In diesem Haus

An der Langstrasse 94 steht ein ganz besonderes Haus. Mit ganz besonderen Bewohnern.

04.04.2008 von Michèle Roten


Langstrasse 94
Die Zürcher Langstrasse hat einen schlechten Ruf. Sie ist das bevorzugte Revier von Zuhältern, Prostituierten, Drogenhändlern oder sonstigen Asozialen. Das was schon immer so. Es war aber auch schon immer so, dass an der Langstrasse ganz normale Menschen normal arbeiten. Zum Beispiel in dem hässlichen Bürohaus an der Langstrasse 94, in dessen unmittelbarer Nähe vor wenigen Wochen ein Italiener erschossen wurde. Es hat uns einfach mal interessiert, was für Leute in diesem Haus was tun, im Sinn einer Inventur sozusagen. Und wenn wir schon mal da waren und jeder Frühling Modezeit ist, haben wir sie gleich noch über ihren Kleidungsstil befragt. Eines haben die Amateurmodelle gemeinsam: Ihre gelungenen Outfits wirken unangestrengt, auch wenn noch so viel Kalkül dahinterstecken mag.

Sandra Poli, 40, Head of Administration (Blofeld, Agentur für Brand Entertainment)
Das Sisley-Mänteli ist eines von Sandras Lieblingsstücken, sie sagt, es erinnere sie an Audrey Hepburn – hat was! Die Jeans sind von April 77, und die Chucks hat sie in Rio gekauft.

Toma Perret, 33, Art Director; Johannes Eisenhut, 36, Teilhaber; Simon Egli, 32, Designer (Department, Branding Agentur)
Eisenhut umschreibt seinen Stil mit «domestizierter Holzfäller»: Urchiges, kombiniert mit Raffiniertem. Neuerdings steht er auf Manschettenknöpfe. Alle drei, eigentlich alle Mitarbeiter, tragen Levis-Jeans – ein Kunde der Agentur, so lautet die grinsende Erklärung.

Olivier Magnin, 23, Art Director (Blofeld)
Der Mann ist eitel, was er freimütig zugibt. Er wühle auch mal eine halbe Stunde im Schrank vor dem Ausgang. Er hasst H&M und liebt den FCZ. Und der Papagei? Die neue Avantgarde.

Beda Achermann, 53, Inhaber (Kreativstudio Achermann)
Beda Achermann, Mitbegründer der Männer-«Vogue», Lebenspartner der Modedesignerin Dorothée Vogel, weiss schlicht zu viel über Mode. Seine momentane Formel lautet «Alte Militärhosen + Kaschmir + Massanzugblazer». Und wir kennen das Ergebnis: umwerfende, zeitlose, elegante Coolness. Eine Stilikone.

Reto Vogler, 35, Texter; Fab Tschanz, 32, Beraterin (Department)
Vogler hat sein Hemd in einem Militär-Laden gleich um die Ecke gekauft, er mag es «pragmatisch und dezent». Und Tschanz mag es androgyn – sie trägt ausschliesslich Männersachen. Das habe sich auch ziemlich gut bewährt im Kundenkontakt: Frauen fühlen sich nicht konkurriert.

David Taddeo, 25, «Mädchen» für alles (d.o.k.)
David sagt, er mache sich nicht gross Gedanken über seine Kleidung – aber das muss er ja sagen als Student der Soziologie. Generell mag er es bunt, Zürich findet er schon grau genug.

Orhan Öztas, 38, Sales Manager (Jet Energy Drink und Piranha Bar)
Orhan Öztas trägt immer einen Anzug. Immer. Er müsse sauber und ordentlich sein. Und gut geschnitten. Das findet er einfach angemessen, so als Manager.

Kerstin Landis, 29, Grafikerin; Yves Gerteis, 28, Grafiker (Studio Achermann)
Das Hemd hat Kerstin in London gekauft, ihr gefallen besonders die seltsamen Ärmel – sie mag schlichte Sachen, die aber doch irgendwie speziell sind. Die Jeans ist von AVP. Am liebsten shoppt sie Schuhe, und wenn sie mal wieder ein Paar gefunden hat, werden die totgetragen und dann ganz unsentimental weggeworfen.
Yves überlegt sich noch, ob er eitel ist oder nicht – aber seinen Stil beschreibt er als «klassisch». Die Jeans ist von Levis, der Pulli von We, die Nikes hat Yves in New York gekauft. Dort habe er übrigens auch ewig nach einem geflochtenen Gurt gesucht; den, den er jetzt trägt, brachte ihm dann eines Tages seine Freundin aus der Migros mit.

Rabab Kälin, 18, Barfrau (Piranha)
Rabab mag «ausdrucksstarke Kleidung» – das bedeutet für sie: eng, sexy, aber nicht nuttig.

