Irren ist menschlich

Die Ökonomen ziehen ihre Lehren aus der Krise. Doch sie können nicht über den eigenen Schatten springen.

16.10.2009 von Daniel Binswanger , 8 Kommentare

Die dramatischste Phase der Finanzkrise liegt ein Jahr zurück. Die Bankenwelt möchte zur Tagesordnung übergehen, als wäre nichts gewesen. Die Politik ringt um bessere Regulierungen. Weniger stark im Rampenlicht steht die Wissenschaft — obwohl sie für den Beinahe-Zusammenbruch der Weltwirtschaft eine grosse Mitverantwortung trägt.
Die Welt wird von Ideen regiert, sagte schon der Ökonom John Maynard Keynes. Hätten Wirtschaftstheorien, welche die Selbstregulierungskraft der Märkte zu ihrer Grundlage machen, über die letzten dreissig Jahre nicht eine Vormachtstellung errungen, so hätten Politik und Aufsichtsbehörden niemals zugelassen, dass es in der Finanzwelt zu folgenschweren Fehlentwicklungen kommt. Nichts ist entscheidender für die Wohlfahrt der Nationen als die Theorien, an die sie glauben.
Auch heute zeigt sich dies wieder. Bereits ist Streit ausgebrochen über die Frage, welche Lehren aus der Krise zu ziehen sind und mit welchen Massnahmen ihre Wiederholung verhindert werden kann.
Dabei hat man heute einfaches Spiel, wenn man die Wirtschaftswissenschaften diskreditieren will. Nur wenige Ökonomen haben die Finanzkrise vorausgeahnt. Die meisten Theoretiker verlieren an Glaubwürdigkeit, wenn man sie an Aussagen misst, die sie vor dem Herbst 2008 gemacht haben. Die Volkswirtschaftler mit reinem Sarkasmus zu überhäufen wäre zu billig.
Dennoch ist der Blick zurück unverzichtbar: Dieselben, die noch vor kurzer Zeit die Entfesselung der Finanzmärkte propagierten, sind auch weiterhin in Amt und Würden.
Gestern gossen sie Öl ins Feuer der überbordenden Spekulationswut. Heute machen sie Vorschläge zur Sanierung des Systems. Gestern lieferten sie die Blaupausen des Desasters. Heute warten sie auf mit den Sanierungsplänen.
Die Pyromanen sind der Berufsfeuerwehr beigetreten. Die Errettung der Welt aus ihren volkwirtschaftlichen Verwirrungen funktioniert nach einem irritierenden Rezept: Man nehme dieselben und fange wieder von vorne an.
In besonderem Masse gilt dies in der Schweiz, dem Land, das sich stets durch begrenzte Ressourcen an qualifiziertem Personal und eine nichtexistente Rücktrittskultur ausgezeichnet hat. Das alte UBS-Management wurde zwar ausgewechselt und definitiv auf den Golfplatz geschickt. Aber die wissenschaftlichen Wegbereiter des Debakels sind weiterhin im Geschäft.
In welcher Weise gehen die ideologischen Altlasten in die wissenschaftliche Neuorientierung ein? Ein Blick auf die Elite der öffentlichkeitswirksamen Ökonomieprofessoren beweist: Die Überwindung der eigenen Vergangenheit ist gerade in der Wissenschaft ein Prozess, der sich alles andere als von selbst versteht. Ein paar Fallstudien zeigen dies deutlich.

