel suggeriert. Doch genau daran zweifelt Reichenbach: «Es wird zwar immer behauptet, Reformen förderten die Qualität des Unterrichts, aber den Beweis für diese Allerweltsthese bleiben die Reformer meistens schuldig.» Erst recht schwierig wird es, wenn ein Forscher gegen den Strom schwimmt: «Für Skepsis gibt es in diesem Bereich kaum Forschungsgelder», weiss Reichenbach aus Erfahrung. Umso grösser wird die Gefahr, dass die Forschung gefällige Gutachten für Politik und Bildungsverwaltung abliefert und mit neuen Aufträgen belohnt wird.
Die Zauberwörter
Wer reformieren wolle, sagt Reichenbach, müsse das Bestehende schlecht- und das Künftige schönreden, sonst gäbe es ja keinen Grund zum Verändern. Was es aber zweifellos gibt, ist eine Reformrhetorik, und die besteht nach Reichenbachs Erfahrung aus einem ganzen Schwall von Zauberwörtern, lauter «wohlklingenden und emotional aufgeladenen Begriffen, bei denen alle nicken und gegen die keiner etwas haben kann»: zum Beispiel Fortschritt. Innovation. Modernisierung. Koordination. Qualität. Transparenz. Oder: aktiv, autonom, selbstständig, sozial. Das Problem dieser Begriffe ist bloss, dass sie «ausgehöhlt sind» (Reichenbach). Wer will schon rückschrittliche Lehrer? Oder passive, abhängige und inkompetente Schüler?
Paradebeispiel für eine von vielen Zauberwörtern begleitete Reform ist die Einführung von Frühenglisch als zweite Fremdsprache. Das schillerndste heisst in diesem Fall Hirnforschung. Wenn «die Hirnforschung» (angeblich) sagt, je früher man eine Fremdsprache lerne, umso besser, dann können ja wohl nur Ignoranten und Hinterwäldler etwas dagegen haben. Man dürfe die Kinder nicht mit «Lernverboten» belegen, hiess eines der Argumente, mit denen man die letzten Kritiker mundtot machte. Wie genau und mit welchen Mitteln das alles funktionieren solle, das fragten nur noch die Praktiker. Hauptsache es wurde möglichst rasch eingeführt, um zu signalisieren, dass auch die Volksschule eine «moderne» Schule ist. Dass viele Lehrkräfte sehr skeptisch waren, buchte die Bildungspolitik und -verwaltung als übliches Gejammer eines notorisch veränderungsunwilligen Berufsstandes ab. Unterdessen ist die frühe Einführung zweier Fremdsprachen durchgedrückt worden, sie kostet Millionen. Die Resultate sind zwiespältig bis ernüchternd, weil man gemerkt hat, dass der Lernerfolg sehr auf die Umstände ankommt, und die passen häufig nicht zusammen. Doch längst steckt zu viel Geld und Prestige in dem Grossprojekt, als dass die Verantwortlichen selbstkritisch über die Bücher gingen. Kurz: «Die Concorde-Falle schnappt zu», wie auch Anton Strittmatter vom LCH feststellt.
Die Iso-9000-Schule
Mitte der Neunzigerjahre war bereits eine andere Englisch-Welle über die Schweiz und ihre Schulen geschwappt. Es war die «New Public Management»-, «Ranking»-,«Benchmarking»-, «Input»-, «Output»- und «Performance»-Welle. Spätestens mit der ersten Pisa-Runde im Jahr 2000, im Grunde aber schon vorher, kam sie hierzulande in Gestalt von Ernst Buschor an, jenem Professor für Finanzwirtschaft und Finanzrecht, der sich als Bildungsdirektor die Radikalreform der Zürcher Volksschule zum Ziel gesetzt hatte. Dahinter stand der Glaube eines Ökonomen an die totale Steuer-, Mess- und Kontrollierbarkeit von Bildungssystemen; Schule als ISO-9000-Projekt. Doch an Bildung als durchstandardisiertem Industriezweig glaubt Reichenbach so wenig wie zum Beispiel der Berner Pädagogikprofessor Walter Herzog.
In den USA, wo sie ihren Ursprung hatte, ist diese Welle bereits wieder verebbt, auch weil man gemerkt hat, dass die Schulen im Gefolge des Ranglistenwahns immer mehr «teaching to the test» betreiben, also nicht breite Bildung, sondern kurzfristiges Eintrichtern, um möglichst gute Testresultate zu erreichen. In der Schweiz hingegen flutet diese Reformwelle weiter.
Ein weiterer Begriff aus der grossen Kiste der Reformzauberwörter ist «Qualitätsmanagement». «Hat jemand etwas gegen Qualität? Natürlich nicht», sagt Reichenbach. Trotzdem verdreht er die Augen bei diesem Begriff, genauso wie Tausende von Lehrkräften oder LCH-Vertreter Anton Strittmatter. Denn sie machen alle die gleiche Erfahrung: Anstatt die (wie auch immer definierte) Qualität zu verbessern, wird in erster Linie eine bürokratische Papierflut provoziert: «Da schreibt man sich in Hunderten von Schulhäusern während Tausenden von Stunden die Finger mit irgendwelchen Papieren wund, man füllt Ordner um Ordner mit Titeln wie ‹total quality management›, doch letztlich macht man bloss die Lehrkräfte verrückt», wie Strittmatter sagt. Auch hinter den «externen Schulevaluationen» vermag der LCH-Vertreter selten mehr als «sündhaft teure, letztlich aber sinnlose Fassadenmalerei» zu erkennen, die in erster Linie als politische Legitimation für die vielen, vielen dafür geschaffenen Jobs in der Bildungsverwaltung diene.
Jobs, Prestige, Macht
Verkauft wird das alles mit Vorliebe unter dem Zauberwort «Professionalisierung». Klingt immer gut. Wer mag es schon «unprofessionell»? Doch wer ein Metier «professionalisieren» (und folglich reformieren) will, der ruft nach Ausbildung, Zertifikaten, Investitionen, sagt Reichenbach. Das möge in vielen Fällen berechtigt sein, und doch stelle sich die Frage, ob denn die «Profis» in jedem pädagogischen Bereich immer bessere Arbeit leisteten als die «Amateure». Reichenbach selber war mit 16 Jahren ans Berner Lehrerseminar gegangen und mit 21 ausgebildeter Primarlehrer. In Basel musste ein Lehrer eine Matura haben, in Bern hingegen nicht. «Waren die Lehrer in Basel deshalb nachweislich besser als in Bern? Darüber weiss man nichts!», sagt Reichenbach.
Trotzdem ist auch die Lehrerausbildung totalrefomiert worden mit dem Umbau der früheren praxisorientierten Seminare und Pädagogischen Hochschulen, die jetzt auch forschen müssen und theorielastiger werden und damit selber wieder zu Treibern neuer Reformen. Das müsse keineswegs falsch sein, sagt Reichenbach, der dezidiert für die Akademisierung der Primarlehrerinnen- und Primarlehrerausbildung ist. Doch bei vielen Reformen im Bildungsbereich bleibe offen, ob sie richtig und überhaupt nötig sind. «Das ist eben ein Grundproblem aller Reformen: dass die Reformer so tun müssen, als wüssten sie alles schon vorher besser.»
Sicher hingegen ist: Wer Professionalisierung verlangt, der spricht immer auch von Jobs, Prestige, Macht. Tatsächlich haben die Reformschübe zu einem Boom von Beratern und Experten geführt, die alles Neue mit Kursen, Gutachten und Weiterbildungen begleiten. Respektive kontrollieren. Genaue Zahlen gibt es nicht, es dürften etliche Tausend sein. Manche von ihnen standen früher selber vor Schulklassen und wechselten dann ins Berater- , Verwaltungs- und Expertenmetier, wohl auch deshalb, weil es mit weniger Mühsal und Verantwortung verbunden ist, als täglich vor einer Klasse mit 25 Pubertierenden zu bestehen.
Das klingt natürlich wenig schmeichelhaft. Reichenbach will den Beratern und Experten «durchaus nicht unedle Motive unterstellen». Jede und jeder will das Beste machen, helfen, Probleme lösen — aus seiner individuellen Logik heraus. Man glaubt durchaus an den Sinn des eigenen Tuns — wie jeder stolze Concorde-Pilot. Die Frage ist bloss, ob daraus auch das Beste für das grosse Ganze resultiert. Und da setzt der Pädagoge Reichenbach viele Fragezeichen.
Das Reformbusiness
Unbestritten ist allerdings, dass das Reformmetier seine Eigendynamik entwickelt. Es funktioniere wie das Gesundheitswesen, sagt Reichenbach: je mehr Ärzte, desto mehr Kranke. Der Berner Erziehungswissenschaftler Fritz Osterwalder erklärt: «Jede Verwaltungsstelle im Bildungswesen erfindet neue Reformen, um ihre eigene Existenz zu legitimieren.» Und der Ökonomieprofessor Mathias Binswanger, der an einem Buch über Reformzwänge und sinnlose Wettbewerbe arbeitet, schrieb kürzlich im Magazin «GDI»: «Jeder neue Präsident, Rektor, Direktor oder Chefbeamte einer öffentlichen Organisation muss seine Fähigkeiten zuerst einmal mit einer Reform unter Beweis stellen.» Hierauf zitiert Binswanger einen früheren HSG-Rektor mit dem Satz: «Wir müssen nicht rechtfertigen, weshalb wir Reformen durchführen, sondern weshalb wir keine Reformen durchführen.» Für den Ökonomen Binswanger ist es nur eine Frage der Konsequenz, dringend von einem nationalen Bildungsdepartement abzuraten, das man derzeit in Bern einrichten will. «Ein Bildungsdepartement würde vermutlich alles noch schlimmer machen, Reformen würden noch mehr zum Selbstzweck.»
So weit will Reichenbach nicht gehen, auch wenn er den Schlagworten ebenfalls misstraut, die dahinter stehen. Und erst recht der Vorstellung eines präzise steuer- und kontrollierbaren Bildungssystems. Im Grunde hält er das für eine sorgsam gepflegte Illusion. Dass eine Wirkung erzielt wird mit Reformen, das steht für ihn ausser Frage. Er bezweifelt nur, «ob die gewollte Wirkung wirklich kontrollierbar ist. Ich bin da bescheiden bis skeptisch.»
Hinzu kommt etwas Grundsätzliches: «Wer reformieren will, muss wissen, wohin er will. Doch wo liegt das Ziel? Man weiss nicht mehr, wo die Reise hingeht.» Ausser in der Technik glaubten die Menschen kaum mehr an Fortschritt, sagt Reichenbach. «Nehmen Sie das sozialdemokratische Milieu, das am nächsten bei den Schulreformen steht. Die liberalen, aufgeschlossenen Eltern sagen ihren Kindern: ‹Werde nicht schwanger! Mache deinen Schulabschluss! Nimm keine Drogen! Aber sonst kannst du machen, was du willst, es ist dein Leben.› Das klingt zwar liberal, aber es verdeckt nur die eigene Ratlosigkeit.» Lieber wolle man begleiten als führen, sagt der vierfache Vater Reichenbach, doch das bedeute in manchen Situationen nur, sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Dasselbe in der Pädagogik. Reichenbach beobachtet neuerdings «eine starke Ablehnung der Normen- und Wertediskussion» in seiner Zunft. Und ebenso von klassischen pädagogischen Konzepten wie etwa dem Begriff der Autorität, obwohl in «Pädagogik» das griechische Wort «führen» steckt. So weiche man den (umstrittenen) Fragen nach Inhalten mit endlosen Diskussionen über (Re-)Formen und Strukturen aus. Die Folge davon: «Viele Erziehungswissenschaftler lassen die Praktiker allein. Denn die Praktiker wollen von einem Professor beispielsweise auch mal wissen, ob Bestrafung nun sinnvoll ist oder nicht?»
Ratlose Pädagogik
Stattdessen sieht Roland Reichenbach überall «Bindestrich-Pädagogiken» wuchern: Freizeitpädagogik, Medienpädagogik, Familienpädagogik, Umwelt-, Sport- und Sexualpädagogik. Oder die «professionelle Eltern-Pädagogik», deren Einführung der Zuger SP-Nationalrat Andy Tschümperlin kürzlich verlangt hat. Von Pädagogik, lästert Reichenbach, sei hier «nicht mehr viel zu finden». Dafür umso mehr «pädagogischer Kitsch» (Reichenbachs «Lieblingsthema») und «Political Correctness». «Lehrer sind nicht mehr Lehrer, sondern ‹Begleiter von Lernprozessen› oder ‹Gestalter von Lernumwelten›. Ich finde das schrecklich. Es ist auch nicht politisch korrekt, wenn die Lehrerin einem Kind sagt, es solle sich mehr anstrengen. Man verlangt nicht etwas vom Kind, sondern man fragt: Wie kann ich das Kind motivieren? Letzteres ist moderner, weil diese Frage nicht moralisiert, sondern das Kind entlastet. Es ist quasi das Opfer der Verhältnisse. Man kann also therapieren — und ist damit wieder beim Experten- und Beratergürtel angelangt.»
So spricht Reichenbach auch in seinen Seminaren. Und wenn ihn die Studierenden fragen, warum er die Psychologisierung der Pädagogik so hart kritisiere, zumal er doch letztlich selber davon profitiere, dann antwortet Reichenbach: «Stimmt! Doch meine Hauptaufgabe ist es, all diesen Begriffen auf den Grund zu gehen, um zu verstehen, was Sache ist.»
Die mit Abstand grösste Reformbaustelle ist derzeit die schulische Integration der behinderten und verhaltensauffälligen Kinder in die Regelklassen. Kaum ein Kanton, in dem die Lehrkräfte nicht massive Probleme damit hätten: zu grosse Klassen, riesige Leistungsunterschiede, zu viele Lehrkräfte, die sich allein gelassen und verschaukelt fühlen. Die Integration betreffe das Kerngeschäft der Schule, und sorge man nicht für die notwendigen Gelingensbedingungen, «dann droht das gesamte System zu kippen», warnt LCH-Präsident Beat W. Zemp, der oberste Lehrer der Schweiz. «Ohne genügende Ressourcen für diese Integration laufen uns die Lehrkräfte in Scharen davon.» 175 Jahre lang, so Zemp, habe die Schweizer Volksschule in bester Absicht das Gegenteil gemacht, nämlich separiert und gesondert beschult. Dann, im Jahr 1994, wurde an einer UNO-Konferenz die «Deklaration von Salamanca» unterzeichnet. Im Namen von Antidiskriminierung und Chancengleichheit wurde hier quasi auf höchster Ebene die schulische Integration verlangt. Auch die Schweiz unterschrieb die Erklärung, und fortan liess sich immer sagen: Jetzt müssen wir es auch umsetzen. (Die zweite Begründung ist der Neue Finanzausgleich, durch den die IV-Subventionen für sonderpädagogische Massnahmen wegfallen, weshalb Kantone und Gemeinden die Kinder mit «besonderen pädagogischen Bedürfnissen» nun in die Regelklassen schicken.)
