24.07.2009 von Birgit Schmid , 4 Kommentare
Wenn jährlich die Scheidungszahlen präsentiert werden, meldet sich das kollektive moralische Bewusstsein sorgenvoll. Die Institution Ehe habe ausgedient, heisst es dann. Die überzeugten Konkubinatspaare, links stehend und freidenkend, die den Staat nicht ihre privaten Angelegenheiten regeln lassen wollen, sehen sich bestätigt. Der Akt der Vermählung sei ein lächerliches Theater, eine heuchlerische Veranstaltung, weil nicht der Tod ein Paar trennen wird, sondern eine zwanzig Jahre jüngere Geliebte, der Selbstverwirklichungsdrang in den Wechseljahren oder die hässliche Macht der Gewohnheit. Die Soziologen erklären wieder mal, dass in der individualistischen Gesellschaft das Anspruchsdenken des Einzelnen an den Partner steige. Werden Erwartungen nicht erfüllt — kurzes Glück. Die Option, aus einer Ehe raus zu können, sei Teil unserer Lebenspraxis geworden. Die eigene Grossmutter oder die Nachbarn im Dorf sagen es einfacher: Den modernen Paaren fehlt jegliches Durchhaltevermögen. Man nimmt die Ehe heutzutage viel zu wenig ernst!
Als noch unbelehrbarer werden jene angesehen, die es zum zweiten Mal versuchen. Trotz aller Erfahrung hoffnungslos naiv. In den Augen der unverheirateten Romantiker, die mit Oscar Wilde glauben, dass man, um für immer verliebt zu sein, nie heiraten sollte, ist die zweite Ehe sowieso ein Abklatsch: Auch wenn heute niemand mehr jungfräulich Ja sagt, hat für sie das zweite Ja erst recht jede Unschuld verloren. Wenigstens feierte man das erste Mal noch ein rauschendes Fest in Weiss. Das zweite Mal, wenn auch auf die kirchliche Trauung verzichtet wird, sei doch so desillusionierend.
Darin aber liegt gerade die Chance der zweiten Ehe. Man steht an einem anderen Punkt im Leben. Signalisiert im schlichten Hosenanzug und der Ziviltrauung zu viert: Es soll keine Wiederholung geben von Illusion und brutaler Ernüchterung. Sondern man wagt einen Neuanfang, den man offiziell besiegeln lässt, weil man das für richtig hält. Der erstmalige Schiffbruch schmerzt, man will nun Vorsicht walten lassen, ist älter und reifer, möglicherweise realistischer geworden. Schon Freud soll gesagt haben, dass die zweite Ehe stets besser sei als die erste, besonders dann, wenn sie mit derselben Frau geschlossen werde. In einer ersten Ehe sei die Perspektive auf den jeweiligen Partner in unauflöslichem Widerstreit zwischen Idealbild und Wirklichkeit. Erst in der zweiten Ehe erreiche man einen reibungslosen Zustand, in dem die Partner das Idealbild aufgeben und sich als das sehen würden, was sie sind.
Fast jedes zweite Paar, das in der Schweiz heiratet, lässt sich wieder scheiden. 2008 heirateten 14 000 von 41 500 Paaren nicht zum ersten Mal, das heisst, mindestens einer der Partner hatte bereits eine Ehe hinter sich. Bei jeder dritten Eheschliessung haben der Mann oder die Frau oder beide schon einmal Ja gesagt. Die nackte Statistik sagt auch — man soll es aus Sympathie für die ewigen Heiratsromantiker nicht verschweigen —, dass das Trennungsrisiko bei einer erneuten Vermählung steigt. Die Gefahr steigt, wenn man die frühere Beziehung nicht aufgearbeitet und bewältigt hat, alte Verhaltensmuster repetiert werden und die Erwartungen an den neuen Partner eher noch gestiegen sind. Hat man sich schon einmal getrennt, sinken womöglich auch die Hemmschwellen, sich erneut scheiden zu lassen. Man weiss jetzt, wie es geht.