Hans Geigers defensives Lavieren
Zum Beispiel Hans Geiger. Unter den akademischen Experten für Finanzmärkte bekleidet Geiger in der Schweiz eine Ausnahmestellung. Er begann seine Karriere 1970 bei der Schweizerischen Kreditanstalt, wo er sich bis zum Mitglied der Generaldirektion hocharbeitete. Erst in einem zweiten Karriereabschnitt wechselte Geiger an die Universität und waltete bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 als Ordinarius am Institut für schweizerisches Bankwesen.
Ein Professorenamt an einen Kandidaten zu vergeben, der sich dafür eher durch praktische Berufserfahrung als durch wissenschaftliche Arbeiten empfiehlt, ist für die Universität Zürich ein ungewöhnlicher Vorgang. Andrerseits dürften Geigers beste Verbindungen zum Bankenplatz auch Vorteile gehabt haben. Immerhin besetzte er den ersten Lehrstuhl am Institut für Bankwesen, der vollständig von der Privatwirtschaft finanziert wurde. Bemerkenswert ist auch, dass Hans Geiger einen für einen Zürcher Universitätsprofessor rekordverdächtig hohen Anteil seiner Energien in die Publikation nichtakademischer Zeitungsartikel investiert hat. Die Medienarbeit im Zusammenhang mit dem Finanzplatz scheint er für mindestens ebenso wichtig gehalten zu haben wie die eigentliche Forschung und Lehre.
Seit der Finanzkrise ist Geiger als kompromissloser Kritiker bisheriger Missstände aufgetreten. Er schliesst sich nicht nur der Forderung nach einer höheren Eigenkapitalpflicht für Banken an, sondern plädiert auch für eine Umstrukturierung der Grossbanken, die im Krisenfall ihre geordnete Teilliquidierung erlauben soll und dem Komfort der impliziten Staatsgarantie ein Ende setzt. Besonders radikal zeigt sich Geiger bei der Beurteilung des UBS-Falles. Lieber als den Vergleich mit den USA, der das Bankgeheimnis für den ganzen Finanzplatz aufweicht, hätte Geiger es gesehen, wenn die gesamte Führungsriege der fehlbaren Grossbank die Verantwortung für ihr Fehlverhalten übernommen hätte und in den Knast gewandert wäre. Geiger gehört zu den führenden Expertenstimmen der Krisenbewältigung.
Doch diskret macht sich bemerkbar, dass er vor der Krise eher zu den geistigen Brandstiftern gehört hat.
Ende März 2009 veröffentlichte Geiger im «Tages-Anzeiger» eine Kolumne mit dem Titel: «Boni nützen dem Staat». Geiger entwickelt den Gedanken, dass in Zeiten stark sinkender Aktienkurse die auf Managerboni erhobenen Steuern höher liegen als der Nettogewinn, den der Bonusempfänger zuletzt einstreicht. Zur Berechnung der Steuern, die auf einen in Aktien ausgegebenen Bonus anfallen, werden nämlich 75 Prozent des Wertes der Aktien zum Zeitpunkt der Ausgabe des Bonus zugrunde gelegt. Wenn ein Manager für 1 Million Aktien erhält, muss er auf 750 000 Franken Einkommenssteuer bezahlen. Bonusaktien sind aber in der Regel für eine gewisse Laufzeit gesperrt. Wenn während der Lauffrist die Kurse dramatisch sinken, ist das Aktienpaket nach Ablauf der Sperre nicht mehr viel wert — trotzdem mussten aber Steuern auf 75 Prozent des Anfangswertes bezahlt werden. Hauptnutzniesser der Bonuszahlung ist in diesem Fall tatsächlich der Staat — und nicht der begünstigte Manager.
Geiger hat recht — aber seine Diskussion der Bonusbesteuerung ist seltsam einseitig. Bei steigenden Aktienkursen kann der Wert von Bonusaktien dramatisch zunehmen. Auch hier werden aber nur Einkommenssteuern auf 75 Prozent des Anfangspreises fällig. Der Manager macht einen starken Gewinn und zahlt darauf einen ungewöhnlich kleinen Steuerbetrag. Während der Boomjahre haben sich die Grossverdiener nicht im Geringsten darüber beklagt, dass die Bemessung der Einkommenssteuern auf Aktienboni sich am Wert zum Ausgabezeitpunkt orientiert. Im Gegenteil: Sie haben davon massiv profitiert.
Noch seltsamer als die Einseitigkeit der Analyse mutet allerdings folgender Satz an: «Der Bonus der Banker hatte schon vor Ausbruch der Krise keinen guten Ruf, mindestens dann nicht, wenn wir das Adjektiv ‹gut› aus einer moralischen Perspektive beurteilen.»