Es war eine Concorde, die hier abgehoben hatte. Und einmal mehr, sagt Reichenbach: «Man musste ein Unmensch sein, um sich gegen Integration respektive für Separation auszusprechen.» Noch heute versichern die meisten Lehrkräfte, dass sie Integration zwar für den richtigen Grundsatz halten. Aber nicht die Art der Umsetzung. Denn die erfolgte wie immer von oben nach unten, im Powerplay von Bildungsverwaltung und Beratergürtel, und wer an der Basis Bedenken anmeldete, wer die obszöne Frage «Warum?» und «Warum so?» stellte, der galt rasch als Stänkerer. Oder noch schlimmer: als SVPler.
Unterdessen ist auch diese Concorde schon weit geflogen, und das nächste erfolgreiche Scheitern zeichnet sich ab, nämlich Klassen, die zwar «integriert» sind, in denen aber nichts für niemanden mehr stimmt: weder für die neu integrierten Kinder noch für die bisherige Klasse und ebenso wenig für die Lehrperson. Die Konsequenz: Noch mehr bisherige Lehrkräfte brennen aus und noch weniger angehende übernehmen eine Stelle als Klassenlehrer, weil sie sich dort überfordert fühlen. Umso grösser die Absetzbewegung in den vergleichsweise weit weniger anstrengenden Berater- und Expertengürtel, der sich dann seinerseits an die Reform der Reform macht.
Von unten nach oben
Zurück bleiben die Klassenlehrerinnen und -lehrer mit noch mehr Sitzungen, Kommissionen, Frustrationen. Ein Drittel der Lehrkräfte, hat 2009 eine Umfrage der OECD ermittelt, fühlt sich durch die permanente Reformwalze und Bürokratie bei ihrer Arbeit überfordert. Wen wundert es, dass die Schule selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer weniger guten Nachwuchs findet. Die Reformen — die eigentlich alles besser machen müssten — wirken offensichtlich abschreckend.
Doch was tun, damit Reformen tatsächlich gelingen und nicht erfolgreich scheitern? Das Wichtigste, sagt Reichenbach: Es braucht auch Reformen von unten nach oben. Nur wenn sie an der Basis akzeptiert sind, werden die Neuerungen auch umgesetzt und nicht über passiven Widerstand sabotiert. Umso betrüblicher, dass konsequent das Gegenteil passiert. Es wird allein von oben nach unten reformiert, über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Einer der Reformslogans heisst zwar «Autonomie», mehr Selbstverantwortung für die Schulen, was theoretisch auch allseits begrüsst wird. Tatsächlich sind in den letzten Jahren überall Schulleitungen eingeführt worden — aber mit ihnen eben auch eine gewaltige Kontrollbürokratie, weil man oben dieser Autonomie misstraut. «Controllingwahn» nennt es Anton Strittmatter vom LCH. Lehrkräfte und Schulleitungen ertrinken seither in einer Formular- und Regulierungsflut, weil sie bald jede Massnahme im Schulzimmer dokumentieren und legitimieren müssen, auch aus Angst vor Rekursen verärgerter Eltern. Der wohlklingende Begriff Autonomie sei pervertiert worden, sagt Roland Reichenbach: «Autonom entscheiden bedeutet heute: Ihr könnt selber entscheiden, welchen Arm ihr euch abschneiden wollt.»
Eine zweite Voraussetzung für gelingende Reformen ist laut Reichenbach das Tempo. Man könne nicht dauernd und immer schneller reformieren, «erst recht nicht in der Schweiz, in deren politischer Kultur wenig Expertokratie steckt». Der Berner Erziehungswissenschaftler Fritz Osterwalder sagt dazu: «Ein wichtiger und historisch gewachsener Teil der Volksschule war die Aufsicht und Steuerung über Laiengremien. Das war einerseits effizient, anderseits erhöhte es die Akzeptanz der Schule in der Bevölkerung. Doch diese Laiengremien sind in den letzten Jahren systematisch durch die Bildungsverwaltung unterlaufen und zurückgedrängt worden. Offiziell dient das der Professionalisierung, doch normative Fragen an der Schule können nicht von Profis stellvertretend für die Gesellschaft beantwortet werden.»
Die Rolle der SVP
Wenn es in den letzten Jahren eine Reformbremse gab, dann war es die direkte Demokratie. Zum Beispiel die Abstrafung von Rainer Huber und dessen Projekten im Aargau, welche die Reformlust in der Bildungspolitik massiv gedämpft hat. Fast niemand mehr will im Moment je etwas von Reformen gesagt haben. Die Politik ist mehr oder weniger abgetaucht — doch die Reformen gehen weiter. Umso heftiger legt sich die SVP seit Harmos quer und bekämpft seither alles, was an der Schule neu werden soll. Ein überraschender Nebeneffekt dabei ist, wie viele Sympathien die SVP sich mit ihrer scharfen Reformkritik in der Schweizer Lehrerschaft geholt hat, welche ansonsten eher als linksliberal oder unpolitisch gilt. Man freut sich klammheimlich über die ungewohnte Unterstützung von rechts, wenn auch oft nur so lange, bis die SVP das nächste Bildungsbudget zusammenstreichen will.
Wenn er entscheiden müsste zwischen einer Schule der totalen Kontrolle und des organisierten Chaos, dann würde sich Roland Reichenbach garantiert für Letzteres entscheiden. An die grossen Würfe im Bildungswesen glaubt er schon lange nicht mehr. Dafür umso mehr an die einzelne Lehrerin und den Lehrer, die oder der vor einer Klasse steht. «Ich bin auf der Seite der personalen Beziehungen», sagt er, auch wenn man dies für «alte ‹Reformpädagogik›» halten könnte. «Am Schluss hängt Sinn und Gelingen im pädagogischen Bereich von konkreten Menschen ab, ihrem Einsatz, ihrer Haltung und ihren Beziehungen. Das mag naiv klingen, doch es ist leider eine Angst mancher Erziehungswissenschaftler, die ganz besonders wissenschaftlich sein wollen, nur ja nicht sentimental zu erscheinen. Aber die Lehrperson hat nun einmal an die Entwicklung der guten Kräfte im einzelnen Kind, der einzelnen Schülerin zu glauben und sich dafür nach Möglichkeit einzusetzen. Das ist eine reformunabhängige Konstante.»
In den nächsten Monaten steht eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Tagungen an, welche die Reformfallen im Bildungswesen ausleuchten wollen. Das Thema gewinnt an Boden, eine schöne Überraschung für den «fröhlichen Pessimisten» Reichenbach. Er hält zwar vieles von dem, was er hier sagt, «im Grunde für banal. Aber dass es mal jemand offen anspricht, das hat offensichtlich eine befreiende Wirkung».
Martin Beglinger ist stv. Chefredaktor des «Magazins».
Der Zürcher Fotograf Tom Haller arbeitet regelmässig für «Das Magazin».
info@tomhaller.ch

Der schärfste Reformkritiker des Landes: Roland Reichenbach, Pädagogikprofessor an der Uni Basel | Tom Haller
[...] This post was mentioned on Twitter by Alimente Schweiz. Alimente Schweiz said: «Wie die Schule von Reformwahn und Bildungsbürokratie erdrückt wird» : http://bit.ly/9Jk5Hs via @addthis [...]
[...] an der Uni Basel, will ich mir merken. Ich lese heute zum ersten Mal von ihm in einem Beitrag im MAGAZIN, und was ich lese, gefällt mir sehr. Und trotzdem bin ich überzeugt von der erfolgreichen [...]
Bildungsreformen sind meist von einem bestimmten Menschenbild und Zielsetzungen motiviert, hinter denen Idealvorstellungen und letzlich auch Ideologien stecken.
Die Idee der Reform von unten und der entscheidenden Rolle des Lehrers, der Lehrerin, kommt dagegen aus der entgegengesetzten Ecke.
Ein verwandter Ansatz, der auch das Warum einer Schulreform beantworten würde, wäre Reformen von erfolgreichen Bildungsbiographien leiten zu lassen.
Ausgangspunkt wären also Biographien erfolgreicher Lehrer und erfolgreicher Schüler. Diese Biographien würden dann hinterfragt nach den wichtigen Stellgliedern und Lehr-/Lern-umgebungen, die diesen Erfolg ermöglicht haben.
Im Zentrum derartiger Reformen von unten ständen also Lehrer und Schüler. Um die Aussagekraft zu erhöhen, könnte man solche Lehr-/Lernbiographien auch aus anderen Nationen herbeiziehen.
Um das Bild zu vervollständigen sollten auch gebrochene Biographien berücksichtigt werden, um Gründe für Fehlentwicklungen zu erkennen.
Zustände an bestehenden Schulen sollten dann im nächsten Schritt mit den Bildungsbiographien aus denen man Erkenntnisse gewonnen hat, verglichen werden um daraus Verbesserungsmöglichkeiten abzuleiten.
Unter dem Titel „Schule im Sinkflug“ forderten unlängst 5000 Lehrpersonen unter dem Stichwort „unsorgfältige Reformen und überbordende Adminstration“ einen Marschhalt im Reformwahn. Aber nicht etwa die vielen erfahrenen, besonnenen, schon immer kritischen Lehrpersonen spielten sich als Wortführer dieses sehr berechtigten Protest- und Hilfeschreis auf – nein, ausgerechnet der VPOD, der während Jahren die Reformitis mit Hurragebrüll begleitet und angetrieben hat, setzt sich an die Spitze derer, die endlich einsehen: So geht es nicht!
Die nun über die Schule hereinbrechende totale schulische Integration, ohne dass dafür die nötigen Finanzen und Lehrkräfte vorhanden sind, hat offenbar auch den Letzten aufgezeigt, dass die Bildungstheoretiker uns auf den Holzweg geführt haben!
Thomas Ziegler, Elgg
Seit über 30 Jahren arbeite ich als Lehrer an der Volksschule im Kanton Zürich. Zum obigen Artikel fällt mir spontan nur ein Kommentar ein: DANKE! Endlich wieder einmal fühle ich mich verstanden.
“Reform von unten” tut wirklich Not! Alle BildungspolitikerInnen und -expertInnen wären gut beraten, sich einmal an der Basis umzuhören. Ideen wären da nämlich zu Hauf vorhanden, ohne dass dabei die Bildungskosten in astronomische Höhen schiessen müssten.
Wenn Sie im hervorragenden Artikel „In der Falle“ „LehrerInnen“ mit „ÄrztInnen“ und „Schule“ durch „Medizin“ bzw. „Gesundheitswesen“ ersetzen, dann haben Sie einen Artikel „Gesundheitswesen im Reformwahn“. Hier heissen die Zauberwörter bzw. Worthülsen Evidence based medicine, Qualitätsmanagement, Qualitätssteigerung, Kostensenkung, Vernetzung, die mantramässig von sogenannten GesundheitspolitikerInnen, Gesundheitsökonomen, FMH und medizinischen Fachgesellschaften vorgebetet werden und trotzdem nicht wahrer werden. Eine „Ranking“-, „Benchmarking“-, „Input“-, „Output“- und „Performance“-Welle droht im Gesundheitswesen zu einem Tsunami anzuwachsen, die Qualität der Medizin sinkt und die Arzt-Patient-Beziehung geht völlig vergessen: Yes we count! Vielleicht finden Sie ja einen Mediziner vom Format des Pädagogikprofessors Prof. R. Reichenbach, der es wagt, in der Öffentlichkeit die Concorde-Falle im Gesundheitswesen beim Namen zu nennen.
Die Formulierung “von unten nach oben” überzeugt mich nicht. Wichtig ist, dass eine Zusammenarbeit von allen Beteiligten, die die Reform ausarbeiten, stattfindet. Die Basis, also die Lehrer, müssen selbstverständlich miteinbezogen werden. Sie sind es ja, die die Reform in die Praxis umsetzen. Was die Verantwortlichen auch wissen: Eine Reform ist zum vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn die Lehrer nicht mitmachen. Also wo liegt das Problem? Sind die Lehrer zu wenig solidarisch im Kampf gegen eine schlechte Schulreform? Bei uns wurde eine bereits entschiedene Reform von den Lehrern bachab geschickt.
Am nächsten Bildungstsunami wird ja schon fleissig gekocht.
Der zukünftige Lehrplan 21 hat das Potenzial zu einer weiteren Concordefalle wenn nur einige der abstrusen Begehrlichkeiten aus der ideologischen Ecke realisiert würden (s. Vernehmlassungen).
Die Besinnung auf die wesentlichen Unterrichtsinhalte und deren intelligente Formulierung sollte doch eigentlich genügen, sagt die Vernunft. Doch zu befürchten ist ein verhängnisvoller Aktivismus vorab aus der Genderecke: Bürokratisierung und Dirigismus werden dadruch mit Sicherheit noch weiter zunehmen.
Die Gefahr ist ganz real, dass Jungs und die männlichen Lehrpersonen sich der feministischen Sicht anzupassen haben. Kompetenzzentren und faktisch allmächtige Gleichstellungsbeauftragte spekulieren auf ein “einträgliches” neues Betätigungsfeld…
Seit mehr als 30 Jahren arbeite ich in einem Primarschulhaus, welches bestens funktioniert. Die richtige Mischung aus Strenge und Lockerheit und das Interesse am einzelnen Schüler wird hier gelebt. Die von uns allen gewählte Schul-Leitung aus unserem eigenen Kreis versteht es, “den Laden zu führen”, weil sie ihn genau kennt. Nun wird 2011 diese Schul-Leitung aufgelöst und in die Teilautonomie überführt, was bedeutet, dass wir das Recht verlieren, unsere Leitung selber zu wählen, nur noch über ein Vorschlagsrecht verfügen und zu nehmen haben werden, wen man uns vorsetzt. Es ist das erste Mal in der Geschichte meiner Schularbeit, dass mir graut. Einige meiner KollegInnen sagen, DAS überstehen wir AUCH NOCH.
Ich hoffe,dass sie recht haben.
Die Bildungsreform ist Teil einer gesamtgesellschaftlichen Fehlentwicklung. Ein ultrawichtiges Thema. Bitte Herr Binswanger, recherchieren sie die Zahlen! Hier meine These: Es gibt die Praktiker und die Bürokraten. Die Praktiker machen die Arbeit. Die Bürokraten verwalten die Praktiker. Sie haben die Macht. Sie sparen bei den Praktikern und erhöhen ihre eigenen Budgets und weiten ihre Sphäre aus. Das ist der Grund, warum der Staat immer mehr kostet. Obwohl an der Front bei den Praktikern nicht mehr Geld fliesst. Das Geld geht in die Verwaltung. Die Praktiker aber wehren sich auch gegens sparen beim Staat, weil sie (zu Recht) glauben, es gehe einmal mehr ihnen an den Kragen. Vorschlag: Radikal sparen beim Staat. Aber: N i e an der Front. Sondern nur bei der Verwaltung: Den wissenschaftlichen Mitarbeitern, Beratern, PR-Abteilungen, Pressesprechern, Sanierern, Qualitätsmangern. All das gabs früher nicht, und Schulen, Spitäler, Post haben trotzdem funktioniert. FrontarbeiterInnen, PraktikerInnen, Ihr seid die Proleten von heute! Tut Euch zusammen und trimmt den Speckgürtel in der Verwaltung und den Teppichetagen weg!