Es ist der Spezialfall, bringt aber das Wesen des erneuten Versuchs auf den Punkt. Eheleute, die einander zweimal heiraten, beweisen ihre Lernfähigkeit. Geschichten wie diese sind nicht selten: Ein Paar gibt sich nach 25 Jahren zum zweiten Mal das Jawort, dazwischen liegen eine Scheidung, da der Mann eine andere Frau kennenlernte, zwei Jahre Trennung und drei Jahre Konkubinat. Das wiederverheiratete Paar ist nun verbundener und eingespielter denn je, was daran liegt, dass viel über die Gründe des temporären Bruchs geredet wird und der Mann grosse Reue zeigt. Das Paar setzt ein Zeichen: Man kauft neue Ringe, baut ein neues Haus.
Über solche Wirrungen hat schon Lilo Pulver im Film «Heute heiratet mein Mann» von 1956 sinniert, als sie ihren Ex, gespielt von Johannes Heesters, zum zweiten Mal heiratet: «Ich bin wahnsinnig glücklich, man sollte jede Ehe zweimal beginnen und beide Male mit demselben Mann!» Wenn man die ersten Jahre nicht überstehe, weil man die Fehler der «Gegenpartei» nicht akzeptiere, so verzeihe man einander mit der Zeit und gewöhne sich an die Makel.
Wer sich schon mal getrennt hat, wird leichter zum Wiederholungstäter: Der Berner Paartherapeut Klaus Heer spricht in diesem Fall von «Scheidungsprofis». Gleichzeitig findet er die Zahlen interpretationsbedürftig. Was heisst das nun, dass Zweit- oder Drittehen mit zehn Prozent höherer Wahrscheinlichkeit scheitern? Man könne es auch umgekehrt betrachten, sagt Heer während eines langen Telefongesprächs über Paar- und Irrläufe, er sehe es bei seinen Klienten und im Umfeld: Viele Paare blieben zusammen, weil ihnen der Mut fehle, sich zu trennen. Sie kommen nicht voneinander los, sind heillos verstrickt, plagen sich und harren aus. Findet der Paartherapeut denn nicht, dass man heute zu schnell aufgibt? Heer nervt sich über die Moralisten: «Um in einer Ehe zu leben, die bis zum Tod eines Partners dauert, muss man heute fünfzig Jahre miteinander aushalten. Früher waren es fünfzehn. Ich weiss nicht, wie man das Kunststück schafft, dass die Beziehung so lange lebendig bleibt. Es gibt sicher solche Glückspilze, aber es ist nicht die Mehrheit.» Abgesehen davon, dass der Anspruch auf das persönliche Glück zu einem Paradigmenwechsel in Eheangelegenheiten geführt hat: Nie zuvor waren Ehepaare bestimmt, so lange zusammenzubleiben wie heute. Die Leute wurden früher nie so alt. «Die Ehe ist ein Blühen und Vergehen, wie alles andere auch im Leben», sagt der Paartherapeut lakonisch, der aus Erfahrung wissen muss, dass sich manche Ehen nicht reparieren oder wiederbeleben lassen. Warum, fragt Heer, die Sache nicht mal «von der poetischen Seite her» betrachten?