Dass der Bonus keinen guten Ruf hatte, stimmt nur sehr partiell. Bei der breiten Bevölkerung gelten hohe Boni zwar schon lange als Errungenschaft der Abzockerkultur. In der Betriebswirtschaft wurden sie jedoch gefeiert als effizientes Mittel, um die Profitabilität der Unternehmen zu erhöhen. Ganz besonders tief verankert war die Überzeugung, dass nur variable Vergütungen die richtigen Anreizstrukturen für die Erhöhung des Shareholder-Value erschaffen können, am Institut für schweizerisches Bankwesen, an dem Geiger lehrte. Bei den Zürcher Professoren genossen Boni einen Ruf, wie er besser gar nicht hätte sein können.
So wurde schon im Jahr 1996 gemeinsam von Geigers Zürcher Institut und dem Institut für Banken und Finanzen der Hochschule St. Gallen ein Sammelband mit dem Titel «Schweizer Banken im Umbruch» herausgegeben. Im Beitrag «Value Based Management — zentrale Herausforderung der Bankführung» lesen wir: «Ein besonders wirkungsvolles Incentive zur Shareholder-Value-Maximierung stellt die Partizipation des Top-Managements an der Aktienkursentwicklung dar. Dies wird etwa durch die Ausgabe von Mitarbeiter-Aktien, Kaufoptionen auf Aktien oder durch aktienkursabhängige Boni erreicht.»
Der Autor bemängelt zwar, dass die Schweizer Banken gegenüber der amerikanischen Konkurrenz grosse Rückstände in der Umsetzung des Shareholder-Value-Prinzips zu verzeichnen haben, ist aber dennoch voller Hoffnung:
«In der schweizerischen Bankpraxis wurden die Zeichen der Zeit erkannt.»
Die Einführung erfolgsabhängiger Bonussysteme wurde von Geigers Institut nicht nur lautstark eingeklagt. Die explosive Salärentwicklung wurde von den Wissenschaftlern nach Kräften durch Forschungsarbeit begleitet und legitimiert. Den Gipfelpunkt dieser Anstrengungen bildet eine Doktorarbeit aus dem Jahr 2001 mit dem Titel: «Value Based Management für Banken». Es handelt sich um eines der faszinierendsten Dokumente der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte.
Die Autorin heisst Adriana Bodmer, spätere Adriana Bodmer-Ospel. Bewertet wurde die Arbeit mit der Höchstnote «summa cum laude». Der Doktorvater ist Hans Geiger.
Das Programm von Adriana Bodmers Doktorarbeit besteht darin, ein «operatives Werkzeug» zu schaffen, um die Maximierung des Shareholder-Valuesmit dem täglichen Geschäft von Universalbanken möglichst eng zu verzahnen. Dieses Werkzeug besteht vornehmlich aus zwei Komponenten: Zum einen muss für alle Kaderstufen ein Messverfahren entwickelt werden, um den individuellen Beitrag jeder Managementleistung zur Aktienkurssteigerung bewerten zu können. Zum anderen muss dieser Beitrag mit einem richtig kalibrierten Bonus belohnt werden, damit auf allen Ebenen des Unternehmens die richtige Motivationsstruktur durchgesetzt wird.
In seinem Vorwort zur Buchpublikation schreibt der damalige UBS-CEO Marcel Ospel, er sei überzeugt, dass «der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis sehr gut gelungen ist». Schliesslich seien die Erfahrungen Adriana Bodmers als Mitglied jenes UBS-Teams, das von 1999 bis 2001 die Ausgestaltung des damals neu eingeführten Bonussystems vorgenommen habe, direkt in die wissenschaftliche Forschung eingeflossen. Die Auswirkungen dieses «Brückenschlags» auf die Risikokultur der wichtigsten Schweizer Grossbank haben inzwischen Wirtschaftsgeschichte geschrieben.
Bodmers Arbeit hat zweifelsohne auch gewisse Qualitäten. Sie diskutiert ausführlich eine grosse Zahl von mathematischen Modellen zur Messung der Management-Performance. Sie thematisiert durchaus auch die Probleme von Informationsasymmetrien, Nachhaltigkeit der Aktienkurssteigerung und adäquater Risikogewichtung. Wundern sollte man sich nicht, wenn eine ehrgeizige junge Ökonomin den wissenschaftlichen Zeitgeist in ihren Forschungen konsequent umsetzt. Wundern sollte man sich schon eher, dass das gesamte Institut für Bankwesen offenbar nicht die kritischen Ressourcen aufbrachte, um zu erkennen, dass exzessive Bonusgewinne des Managements fatale Folgen für die Risikokultur in der Finanzbranche zeitigen würden. Geigers Bankeninstitut war eine goldene Plattform für die wissenschaftliche Legitimierung von Bonusexzessen.