PS: Welche Partei wäre an so einer Politik interessiert? Natürlich keine. Denn Partei-Menschen sind selbstredend: Verwaltungs- und Bürokraten-Menschen.
Wenn ich (als Fachfrau Betreuung Fachrichtung Kinder) mit 2. und 3. Klässler täglich fast zwei Stunden (!) Hausaufgaben machen muss, damit sie den gesamten Schulstoff bewältigen können, finde ich das nicht richtig beziehungsweise völlig idiotisch.
Wo bleibt denn ihre Chance auf eine Kindheit?
Kürzlich hat mir eine Bekannt sogar erzählt, dass ein Schüler der integriert wurde so fest gehänselt wurde, dass er einen Nervenzusammenbruch hatte. Dieser Schüler besuchte die erste Klasse.
Wenn ich solche Tatsachenberichte höre packt mich das heilige Grausen und ich frage mich, ob die Erfinder dieser Schulreform überhaupt etwas von Kindern verstehen?
Da trifft einer ins Schwarze und sagt, was unter hervorgehaltener Hand schon lange gesagt oder gedacht wurde. Was wirklich schlimm ist, ist dieser “Gehirnwäsche-Mentalismus”, dem Lehrpersonen in Ausbildung, Weiter- und Fortbildung begegnen. Es erinnert mich manchmal an das Geleiere der Kirche, die mit Erleuchtung und Himmel droht. Schade ist, dass wirkliche Vorzüge unseres schweizerischen Schulsystems mit diesen sogenannten Reformen aufgegeben, anstatt der Zeit angepasst werden. Letzteres wären wirkliche Reformen, gewachsen auf Praxisboden und nicht in einem vatikanähnlichen Euroelfenbeinturm. Traurigerweise rückt einen den Widerstand gegen diese Missstände stark in SVP Nähe. Damit sitzen wir Lehrer in einem Links-Rechts Krieg der Ideologien, anstatt unsere wertvollen Erfahrungen im Schuldienst in die Reformen einbringen zu können. Es wäre schön, wenn Lehrpersonen künftig wieder vermehrt zum selbständigen und kritischen Denken angeleitet würden.
[...] Ein weites Feld also, in dem es immer etwas zu verändern gibt.» [...] (Roland Reichenbach im Magazin vom 15. Mai [...]
@Martin Beglinger
@Roland Reichenbach
Danke!
Herrlicher Lesestoff für ein verregnetes Wochenende! Der Beitrag beschreibt den Zustand unseres Bildungssystems sehr treffend. Die bis heute andauernde Misere begann, als Herr Ernst Buschor, dessen Radikalreform kläglich scheiterte, die Schule systematisch veränderte. Er und seine Anhänger wie auch alle folgenden Reformer machten den Fehler, dass sie unser auch im internationalen Rahmen sehr angesehenes Schulsystem vollends umkrempelten, ohne auf die Stimme der Basis zu hören. Lassen Sie Ihre Heizung auch von einem Bäcker flicken? Sofern die Schule nicht schon bald kollabiert, muss vieles, was für jeden Pädagogen selbstverständlich ist, wieder eingeführt werden. Es gilt nun, was man eigentlich schon immer wusste, dass die Klassenlehrperson und alle Lehrkräfte mit ihrem Engagement, ihrer Empathie, ihrer Begeisterung für junge Menschen das Wichtigste für eine erfolgreiche Schule sind!
Köstlich, Peter Bernhard,das trifft es haargenau: “Lassen Sie Ihre Heizung auch von einem Bäcker flicken?”
Ein wunderbares Bonmot.
danke! endlich einmal jemand, der das, was mich seit jahren umtreibt in klare worte fasst! seit über dreissig jahren als lehrer tätig, erlebe ich meinen beruf immer gespaltener. die arbeit mit den kindern ist nach wie vor das schönste was ich mir vorstellen kann, der rest, immer umfangreicher aber meist für mein dafürhalten fragwürdig bis absolut sinnlos, frisst ungeahnte energien und lässt immer wieder die frage auftauchen, ob sich der aufwand noch wirklich lohnt- der raubbau an persönlichen reserven noch verantwortbar ist?
ein kritikpunkt muss noch angefügt werden! bei der grossen rundumschau aller beteilgten an der jetzigen situation in den schulen der schweiz wurde ein wichtiger faktor “ausgelassen”- die presse. sie hat meiner ansicht nach mit ihrer berichterstattung sehr viel zu unterstützung vieler “geformen” und zu desinformation vieler eltern beigetragen.
Solange man Fachwissen über Berufspraxis und persönliches Engagement stellt, wird sich wohl kaum etwas ändern….
Zum Artikel kann ich nach 25 Jahren Unterrichtspraxis nur eines sagen: Den Nagel voll auf den Kopf getroffen!
Die Bildungstheoretiker haben mit der Concorde abgehoben und den Bezug zum Boden verloren. Die Kluft zwischen Theoretikern und Praktikern ist zu gross geworden. Diese Verbindung sollte hergestellt werden (nicht einseitig, sondern gleichwertig) – und braucht Zeit und Raum!
Und wie im Artikel am Schluss erwähnt: Das Entscheidende, das Wesentliche sind im Lehrberuf (je jünger die Schüler/innen, umso mehr) die personalen Beziehungen.
[...] ursprünglich gut gestartete Reformprojekte verlieren von Tag zu Tag Anhänger. In seinem Artikel „In der Falle“ im Magazin vom 21.05.2010 zählt Martin Beglinger viele Gründe dafür auf, z.B. die nur auf dem [...]
… danke für den ausgezeichneten Artikel … der wie schon
mehrfach erwähnt den Nagel präzise auf den Kopf trifft !
( 40 Jahre Schulerfahrung )
Was nun ?
Wer trotzdem noch Schule halten muss / darf :
- setzt sich für eine Umgebung ein, in der er gute Arbeitsbedingungen hat !
- hilft mit die Bürokratie herunterzufahren ( manchmal muss man etwas Sand ins Getriebe streuen )
- hat beim Schule machen immer sein Herz dabei !
- sucht sich jeden Tag etwas, woran oder worüber er sich freuen kann.
- erleichtert sich durch Herzlichkeit, Gelassenheit und Humor das Lehrerinnen- oder Lehrerleben !
- ist sich stets bewusst, dass nicht jede Neuerung, Reform oder anderweitige angebliche Qualitätssteigerung hält, was sie verspricht !
- prüft gut und folgt seinem Gefühl und der Intuition .
- hört dennoch nie auf, zu Lernen und sich auf Neues einzustellen!
Die Welt wird sich immer verändern !
- lässt sich nicht zur Lehrperson umfunktionieren
da ist der Weg zur Unperson nicht mehr weit!
(Mir würde es jedenfalls nicht im Traum einfallen,
mich auf die Frage nach meinem Beruf als Lehrperson zu bezeichnen.)
- sorgt dafür, dass unsere Schule weniger mit Papier, Listen und Abhäkelbogen und mehr mit Leben erfüllt bleibt
– plant gut, aber massvoll und realistisch !
Planwirtschaft hatten wir schon mal – was daraus wurde, kennen wir ja inzwischen ! )
Manchmal ist langsam besser als schnell und weniger mehr ! Entschleunige wieder mal… oder:
Bist du in Eile – so geh langsam !
Bleib bei dem, was dir wirklich wichtig ist und tu was du gut kannst.
Allen wünsche ich viel Energie und Freude zum „Schule machen“!
Kinder brauchen Liebe, um zu leben !
http://campus.ph.fhnw.ch/Main/UelisFeuerzeug
“Bildung und Forschung” sind in der Schweiz zwei heilige Kühe, die kaum geschlachtet werden. Da bekanntlich Hirnmasse unser einziger Rohstoff ist, werden diese Budgetposten nie in Frage gestellt – man würde politisch Selbstmord begehen, wenn man für weniger Ausgaben in der Bildung ist.
Nur beweisen diese Rückmeldungen und der ganze Beitrag, dass mehr Geld nicht mehr Qualität bedeutet. Gewachsen ist die Bürokratie und die Verwaltung, dazu noch als notwendig erachtete Qualifikationen, die im Berufsalltag zweitrangig sind (Akademisierung des Lehrerberufes – was mehr Jobs fernab der alltäglichen Schulrealität bedeutet).
Meines Erachtens kann man in der Schweizerischen Bildungslandschaft mindestens 20 % der Kosten ohne Qualitätseinbussen einsparen, wenn man die richtigen Prioritäten setzte. Es ist jedoch zu befürchten (respektive, es passiert ja schon…), dass die EDs bei den Männern und Frauen an der Front lohnmässig kürzen und pensummässig ausbauen werden, um sich selbst nicht zu gefährden. Eine Entwicklung, die wir in allen Bereichen beobachten können. Bald ist die Schule eine Armee mit 100 Generälen und keinen Soldaten.
Solange der LCH lieber mit dem Kopf nickt statt das Prinzip “Arbeitskampf” ins Auge fasst, wird sich an der Abwertung des Lehrerberufes nichts ändern. Dabei gefährdet der LCH mit seiner Passivität auch die Zukunft der Volksschule. Irgendwann ist diese so ein bürokratischer, ineffizienter und chaotischer Moloch, dass nur noch die Unterschicht ihre Kinder in die Gratisschule schickt. Der Reformwahn zerstört langfristig unsere Volksschule und via Privatschulen auch die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte an der Front. Da ist ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende. Das sollte man sich überlegen.
@ Hugo Reichmuth:
Ich teile Ihre Meinung weitgehend. Die hirnlose “Verwissenschaftlichung” ist genau so demotivierend und schädlich wie ein ebenso hirnloses Herumreiten auf einer Qualitätsbürokratie.
Die Tragik dabei, ist natürlich, dass ohne Wissenschaft und ohne Qualitätssicherung auch nur Mittelmass herauskommen kann.
KISS heisst keep it simple and stupid! (stupid heiss: so simpel einfach, dass es auch angewandt wird, nicht blöd). Das habe ich am Beispiel des Qualitätsmanagements seit 1995 selber erfahren. Zuerst fasste jeder Mitarbeiter zwei dicke Ordner, prall gefüllt mit Vorschriften. Keiner hatte sie gelesen oder gar deren Sinn verstanden.
Nach drei Jahren Ärger und Frust hatte man das auch in der Leitung verstanden und statt Vorschriften eben klare Abläufe “Prozesse” definiert. Das Resultat war durchschlagend! Alle wichtigen Vorgänge wurden auf einer einzigen Seite grafisch beschrieben, alle Knackpunkte wurden verstanden und umgesetzt. Qualität wurde ein Teil der Firmenkultur. KISS!
Ab dann brauchte es auch kein Heer von Sesselfurzern und Wichtigtuern.
Analog sehe ich das Problem der Verwissenschaftlichung. Ein solides Basisstudium muss als Qualifikation vorerst genügen. Das Geschäft (es ist nichts anders!) mit hunderten von Spezialkursen, die letztlich nichts bringen, als was der gesunde, fachlich geschulte(!) Menschenverstand in der Praxis zu Stande bringt, kommt auch nicht heraus. Nochmals KISS
Damit sei nichts gegen eine massvolle, gezielte Fachausbildung gesagt. Weiterbildung ist aber zu einem Selbstläufer geworden, ohne klare Ziele.
Die Frage, ob es schon zu spät ist, und die Privatschulen die Volksschulen überholen werden, steht für mich auch offen. Schade für die vernünftigen Beteiligten auf allen Ebenen.
[...] so etwas Klares gelesen zur Bildung: http://dasmagazin.ch/index.php/in-der-falle/ Posted in Uncategorized « 5 Tage [...]
Nicht die Schulreform für sich ist unsinnig, sondern die Form der Reform. Es ist ja kaum zu übersehen, dass das schweizerische Schulsystem (mit seinen zahlreichen kantonalen Ausprägungen)durchaus eine grundsätzliche Reform nötig hätte. Dafür sprechen bei weitem nicht nur die durchschnittlichen Pisa-Ergebnisse. Das Schweizer Schulsystem ist sehr teuer, der Medikamentenkonsum und die Suizidversuche von Schülern und Schülerinnen sind überdurchschnittlich, die Burnoutquote bei Lehrkräften immens, viele Eltern konsequent überfordert.
Das Hauptproblem ist meines Erachtens die föderalistische Struktur: 26 Schulsysteme auf dem Gebiet eines mittleren Bundeslandes – so ein blanker Unsinn. Das finnische Schulsystem ist im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt gleich teuer wie das schweizerische. Nur wird das Geld dort nicht in kantonale Verwaltungen samt den im Text beschriebenen Dauerreformen gepumpt, sondern in die (wisssenschaftlich fundierte und doch sehr praxisnahe) Ausbildung der Lehrkräfte, in die schulische Infrastruktur, in die Betreuungsquoten, in Förderprogramme für über- oder unterdurchschnittlich begabte Kinder und Jugendliche, in flächendeckende Ganztagesschulen mit sozialpädagogischer Betreuung, in gesundes Essen, in Sportanlagen und -kurse etc.
Schule in Finnland heisst: Klare staatliche definierte Rahmenbedingungen mit Umsetzung direkt in den einzelnen Schulhäusern, die Kleinunternehmen mit eigener Kostenverantwortung sind und sich nicht Kontingente von staatlich zugeteilten Schülern und Schülerinnen verlassen können. Das bedeutet, dass es zwischen staatlichen Rahmenbedingungen und den Schulen keine Zeit und Geld fressenden Behörden und Verwaltungen gibt, die anstelle von fachlichen Überlegungen parteipolitischen Kalkülen folgen.
Wenn die finnischen Schulen im Wettbewerb bestehen wollen, können sie sich gar nicht erlauben, die bestehenden wissenschaftlchen Erkenntnisse zu erfolgreichem Lehren und Lernen zu ignorieren. Solche Erkenntnisse wären: Tragende, auf Respekt basierende Beziehung zwischen Schülern und Lehrkräften; Verlagerung von Auswendiglernen zu selbsbestimmtem Lernen; vermehrtes Lernen in Gruppen; themen- anstelle von fächerzentriertem Unterricht; viel Bewegung und musische/künstlerische Aktivität; Ganztagesschulen mit gut ausgebildeten Betreuungspersonen; Stütz- und Förderunterricht; viel Pädagogik in der Lehrerausbildung; interdisziplinäre Teams aus Lehrkräften, Sozialarbeitenden, PsychologInnen etc.
