08.08.2008 von Thomas Zaugg , 3 Kommentare
Einspruch! Einspruch gegen euch, die ihr zu einfach denkt. Ihr Wikipediaskeptizisten, Antigoogler, Facebookverächter, iPhonebelächler, Internetverdummungsdummschwätzer: falsch liegt ihr, falsch! Falscher noch als damals Bill Gates, 1993, als er meinte, das Internet sei nur ein Hype. Falscher auch als Sokrates, der bei Platon die Erfindung der Schriftzeichen ankreidet, weil durch sie der Schüler das Erlernte schneller vergessen würde. Falscher sowieso als alle Appletotschreiber der Neunziger, falscher als alle Anti-WLAN-Esoteriker. Falsches, so viel Falsches, so viel Irrtum, und euch unterläuft der grösste von allen.
Denn ich habe euch widerlegt. Wenig daran ist wahr, wenn ihr meint, die neuen Medien würden uns unaufhaltsam beschleunigen, klick, klick, klick, abstumpfen, verdummen. Denn eben, ich habe euch widerlegt, und zwar endgültig, mittels einer äusserst wissenschaftlichen Versuchsanordnung. Ihr hättet es selbst einsehen können, sehen müssen, wenn ihr hingeschaut, selber ausprobiert hättet. Aber nein, ihr wolltet nicht, wolltet lieber Kulturpessimisten spielen. Gehen euch jetzt die Argumente aus? Müsst ihr nun wieder euren Schwarzmaler Nietzsche hervorkramen und neue suchen? Lasst es doch, denn mein Experiment hat gezeigt: Das Internet ist kein «Medium, das in steigendem Masse Nicht- oder Fastnichtmehrlesen ermöglicht», wie Frank Schirrmacher warnen zu müssen glaubte, und ja, Herr Nicholas Carr, gewiss, wenn man «das Internet als Religionsersatz, als Erlöser für die Menschheit betrachtet, kann man es nicht mehr objektiv analysieren» – aber wer sieht im Internet heute noch im Ernst eine Religion, Herr Carr? Haben Sie das bei Marx gelesen? Facebook fürs Volk?
Natürlich trifft manchmal noch immer zu, was ein anderer Webkritiker, John C. Dvorak, schrieb: «Einige sehen die Möglichkeiten von Web 2.0 in utopischen Dimensionen, sie sehen eine schöne neue Internetwelt – alles ist so cool.» Aber diese Coolness, diese Begeisterung für jegliche Formen der Zeitverschwendung – das alles flaut einmal ab. Selbst das iPhone gibt man, nach einer ersten Phase reiner Anbetung, zum alltäglichen Gebrauch frei.
Mein Experiment begann mit verschiedenen Downloads, Zukäufen und Installationen. Im digitalen Zeitalter kann man sich nämlich nicht nur unbegrenzt Pornographie oder belanglosen Streit in Blogs, sondern, gewusst wie, auch äusserst nutzbringende Dinge beschaffen. Ich lud mir die beiden Programme Instapaper und NetNewsWire auf mein iPhone. Mit Instapaper kann man Webseiten, die man zu Hause am Computer entsprechend markiert, später unterwegs auf seinem iPhone lesen. Mit NetNewsWire, einem sogenannten RSS-Reader, bin ich jederzeit uptodate, wenn in meinen Lieblingsblogs neue Posts erscheinen.
Zusätzlich lud ich mir einige Hörbücher auf mein iPhone. Hatte ich nicht immer schon mehr über die antike Mythologie und die Römer erfahren wollen? Lud mir Gustav Schwabs «Sagen des klassischen Altertums» drauf und die «Kleine römische Geschichte» des Althistorikers Pedro Barceló. Und war nicht mein Englisch nicht mehr ganz proper? Lud mir einen kleinen PONS aufs iPhone, den ich mir unterwegs einstöpseln würde.
So schwoll und wuchs mein iPhone zu einem riesigen Wissensblock heran. Ich hatte die Welt in meiner Tasche, sie lastete schwer darin. Schon schien ich jenem Problem zu erliegen, das bereits Gruppen wie die «Information Overload Research Group» bekämpfen wollen: Ich hatte derart viel Wissen in meinem iPhone, dass ich nicht mehr wusste, was davon ich wirklich wissen wollte. Musste ich denn überhaupt etwas wissen, wo doch alles irgendwo in der Luft herumschwirrte, bereit zum schnellen Download, wenn ich es zu wissen brauchte?