Silvio Borners rasende Empfindlichkeit
Nicht nur die Grundüberzeugungen von Finanzexperten sind in Schieflage geraten. Auch die Konflikte zwischen Monetaristen und Keynesianern, zwischen Marktliberalen und Verteidigern von Regulierung sind wieder aufgebrochen. Nicht nur die Shareholder-Value-Theoretiker, auch die so zahlreichen Deregulierungsapostel haben heute ein Glaubwürdigkeitsproblem. Der wohl wichtigste akademische Vorkämpfer der Deregulierung in der Schweiz ist Silvio Borner.
Borner blickt auf eine lange und beeindruckende Professorenlaufbahn zurück, und die Widersprüche, in die sein Weltbild angesichts der Finanzkrise geraten musste, ist typisch für die Ökonomen seiner Generation. Die ersten Impulse empfing der Basler Professor von Walter Adolf Jöhr und James Tobin, die beide bekennende Keynesianer waren. Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre wurde die Nationalökonomie noch von Keynes dominiert. Monetaristische Ökonomen hingegen, die für eine restriktive Geldpolitik und gegen wirtschaftlichen Staatsinterventionismus eintraten, bildeten eine Minderheit. Es brauchte Mut, sich gegen die keynesianischen Etatisten zu wenden. Die Wirtschaftskrisen der Siebzigerjahre bestätigten dann jedoch die von Milton Friedman vorausgesagte «Stagflation» (das heisst: das gleichzeitige Auftreten von Stagnation und Inflation) und verhalfen der neoliberalen Denkrichtung nach und nach zu einer akademischen Vormachtstellung. Auch Borner näherte sich schliesslich den Friedmanianern an.
Wie nach den Krisen der Siebzigerjahre steht heute wieder ein wissenschaftlicher Paradigmenwechsel an. Innerhalb eines einzigen Forscherlebens aber gleich zweimal eine wissenschaftliche Kehrtwende vorzunehmen ist offenbar mehr, als man von Borner erwarten kann.
Dass der Professor heute Schwierigkeiten hat, die Zeichen der Zeit zu lesen, ergibt sich nur schon aus der Leichtfertigkeit, mit welcher er die Tragweite der Ereignisse verkannte: «Wir befinden uns in den letzten Zuckungen der Krise», schrieb er im April 2008 in der Zürcher «Weltwoche» — zu einem Zeitpunkt, als die wirklich dramatische Periode noch nicht einmal angefangen hatte.
In einer Reihe bemerkenswerter Analysen hat Borner seither die Finanzkrise kommentiert. Er steht der Notwendigkeit verbesserter Bankenregulierung nicht ablehnend gegenüber — auch wenn seine Hauptsorge nicht ist, wie Exzesse künftig vermieden werden können, sondern dass jetzt die Überregulierung droht. Was immer unter der Sonne geschieht: Borner fürchtet sich weniger vor «den sehr unappetitlichen Seiten relativ freier Finanzmärkte», wie er dies selber beschreibt, als vor staatlichen Vorschriften, die «noch komplizierter» werden. Das Deregulierungs-Mantra ist Borner zur zweiten Natur geworden. Auch er weiss, dass staatliche Eingriffe das Gebot der Stunde sind. Doch statt sie einzuklagen, warnt er vor ihrer Übertreibung.
Dabei scheut Silvio Borner auch vor seltsamen Widersprüchen nicht zurück. Einerseits behauptet er, dass der «krude Keynesianismus» die Finanzkrise genauso wenig vorausgesehen habe wie die neoklassische Theorie, weil beide ökonomischen Denkschulen die spezifischen Eigenarten der Finanzmärkte unterschätzt hätten. Andererseits empfiehlt er, zur Bewältigung der Krise besonders drei Autoren wieder zu lesen: Charles Kindleberger, Hyman Minsky und John Kenneth Galbraith.
Alle diese Autoren sind dem Keynesianismus zuzuordnen, nicht dem «kruden Keynesianismus», der sich für Finanzmärkte in der Tat nicht hinreichend interessierte, aber eben doch einer Denkschule, die an den Sinn von Regulierung und Staatsintervention glaubt — einer Denkschule, die Borner die letzten dreissig Jahre bekämpft hat.
Ist es das Bewusstsein, in grundsätzlichen Fragen auf dem falschen Dampfer gesessen zu haben, das den Professor zu seiner Hyperempfindlichkeit verleitet? In einer schäumenden Attacke gegen den Essay «Kapitalismus als Religion», den Roger de Weck im «Magazin» veröffentlicht hat, mokiert sich Borner über die Behauptung, selbst der «internationale Kunst- und Kulturjetset» habe zur Verbreitung einer neoliberalen Heilsideologie beigetragen. Borner bestreitet, dass es einen Zusammenhang zwischen Finanzkrise und Kulturjetset gebe. Dabei ist offenkundig, dass das Regulierungsversagen, das uns in die Krise stürzte, von einem breit abgestützten — eben auch vom Kulturjetset getragenen — Konsens gegen staatliche Eingriffe favorisiert wurde. Auch Borner hat mit aller Macht die Antiregulierungsagenda vorangetrieben, so etwa in seinem Buch «Wohlstand ohne Wachstum» aus dem Jahr 2004. Heute scheint es ihm unerträglich zu sein, auf indirekte Weise zu den geistigen Vätern des Desasters zu gehören.