All dies kostet Geld – Geld das bei uns durch die Geldvernichtungsmaschine ‘Föderalismus’ verschlungen wird. Die Erfahrungen in ganz Skandinavien zeigen: Wenn dieses Geld in die Ausbildung der Lehrkräfte, die Infrastruktur und die Qualität der Schulen investiert wird anstatt in Verwaltungen, dann steigt nicht nur der durchschnittliche Schulerfolg, es sinken auch die Leistungsunterschiede von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Zudem steigt das Ansehen der Lehrkräfte in der Gesellschaft, was den Beruf attraktiver macht, was die Zahl der Bewerber für Lehrerausbildungen erhöht, was wiederum erlaubt, nur die wirklich motivierten InteressentInnen auszuwählen, was wiederum die Qualität der Schule erhöht.
Es gäbe also schon viel Sinnvolles zu reformieren im schweizerischen Schulsystem; nur müssten dies grundsätzliche Reformen sein, die aktuell (noch) nicht mehrheitsfähig sind. Andere Staaten haben das schon lange gelernt und profitieren zunehmend davon. Wir werden’s auch lernen, wenn wir in Hinblick auf die durchschnittliche Ausbildungsqualität aller Kinder weiter an Boden verlieren.
Der Artikel “in der Falle” hat mir sehr aus dem Herzen gesprochen. Mein zunehmender Frust der letzten Jahre als Primarlehrerin wird in diesem Artikel haarklein abgehandelt. Super, dass es solche Professoren mit Mut gibt, die auch noch den wirklich wunden Punkt treffen.
Eine Schätzung: Wir könnten die gleiche Bildungsqualität mit einem Drittel weniger Mittel erreichen. http://ppetrin.wordpress.com/2010/05/06/von-wegen-sparen-in-der-bildung/
@ Martin Hafen: Sehr einverstanden! Obendrauf kommt noch dieser kleinkarierte Föderalismus im Schulwesen, als ob die naive Verwissenschaftlichung und der Qualitätsturbo nicht schon genug Idealismus und Energie zerstören würden.
Als überzeugter Föderalist finde ich es unglaublich und ebenso dumm, so viele parallelen Strukturen zu pflegen. Als ob eine Matur im Appenzell andere Ansprüche stellen würde als eine solche in Basel. Schafft endlich diese kantonale Matur ab. Ich fand es besonders spassig, dass meine Kinder im Gymnasium etwa die Hälfte der Lehrbücher aus Deutschland beziehen mussten. Und das ist nur ein Beispiel.
Es wirken wohl Tausende von gut meinenden Minikönigen in ihren Mikrokönigreichen.
Was hier sehr gut – und endlich mal in klaren Worten und von prominenter Seite – dargestellt wird, ist das Problem nicht nur des Bildungswesens, sondern aller unserer gesellschaftlichen Subsysteme, Gesundheitswesen, Politik, Wirtschaft, usw. Vor etwa 30 Jahren ist das Fach Organisationsentwicklung angetreten mit der Mission, ein Gleichgewicht anzustreben zwischen Produktivität und Menschlichkeit. Wenn ich nach etwa 30-jähriger Berufserfahrung als Organisationsentwickler die Zustände in unseren Organisationen und Unternehmen in den Blick nehme, dann frage ich mich, was wir OE-und anderen BeraterInnen da erreicht haben. Da kommt mir eher die Aussage in den Sinn: Sie verursachten, was sie zu verhüten gedachten. Meine eigenen Nachforschungen hierüber ergab das Resultat, dass immer wieder Ausschlüsse für diese widersinnige Dynamik verantwortlich sind. Sachebene und Intellekt sowie ökonomische Aspekte standen im Vordergrund unseres Bewusstseins, weitgehend ausgeschlossen blieben Beziehungs- und Gefühlsebene. Es fehlte unserem Bewusstsein an Integration der Zusammenhänge. Nicht das umfassende Gelingen stand im Fokus, sondern reinstes Zweck- und Nützlichkeitsdenken. Die kurze These dazu: Beziehung regelt die Sache. Beziehung i.S. des Einbezuges der jeweiligen Vorhaben in die Gesamtzusammenhänge.
Das ist natürlich kein Trost für die vielen betroffenen Bildungsbeflissenen, sondern eher eine Ermutigung, auf die eigenen Ressourcen: Intuition, Vision, Vertrauen, Kreativität, Mut, Kooperation, Selbstverantwortung, Gemeinschaftssinn etc. zurückzugreifen. Yes – we can!
Mehr: http://www.fairnetz.ch/db/daten/Gelingen.pdf
A. Erfolgreiche Biographie einer Lehrerin:
Frau Enja Riegel, Buchtitel “Schule kann gelingen”. ISBN-10: 3-596-16168-1
(Als Schulleiterin war sie 20 Jahre lang an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden tätig.
Beste deutsche Schule in der PISA-Studie.)
B. Erfolgreiche Biographien von Schülerinnen und Schülern:
“Treibhäuser der Zukunft – Wie in Deutschland Schulen gelingen”.
Eine Dokumentation von Reinhard Kahl. ISBN: 978-3-407-85830-6
C. Erfolgreiche Coachings:
Christoph Knecht, ck consulting – REFLEckTOR
http://www.REFLEckTOR.ch
Das war wie Balsam. Vielen Dank für den klärenden Artikel!
erstmal @ martin hafner: finnland ist leider ein unpassendes beispiel. im gegensatz zur schweiz hat finnland praktisch keine fremdsprachigen kinder. aufgrund der finnischen sprache, die schwer zu erlernen ist, ist finnland kein einwanderungsland wie die schweiz oder andere europäische staaten.
heute ist aus der schule gerade ein fragebogen der bildungsdirektion eingetrudelt: externe schulevaluation durch die fachstelle für schulbeurteilung. und wer bitte beurteilt endlich die bildungsdirektion?? dank diesem artikel habe ich mich jetzt wieder etwas beruhigt, da es ja offensichtlich immer mehr leute gibt, die sehen, was wir uns mit dem neuen volksschulgesetz und harmos eingebrockt haben
.
die sogenannte soziale integration von lernschwächeren kindern ist einzig und allein eine sparübung auf kosten von eltern, kindern und lehrern. geld, das nun für schreibtischtäter ausgegeben werden kann.
heute braucht es für ein kind, das neu eingeschult wird und lernschwierigkeiten hat, bis zu neun erwachsene, die sich regelmässig treffen und diskutieren, wie es denn nun mit diesem “schwierigen” kind weitergehen soll. nicht das kind, sondern unser jetziges system ist schuld an diesem unglaublichen und nutzlosen aufwand. kinder brauchen zeit, manche mehr, manche weniger. deshalb waren auch die a-klassen ideal für kinder, die einfach ein bisschen mehr zeit brauchten.
die sogenannte soziale integration von kindern, die früher in kleinklassen von speziell geschulten lehrern betreut und gefördert werden konnten, gehen in den heutigen klassen unter und sind überfordert mit den andauernd wechselnden lehrpersonen. dazu kommt die soziale ausgrenzung durch die befreiung von lernzielen und anderen stundenplänen. soviel zur integration! die lehrpersonen ihrerseits müssen gemäss unserer bildungsdirektion einen spagat zwischen sog. regelschülern und schülern, die eine spezielle betreuung benötigen, vollführen, der einfach nicht zu schaffen ist.
Die einzigen Mängel, die diesem Artikel vorzuwerfen sind, sind folgende: 1. Noch viel spannender als die Gegenüberstellung der Personen (+ 20% mehr Lehrkräfte, + 355% mehr Verwaltungspersonen) wäre der Vergleich der Kosten. Wieviel Franken pro Kopf werden wo ausgegeben. 2. Der Vergleich mit der Concorde im schweizerischen Bildungswesen ist insofern hinfällig, weil das tolle Vehikel schon lange abgestürzt ist. Das hat bis jetzt bloss (abgesehen von den Prakikern) noch kaum jemand mitbekommen. Entsprechend gleichen die meisten der Reformen und Weisungen aus den Bildungsämtern mit denen ich als Schulleiter täglich überhäuft werde mehr dem Running Gag um das berühmte “Tote Pferd”. Kann gegooglet werden (”auf einem toten Pferd reiten”
Anmerkung der Redaktion: Eine Flut von Leserbriefen zu “In der Falle” erreichte die Redaktion diese Woche. Die nicht oder nur teilweise gedruckten sind hier online zu lesen:
—
Als erfahrener, nach wie vor sehr motivierter Lehrer habe ich Ihren Artikel mit Interesse gelesen und er tat mir gut. Es wird so viel Wahres auf den Tisch gelegt – man vermutet einen Vollblut – Praktiker dahinter.
Doch ein Aspekt bleibt zu ergänzen.
Reformen mit einer klaren Zielsetzung gibt es meiner Meinung eigentlich nicht. Sie kommen emotional gesteuert und sind immer eine Auflehnung oder gar ein Aufstand – natürlich von unten nach oben. So auch bei der Mutter aller Reformen: Bei der Reformation. Deshalb möchte ich den vielen sehr guten Gedanken hier beifügen, dass viele dieser bildungspolitischen Fürze nicht den Namen Reform verdienen.
Es sind zum grossen Teil von oben herab verordnete, unausgereifte Ideen. Und so sind sie wohl eher als Betriebsamkeiten oder Rechtfertigungsversuche eines Apparates zu bezeichnen, der damit nach seiner Existenzberechtigung sucht.
—–
Thomas Gilg, Knonau
Zu diesem Artikel kann man nur sagen „perfekt“! Der Beitrag benennnt treffend die Gründe für die heutige Schieflage der Volksschule. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Bildungspolitiker und die Bildungsverwaltung merken, wo es anzusetzen gilt, nämlich bei ihnen selbst. Es ist definitiv Zeit für einen Marschhalt (mit Sparpotential).
René Albertin
8122 Binz
—-
Die Schule hält nicht mehr lange durch. Das System droht zu explodieren, wenn von den Bildungsplanerinnen und -planern nicht sofort das Steuer herumgerissen wird. Es hat viel zu wenige Lehrerinnen und Lehrer, welche heute in ihrem erlernten Beruf arbeiten wollen.
In der Mainummer des Schulblattes des Kantons Zürich, die von der Bildungsdirektion herausgegeben wird, sind über 150 offene Stellen an Zürcher Schulen publiziert. Die Schulleitungen und Schulverwaltungen sind seit Monaten damit beschäftigt, wöchentlich Internetportale nach geeigneten Lehrpersonen abzuklappern, auf Ausschreibungen hin vor den wenigen Kandidatinnen und Kandidaten fast den Kniefall zu machen und für viel Geld selber Inserate zu schalten.
Die offenen Stellen sind aber immer an Bedingungen geknüpft wie passende Ausbildungsprofile, entsprechende Zusatzqualifikationen und häufig unzumutbare Teilzeitpensen. Immer verlangt wird auch die Bereitschaft zur engen Zusammenarbeit mit Stufenpartnerteam, Teamteachinglehrpersonen und allen weiteren am Unterricht beteiligten Fachlehrkräften. Neuerdings hat sich im Kanton Zürich auch der Ton in Sachen Lehrmittelpolitik verschärft. Die Lehrerinnen und Lehrer als Fachleute weichen immer mehr auf ausserkantonale Unterrichtsmaterialien aus, welche sich in der Praxis einfach besser bewähren und durch klaren Aufbau mehr Lernerfolg garantieren als die hauseigenen komplexen Lehrmittel. Fazit: Das Berufsfeld der Lehrenden durch Vorgaben, Massnahmen und Verbote immer enger – genau das falsche Konzept, das man in der pädagogischen Arbeit unbedingt verhindern will. Denn im Klassenzimmer zählen nach wie vor die Werte wie Eigenverantwortung, Vertrauen und Wertschätzung!
Anita Hürlimann, Schulleiterin
Rümlang
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Der Artikel bringt die heutige Situation in der Bildungslandschaft auf den Punkt. Für pädagogische Reformer muss er Pflichtlektüre sein, da diese Schreibtischtäter am Samstag nicht arbeiten und den Wochenstart mit der Montagsausgabe des Tagesanzeigers beginnen.
Cenzo Keller
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Ein wunderbarer Artikel zum Reformwahn an den Schweizer Schulen! Es braucht viel Mut und eine grosse Portion Unabhängigkeit, die Reformflut, die die Volksschule seit 15 Jahren überschwemmt, so klar zu kritisieren, wie das Roland Reichenbach im Artikel von Martin Beglinger tut.
Allerdings fehlt mir die Angabe von Gründen für diese Entwicklung. Sie liegen meiner Meinung nach zum einen in der Ökonomisierung der Bildung, deren Ziel es sein soll, die Kinder zu funktionierenden Rädern einer globalisierten Wirtschaft zu erziehen. Andererseits geht es darum, über das Installieren von teilautonomen Schulen (Autonomie tönt ja wirklich gut) die alte basisdemokratische Organisation der Lehrkräfte zu schwächen, indem die Behörden (ihre) Schulleiterinnen und Schulleiter in die Schulhäuser schicken. Diese Hierarchisierung der Schulorganisation wird leider auch von der SP unterstützt.
Erziehung darf nicht zum Tummelfeld der Wirtschaft werden, oder wie es die Besetzerinnen und Besetzer unzähliger Universitäten Westeuropas im Herbst 2009 auf ihre Transparente schrieben: Education is not for sale!
Christian Labhart, Wetzikon
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Eine Weisheit der Dakota – Indianer lautet: „Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.“
Im Bildungswesen ist das nicht opportun.
Es kommen andere Lösungsstrategien zum Einsatz:
· Wir erklären: Kein Pferd kann so tot sein, dass man es nicht noch reiten könnte.
· Wir überarbeiten die Leistungsbedingungen für tote Pferde.
· Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
· Wir definieren neu den Qualitätsstandard für den Beritt toter Pferde.
· Wir wechseln die Reiter aus.
· Wir bilden eine Taskforce, um das Pferd wiederzubeleben.
· Wir ändern die Kriterien die besagen, dass ein Pferd tot ist.
· Wir bilden einen Crash-Kurs, der sich mit den Bedürfnissen toter Pferde befasst.
· Wir stellen Berater an die angeblich wissen, wie man tote Pferde reiten kann.
· Wir bilden Qualitätszirkel um eine mögliche Weiterverwendung toter Pferden zu evaluieren.
· Wir geben eine Studie in Auftrag um abschliessend abzuklären, ob es billigere und trotzdem bessere tote Pferde gibt.
· Wir entwickeln ein Motivationsprogramm für tote Pferde.
· Wir schirren mehrere tote Pferde gemeinsam an mit dem Ziel, schneller zu werden.
· Wir verteilen an Qualitätssicherungsseminaren ein Handout mit der Überschrift: „So haben wir das Pferd doch immer geritten!“
· Wir präsentieren eine PPP unter dem Titel: „Tote Pferde im Wandel der Zeiten.“
· Wir strukturieren um, damit eine andere Abteilung das tote Pferd wiederbelebt.
Christoph Lerch
3076 Worb
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In der Falle. Wie die Schule von Reformwahn und Bildungsbürokratie erdrückt wird.