Dann aber entdeckte ich den Flugmodus. Das ist jener Modus beim iPhone, den man einschaltet, wenn man im Flugzeug Musik hören will, ohne dass einen die Stewardess stört, weil man mit seinen Handystrahlen einen Absturz provoziert. Der Flugmodus steht aber nicht nur für ungestörten Musikgenuss, der Flugmodus ist eine Enklave im Stile eines mittelalterlichen Klosters, keine Anrufe, keine Mails, kein Internet.
Ich stellte also im Zug den Flugmodus ein und begann zu lesen. Über China, die Qing-Dynastie. Oder, was ich schon immer vorhatte, etwas von Jacob Burckhardt, und, genau, wie ging das noch einmal, die Geschichte über die aufdringliche Einfühlsamkeit des Philosophen Wittgenstein in seine Freunde? Und warum nicht einen Zugfahrt füllenden Artikel über Solschenizyn lesen, jetzt, wo er tot ist?
Während des Lesens merkte ich, dass die Zeit im Flugmodus eben nicht wie im Fluge vergeht, sondern langsam verrinnt, als käme die Endstation nie, wie das bei der Lektüre eines Buches geschieht. Dann liest man richtig, wenn die Zeit am Computer oder am iPhone, wo sie doch sonst so gern rast, sich verlangsamt und die Unterschiede zwischen Buch und Display, zwischen Papier und Flatscreen hinfällig werden. Nietzsche würde mir zustimmen, Lesen im digitalen Zeitalter ist mehr denn je eine Frage des Willens. Aber was für ein Zynismus steckt in der Kritik an der Überflut der Informationen!? Wollen wir denn wieder zurück ins dunkle Zeitalter, als man Bücher verschlossen hielt? Und gehört das Versunkensein in ganz wenige ausgewählte Texte nicht schon seit dem 18. Jahrhundert zur Vergangenheit? Damals, als man mit Zeitungen und Bücherbergen eine aufgeklärte Lesewut entwickelte, die mit dem übergrossen Fundus des Internets vergleichbar ist?
Eine alte Frau schaute mich etwas irritiert an, weil ich einmal leicht hörbar wurde, beim Nachflüstern meines englischen PONS. Dann vertiefte sie sich wieder in die Fensterscheibe des Zuges und tat nichts. Neben mir sass ein Managertyp, der simste und hatte dabei die Zunge draussen. Weiter vorn zweckentfremdete ein junger Mann sein iPhone als Jukebox und bewegte seinen Kopf merkwürdig. Das digitale Zeitalter, dachte ich in diesem Moment, macht nur dumm, wenn man sich nicht dagegen wehrt.
Für eine Langzeitstudie über iPhone-Nutzer werden hier Bilder von iPhone-Homescreens gesammelt. Der Nutzen der Studie ist umstritten, dennoch wird sie lange dauern.

Digitale Gedächtnislücke? | Bild: Julia Marti
Was “antike Mythologie und die Römer” angeht, kann ich nur allerwärmstens die Michael Köhlmeiers “Klassische Sagen” auf 15 CDs empfehlen. Zauberhauft. Bildungsbürger 2.0
http://anmutunddemut.de/2007/01/16/michael-kohlmeier-klassische-sagen-des-altertums
Und nebenbei: Ich bin ja glücklicher Besitzer eine 32GB IpodTouch, was ist in Deiner Metaphorik sprechend ein doppeltsoschweres Iphone mit eingebautem Dauerflugmodus ist.
Und zum Abschluß noch: Das Nachflüstern des Pons erinnert mich schwer an die “stillen Murmler” von dene Ivan Illich in seinem grandiosen Essay “Im Weinberg” des Textes spricht – imho der vielleicht wichtigste Text zur Vergagenheit, Gegenwart und Zukunft des kleinen Konzeptes “Text”.
schöner schlusssatz. ansonsten ist mir der text zu “klugscheisserisch” – wie auch der kommentar von beni.
Der Internet macht von sich aus niemanden dumm. Genau so wenig wie dies ein Fernseh- oder anderes Gerät tut.
Das Internet ist ein “passives Wesen”, das nicht selbst handlungsfähig ist. Es besteht aus lauter Einsen und Nullen.
Erst der Benutzer sorgt dafür, dass aus den Einsen und Nullen Informationen werden, die er dann in Formation setzt.
Jeder Benutzer entscheidet selbst, welche Informationen er an sich heran lässt und welche nicht.
Wer das Internet oder die neuen Medien verteufelt, der hat vieles nicht begriffen und sollte langsam verstehen, dass wir im Jahr 2008 leben.
Nachhilfe gibt es bei Thomas Zaugg, dem ich für diesen hervorragenden Artikel herzlich danke.