Kurt Schiltknechts fröhliche Schizophrenie
Ein psychologisch noch interessanterer Fall der Krisenbewältigung ist Kurt Schiltknecht. Auch der ausserordentliche Professor der Universität Basel stellt unter den Schweizer Akademikern eine Ausnahme dar. Als langjähriger Mitstreiter von Martin Ebner hat sich Schiltknecht bekanntlich in der Geschäftsleitung der BZ Bank und in den Verwaltungsräten von Ebners Visionen-Anlagefonds engagiert und damit ein millionenschweres Vermögen verdient. Besonders einträglich waren die Performance-abhängigen Boni, die Schiltknecht als Verwaltungsrat bezog. Während des Börsenbooms der Neunzigerjahre verdienten Schiltknecht und seine Ko-Verwaltungsräte Christoph Blocher und Martin Ebner jährlich je bis zu 6 Millionen Franken und mehr — obwohl ihre Anlagefonds eine halsbrecherische Risikostrategie fuhren, beim Platzen der Börsenblase nach der Jahrtausendwende dramatisch einbrachen und eine Grosszahl von Kleinanlegern schliesslich um viel Geld gebracht haben.
Blocher, Ebner und Schiltknecht bilden die helvetische Avantgarde der Bonusexzesse. Das hat den Professor aber nicht daran gehindert, seine wissenschaftliche Arbeit vollständig darauf zu konzentrieren, Bonusexzesse zu kritisieren. Die theoretische Arbeit wirkt bei Schiltknecht wie eine manische Busspredigt gegen die eigenen vergangenen Sünden. Nur gegen die Forderung, einen Teil seiner überrissenen Boni im Nachhinein wieder zurückzuzahlen, hat sich der Professor immer kompromisslos gewehrt. Er sitzt weiterhin im Beirat der BZ Fund Management AG von Martin Ebner.
Die Persönlichkeitsspaltung zwischen dem Verwaltungsrat Schiltknecht und dem Betriebswirtschaftslehrer Schiltknecht ist von den Medien immer wieder sarkastisch vermerkt worden. Wie reagiert der Professor nun aber auf die jüngsten Verwerfungen der Weltwirtschaft? So wie er auch die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis meistert: mit einer neuen Anwandlung von Schizophrenie.
Schiltknechts Abhandlung über «Corporate Governance» ist ein lesenswertes, wohlinformiertes Pamphlet gegen Machtmissbrauch und Salärexzesse in den Geschäftsleitungen grosser Konzerne. Man merkt dem Autor die Erfahrungen an, die er während der Übernahmeschlachten um grosse Schweizer Firmen an der Seite von Martin Ebner hat sammeln können. Auch ereilte Schiltknecht sein Erweckungserlebnis, das ihn zur (theoretischen) Abkehr von Lohnexzessen und riskanten Investitionsentscheiden bekehrte, bereits beim Börsencrash von 2002. Sein «Governance»-Buch erschien schon 2004 und konnte zur Kommentierung der Finanzkrise, nur leicht überarbeitet, wieder aufgelegt werden.