Die Ausführungen zum Bildungsbereich stehen exemplarisch für viele andere. Im Gesundheitsbereich gelten deckungsgleiche Verhältnisse. Eine seriöse Ausbildung bzw. Weiterbildung sowie eine Fortbildung, in der das aktuelle Wissen angeeignet wird, steht primär nicht zur Diskussion. Was zur Diskussion steht, ist etwa der Viertel der produktiven Zeit, der für ausufernde bürokratische Ambitionen geleistet werden muss. Wie Martin Beglinger schreibt, tragen diese die wohl klingenden Namen wie evidence based irgendwas, Qualitätsmanagement, Berichte, Stellungnahmen, Gutachten usw. Alle diese Erfordernisse sind letztlich nichts anderes als ein Ausdruck des generellen Misstrauens, da jeder Berufstätige a priori dem Verdacht des Missbrauchs und der Inkompetenz ausgesetzt ist. Die Konsequenz, die sich niemand eingesteht, ist die Abdankung der Ausbildung, wo heute das statistische Mittelmass das höchste allen Wissens ist und letztlich dem Einzelfall, dem Patienten bzw. dem Schüler in keiner Weise gerecht wird. Der Mensch des Menschen Feind ist die Maxime im mitmenschlichen Umgang. Niemand verhält sich mehr so und erwartet es von den anderen, dass er sich auf das, was getan und gesagt wird, verlassen kann, und das gilt, was vereinbart wurde. Statt Kooperation zählt Ellbogenfreiheit und statt Rücksichtnahme gilt selbstverständliche Eigenbeanspruchung aller möglichen Rechte. In zweiter Linie steht die Ausbildung doch zur Diskussion, da die Gesellschaft fördernden Werte zu vermitteln wären.
Dr. Franz N. Brander, Zürich
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Geschätztes Redaktionsteam 16.5.10
Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem hervorragenden Artikel „In der Falle“ im letzten T-A Magazin, und ich bitte Sie, meinen eingefügten Leserbrief (wenn nötig auch gekürzt), im Magazin zu veröffentlichen.
Leserbrief
Der Artikel „In der Falle“ ist hervorragend! Mit grosser Sachkenntnis wird aufgezeigt, mit welchem Zynismus die Bildungsbürokraten unsere Kinder als Versuchskaninchen und als knetbare Experimentiermasse missbrauchen. Ein „Zurück“ gibt es ja gemäss des „Concorde-Prinzips“ nicht, da jede Schulreform grundsätzlich zum Erfolg verdammt ist. Diese Berufsreformer fahren vermutlich wohl alle Autos ohne Rückwärtsgang.
Als pensionierter Lehrer möchte ich noch hinzufügen: Eine besondere Sünde dieser Schreibtischtäter besteht in meinen Augen darin, dass sie die wohl effizienteste Unterrichtsform, nämlich das Unterrichtsgespräch mit der ganzen Klasse als „Frontalunterricht“ verteufeln. An dessen Stelle soll Gruppenunterricht, selbstgesteuerter Unterricht“ und weiss Gott was alles treten, ohne dass je ein seriöser Vergleich mit den traditionellen Lernmethoden stattgefunden hätte. Aber Eltern und Schüler stellen ihre Vergleiche an. Das führt dann zu Elternprotesten und Schülerstreiks wie in Neftenbach, weil die betroffenen Schüler schon bald das Gefühl hatten, sie seien bei den Mittelschulaufnahmeprüfungen und Stellenbewerbungen benachteiligt.
Eduard Crosina, Seuzach
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Professor Reichenbach hat absolut Recht. Ändern wird wohl auch er nichts können. Die Schule wird immer mehr verwaltet. Jeder ist mal zur Schule gegangen, also ist er auch ein Schulfachmann, der es besser weiss als alle andern. Als Politiker muss er sich ein Denkmal setzen, also die Arbeit seiner Vorgänger reformieren und neu gestalten.
Vor 50 Jahren gab ich das erste Mal Schule. Die Kinder redeten mich mit „Schulmeister“ an. Das versuchte ich dann ein Berufsleben lang: Die Schule zu meistern. Leicht wurde es mir nicht gemacht. Regelmässig wurde das System wieder geändert, die Papierflut wuchs. Mein alter Kollege sagte dazu: „Äs änderet gäng, aber es guetet nüt“.
.Die Ausbildung wurde universitär, Pestalozzi mit seinem Bildungsideal von Kopf, Herz und Hand ein lebensfremder Spinner. Entscheidend scheint heute zu sein, dass man den PC beherrscht, vielleicht noch Fussball oder Tennis spielen kann, wenn man Erfolg im Leben haben will. Alles andere ist altmodischer Ballast. Was man nicht weiss, kann man ja notfalls googeln.
Eine Frage sei noch erlaubt: eine Kindergärtnerin, eine Lehrperson muss heute die Matur haben. Reicht es, nur gescheit sein oder sollte man vielleicht die Kinder auch gern haben um sie zu unterrichten?
Erich Lüpold, Münsingen
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Seit Ernst Buschor hat das Bildungswesen die industrielle Revolution nachgeholt. Der Bildungshandwerker in der Zürcher Gemeinde war vom Volk gewählt und damit Respektsperson, auf Augenhöhe mit jedem Schulpfleger und Gemeinderat. Er entwickelte aus teilweise sogar mehr als 40 Schülern pro Klasse lebenstüchtige Individuen und war nur ihrer Entwicklung verpflichtet. Qualifiziert wurde der Lehrer alle sechs Jahre durch sein Wahlergebnis, das auch die Schüler mit Interesse zur Kennntis nahmen. Fachliche Probleme wurden in der grossen Pause im Lehrerzimmer unter Kollegen beraten und entschieden. Im Laufe der Bildungsindustrialisierung ist der stolze Bildungshandwerker durch Bildungsarbeitende und einen Overhead ersetzt worden. Die Frage ist doch die, ob die Entwicklung von Individuen auf handwerklicher Basis nicht doch vorzuziehen wäre.
Felix Hunziker-Blum
8200 Schaffhausen
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Leserbrief zum Artikel „In der Falle“ Magazin N. 19
Roland Reichenbach sagt, dass „am Schluss (…) Sinn und Gelingen im pädagogischen Bereich von konkreten Menschen ab(hängt), ihrem Einsatz, ihrer Haltung und Beziehung.“ Trotz notwendiger Akademisierung der Lehrerbildung bleibt auch das Institut Unterstrass an der PHZH der naiven Überzeugung, dass wir die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden stärken müssen. In der Lehrerbildung und in der Volksschule.
Hier mögen wir mit der Meinung vieler Reformkritiker übereinstimmen. Zusätzlich sind wir aber ebenso überzeugt, dass unsere Gesellschaft und die Schule Visionen braucht und wir diese mittragen. So ist die Integration aller in die Gemeinschaft zu wichtig, um in einer allgemein reformkritischen Stimmung geopfert zu werden. Wir zählen auf Lehrpersonen, die „an die Entwicklung der guten Kräfte im einzelnen Kind (…) glauben und sich dafür nach Möglichkeit einsetzen.“ Und sich trotz Reformunmut für lohnende Visionen engagieren.
Freundliche Grüsse
Matthias Gubler
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Ziel der Schule wäre es, dass die Schüler etwas lernen. Die meisten Reformen der letzten zwanzig Jahre wollten die Schulen aber immer mehr zu Erziehungs- und Kinderhüteanstalten umfunktionieren, teils aus ideologischen Gründen, teils um die Eltern zu entlasten. Dabei lernen die Kinder immer weniger, zum Beispiel im wichtigsten Fach Deutsch, aber auch in Naturwissenschaft und Geschichte, und die Schule wird immer teurer. Die Schulqualität hängt zu neuenzig Prozent ab von der Qualität der Lehrkräfte und nicht von der Schulorganisation oder dem Lehrplan. Wir müssen also dafür sorgen, dass unsere besten Leute den Lehrerberuf wählen, und dass sie gut ausgebildet werden. Schwache Lehrer sind zu fördern, und wenn das nicht mehr möglich ist, müssen wir uns von ihnen trennen. Die Schulen brauchen eine hohe Autonomie, denn nur sie kennen die Probleme an der Front aus ihrer täglichen Arbeit, und Autonomie wirkt für Lehrkräfte und Schulleitung motivierend. Sie dürfen nicht abgelenkt werden von profilierungssüchtigen Politikern und Beamten – ich wundere mich immer wieder, was sich die Lehrer da alles gefallen lassen. Am einfachsten kann das alles erreicht werden, indem man die Zahl der zuständigen Beamten auf die Hälfte reduziert; es sind dann immer noch viel mehr als vor zwanzig Jahren. Es ist nicht schwierig, die unnötigen oder unfähigen Beamten zu finden. Falls sie etwas taugen, werden sie auch leicht eine neue Stelle als Lehrer finden. Auf welche Projekte verzichtet werden soll und wie man das rechtlich und politisch umsetzt, dürfen wir getrost den Behörden und Juristen überlassen. Es reicht, den Kredit für die Verwaltung der Volksschule auf die Hälfte zu reduzieren. Zum Wohl unserer Kinder!
Hans Wehrli, alt Stadtrat von Zürich
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Die Lehrerbildung erfüllt ihren Auftrag unzureichend
Auf die Lehrpersonen und nicht auf das Bildungssystem kommt es an, ist für mich eine der Kernaussagen des scharfsinnigen Beitrags von Martin Beglinger. Wir sind auf Lehrerinnen und Lehrer angewiesen, die mit Freude und Engagement ihren Beruf ausüben. Nur: Werden die jungen Lehrkräfte an den Pädagogischen Hochschulen wirklich auf ihre zukünftige Aufgabe in den Schulklassen vorbereitet? Die alarmierend kurze Verweildauer des Lehrernachwuchses im Schuldienst zeigt, dass die aktuelle Lehrerbildung schief konzipiert ist und am falschen Ort akademische Höhenflüge gemacht werden
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Der Verlust der besten Didaktiklehrer mit langjähriger Schulpraxis durch die innere Akademisierung der Pädagogischen Hochschulen hat zu einem massiven Realitätsverlust geführt. Wo sind die diese besten Lehrkräfte der Volksschule geblieben, die mit ihrer wertvollen Unterrichtserfahrung die Studierenden auf ihren ersten Einsatz gut vorbereitet haben? Sie sind meist durch Erziehungswissenschafter ohne ausreichende Volksschulpraxis ersetzt worden.
Die Studierenden schreiben heute seitenlange Arbeiten, die wenig bis gar nichts mit der späteren Schulpraxis zu tun haben. Sie sind froh, wenn sie dafür ihre Kreditpunkte erhalten, aber mit innerem Interesse an Bildungsfragen hat dies oft herzlich wenig zu tun. Auch die Beliebigkeit der Fächerwahl bei den verschiedenen Ausbildungsprofilen hat nicht dazu beigetragen, die jungen Leute für ihren Berufsauftrag umfassend vorzubereiten. Es ist höchste Zeit, dass man gründlich über die Bücher geht und sich wieder auf den eigentlichen Auftrag der Lehrerbildung besinnt.
Hanspeter Amstutz
Sekundarlehrer und Bildungsrat
Fehraltorf
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„Das Magazin“ No. 19
Wieder eine ausgezeichnete Situationsanalyse unserer heutigen Volksschule, aber jetzt sollten Taten folgen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, doch irgendwo muss man beginnen. Ein Vorschlag unter vielen: Sofort aufhören mit dem Unsinn der „Qualitätstage“, an welchen über „Schulentwicklung“ palavert wird. Ein ganzer oder sogar mehrere Tage Lektionssausfall im betreffenden Schulhaus, obwohl die Bildungsdirektion das Schlagwort „Schule findet statt“ hinausposaunt, missmutige Lehrkräfte, die sich langweilen und lieber unterrichten würden, verständnislose Eltern, welche die Kinderbetreuung organisieren müssen und zusätzliche Kosten, während gleichzeitig über zu wenig Geld im Bildungssektor gejammert wird. Welche Behörde hat endlich den Mut, mit gutem Beispiel voranzugehen, solchen Leerläufen den Kampf anzusagen und bei der Bildungsdirektion entsprechend auf den Tisch zu klopfen?
Hans-Peter Köhli, Zürich
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„Ich bin ein überzeugter Pessimist“, sagt Peter Bichsel im Film „Zimmer 202“, und der ehemalige Lehrer erwähnt dabei auch die Entwicklung der Schule. Als „fröhlichen Pessimisten“ bezeichnet sich der Pädagogikprofessor Reichenbach. Und der Direktor einer der neuen Pädagogischen Monsterhochschulen sagte mir in vertraulichem Gespräch auf meine Frage, warum man denn gegen die jeden pädagogischen Elan lähmende Bürokratisierung und den ruinösen Reformwahn so wenig unternehme, resigniert: „Wir müssen ganz unten durch“. Genau das meint Reichenbachs anschauliche Metapher „Concord-Falle“, in welche sich die Bildungsadministration verfangen hat. Das sich abzeichnende Grounding der Bildung hat seine Wurzeln in der Ökonomisierung des Bildungsbetriebs – Buschor sei Dank. Wer sich dagegen wehrt, dass Kinder und junge Menschen als programmierbare Problemlösungsmaschinchen instrumentalisiert werden, gilt als „Humboldt-Romantiker“, vorwiegend bei solchen, die kaum eine Zeile Humboldt oder von Hentig gelesen haben, die aber Bildungspolitik betreiben, als hätten sie „Excel“ im Gehirn installiert. Hoffnung ist nicht in Sicht, denn jeder Schöpfer eines Reformprojekts, jede Beauftragte einer Erhebung usw., sie alle halten ihre emsige Tätigkeit hinter den Kulissen des tatsächlichen Schulbetriebs für unverzichtbar, und sie alle wissen natürlich übers Unterrichten und Erziehen besser Bescheid als die Lehrpersonen selbst.
Aber vielleicht kommt die Zeit, wo sich Eltern, Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen diesen verordneten Wahnsinn nicht mehr gefallen lassen, dass Lehrerinnen und Lehrer ihren Pestalozzi im Hinterkopf vorübergehend löschen und dafür Gandhis „Satyagraha“ (ziviler Ungehorsam) herunterladen. Ein erster Schritt dazu wäre gar nicht so schwer, denn in jedem Schulzimmer, Labor, Büro und auch in jedem Computer gibt es einen Papierkorb.
Peter Stettler, Grüningen
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Sehr geehrte Damen und Herren
Na, ist er nicht süss, unser Pädagogikprofessor? Vom sicheren Port lässt sich’s gut raten! Ist sein Institut offenbar nicht darauf angewiesen, sich mit Beratungsaufträgen zu validieren?!