Füreinander geschaffen
Die Wolken berühren die Baumwipfel in Känerkinden, Baselland, an diesem Morgen. Stefan Fink, 53, putzt seine Brille. «Auch deine Brille hat das nötig, Schatz. Gib sie mir.» Seine Frau, 50, reicht ihm ihre Gläser, die er mit dem Tüchlein sauber rubbelt. Finca, der schwarze Labrador, weidet einen Plüschbären aus. Den Umweg über eine Ehe beziehungsweise zwei Ehen musste auch dieses Paar nehmen. Stefan Fink heiratete mit 26 das erste Mal, nach fünf Jahren war er geschieden. Mit 35 dann der zweite Versuch, auch er scheiterte sieben Jahre später. Er war wieder Junggeselle, als er Monika Fink 2001 kennenlernte, die damals in einer unglücklichen Ehe lebte. «Ich war allein verheiratet», sagt sie. «Das warst du», ergänzt er. Liebe auf den ersten Blick, sagen beide. Während zweier Stunden erzählen sie, wie er in einem Café, in dem sie sass, plötzlich vor ihr stand; wie sie noch einige Jahre bei ihrer Familie lebte, den zwei halbwüchsigen Söhnen zuliebe, und zeitweise auf einer Feldmatte neben dem Hund schlief, weil sie es im Ehebett nicht mehr aushielt. Wie sie die erste gemeinsame Wohnung bezogen. Schliesslich heirateten sie. Der schönste Tag für beide: Bei der ersten Heirat, sagt sie, fehlte bei ihr die Liebe, sie war 24 und suchte den sicheren Hafen. Wenn er an seine zwei ersten Hochzeiten denke, sagt er, dann — er verdreht die Augen.
Abwechselnd erzählt er, erzählt sie. Jener, der gerade schweigt, schaut dem andern beim Reden zu. Stefan Fink sagt: «Wir verbringen so viel Zeit zusammen, dass es fast körperlich schmerzt, wenn sie nur drei Stunden weg ist. Ich werde extrem unruhig. Es ist, als ob jemand den Stecker auszöge.» Sie sagt: «Alles bekam vor acht Jahren einen neuen Wert. Er schenkt mir so viel Aufmerksamkeit wie kein Mann zuvor.» Wenn man ihnen zuhört, wird klar: Es ist nicht zwingend nötig, dass man den verliebten Blick aufgibt, der jemanden schöner und perfekter macht, als er in Wahrheit ist, und man sich so vor der unvermeidlichen Enttäuschung schützt. Sondern die Beziehung zu verklären, sich von früheren Partnern abzugrenzen, hat etwas Bestärkendes. Man versichert sich so des einzigartig Gemeinsamen. Wenn sich ein Paar auf diese Weise idealisiert, muss das nicht per se negativ sein. So entwickle man einen gemeinsamen «Partnerschaftsmythos», schreibt der amerikanische Psychoanalytiker Stephen A. Mitchell in «Kann denn Liebe ewig sein?», den Mythos: «Wir sind für einander geschaffen worden.» In diesem Gefühl stecke sogar ein Körnchen Wahrheit: Beide Partner würden sich im Lauf der Zeit mit zunehmender Vertrautheit formen und entwickeln so eine besondere Vorliebe füreinander.
Dass Fantasien über die vollkommene Harmonie auch destruktiv sein können, wenn sie zu ernst genommen und als stetige Erwartung fungieren, haben der Koch und die Betreiberin eines Fitnessstudios in ihren früheren Beziehungen erlebt. Stefan Fink stürzte sich mehr oder weniger naiv in die erste und zweite Ehe. Knapp 30, hatte er für drei Kleinkinder zu sorgen, eines davon kam als gemeinsames dazu. Mehr und mehr fühlte er sich ausgeschlossen, war Versorger und Ernährer, basta. Einerseits sollte er miterziehen, sagte er was, hiess es: Misch dich nicht ein, das sind nicht deine Kinder. «Pflichten, aber keine Rechte», ergänzt Monika Fink. Auch die zweite Frau brachte zwei Kinder mit, die Erfahrung wiederholte sich, so dass Stefan Fink heute unterschreiben würde, was jeder Psychologe sagt: Die Patchworkfamilie gilt als das grösste Scheidungsrisiko. Anfangs wurde er auch von Monikas Vierzehnjährigem nicht akzeptiert, für den er der Täter war, der die Eltern entzweite. «Den brauchst du nie mit nach Hause zu nehmen!», sagte der Knabe wie ein eifersüchtiger Liebhaber zu seiner Mutter. Diese führte den Haushalt weiter, bis die Kinder die Schulzeit beendet hatten, obwohl alle vom neuen Mann wussten. Ein typisches Verhalten, das die Statistik spiegelt: Zwar kommt es zu den meisten Scheidungen um das sechste Ehejahr, wenn die Kinder nicht mehr im Kleinkindalter sind. Monika Fink und ihr Ex-Mann gehören aber zur zunehmenden Anzahl Paare, die sich erst nach achtzehn oder mehr Ehejahren scheiden lassen.