Für Schiltknecht besteht kein Zweifel, dass «erfolgsabhängige oder aktienbasierte Entschädigungen» hauptverantwortlich waren für die Entstehung einer fahrlässigen Risikokultur im Finanzsektor. Akribisch schildert der Autor, auf welche Weise übersetzte Löhne entstehen: Manager können Informationsasymmetrien ausnutzen, sich in Machtkartellen organisieren, aktives PR-Management auf Kosten ihrer Aktionäre betreiben und so weiter. Schiltknecht liefert beeindruckende Belege für seine These, dass Managerlöhne häufig keine Marktlöhne sind. Eines aber ist aus seiner Sicht noch schlimmer als verantwortungslose Exzesse in den Konzernleitungen: die Verhinderung dieser Exzesse durch Regulierung.
Schiltknecht ist ein kompromissloser Anhänger des Shareholder-Value-Prinzips. Wirtschaftsunternehmen sollen nur ein Ziel verfolgen: die langfristige Steigerung des Gewinns. Alles, was ihre Freiheit beschneiden könnte, lehnt er ab. Obwohl der freie Markt seiner eigenen Analyse gemäss vor der Aufgabe versagt, die Entschädigungen so zu gestalten, dass ein Unternehmen seinen Wert möglichst nachhaltig steigert, bewertet Schiltknecht jeden Eingriff ins Marktgeschehen als fatal. Statt auf verbesserte regulatorische Rahmenbedingungen setzt er lieber auf das «moralische und gesellschaftspolitische» Bewusstsein der Manager. Weshalb aber sollen Manager, die sich nur dem Shareholder-Value verschreiben, plötzlich moralisches Bewusstsein entwickeln? Warum sollen freie Finanzmärkte, die offensichtlich versagen, plötzlich zur Selbstheilung fähig sein? Schiltknecht verbindet eine Diagnose des Marktversagens mit dem unerschütterlichen Glauben, dass spontane Kräfte trotzdem alles richten werden. Er spielt simultan den Dr. Jekyll und den Mr. Hyde des Neoliberalismus.
Was Geiger, Borner und Schiltknecht verbindet, ist nicht nur, dass sie einem Marktfundamentalismus das Wort geredet haben, der durch die Finanzkrise in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten ist. Gemeinsam ist ihnen auch, dass die Überzeugungen, die sie gestern hegten, es ihnen schwer machen, heute kohärent und unvoreingenommen die Herausforderungen der Stunde zu analysieren.
Man hätte auch andere Ökonomen herausgreifen können. Es geht nicht darum, dass so bekannte Theoretiker sich getäuscht haben. Entscheidend ist, dass der geistige Ballast von gestern uns nicht dazu verleiten darf, dieselben Fehler wieder zu begehen. Denn Irren scheint heute menschlicher denn je.