Ist er selber Opfer des Concorde-Effekts, weiss er nicht, dass Beratung gut und gerne 40 % der Lohnsumme des Tertiärbereichs ausmacht ? Angefangen mit dem Lifestyle/Cooltur Mischmasch in Zeitungen und Büchern, über Still-Beratung und Meditations-Anleitungen, Hundepsychologie, Manne-/Fraueläden, Farb- und Self(re-)assessment, von seriöser (!) Management- und Kommunikationsberatung für Parlamentarier und Staatsverwaltungen ganz zu schweigen ??
Warum also sollte die Beratitis ausgerechnet vor unseren Schulstuben Halt machen?
Keine Bange, die wirklich gut beratenen LehrerInnen sind – sicherheitshalber nach Rücksprache mit Coach und nach second opinion-Supervison – mindestens im Teilpensum als päd. BeraterIn tätig. Und überhaupt, wie sagt die Bauernregel: Die guten halten’s aus, um die andern ist’s nicht schad.
Oder wäre es langsam Zeit, sich der Axt im Hause zu erinnern?
PS
Nach dem kecken Beda Stadler nun also der kesse Reichenbach?
Wer bitte, berät denn die Professoren? Sind sie auch nicht mehr, was sie einst waren -
Mit freundlichen Grüssen
Philipp Kaufmann
8006 Zürich
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Gut dass Sie dieses Thema aufgreifen und thematisieren.
Es ist in letzter Zeit zwar schon der dritte von mir gelesene Artikel über dieses
Thema. Jedoch habe ich in diesen nie über detaillierte Reformvorschläge
gelesen. Die Bevölkerung würde solche sehr interessieren und wünscht über
solche informiert zu werden. Kritiken allein bringen nichts.
Es wäre interessant einmal von verschiedenen sogenannten
Insidern (Lehrern und auch Erziehungswissenschaftlern aus dem Bildungswesen,
aber ohne Politiker) zu lesen, wie deren Vorschläge aussehen.
Mir ist klar, dass Primar-, Sekundar- u. Mittelschule verschiedene
Bedürfnisse haben. Man sollte es aber doch fertigbringen,
“gesamtschweizerisch” ein Bildungssystem mit gleichen Lehrmitteln
zu schaffen, das allen gerecht wird.
Der Kantönligeist sollte schon lange schubladisiert werden.
Vorschlag: In jedem Kanton wird eine Gruppe von erfahrenen Lehrern gebildet,
die aus ihrer Sicht detaillierte Vorschläge erarbeiten.
Anschliessend wird aus den kantonalen Gruppen
(von jedem Kanton 2-3 Personen) eine Gruppe gebildet, die die
verschiedenen Vorschläge diskutiert und den Willen hat, daraus
einen gesamtschweizerischen Vorschlag zu präsentieren.
Vielleicht ist es von mir zu naiv zu denken, dass so etwas
stattfinden könnte und zu einem Ergebnis führt.
Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Rainer Klotzbücher, Zürich
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“Selten so einen guten, d.h. fundierten Bereicht zur Reformitits der Schulen, insbesondere im Kanton Zürich gelesen. Kompliment. Er zeigt u.a. sehr schön auf, dass wenn man sich zu Reformen kritisch äussert, sehr schnell in die Nähe der SVP gerückt wird, was man (ev.) ja gar nicht will. Zur Integration insbesondere von geistig behinderten Kindern in die Regelschule ist ausserdem noch anzumerken, dass es nicht nur organisatorische, strukturelle bzw. finanzielle Mängel sind, die eine solche Integration nicht als sinnvoll erscheinen lassen. Es gibt hier auch eine Reihe von inhaltlich-fachlichen Einwendungen, die man hier machen könnte bzw. machen muss. Es wird nämlich kaum einmal über die Frage nachgedacht, wieviel denn ein Kind mit geistiger Behinderung für seine Verhältnisse adäquat lernen kann, wenn seine ganze Umgebung ihm kognitiv haushoch überlegen ist. Auch die so oft vielbeschworene soziale Integration ist mit vielen Schwierigkeiten gespickt und es reicht einfach nicht zu sagen: “Schön, dass es (?) dabei ist”. In diesem Bereich ist eine Entschleunigung dringend geboten und das neue sonderpädagogische Konzept der Bildungsdirektion des Kanton Zürich, vehement abzulehnen. Vielmehr wäre es sinnvoll, wenn sich Regel- und Sonderschulen zu kooperativen Modellen bekennen würden, was soviel bedeutet wie gemeinsame Lager, Feste, Projekte usw. usf. zu organisieren. Dies wäre nachhaltiger im Sinne einer Integration als die Schein-Integration in die Kernfächer der Regelschule, wie Lesen, Schreiben und Rechnen etc.
Dr. Riccardo Bonfranchi
Sonderpädagoge
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Lehrerinnen und Lehrer sind rundum Opfer. Die kollektive Täterschaft, die für den Reformwahnsinn verantwortlich ist, wird entlarvt und schuldig gesprochen: die Politik und Bildungsverwaltung, sich prostituierende Bildungswissenschaften und die Schmarotzer des Systems, die der Praxis entflohene Zunft der Experten und Berater. Dass gesellschaftliche Veränderungen (Stichworte dazu: Migration, Gender-Thematik, Mobilität) Anlass für Reformen sein könnten, wird nicht expliziert. Diese Vorstellung kollidiert mit dem Täter-Opfer-Schema.
Das dominante Schema ist zu einfach. Die Probleme der Lehrerschaft, der Schulleitungen, der Kinder und deren Eltern werden durch die pathologisierende Rhetorik des „Reformwahnsinns“ nicht gelöst. Es braucht einen konstruktiven Dialog unter allen, die an einer guten Schule interessiert sind.
Unklar geblieben ist, ob es um ein Porträt von Roland Reichenbach, ein wichtiger und interessanter Querdenker, oder um die Diagnose von Schulen gegangen ist, die im Wandel bestehen müssen. Das ist nicht das Selbe!
Martin A. Riesen
Veronika Baumgartner
Biel-Bienne
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In der Regel sind ständige und sachte Reformen – in allen Lebensberechen – nötig, um Revolutionen zu verhindern. Nach dem Umkrempeln der Bildungslandschaft stellt sich eher die umgekehrte Frage: Wann bricht die Revolution aus, um diese Reformitis zu beenden? Oder erledigt sich das Problem mit der Kündigung des letzten Lehrers von selbst? Übernehmen dann die Experten und Bildungspolitiker die verwaisten Schulklassen? Viel Glück.
Geri Schwager, Aadorf
PS: Kompliment für diesen hervorragenden Beitrag! Typisch “Magazin” !
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Unter dem Titel „Schule im Sinkflug“ forderten unlängst 5000 Lehrpersonen unter dem Stichwort „unsorgfältige Reformen und überbordende Adminstration“ einen Marschhalt im Reformwahn. Aber nicht etwa die vielen erfahrenen, besonnenen, schon immer kritischen Lehrpersonen spielten sich als Wortführer dieses sehr berechtigten Protest- und Hilfe-schreis auf – nein, ausgerechnet der VPOD, der während Jahren die Reformitis mit Hur-ragebrüll begleitet und angetrieben hat, setzt sich an die Spitze derer, die endlich einse-hen: So geht es nicht!
Die nun über die Schule hereinbrechende totale schulische Integration, ohne dass dafür die nötigen Finanzen und Lehrkräfte vorhanden sind, hat offenbar auch den Letzten auf-gezeigt, dass die Bildungstheoretiker uns auf den Holzweg geführt haben!
Thomas Ziegler, Elgg
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Bildungsdirektor Buschor wird von einem aggressiven Reformvirus befallen. Man sieht ihn in seinem Büro auf und ab gehen. In einer Art Babyenglisch stösst er unverständliche Laute aus und spielt mit Computern. Er übt seine Rede, die er vor dem Kantonsrat halten wird. Darin verordnet er die Verlegung sämtlicher Schulen der Stadt um ein Haus weiter (im Gegenuhrzeigersinn) und verpasst ihnen neue Namen wie Cantonal High School for Hand-work. Middle School zum Reissenden Bach. Seminary for Adultry Education, und die guten alten Kindergärten heissen nun Extended Ground Step Schools beziehungsweise während einer Übergangsfrist von zehn Jahren Preparatory Childrengardens (PC).
Im Kantonsrat: «Herr Regierungsrat, darf ich Sie respektvoll darauf hinweisen, dass Ðadultry educationð nicht Erwachsenenbildung, sondern, sowohl in Früh- als auch in Spätenglisch, Ehebruch heisst? Und can you tell me what early English means in early English?» Doch Buschor nimmt diese Frage gar nicht wahr und fährt reformbeseelt weiter: «Whatever the case, I am sicher, that alles will be besser, when the first generation of Childrengardenkinder can töggele text of Packungsbeilagen into the Childrengardencomputer in elevated Frühenglisch. It ist only then, that the Kantonsrat will merken, the importance of being Earnest.
Walter Fischer
5632 Buttwil
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Im Juli 2008 habe ich im Alter von 52 Jahren meine durchaus erfolgreiche und erfreuliche Laufbahn als Sekundarlehrer sprachlich historischer Richtung vorzeitig beendet. Ich wollte nicht weiter mit dabei sein, wenn unsere einstmals sehr gute Schule frontal gegen die Wand gefahren wird. Wenn ich in einer Gesprächsrunde meinen Entscheid begründen soll, kann ich in Zukunft auf den Artikel „In der Falle“ verweisen, der die Misere mit der Reformwut im Volksschulbereich gut auf den Punkt bringt. Concorde-Falle ist ein sehr guter Vergleich. Man könnte auch vom Weyermann-Prinzip sprechen: „Gring ache u seckle.“
Ich hege sogar ein wenig die Hoffnung, dass ein Artikel mit dieser Reichweite etwas bewirken kann. Allerdings ist die Hoffnung klein, denn ich habe immer wieder erlebt, dass diese Reformen mit einem geradezu religiösen Eifer angegangen und verbreitet werden. In dieser Hinsicht ist mir besonders die Einführung des neuen Lehrplans im Kanton Zürich vor gut zehn Jahren in Erinnerung geblieben. Es ging dabei nur sehr nebensächlich um den Lehrplan; im Vordergrund stand die Absicht, das Arbeiten nach Wochenplan umfassend und flächendeckend einzuführen. Die Methode hat sicher viel Gutes für sich, aber die Inbrunst und Absolutheit, mit der diese Idee zur Doktrin gemacht und verbreitet wurde, hatte etwas lächerlich Sektiererisches. Ich hätte mir damals manchmal gewünscht, Hugo Stamm als Sektenspezialist würde sich der Sache annehmen.
Heute müsste das Motto lauten: Wer A sagt, muss nicht unbedingt B sagen, er kann auch erkennen, dass A falsch war. Nur fürchte ich, dass man schon mindestens in der Mitte des Alphabets angelangt ist.
Werner Guntli, Zürich
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Die “Reformitis” ist längerfristig halb so wild, sie ist der Pendelausschlag in eine Richtung. Als ich 1981 in den Schuldienst trat, war das bernische Schulwesen am anderen Ende, am Höhepunkt eines verschlafenen und veralteten Schulwesens angelangt. Im Laufe meiner ersten zehn aktiven Jahre als Lehrerin gab es dann Bewegung im Kanton. Anfang der 90er Jahre geriet alles zusätzlich in den Sog der “New-Economy” und es wurde fortan die Messlatte nach Effizienz gesetzt. Nun mussten jedoch Reformen gleichzeitig Sparübungen sein, sonst kamen sie politisch nicht durch. Es war von Anfang an absehbar, dass dies nicht viel Vernünftiges hervorbringen konnte.
Selbstverständlich kann man keine Auflösung von Kleinklassen vorantreiben, ohne in den Volksschulen die Strukturen zu hinterfragen. Die Kleinklassen sind ja entstanden, weil das System sie nicht erfolgreich integrieren konnte! Es basiert immer noch auf den Interessen der Mittelschicht. Mit einigen Stunden Stütze ist den aus der Unterschicht stammenden Kleinklasseschülern nicht gross geholfen. Es ist aber ein Fortschritt, dass der Integrationsgedanke inzwischen mehrheitsfähig ist. Das dauert alles seine Zeit. Die Schule ist kein Unternehmen, sondern eine Institution. Das ist nicht die effizienteste aller Organisationen, aber die einzig Denkbare, die den Interessen aller Schichten der Gesellschaft einigermassen Rechnung tragen kann.
Als Fazit der Bildungsdiskussion bleiben lediglich zwei brisante Punkte, auf die es wirklich ankommt:
1. Das Bildungssystem darf keine Verlierergruppen produzieren. Das System ist nur so gut, wie es seine schwächsten Mitglieder mittragen kann. Für die Anderen muss man keine Angst haben, die machen ihren Weg, wenn sie ein Minimum an Anstrengung erbringen. Konsequenzen daraus für Bildungssysteme sind Abbau von Schicht-Schranken aufgrund früher Selektion, und Aufbau von integrativen Systemen auf Volksschulstufe. Für die Lehrpersonen, die entsprechend ausgebildet werden müssen, heisst das, höhere Ansprüche in der Ausbildung. Aber nicht einseitig wissenschaftlich, sondern auch an die Persönlichkeitsbildung. Die PH`s müssten allerdings tatsächlich nicht auch noch schwerpunktmässig in der Forschung aktiv sein, dafür gibt es die Unis, die sind allemal kompetenter. Das behaupte ich als aktive Lehrperson, aber auch als aktuell Studierende der Erziehungswissenschaften. Im nachobligatorischen Berufs-Ausbildungssystem sind wir bereits auf gutem Weg, es ist durchlässig mit den neuen tertiären Modulen. So werden auch mehr bildungsferne Schichten den Weg zu akademischen Abschlüssen finden. Eine reine Akademisierung wird die Chancen der Bildungsfernen verschlechtern, das duale System mit Berufs-Lehre ist hier durch nichts zu ersetzen.
2. Die kantonale Bildungshoheit entspricht nicht mehr dem Entwicklungsstand und den Bedürfnissen. Sie steht etwa so schräg in der Landschaft, wie es uns anmutete, wenn wir heute noch an jeder Kantonsgrenze einen Zoll hätten und eigene kantonale Währungen. Eine Harmonisierung und gewisse Standardisierung der Bildungssysteme wird kommen wie ein Naturgesetz und das ist gut so. Die Schweiz ist viel zu kleinräumig und verschwendet wertvolle Mittel, die national eingesetzt mehr bewirken würden, weil alle Kantone für sich nochmals die Pädagogik erfinden wollen. Die zunehmende Zusammenarbeit der Kantone zeigt in die richtige Richtung, doch dies ist eine Vorstufe. Ein Bildungsdepartement wird kommen, welches die Erziehungsdirektionen zu einem guten Teil ablösen wird. Aber auch das dauert. Genauso war die Zeit reif für eine Teilprofessionalisierung der Schulleitungen und der Kommissionen. Was haben wir Lehrkräfte gestöhnt über unfähige Oberlehrer und Laienkommissionen, in Fällen, wo sie überfordert waren – und sie waren es immer öfter. Es geht schon etwas verloren, aber für Veränderungen muss man immer etwas gehen lassen, sonst kommt nichts neues.