Hört man sich die Ehegeschichten an und spricht mit Paarpsychologen, müsste man zum Schluss kommen, dass die wahre Partnerschaft eine spätere ist. In den ersten Jahren mit Kindern heisst es vor allem, Kopf runter und durch. Kinder, so eine verbreitete Annahme, haben einen paradoxen Effekt auf ein Paar. Sie verlängern die Dauer einer Beziehung und verschlechtern deren Qualität. Krisen werden kompensiert durch die gemeinsame Fürsorge für die Kinder. Sind die Kinder erst mal erwachsen, hat man sich auseinander gelebt. Man ist befreit von der akuten Phase der Elternschaft, die alle Energie absorbiert, und ist entsprechend offen für etwas Neues.
Stefan Fink wollte das dritte Mal eigentlich nicht wieder Kinder dazuheiraten. Monika Fink hatte überhaupt nicht im Sinn, sich je wieder zu verlieben. Dass ihre Söhne bereits älter waren, dass sie sich schliesslich mit dem neuen Mann anfreundeten, hat sie umgestimmt. Warum heirateten sie erneut, statt im Konkubinat zu leben? Er sagt: «Ich bin altmodisch. Das Heiraten ist für mich das goldene Papier und das rote Band um unsere Beziehung.» Während Stefan Fink schneller wieder eine Ehe eingehen wollte, war seine Partnerin zurückhaltender, ein geschlechtsspezifischer Unterschied. Monika Fink sagte schliesslich Ja, weil sie auch das Konkubinat für «nicht ganz ehrlich, eine Art Fake» hält: «Man kann gehen, wann man will.» Er findet es jetzt etwas vom Schönsten, wenn er sie als «meine Frau» vorstellen kann oder sie sich am Telefon mit «Fink» meldet. Pragmatische Gründe kamen bei ihr hinzu: Wenn ihm etwas zustossen würde, wäre sie nicht abgesichert.
Mehr mut zur Trennung
Der Schatten, der auf die zweite Ehe fällt, heisst Vergänglichkeit. Man ist sich bewusst, dass einem nicht mehr so viel gemeinsame Zeit bleibt, wie wenn man mit 25 heiratet. Die Angst vor einem möglichen Verlust des andern ist berechtigter. Sie spielen manchmal in Gedanken durch, was hätte sein können, wenn sie sich dreissig Jahre früher begegnet wären. Sie sagt: «Wenn meine Buben die deinen wären, das ist eine schöne Vorstellung.» Traurig, sagt er, sei bei einer Beziehung nach der andern, dass man nicht sagen kann: Weisst du noch? Es gibt weniger Erinnerungen an ein Leben zu zweit.
Allerdings hätte Monika Fink den «Spinner» kaum ertragen, der ihr heutiger Mann mit 30 war. Vergangene Beziehungen zu bereuen, ist müssig. «Die zwei ersten Ehen gehören dazu», sagt Stefan Fink: «Ich bin dank ihnen zu der Person geworden, die ich heute bin. Das ist wie in der Schule, wo man Stufe für Stufe, Klasse nach Klasse durchlaufen muss, um sich zu entwickeln.» Monika Fink sagt: «Wenn wir diese Erfahrungen nicht gemacht hätten, könnten wir das Glück jetzt nicht so schätzen.» Er sei selbstständiger geworden, ehrlicher und ruhiger, müsse sich nicht mehr ständig beweisen. Sie wusste mit 44, als sie sich kennenlernten, dass sie sich nie mehr so unterordnen würde nur dem Frieden zuliebe, ohne auf ihre Bedürfnisse zu achten. Sie ist egoistischer geworden. Und trotz allem findet sie, seien sie beide ja die gleichen Menschen geblieben. Monika Fink sagt: «Wir haben beide unsere verrückten Ideen. Diese Seiten soll man dem andern lassen und ihn nicht zurechtbiegen wollen. Er ist und bleibt ein Spinner, aber das macht ihn auch aus.»