Illustration: Anje Jager
Illustration: Anje Jager
Gesagt von: Kurt Schiltknecht, 2009
Gesagt von: Kurt Schiltknecht, 2009
Illustration: Anje Jager
Illustration: Anje Jager
Gesagt von: Silvio Borner, 2004
Gesagt von: Silvio Borner, 2004
Illustration: Anje Jager
Illustration: Anje Jager
Gesagt von: Hans Geiger, 2009
Gesagt von: Hans Geiger, 2009

Die Diskussion

8 Reaktionen

  1. Wolfgang

    Motivation mit Bonussystemen und Methodik gleichzusetzen ist falsch. Die Möglichkeit viel Geld zu verdienen, lässt im Mensch Urinstinkte aufsteigen. Der Mitarbeiter wird zu ungeliebten Konkurrenz. Nun ist in jedem Fall gut für die Stakeholder, ganz sicher nicht für das Betriebsklima und eine nachhaltige Personalpolitik. Experten machen sich vor allem selbst zu Experten. Einmal einen Titel erlangt gilt man in Verbandskreisen ja schon als Fachspezialist. Wer schon an Strategiesitzungen, Projektmeetings etc. teilgenommen hat, stellt immer wieder fest, das die Expertise grundsätzlich darin besteht nicht aufzufallen, den Karriereförderern nicht zu widersprechen und bei Misserfolg Schuldige zu suchen. Ganz ehrlich, unser Bildungs- und unser Wirtschaftssystem sind schlecht. Absolventen werden nach der Ausbildung gleich zu Experten die wiederum Absolventen beurteilen und zu Experten machen. Unsere Wirtschaftsverbände schützen die eigenen Reihen und schotten sich von evolutionärem und revolutionärem Gedankengut ab. Freie Marktwirtschaft findet eigentlich gar nicht statt, Innovationen werden stark behindert. Politisch wird dieses Vorgehen gestützt und gefördert, vergleicht man Parlamentarier aller Couleur mit den Namen von Verwaltungsräten, Aktionären und Geschäftsführern bestätigt sich das eingangs erwähnte Bild nochmals. Der Mensch ist ein Raubtier, und jedes Raubtier will den grössten Brocken Fleisch…da bleibt wenig Raum für Menschlichkeit und Motivation.

  2. Alfred Betschart

    STREIT ZWISCHEN IDEOLOGEN

    Binswangers Beitrag ist so steril wie jeder Streit zwischen Ideologen. Personalisierungen von Problemen tagen zu deren Lösung überhaupt nichts bei. Die kritische Frage ist nicht, ob der Staat mehr oder weniger regulieren soll, sondern wie er regulieren soll. Die Vorschriften für die Wirtschaft steigen jedes Jahr um hunderte, ja tausende von Seiten. Mit abnehmendem, oft sogar negativem “Grenznutzen”. Die Finma (resp. die EBK) hätten es schon früher in der Hand gehabt, die UBS auf ihre Investitionen im amerikanischen Immobilienmarkt zu hinterfragen. Aber die staatlichen Behörden sind auch nicht allwissend und scheuen zudem das Risiko. Wünschenswert wäre, wenn der Staat weniger im Detail, dafür in den Grundzügen legiferieren würde. Beispiel: statt die Höhe der Boni der Banker zu regeln wäre es sinnvoller die Haftung der Organe zu erhöhen (bei geringeren Möglichkeiten der Absicherung durch Versicherungen). Ein weiteres Problem ist, dass jede Regelung ein entsprechendes Umfeld hat. Es ist jetzt schon klar, dass Obama und die USA keine Regelung der Boni im Bankenwesen zulassen. Damit ist das Thema auch für uns weitgehend gestorben.

  3. Thomas Laeubli

    @Stefan: Ich würde nicht die «Wirtschaftsfreundlichkeit» – schliesslich haben alle Arbeitende und Konsumierende an der Wirtschaft teil -, sondern den Mangel an wirtschaftskritischer Berichterstattung anprangern.

    Neben den Lobbyisten, die eine grosse Macht auf Bundesbern und Regierungen ausüben, haben auch die Ideologen der Anti-68er (die heute aus dem Staat Gurkensalat machen wollen) den Gang durch die Institutionen angetreten. Die Interessenvertreter der freien, allzufreien Marktwirtschaft leisten aus finanzstarken Kreisen gesponserte Öffentlichkeitsarbeit: Economiesuisse, Avenir Suisse, Liberales Institut. Der rechtskonservative Mainstream eignet sich dabei als Tragfläche antietatistischer Propaganda, da er mit Ressentiments gegenüber Ausländern breite Wählerschichten abholen kann. Der Ausländer dient dabei als Sündenbock für die Verknappung von Arbeitsplätzen, die eigentlich noch von vielen anderen Faktoren, die gerade von der rechtsbürgerlichen Politik herrühren, abhängt.

    Wenn sich Leute wie Thielemann Gedanken über Freiheit und Grenzen des freien Wirtschaftens machen, fällt man mit politischer Korrektheit sofort über die «Eliten» und «Professoren» her und verlangt deren Entlassung. Wenn Leute wie Borner, Geiger oder Gerhard Schwarz sich äussern, ist dies hingegen (manchmal nicht zu Unrecht) eine ernstzunehmende Meinung. So geht die Öffentlichkeit mit Kritik um.