Regina Probst, Bern
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Zu “Das Magazin Heft 19 Schule im Reformwahn” Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeite ich in einem Primarschulhaus, das bestens funktioniert. Die richtige Mischung aus Strenge und Lockerheit und das Interesse am einzelnen Schüler wird hier gelebt.Die von uns allen gewählte Schulleitung aus unserem eigenen Kreis versteht es, “den Laden zu führen”, weil sie ihn genau kennt. Nun wird 2011 diese Schulleitung teilautonomisiert, und das bedeutet, wir verlieren das Recht, die Leitung selber zu wählen, werden nur noch ein Vorschlagsrecht haben und werden zu nehmen haben, wen man uns vorsetzt. Es ist das erste Mal in der Geschichte meiner Schularbeit, dass mir graut. Einige meiner KollegInnen sagen, DAS überstehen wir auch noch. Ich hoffe, sie haben recht.
Frau Isabelle Schaub, 4055 Basel
—Schule im Reformwahn
Das Magazin 19/2010 vom 15.5. 2010
Noch selten habe ich einen Artikel im Magazin mit so viel Interesse und Vergnügen einerseits, aber auch mit einer gewissen Wut und der Frage „warum erst jetzt?“ auf der andern Seite gelesen.
Ich muss vorausschicken, dass ich als Reallehrer im Kanton Zürich den im Artikel abgehandelten Reformwahn zu einem grossen Teil hautnah miterlebt habe. Unsre Oberstufenschule in ländlicher Gegend hat viele der Neuerungen als Versuche mitgetragen und nach dem Motto: Die Guten ins Töpfchen…. in den Schulalltag integriert. Evaluiert wurde bei uns nach der Frage: Was bringt unsern Jugendlichen und unserer Schule nachhaltig etwas? Wir Lehrkräfte haben uns der Versuche und Reformen bedient und uns nicht von ihnen beherrschen lassen, und wir führten dadurch eine menschliche und gleichzeitig leistungsorientierte Schule. Vor allem als Real- und Oberschullehrer stand man in einer kleineren Schule immer wieder vor der Aufgabe, junge Menschen mit Problemen verschiedenster Art in den Klassenverband aufzunehmen und zu integrieren. Meistens gelang dies mit Erfolg. Aber wir waren zu diesem Zeitpunkt noch keine „überwachte Schule“, welche jede Aktion protokollieren und dokumentieren musste. Wir Lehrkräfte hatten die Freiheit, zu entscheiden, welches der geeignete Weg war, die uns anvertrauten Jugendlichen mit den besten Voraussetzungen ins Erwachsenenleben zu führen. Man traute uns Fachleuten diese Kompetenz zu.
Reformen und Versuche sind an sich notwendig und gut. Ob sie eine Schule und vor allem die Kinder weiterbringen, erweist sich aber erst in der Praxis. Und da müssen die Erfahrungen und Bedenken aller Beteiligten ernst genommen werden und ungeschönt in die Schlussberichte einfliessen.
Hier scheint mir heute das grösste Problem des Bildungswesens zu liegen: Versuche müssen zu einem positiven Ergebnis führen – zu viele Stellen von Wissenschaftlern stehen auf dem Spiel.
Zum Glück gibt es sie aber auch, Wissenschaftler wie Roland Reichenbach und Fritz Osterwalder, welche der Neuerung von der Basis her das Wort reden und nicht der Verordnung von unerprobten oder in der Erprobung gescheiterten „Errungenschaften“ der Erziehungswissenschaft.
Vielen Dank, Martin Beglinger, für Ihren Bericht, der gewiss vielen Lehrkräften Mut macht, eine gewisse Autonomie zu bewahren.
Lorenz Curt, Hausen am Albis
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Wie gross muss der kürzeste Abstand zwischen zwei Reformen bemessen sein, damit die Frage nach dem Sinn der Reform beantwortet werden kann oder aber die Veränderungswut permanent wird? Hat man je forschenderweise herausgefunden, was, warum und wie etwas verändert werden müsste? Gab es je Forschungsprojekte, die das Hergebrachte des Schulsystems gründlich untersuchten?
Warum geschieht Schulentwicklung nicht im Kontinuum des Seienden, dem logisch sich ergebenden aus der Praxis? Da wo gearbeitet wird, geschieht immer auch eine daraus hervorgehende Entwicklung, die wissenschaftlich und administrativ begleitet sein könnte. Es ist bemühend zuschauen zu müssen (als schulpflegerisch Tätige), wie immer alles und jedes von hoher Warte diktiert wird, zum unausweichlichen Faktum erklärt wird und Kritik oder Anregungen aus der Praxis nicht wahrgenommen werden, resp. unerwünscht sind.
Beispielsweise standen hinter der
Sonderschulung in der Schweiz jahrelange Auf- und Ausbauarbeit, begleitet von entsprechenden Verwaltungsstrukturen, Spezialausbildungen der Lehrpersonen und einem diagnostischen und therapeutischen Mittelfeld. Seit diesem Schuljahr werden im Kt. ZH fast alle Kinder mit besonderen Bedürfnissen in einer ihrem Alter angepassten Klasse geschult. Auf einen bestimmten Zeitpunkt hin wurde das bis dahin gültige System der Sonderschulung ohne Rücksicht auf Verluste über den Haufen geworfen. Wurde je nach den Wirkungen dieses qualitativ hochstehenden Systems geforscht?
Fragen über
Fragen, die im Schulsystem als Ganzes auftauchen und denen sich niemand stellt. Think!
Lotti Guttentag-Lanz
8038 Zürich
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Der Artikel von Martin Beglinger ist etwas vom Besten, was ich in letzter Zeit über den Zustand der Schweizer Schulen gelesen habe. Er ist eine anschauliche Zusammenfassung der Missstände. Ich könnte jedes Wort davon unterschreiben und noch dutzende weitere „lustige“ Beispiele anfügen. Zum Beispiel das neue DaZ-Konzept im Kanton Zürich (DaZ = Deutsch als Zweitsprache). Kaum eingeführt, wurde es gleich wieder begraben, weil es in der Praxis schlicht nicht durchführbar war. Das Konzept enthielt so viele Einzeltests (Lernstandserhebungen) pro Halbjahr, dass für den eigentlichen Unterricht in den Kleingruppen gar keine Zeit mehr geblieben wäre. Der Kontrollwahn lässt grüssen! Hätte man die Basis gefragt, hätte man sich die ganze sinnlose Übung sparen können. Tragisch ist, dass mindestens ein Jahrgang an DaZ-Lehrpersonen eigens für dieses Konzept ausgebildet wurde.
Es tut so gut, einmal all das, was wir Lehrpersonen an der Basis seit Jahren zusammen mit den Lehrerverbänden aufzuzeigen versuchen, aus der Feder eines Nicht-Lehrers zu lesen. Meist werden wir dabei als ewige Jammeri und Stänkerer wahrgenommen. Dabei bleibt uns in der Praxis nichts anderes übrig, als einen Flop nach dem andern zu schlucken und das Beste daraus zu machen, weil sonst die Kinder darunter leiden würden. Und das will keine vernünftige und engagierte Lehrperson.
Dass ich nach fast dreissig-jähriger Unterrichtstätigkeit immer noch mit Freude und Neugier unterrichte, verdanke ich mehreren Umständen: Ich teile eine Stelle mit meiner Stellenpartnerin, kann also während der restlichen 40 Prozent wieder regenerieren. Ich habe noch einen Zweitjob (Theaterpädagogin MAS), der sehr kreativ und lustvoll ist. Ich habe seit Sommer eine prima erste Klasse mit vielen lässigen Kindern und wertschätzenden, unterstützenden Eltern. Und wir haben eine sehr wertschätzende und mutige Schulpflege, die ihre Basis anhört.
Hoffentlich lesen die zuständigen Stellen in den Bildungsdirektionen diesen Artikel mit wachem Geist. Der Begriff der Concorde-Falle ist erfrischend und sehr treffend. Chapeau für den Mut von Roland Reichenbach hier gegen den Strom zu schwimmen. Es ist zu hoffen, dass sich nun endlich etwas in die richtige Richtung bewegt!
Madeleine Bölsterli-Koch, Bülach
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In den vergangen 25 Jahren arbeitete ich in der Maschinenindustrie und in der Dienstleistungbranche. Restrukturierungen, so werden Reformen in der Wirtschaft genannt, erlebte ich zuerst in den Achzigerjahren in der Maschinenindustrie. Eine kurze Verschnaufpause war mir anfangs der Neuziger gegönnt, bevor die „Reform-welle“ dann auch die Dienstleistungsbranche überrollte und seit nunmehr fünfzehn Jahren grassiert.
Der sehr detaillierte Artikel und die fein beobachteten Zusammenhänge von Martin Beglinger beschreiben ein gesellschaftlich und wirtschaftlich weit verbreitetes Krank¬heitssymptom. Den kritiklosen Glauben, ja der fast Blinde Wahn, dass nur noch Änderungen, Reformen und Restrukturierungen das Ziel jeglichen Denkens und Handelns sein können. Die verantwortlichen Gremien, seien es Regierungen, Geschäfts¬leitungen oder politische Parteien scheinen nur ein Ziel zu kennen: Das Setzen einer eigenen „Reformmarke im Revier“, um Einfluss und Wichtigkeit zu unterstreichen und festzuschreiben. Kommt dazu, dass den Reformen oder Restrukturierungen keine Zeit gelassen wird, um zu zeigen, ob sie erfolgreich oder nicht sind. Denn die nächste Reform überrollt die kurz zuvor Eingeleitete mit noch grösserer Wucht.
Schnappt die Reform- und Restrukturierungsfalle zu, wird von zuständiger Stelle mit noch mehr kurzfristigem Aktionismus reagiert. So lässt sich recht einfachen von der wahren Problematik der Sache ablenken. Und was bleibt? Ausgebrannte, überarbeitete und demotivierte Mitarbeiter, denen es schwer fällt in der „Reformitis „ einen Sinn zu finden. Warten wir auf den Gegenbefehl!
Matthias P. Müller, Kölliken
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Das ganze Schlamassel der heutigen überreformierten Volksschule wird in diesem Artikel treffend geschildert. Und mir Recht heisst es, die mit Abstand grösste Reformbaustelle sei die Integration. Nur wird diese Baustelle wohl bald einmal zu einer Bauruine werden, denn das Integrieren aller Schüler in normale Schulklassen ist weder erwünscht noch machbar, hat einen finanzpolitischen Hintergrund und wird dafür sorgen, dass der Lehrerschaft ihr Beruf gründlich verleidet und das Schulniveau ebenso gründlich sinkt. Von dieser untauglichen Deklaration von Salamanca sollte sich die Schweiz raschmöglichst distanzieren und mit Überzeugung wieder die bewährten Kleinklassen einführen.
Oskar Meier, Bazenheid
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Herrlicher Lesestoff für ein verregnetes Wochenende! Der Beitrag beschreibt den Zustand unseres Bildungssystems sehr treffend. Die bis heute andauernde Misere begann, als Herr Ernst Buschor, dessen Radikalreform kläglich scheiterte, die Schule systematisch veränderte. Er und seine Anhänger wie auch alle folgenden Reformer machten den Fehler, dass sie unser auch im internationalen Rahmen sehr angesehenes Schulsystem vollends umkrempelten, ohne auf die Stimme der Basis zu hören. Lassen Sie Ihre Heizung auch von einem Bäcker flicken? Sofern die Schule nicht schon bald kollabiert, muss vieles, was für jeden Pädagogen selbstverständlich ist, wieder eingeführt werden. Es gilt nun, was man eigentlich schon immer wusste, dass die Klassenlehrperson und alle Lehrkräfte mit ihrem Engagement, ihrer Empathie, ihrer Begeisterung für junge Menschen das Wichtigste für eine erfolgreiche Schule sind!
Peter Bernhard
8405 Winterthur
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Genauso!
Peter Gubser, Arbon
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Die Lösung der Probleme mit Reformwahn und Bildungsbürokratie ist bestechend einfach. Die Erziehungswissenschaftler und Reformexperten gehen in den Schulen an die Front und beheben so den Lehrermangel. Für den sich in finanziellen Schwierigkeiten befindlichen Staat ergeben sich erhebliche Einsparpotentiale. Was die Reformer von oben gelehrt haben, können sie mit persönlichem Gewinn von unten anwenden: Sie werden aufgrund ihrer jahrelangen Auseinandersetzung mit pädagogischen Fragen vermutlich gute Lehrer/innen.
Peter Ritschard, Kantonsrat EVP
Peter Ritschard
8050 Zürich
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Seit über 30 Jahren arbeite ich als Lehrer an der Volksschule im Kanton Zürich. Zu Martin Beglingers Artikel fällt mir spontan nur ein Kommentar ein: DANKE! Endlich fühle ich mich wieder einmal verstanden.
In Ermangelung finanzieller Ressourcen wurde und wird die Schule in erster Linie formal “reformiert”, was eine unsägliche und belastende Bürokratisierung zur Folge hat und die Qualität der Schule eher abbaut denn fördert.
Kaum einem Bildungspolitiker oder einer Bildungsexpertin kommt es in den Sinn, an der Basis nachzufragen, was denn notwendig wäre, um die Unterrichtsqualität zu steigern, obwohl ja “an der Front” das Expertenwissen vorhanden ist. Da profiliert man sich lieber mit einem “Papierli-Aktivismus” und schimpft über die reformresistente Lehrerschaft. Gleichzeitig wird stillschweigend in Kauf genommen, dass die Attraktivität des Berufes vor die Hunde geht, immer weniger Junge in den Beruf einsteigen wollen und die Verweildauer mittlerweile auf unter 5 Jahre gesunken ist. Dient das der Qualitätsförderung und -sicherung?
Ueli Zuberbühler
8624 Grüt / ZH
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Danke für diesen Artikel “Die Falle” im Magazin
Endlich ein intelligenter, humorvoller und kritischer Artikel über die Entwicklung des Bildungswesen der letzten 15 Jahre. Er spricht mir (Primarlehrerin seit 30 Jahren) aus dem Herzen und macht hoffentlich vielen Schulpflegemitgliedern und SchulleiterInnen Mut eigene Wege zu gehen, die Reformflut mit gesundem Menschenverstand einzudämmen und in diskreter und leiser Weise die Freiräume zu nutzen, die geblieben sind oder sogar solche zu schaffen. Denn kontrollieren kann den Bildungsmoloch schon lange niemand mehr! Die rechte Hand weiss nicht mehr was die linke tut. Eine kritische und humorvolle Distanz zu den Reformen ist dringend nötig.
Zum Glück gibt es in vielen Schulhäusern noch LeiterInnen und LehrerInnen, die nach Pestalozzis Prinzip von Herz, Geist und Hand unterrichten. Dank ihnen ist das Schulfundament von der Reformflut noch nicht fortgeschwemmt worden. Ohne gesunde, freundschaftliche zwischenmenschliche Beziehungen kann in keinem Schulzimmer ein gutes Lernklima entstehen – Reformen hin oder her.