Wenn die Statistiker sagen, dass die Hemmschwelle in der zweiten Ehe sinke, sich zu trennen, weil man es schon mal überlebt habe, unterschlagen sie, dass eine Trennung ein biografischer Bruch ist, schmerzt und enttäuscht. Man ist enttäuscht über den Partner und sich selbst. Da ist die Angst, die Kinder zu verlieren. Allein zu bleiben. Auch der deutsche Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer sagt deshalb: Nur die Mutigen trennen sich: «Um sich scheiden zu lassen, muss man Power haben. Es kostet weniger, aus Schwäche in einer schlechten Ehe zu bleiben. Wer sich zu einer Scheidung entschliesst, hat Ängste überwunden und geht oft stärker aus der Trennung hervor.» Schmidbauer erklärt in seinem «Buch der Ängste» die Angst vor der Ehe mit dem Begriff Gamophobie (griechisch «gámos» Hochzeit, Ehe): als eine Variante der Angst, Entscheidungen zu treffen. Die Angst, sich zu trennen, lässt sich ebenso darunter einordnen. Besser also einmal, zweimal oder dreimal heiraten als keinmal, zumal es jedes Mal positive Energie freisetzt. Problematisch sei jedoch, sagt Schmidbauer, wenn die neue Verbindung aus einem unreflektierten Scheitern hervorgehe und man dem Ex-Partner die Schuld für alle Fehler gebe, wohingegen man den oder die Neue für genau den Richtigen halte.
Geflüchtet sind sie nicht in eine neue Verbindung, Marquelina Kreienbühl-Vogelbacher und Reto Vogelbacher aus Zürich-Affoltern, heute 43 und 53 Jahre alt. Er lebte nach seiner Scheidung zehn Jahre allein, sie acht. Er heiratete das erste Mal mit 30, sie mit 22, beide haben je zwei fast erwachsene Kinder. «Man überlegt sich lange, ob man nochmals heiraten will», sagt Reto Vogelbacher. «Klar war, dass wir keine Kinder mehr wollen, da Kinder für eine Beziehung viel Stress bedeuten. Diesmal soll es halten.» Es gibt viele Vorurteile bezüglich binationaler Ehe, der Vermählung mit einem ausländischen Partner. Tatsache ist, dass sie im Durchschnitt weniger lange hält. Marquelina Kreienbühl, halb Dominikanerin, halb Spanierin, und ihr Ehemann scheinen aber zu wissen, dass eine Prise Pragmatismus nicht schadet. Immer häufiger empfehlen Experten die Vernunftehe. Es sei von Vorteil, sich am Anfang nicht total verfallen zu sein, die Liebe könne im Verlauf der Ehe wachsen, eine Ehe wiederum sei trainierbar. Alles eine Frage der überlegten Wahl, für die gerade beim zweiten Mal bessere Chancen bestehen.