    Übrigens zeigt die aktuelle Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaft, dass in der Ökonomie längst erkannt wurde, dass der Markt alleine nicht alles ist. Irren ist eben menschlich. Der Markt ist schliesslich auch kein rationales Subjekt, das wohlüberlegte Entscheide trifft, sondern funktioniert oft auch dank irriger Annahmen und willkürlichen Bewertungen. Auch gibt es keinen «reinen Markt» – z.B. dort, wo sich Manager selber Boni auszahlen, also Regeln nach Belieben festlegen. Nach WIttgenstein bedürfen nämlich auch private Vorgänge äusserer Kriterien. Und Privatsprachen sind willkürlich.

  4. Adrian Durtschi » Alte Ideologen des gescheiterten Neoliberalismus

    [...] Ist ein Neuanfang mit diesen überhaupt möglich? Irren ist ja schliesslich menschlich. Spannender Artikel zu diesem und weiteren Themen aus dem aktuellen “Magazin”. Unbedingt Lesen! Kommentare [...]

  5. Stefan

    @Thomas Laeubli: obwohl der Nobelpreis für Wirtschaft im Jahr 2002 an einen Psychologen ging, hat die Ökonomie nicht dazugelernt. Die wertvollen Erkenntnisse der Behavioral Finance wurden von den Banken zwar als Verkaufsargument eingesetzt, bei den Investmententscheiden aber ignoriert.

  6. hestuder

    Titel wie „Irren ist menschlich – verzeiht den Ökonomen nicht“ oder auch die Stellungnahme von Paul Krugmann „Wie konnten sich die Ökonomen nur so irren“ sprechen mich an, wie wohl auch den Zeitgeist. Nur haben sie mich bislang kaum klüger gemacht. Das Wirtschaftsgymnasium hat mir gereicht, um zu verstehen, dass die in den letzten Jahrzehnten gepflegte Wirtschaftslehre sich gerne in komplexe Analysen und Theorien verstrickt, aber kaum auf aktive Systemverbesserung abzielt. Nun wurde ich Ingenieur; wenn die Technik ebenso fortschrittlich wäre wie die Ökonomie, gäbe es vielleicht noch mehr Rücklicht- und Tür-Zuschlag-Sound-optimierende Arbeitslosigkeitskandidaten in der Automobilbranche, aber sicher keine zukunftsweisende Solarindustrie. Wo bleiben die innovativen ökonomischen Ansätze? Freigeld, Genossenschaften, Grundeinkommen, nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung?
    Wenn sich sonst keinen klugen Autor dazu finden – wieso fragt mich keiner? :-)

  7. Stefan

    ja, wieso fragt dich keiner?

  8. Vera Kehrli

    Dass “die Wirtschaft” einen liberalen Staat will, ist ein Märchen. Sie will in erster Line mal den Gewinn optimieren. Und das führt oft zu sehr unliberalen Forderungen. Patente, z.B. sind ein staatlich garantiertes Monopol. Ein liberaler Staat würde Patente nur sehr sparsam erteilen, dort wo ein Marktversagen auftritt. In der Realität geht es genau in die andere Richtung: jeder Mäuseschiss ist heute patentierbar. Auch Firmen mit beschränkter Haftung (also AG und GmbH) sind unliberal. In einer liberalen Wirtschaft müssten die Firmen volle Haftung übernehmen (nicht dass ich das generell befürworte). Vielleicht verdanken wir die Krise einem Manko an Liberalität. Gerade bei Finanzinstituten sollte man die Haftung nicht beschränken. Die können nicht damit umgehen, das sollten wir mittlerweile gelernt haben. Privatbanken hingegen (die tragen die volle Haftung), hatten nichts oder wenig mit dem Auslösen der Krise zu tun.
    Solange der Staat mit einer Haftungsbeschränkung in den Markt eingreift, so lange braucht es im Prinzip staatliche Regulierung. Das ist trivial. Aber vielleicht wäre es tatsächlich besser den Banken die Haftungsbeschränkung zu entziehen. Dann hätten sich einige Leute besser überlegt welche Ramschpapiere sie kaufen.

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