Claudia Wintsch, 34, Head of PR (Blofeld)
Claudia hofft, dass ihr Stil «unangestrengt zeitgemäss» rüberkommt. Wir sagen: Tut er. Was sie hasst, ist, wenn zu viele Trends in einem Outfit kombiniert werden. Die grossen Creolen sind eine Art Markenzeichen von ihr, und dieses Paar hat sie von einer Freundin geschenkt gekriegt, deshalb mag sie es besonders. In Sachen Labels steht sie momentan total auf Burberry Prorsum. Was sie sich aber leider nicht leisten könne.

Michel Pernet, 35, und Peter Kurath, 41, Geschäftsführer (Blofeld)
Michel Pernet bedient mit Freuden das Klischee: Das Hemd hat seine Frau gekauft. Und es gefällt ihm total gut, es entspricht seinem Stil, den er so umschreibt: «Jeanslook mit sanftem Cowboytouch». Die besten Anzüge der Welt, findet er, macht Ermenegildo Zegna, so einen will er unbedingt mal. Peter Kurath ist gerade in einer Wandlungsphase – er lässt jetzt auch ab und zu mal einen Blazer in seine sonst eher legeren Outfits einfliessen. Hat aber nur am Rand damit zu tun, dass seine 16-jährige Tochter seinen Stil mal mit «Peter Pan» umschrieb: Will einfach nicht erwachsen werden.

Vanda Motalli, 48, Desktop Manager; Carlo Pusterla, 54, Geschäftsführer; Ines Graziella Gemma, 61, Desktop Manager (Punto e Virgola, Übersetzungen, Werbeadaptionen, Lektorat)
Italien ist im Haus: Vanda Motalli ist von Kopf bis Fuss florentinisch eingekleidet, an ihren Schuhen gefällt ihr besonders, dass sie aus nur einem Stück Leder gefertigt sind. Der Cheffe, Carlo Pusterla, trägt einen Blazer aus Rom, an die Herkunft des Rests erinnert er sich nicht. Ines Graziella Gemma weiss es dagegen ganz genau – ihr gesamtes Outfit stammt nämlich von Mode Keller in Thalwil. Da findet sie immer was.

Franziska Binz, 27, Multimedia Designerin, (Department)
Franziska ist vielleicht die Frau mit den wenigsten Schuhen in ganz Zürich: zwei Paar. Sie shoppt einfach nicht so besonders gern. Und an ihrer Kleidung interessiert sie vor allem, dass sie sich keine Gedanken darüber machen muss, ob man etwas sieht, was man nicht sehen sollte, oder ob sie over- beziehungsweise underdressed ist.

Marc van der Heijden, 33, Head of Event Management (Blofeld)
Marc sieht das locker von wegen Stil und kauft sich, was ihn gerade anspricht. Er überlege sich nicht, ob das jetzt in sei oder cool oder nicht – als er das sagt, heult die Bürokollegin auf und behauptet, er sei einer der bestangezogenen Männer, die sie kenne, das könne doch nicht von ungefähr kommen. Marc zuckt die Schultern: «Wenn ich Bock hab darauf, zieh ich auch mal einen Hut an. Aber etwas gibt es, wo ich mir ganz sicher bin, dass es gar nicht geht: Crocs. Pfui.»

Langstrasse 94 | Diana Scheunemann
Langstrasse 94 | Diana Scheunemann
Sandra Poli | Diana Scheunemann
Sandra Poli | Diana Scheunemann
Toma Perret, Johannes Eisenhut, Simon Egli | Diana Scheunemann
Toma Perret, Johannes Eisenhut, Simon Egli | Diana Scheunemann
Olivier Magnin | Diana Scheunemann
Olivier Magnin | Diana Scheunemann
Beda Achermann | Diana Scheunemann
Beda Achermann | Diana Scheunemann
Reto Vogler, Fab Tschanz | Diana Scheunemann
Reto Vogler, Fab Tschanz | Diana Scheunemann
David Taddeo | Diana Scheunemann
David Taddeo | Diana Scheunemann
Orhan Öztas | Diana Scheunemann
Orhan Öztas | Diana Scheunemann
Kerstin Landis, Yves Gerteis | Diana Scheunemann
Kerstin Landis, Yves Gerteis | Diana Scheunemann
Rabab Kälin | Diana Scheunemann
Rabab Kälin | Diana Scheunemann
Claudia Wintsch | Diana Scheunemann
Claudia Wintsch | Diana Scheunemann
Michel Pernet, Peter Kurath | Diana Scheunemann
Michel Pernet, Peter Kurath | Diana Scheunemann
Vanda Motalli, Carlo Pusterla, Ines Graziella Gemma | Diana Scheunemann
Vanda Motalli, Carlo Pusterla, Ines Graziella Gemma | Diana Scheunemann
Franziska Binz | Diana Scheunemann
Franziska Binz | Diana Scheunemann
Marc van der Heijden | Diana Scheunemann
Marc van der Heijden | Diana Scheunemann

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