Es geht, simpel gesagt, das zweite Mal nicht mehr darum, einen Mann an sich zu binden, der einem viele gesunde Nachkommen schenkt. Der für die Pflege und Aufzucht der Brut gesetzlich in die Pflicht genommen wird und dank Ehevertrag nicht mehr so leicht ausscheren kann. Sondern der symbolische Wert wird wichtiger, entsprechend abgeklärt die Einsicht. In der zweiten Ehe müsse man viel toleranter sein, sagt Marquelina Kreienbühl, vor allem, wenn beide Kinder mitbringen, die es versöhnlich zu stimmen gilt. Ihr Gatte fügt etwas an, woran die Fachleute Freude hätten: «Das Eheglück wird verklärt. Man muss arbeiten an einer Beziehung, damit sie lebendig bleibt. Ich habe die rosa Brille mit der ersten Ehe abgenommen.» Für Schmetterlinge im Bauch ist man aber offenbar auch mit 53 nicht zu alt. Ja, sagt der Einkäufer eines Forschungsinstituts, der Sex sei intensiver in dieser zweiten Ehe. Ob Paartherapiemythos oder nicht, jeder Psychologe in seinem Alter versichert: Richtig gut werde die Sexualität erst in der zweiten Lebenshälfte. Paare, die sich später im Leben kennenlernen, würden davon profitieren: davon, dass Musse, Dankbarkeit und Neugier aufeinander grösser werden und die Angst, nicht zu genügen, abnimmt. Im Bewusstsein, dass man nicht ewig lebt, wachse die Gelassenheit.
Marquelina Kreienbühl bleibt zurückhaltend. Sie spürt die Erwartungen, die diesmal doppelt so gross sind: «Der Druck steigt, dass es das zweite Mal klappt», sagt sie. Aber wer garantiert ihr, dass es sich nicht wiederholt? Dass der Mann seine Verantwortung erneut nicht wahrnimmt, sich verschuldet, die Familie im Stich lässt? Deshalb arbeitet sie weiterhin in einem Pflegeheim, um selbstständig zu bleiben. Deshalb muss ihr auch keiner dumm kommen, von wegen Südamerikanerin sucht Einheimischen zwecks Heirat für den Schweizer Pass. Den hat sie nämlich längst. Vielmehr gehe es darum, mal im Alter nicht allein zu sein. «Es wäre doch schön, wenn mir mit 80 jemand die Hand hält. Oder Blumen aufs Grab legt, wenn ich früher sterbe.»
Beziehungen sind brüchig geworden, und das hat nicht zuletzt mit der Erwerbstätigkeit der Frau zu tun. Die will kaum jemand rückgängig machen. Die Frau aber, die nicht mehr an Heim und Kinder gebunden ist, erhöht das Scheidungsrisiko: nimmt am Leben teil, in dem das Karussell möglicher Partner immer schneller dreht. Marquelina Kreienbühl wie Monika Fink, deren erster Ehemann noch vor ihr fremdging, sie beide konnten ihr Leben nur so selbstbestimmt in die Hand nehmen, weil die Emanzipation sie in hohem Bogen rauskatapultiert hat aus dem jahrhundertealten stillen Erdulden. Und da draussen stand in der Mittagspause dann halt plötzlich ein Mann im Café, gab es den Arbeitskollegen, der schöne Komplimente machte.
Kumpel für die Oper
Charlotte Baumann, 66, hat der Weg in die Unabhängigkeit viel gekostet, aber es hat sich gelohnt. Als junges Mädchen von den Eltern in die erste Ehe gedrängt, hielt sie es fünfzehn Jahre aus, die Kampfscheidung zog sich sieben Jahre hin, er wollte aus finanziellen Gründen nicht. Sie setzte sich durch: «Der seelische Druck war so gross, die einzige Möglichkeit, um zu überleben.» Sie orientierte sich beruflich neu, holte die Matura nach und studierte Recht. Nach zehn Jahren versuchte die Zürcherin es noch einmal, glaubte daran, dass die Ehe etwas Gutes ist, wenn man nur selber wählen kann. «Nach elf Jahren wollte mein zweiter Ehemann die Scheidung, weil ich mich in all den Jahren nicht so verändert hatte, wie er dies gerne gehabt hätte.» Er kam mit ihrer Eigenständigkeit nicht zurecht, dass sie voll arbeitete, das Anwaltpatent erwarb und promovierte. Das Abendessen stand trotzdem immer wie gewohnt auf dem Tisch. Die erneute Scheidung empfand sie als Schmach. Sie stürzte sich in die Arbeit in ihrer Kanzlei, um über die Enttäuschung hinwegzukommen. Und dann passierte es vor zwei Jahren. «Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmals einen Mann finde», sagt sie, «und erst noch den besten von allen.» Er sitzt neben ihr am Stubentisch, in der Wohnung in einem Neubau am Zürichberg, Rudolf Peter Baumann, 71, gefunden mit 65.