Nebenbei: Das Wort “individualisieren” kann ich schon nicht mehr hören.
Fast kein Kind arbeitet gerne mutterseelenalleine an seinem Wochenplan.
Viel lieber arbeiten sie in Gruppen, darum sollten wir mehr differenzien und verschiedene Niveaus anbieten, das ist kingerechter, sozialer und für die Lehrer überschaubar.
U. Meyer
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Dringend gefragt ist der Wille der Politik, Allmachtsanspruch und Arroganz einer gewucherten Bildungsbürokratie zu brechen und so den
Organismus Volksschule doch noch vor dem Ersticken zu retten. Ein-
drücklich die Einsichten und Offenheit von Prof. Reichenbach, meisterhaft diese sachliche und umfassende Analyse von Martin Beglinger.
Peter Sidler, Zürich
(Mitglied Pressegruppe SekZH)
Christoph Lerch, für DIESEN Beitrag hast Du einen Cabaret-Preis verdient.
Ich hab mich” halbtot”gelacht so wie damals, als ich zum ersten Mal “Ottos Mops” von Jandl las.
Und übrigens:
“Teilautonom” kann es im eigentlichen Sinn des Wortes gar nicht geben. Entweder ist etwas autonom oder nicht. Man ist ja auch nicht teiltot.Man ist entweder tot oder nicht.
Ich bin fürs teiltote Pferd.
[...] aus einem Editorial von Finn Canonica / Das Magazin 19/ 2010 [...]
[...] http://dasmagazin.ch/index.php/in-der-falle/ This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink. ← So könnte es sein! [...]
ZUM BERICHT IM HEFT 19: IN DER FALLE
Sehr geehrter Herr Reichenbach
Sie sprechen mir (und mit mir sicher tausenden von engagierten Lehrern/ Lehrerinnen Kindergärtnerinnen/Kindergärtnern) aus dem HERZEN!
Ich fühle mich machtlos; der Politik und den Finanzen ausgeliefert!
Ich möchte mich wieder auf mein Kerngeschäft konzentrieren: Das Unterrichten der mir anvertrauten Kinder mit den vielen spannenden aber zeitintensiven Facetten des Lehrerberufs. Denn dies mache ich gerne! Ich bin eine motivierte und engagierte Kindergärtnerin!
Wir können aber bei gleichbleibenden Ressourcen nicht parallel noch verschiedene Reformen umsetzen, immer mehr Administrativarbeit erledigen, den Integrationsartikel umsetzten und für diesen gleichzeitig/beiläufig noch gerade ein neues Schulmodell kreieren, diverse neue Konzepte entwickeln, REVOS angehen, Frühfranzösisch anbieten UND unterrichten.
Ich bin überzeugt, dass viele Reformen am Bürotisch entstehen, ohne mit der Basis geplant und abgesprochen zu werden. Die Basis, die Ausführenden und demnach auch die Leidtragenden sind wir Lehrpersonen, aber vor allem auch die Schüler und Schülerinnen. Darum stimme ich der Aussage von Herrn Reichenbach voll zu, dass es „wenige aber gut ausgewählte Reformen braucht, die mit den Beteiligten umgesetzt werden“. (Und am besten auch gleich geplant!)
Die Rahmenbedingungen stimmen schon lange nicht mehr! Die Integration behinderter und verhaltensauffälligen Kinder in sonst schon (zu) grosse und (zu) heterogene Klassen ist eine riesige, schier unlösbare Aufgabe! Auch ich befürworte Integration, wir brauchen aber auch die Mittel und Leute dazu, sonst stimmt, wie es Reichenbach treffend beschreibt, in den Klassen plötzlich “nichts für niemanden mehr“. Integration geht nicht zum Nulltarif!
Wie wahr sind doch die Worte Reichenbachs, dass „Sinn und Gelingen im pädagogischen Bereich vom einzelnen Lehrer/Lehrerin abhängt“. Nur gesunde, motivierte Lehrkräfte, welche genügend Unterstützung und Akzeptanz von der Gesellschaft und der Politik erhalten, können professionell unterrichten und so Kinder und Jugendliche nachhaltig auf ihrem Lebensweg begleiten.
Sollte eine neue Steuersenkung (Steuergesetzrevision 2011) im Kanton Bern eintreffen, machen wir Lehrpersonen uns grösste Sorgen, dass diese (wiederum) auch zu Lasten der Bildung geht. Darum stehen wir hinter unserem Erziehungsdirektor Herrn Pulver und ermuntern ihn, mutig Forderungen zu stellen und Widerstand zu leisten. Es darf nicht mehr bei der Bildung gespart werden. Sie ist unser kostbarstes Gut!
Wir Lehrpersonen haben zu lange geschwiegen, aus Angst einmal mehr als „Jammeri“ abgestempelt zu werden oder auch aus Angst vor Konsequenzen! Dabei geht es uns um weit mehr als nur um uns: nämlich um die Kinder, um die Bildung und die Zukunft unseres Landes!
Beatrice Aebersold
Lehrkraft für den Kindergarten
Das grosse Aufatmen vieler Lehrerinnen und Lehrer: endlich verstanden werden. Wie weiter? Nicht ganz so einfach. Ich meine, ein erster Schritt könnte darin darin bestehen, dass wir die Unperson “Lehrperson”, dieses grauenhafte Neutrum, vergessen. Wieder Lehrerin, Lehrer sein wollen. Das unförmige Bildungsgebilde sich wie einen nassen Hund schütteln lassen und zurück bleibt – ein halbseidenes Fell. Die positive Seite so nehmen und die noch nasse auch trocknen lassen. Und uns zurückbesinnen: Was kann das Kind im Leben draussen selber lernen, was lehrt es das Leben – auch ohne Schule. Das ist recht viel. Und wo braucht es einen Lehrer, eine Lehrerin, die da ist, die das Kind unverwechselbar wahrnehmen kann und die nicht einfach als Papierbeige-Zubereiter und Arbeitsblattentwerfer erfahren wird. Ich freue mich auf die Zeit, wenn wieder von Schulatmospähre geredet wird, vom Beispiel geben und vor allem auch von Inhalten, die überdauern. Dann werden automatisch die unseligen schnelllebigen didaktischen Trends und mit ihnen deren Schöpfer nicht mehr so trendig sein. Jeder nasse Hund schüttelt sich irgendwann – aber aufgepasst: Man wird nass.
Die Schule wird gerüttelt, hinderschi und fürschi. Bewegen tut sie sich; aber wohin denn bloss..? Allein schon das Wort “Integration”: Inzwischen ausgehöhlt, lee(h)r und doch noch immer so dominant. Wohin diese Schein-Integration (scheint sie denn wirklich..?) führen soll, sei dahingestellt. Hauptsache, man integriert. Oh, wie voraussehend war Mani Matter doch damals schon.
Und i cha kes Zwänzgi ha
Wil i nid uf d’Poscht cha gah
Und uf d’Poscht chan i nid gah
Wil i ja kes Zwänzgi ha
…schön zu wissen, wohin man dann schlussendlich geht, wenn das “Zwänzgi” bis am Schluss fehlt…
Bravo Herr Wehrli!
Sie schreiben:
“Am einfachsten kann das alles erreicht werden, indem man die Zahl der zuständigen Beamten auf die Hälfte reduziert; es sind dann immer noch viel mehr als vor zwanzig Jahren. Es ist nicht schwierig, die unnötigen oder unfähigen Beamten zu finden.”
Da bin ich vollkommen einverstanden. Doch erlauben Sie mir zu folgendem noch eine Frage:
“Schwache Lehrer sind zu fördern, und wenn das nicht mehr möglich ist, müssen wir uns von ihnen trennen.”
Müssen wir uns von ihnen trennen wie von den unfähigen Beamten, die dann sicher wieder eine Stelle als Lehrer finden, wie sie schreiben, oder wären das dann die 10% faulen Eier, die Sie bei Ihrem Amtsantritt erwähnt haben?
Im Oktober 2008 erschien im Tagimagi ein Bericht unter dem Titel: Weshalb ich nicht mehr Lehrer bin.
Dieser Bericht zeigte schonungslos die Missstände auf, welche das klare Resultat der Reformitis waren und heute immer noch sind.
Der Unterschied zum Bericht von Martin Beglinger ist lediglich der, dass derjenige von 2008 von einem Lehrer verfasst wurde, der aktuelle aber von einem Journalisten.
Das Thema ist das gleiche geblieben: der Reformwahn.
Die Frage: „Warum bin ich nicht mehr Lehrer?“ lässt sich mit dem Reformwahn beantworten. D.h. der Reformwahn führte für den Lehrer zur Situation, dass er sich sagen musste: Diesen Unsinn mache ich nicht mehr länger mit.
Wer nicht in der glücklichen Lage ist, dass er den Beruf einfach wechseln kann, muss wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel machen. Da kann sich Alt-Stadtrat Wehrli noch lange wundern. Er schreibt: „ ich wundere mich immer wieder, was sich die Lehrer da alles gefallen lassen…“
Ich wundere mich auch und war froh, dass ich vor vier Jahren in Pension gehen konnte. Ich wollte „es“ mir auch nicht gefallen lassen, doch ich hatte keine andere Wahl.
Es folgen drei Kommentare auf den Tagimagi – Artikel von 2008, zwei fremde und einer von mir. Sie lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Leider hat sich an den geäusserten Feststellungen bis heute nichts geändert, im Gegenteil, die Lage hat sich noch verschärft.
Thomas Klemm:
Mir macht vor allem die Inkompetenz der SchulpflegerInnen zu schaffen und dazu auch die Ignoranz der SchulpolitikerInnen. Beide Gremien bemühen sich in keiner Art und Weise um die Meinung der Praktiker. Priorität hat eine katastrophal organisierte Mitarbeiterbeurteilung, die in ihrem Aufbau wohl jedem guten Lehrer oder Lehrerin in Zukunft den Gnadenstoss versetzten wird. Ziel der Laien dabei ist es, den Lehrer, die Lehrerin in die Schranken zu weisen. Zuoberst stehen eine Bildungsdirektion und ein Bildungsrat die beide die Meinung der Basis arrogant in den Wind schlagen. So geht unsere Volksschule vor die Hunde, mit blosser Maquillage ist nichts zu verändern. Es braucht gut ausgebildete, gut bezahlte Persönlichkeiten, die als LehrerInnen einer Klasse vorgesetzt werden.
Andrea Wydler:
Dieser Artikel hat mich persönlich angesprochen. Ich unterrichte seit 8 Jahren auf der Mittelstufe (100% ). Ich gehe immer noch jeden Tag gerne zur Arbeit und versuche nach besten Wissen und Gewissen den Anforderungen einer modernen Lehrerin gerecht zu werden. Die Kinder kommen gerne zu mir in die Schule und ich kriege viel positives Feedback von ihnen und auch seitens der Eltern (dies ist wahrscheinlich ein grosser Unterschied zu Lehrern der Sekundarschule), dennoch diskutieren wir täglich im Team, wie wir diesen Marathon “überleben” sollen.
Matthias Hug:
Die tägliche Frage im Team nach dem Überleben des Marathons müsste für die selbstherrlichen BildungspolitikerInnen ein Alarmzeichen sein. Doch die kümmern sich meist nur um ihre eigene kurzfristige Karriere. Von Weitblick fehlt schon viel zu lange jede Spur.
Thomas Klemm hat recht: Inkompetenz und Ignoranz bis in die höchsten Entscheidungsgremien, soweit das Auge reicht.
Dass in den Vorständen der LehrerInnenorganisationen zu viele Ja-Sager statt STOPP-Rufer sitzen, erschwert die Arbeit der Lehrerschaft zusätzlich. Die geringen Mitgliederzahlen zeigen, dass sie nicht die Basis vertreten.
Die Lehrer müssen den ganzen Leerlauf mitmachen, weil sie von ihrer Gewerkschaft kläglich im Stich gelassen werden. Die durchgeführten Protesttage haben rein gar nichts bewirkt.
Warum servieren Sie uns im Magazin immer mehr von diesen Gut-Böse-Menus? Mir liegt die Entlastung der Lehrer auch am Herzen (wem nicht?) und ich glaube auch, dass unsere Schule bereits relativ gut ist und dass man den Reformeifer etwas drosseln könnte. Aber es geht um eine komplexe Thematik. Das Projekt Bildung ist wohl unser grösstes und teuerstes, da hilft es uns nicht so viel weiter, zu wissen: Reichenbach ist gut (sehr gut sogar). Bildungsbürokratie ist böse (vor allem die aktive Bildungsbürokratie). Lehrer sind gut. Berater sind böse. Top-down ist auch böse, bottom-up hingegen ist gut. Das Bildungssystem wächst und wird teurer (wieviel eigentlich?), das ist böse, und auch dass die Bildungsforschung mit der Bildungsverwaltung kooperiert. Konzepte, Papiere, Programme sind böse. “Evidence based policy” ist böse. Die behaupteten Defizite, die mit den Reformen behoben werden sollen, wissenschaftlich abzuklären, das ist gut.
Nach dem Warum zu fragen, ist gut. Darf ich nach dem Warum fragen? Warum ist das alles böse? Können Sie die Behauptungen mit Argumenten oder Untersuchungen stützen? Wie genau kommen Sie von den objektiven Tatsachen (Bürokratie wächst) zu den moralischen Kategorien “gut” und “schlecht” (Bürokratie ist schlecht)? So eine Speisenfolge fände ich schmackhafter. Oder man könnte weiterführende Fragen mindestens berühren: Wie müssen Schulreformen ausgestaltet werden, damit sie den gewünschten positiven Effekt haben, dass sie überhaupt im Klassenzimmer ankommen? Und zwar ohne Verschleiss von Lehrkräften und Finanzen. Und sind Vorgehensweisen jenseits von top-down und bottom-up denkbar? Was genau müsste man den Bildungsfachleuten in den Verwaltungen raten (da sie ja schon mal da sitzen)? Was sollen sie wie tun?
Darf man so viel von einem Leitartikel im grössten Magazin der Schweiz erwarten? Ich wünsche mir mehr Graustufen, mehr Differenzierung. Eigentlich mehr Inhalt in der knackigen Hülle.
Absolut treffender Artikel. Jetzt muesste noch die Rolle der Schulpflege und der Schulleitung in diesem “Spiel” einbezogen werden. Deren Interesse ist nicht das gleiche wie das der Eltern. Der Verwaltungsapparat kuemmert sich um Administrationsvergroesserung, Machtaufbau etc, waehrend es den Eltern um das Wohl und die Zukunft der Kinder geht. Ach ja, frueher konnten sich die Lehrer auch mehrheitlich um das kuemmern, aber eben, das war ja vor dem Reformwahn
[...] zum Artikel: In der Falle Foto: Roland Reichenbach, Pädagogikprofessor an der Universität Basel und einer der schärfsten [...]