Rudolf P. Baumann war 43 Jahre lang verheiratet, sehr glücklich, sagt der Mediziner und ehemalige Chefarzt für Pathologie in Neuenburg, bis seine Frau vor zwei Jahren an Krebs starb. Einer ihrer letzten Wünsche war, dass ihr Ehemann nicht alleine bleibt. Die drei Kinder unterstützten die Idee. In diesem Alter formuliert man Ansprüche anders. Er sei bei seiner Suche nach einer Partnerin nicht mit vorgefassten Meinungen vorgegangen, sagt Baumann, sondern sei überzeugt gewesen, «dass mit etwas Flexibilität und Anpassungsfähigkeit eine ausgeglichene Partnerschaft erreicht werden kann». Wenige Monate nach dem Tod der Gattin traf er Charlotte, die mit dem Namen ihres Ex-Mannes auch unschöne Erinnerungen ablegte. Wichtig ist beiden, dass man einen Kumpel hat, der ebenso gerne in die Oper, zu Van Gogh oder auf Kreuzfahrt geht. Als platonische Freundschaft verharmlosen lässt sich die späte Ehe aber nicht. Charlotte Baumann weiss jetzt, wie sich das Kribbeln im Bauch anfühlt, etwas, das ihr Vater noch als Jungmädchenfantasie abgetan hat. Es scheint zu einer verspäteten weiblichen Sozialisation zu gehören: Auch sie kann erst in der jetzigen Ehe sagen, wenn sie anderer Meinung ist, ohne Angst, «kleingemacht zu werden»: Sie wird respektiert.
Charlotte Baumann getraute sich anfangs nicht, ihrer neuen Bekanntschaft zu offenbaren, dass sie nicht erst ein-, sondern bereits zweimal verheiratet gewesen war. Sie spürte das Stigma, geschieden und alleinerziehend zu sein. Das war nicht um 1900, sondern in den Siebzigerjahren. Manche Leute prophezeiten ihr, dass ihre Kinder mal schlecht rauskommen würden. Ihre zwei Söhne sind heute ihr Stolz. Und doch schämte sie sich, als sie ihrem Zukünftigen erst nach zwei Wochen in einem Mail die zwei früheren Ehen beichtete. Rudolf P. Baumann erlöste sie, indem er antwortete: Es tut mir leid, dass du etwas so Unschönes erleben musstest.
Warum heiraten? Weil sie «an die Institution Ehe glauben, da sind wir konservativ», inklusive Trauung in der Kirche. Sie sagt: «Es ist eigenartig, trotz zwei gescheiterten Ehen war ich innerlich immer überzeugt, dass ich gemacht bin für eine stabile Ehe.» Die Beziehung bekomme mit der «offiziellen Befestigung» eine andere Bedeutung, sagt Rudolf P. Baumann, das Zusammengehörigkeitgefühl werde gestärkt: «Zudem hat sich die Ehe über Jahrhunderte bewährt.» Inzwischen sei es ja sogar für gleichgeschlechtliche Paare ein Ideal zu heiraten und Kinder zu haben.
«Die Ehe ist ein Blühen und Vergehen, wie alles andere auch im Leben», hat der Berner Paartherapeut Klaus Heer gesagt, und es klang wie von einem Pfarrer. Wer weiss, vielleicht wird der Spruch dereinst die Hochzeitspredigt von Baumanns Urenkel umrahmen, und es ist nichts dabei. Wird die Scheidungsrate weiter wachsen? Heer glaubt ja, wenn die Leute noch älter würden. Aber noch einmal: Es sei mehr als verständlich, wenn man nach vierzig Jahren Lust auf einen Neuanfang habe. «Man soll aufhören, das als Katastrophe anzuschauen, aufhören zu jammern und zu moralisieren.» Es sei gesundheits- und lebensbedrohend, in einer kalten und schlechten Ehe zu leben und weder zu wissen, wie man die Situation verbessern könne, noch wie man es mache: die eheliche Doppelzelle und einander zu verlassen.
Vor hundert Jahren hätte Monika Fink weiterhin im eiskalten Ehebett geschlafen oder, wenn sie es nicht mehr ausgehalten hätte, auf einer Matte am Boden neben dem Hund. Reto Vogelbacher hätte mit seiner Ex-Frau wie Bruder und Schwester dahingelebt, unbefriedigt, einsam und unglücklich bis ans Ende seiner Tage. Charlotte Baumann, aus der vor einem Jahrhundert keine erfolgreiche Anwältin geworden wäre, hätte ihr Leben lang nie gewusst, was Liebe ist, was Begehren, und dass man sich selbst achten muss, um glücklich zu werden.

Trau, schau mit wem: Charlotte und Rudolf P. Baumann (links), Marquelina und Reto Vogelbacher-Kreienbühl (rechts) | Fabian Unternährer


Vier Ehen, sieben Kinder, ein Hund: Monika und Stefan Fink | Fabian Unternährer
Heiraten so oft man muss, um den Partner zu finden, mit dem man es die nächsten 10 Jahre aushält. Kein Problem damit. Aber bitte nicht jedes Mal auch gleich wieder Kinder zeugen. siehe Mama Blog – Beitrag über die Patchwork Familie. Kinder zu haben ist ein Privileg, nicht ein Muss.
Ich las gerade heute in der “Sunday Times” einen Artikel zum Thema Scheidungsparties. Das ist hier in Großbritannien “in”. Ich (38) habe einen Partner, keine Kinder – und muss nicht unbedingt heiraten. Im Idealfall wäre ich gerne einmal verheiratet, aber im 21. Jahrhundert ist alles anders! “Will ich überhaupt?”, ist meine Frage. Wozu. Es ist ja alles relativ.
Liebe Frau Schmid,
Ich lese Ihre Texte ja jeweils sehr gerne, aber an diesem hier stört mich mindestens ein Satz gewaltig: “Die [die Erwerbstätigkeit der Frau] will kaum jemand rückgängig machen.” – ich bin selber keine begeisterte “Weltwoche”-Leserin, aber über die neusten ‘Köppeleien’ bezüglich Frauen, Mutterschaft und Berufstätigkeit bin ich trotzdem informiert. Sie auch? Ich würde mir von Ihnen eine Antwort auf Köppels verklemmtes Geplärre wünschen. Stattdessen schliesse ich aus Ihrem Artikel, dass die Damen Kreienbühl und Fink gar nicht so emanzipiert in ihren ersten Ehen die klassische Hausfrau-und-Mutter-Rolle an der Backe hatten – und die Beziehungen deshalb in die Brüche gingen. Wie können Sie da sinngemäss schreiben, mit wirklich(!) emanzipierten Frauen lebe sich eine Ehe schwerer? Ich bin im Übrigen überzeugt, dass eine selbständige Frau, die sich nicht nur als Mutter sondern auch im Berufsleben behauptet, für jeden halbwegs intelligenten Mann spannender und attraktiver ist als eine, die sich mit Herrn Köppels (leicht sexualneurotischer) Auffassung von Weiblichkeit ‘zufrieden gibt’.
ich könnte mir durchaus vorstellen wieder zu heiraten und wieder ein rauschendes hochzeitsfest zu feiern. in der heutigen zeit lebt man nicht mehr für immer und ewig zusammen.