23.12.2007 von Marc Schürmann , 3 Kommentare
Ich bin ein verantwortungsbewusster Mensch. So viel nur vorweg. Ich zahle meine Rechnungen, bevor ich muss. Ich bin haftpflicht-, hausrat-, rechtsschutz-, berufsunfähigkeits- und mehrfach privat rentenversichert. Ich habe mich noch nie geprügelt, abgesehen von diesem einen Mal in der zweiten Klasse, aber da war ich provoziert worden. Als ich bei einem Wanderurlaub durch Westnorwegen auf einer Etappe die Wahl hatte zwischen einem steilen Abstieg, der etwa eine Dreiviertelstunde dauern würde, und weiteren drei Stunden fast flachen Wanderweges, entschied ich mich trotz Erschöpfung für die drei Stunden, weil mir die Kletterei zu riskant war.
Trotzdem dachte ich am 12. Februar 2006, wenn sie nichts sagt, wird sie schon wissen, beziehungsweise ich dachte gar nichts, und so machte ich mit einer Frau, die ich 38 Stunden zuvor zum ersten Mal geküsst und elf Tage zuvor zum ersten Mal gesehen hatte, ein Kind.
Wir waren keines dieser Paare, die sich tanzend auf der Lautsprecherbox einer Disco oder schnaufend auf einem Alpengipfel kennenlernen und aus dem Rausch der ersten Wochen heraus in einer Kasinokapelle von Las Vegas heiraten, noch bevor sie wissen, an welchem Tag der andere Geburtstag hat oder wie sich sein Nachname buchstabiert. Wir waren einfach nur verliebt und leichtsinnig. Kennengelernt hatten wir uns im Internet. Sie hatte mir gemailt, sie liebe meine Artikel. Ich musste sie treffen.
Als wir dann am 15. März erfuhren, was am 12. Februar geschehen war, standen wir vor einer unmöglichen Entscheidung. Es war, als hätte man die Wahl zwischen neuen Herrschern, deren Namen man noch nie gehört hat und die auch nicht verraten, welche Politik sie vertreten. Kind nicht bekommen: Könnten wir mit diesem Entschluss je leben? Würde unsere Beziehung dem standhalten? Kind bekommen: Was heisst es, ein Kind zu haben? Wird unsere Beziehung dem standhalten? Moment, welche Beziehung überhaupt?
Ich hatte mir den Augenblick, in dem mir die Frau meines Lebens sagen würde, dass sie schwanger ist, schon als Teenager ausgemalt. Der Augenblick wäre vollkommen.
Sie (vor Freudentränen stammelnd): «Schatz, du … wirst Vater.»
Ich (souverän): (Literaturnobelpreis-Satz.)
Hintergrund: Geigen, Klavier.
Rest: Küsse, Glück, bis dass der Tod euch scheidet.
In der Wirklichkeit sprach nun am Telefon eine mir fast fremde Stimme zu mir: Sie habe in letzter Zeit schon morgens um neun einen Heisshunger auf Kebab, nicht aber ihre Tage gehabt und aus diesem Grund soeben einen Schwangerschaftstest vorgenommen.
«Und wie soll ich sagen … Herzlichen Glückwunsch.»
«äh!»
«Was sagst du?»
«Echt?»
«Ja. Echt.»
«Ah…»
«Was machen wir?»
«Auf jeden Fall muss ich ja jetzt keine Kondome mehr kaufen.» Wenigstens fiel mir ein guter Gag ein.
Wir beschlossen am selben Abend bei zwei Miniflaschen Prosecco in meiner Wohnküche – für lange Zeit das letzte Mal, dass meine Freundin Alkohol trank –, dass wir es wagen. Ob wagen müssen oder wagen wollen: Schwer zu sagen, es traf beides zu. Weder sie noch ich ertrugen den Gedanken, das Leben im Bauch wegzumachen, und wir glaubten beide daran, dass wir es schaffen würden – was und wie auch immer.
Im April zog sie zu mir, im Mai fanden wir eine grössere Wohnung in einem anderen Stadtteil. Ich hatte nie mit einer Freundin zusammengewohnt. Von den knapp 30 Jahren, die ich alt war, hatte ich 29 als Single verbracht. Das hatte ich genossen und verdammt zugleich. Genossen, weil ich allein war. Verdammt, weil ich einsam war. Genossen, weil ich frei, verdammt, weil ich heimatlos war. Ich träumte immer mal wieder von Frau und Kind und Hund und so und verscheuchte die Frage, ob ich das alles wirklich will und kann, mit der Antwort, dass ich das irgendwann schon sehen würde. Das führte dazu, dass ich an Silvester jedes Jahr deprimiert war, ich, Single unter Paaren, denn wie das so ist mit Dingen, die man immer in die Zukunft schiebt: Sie werden nie Gegenwart, nur entgangene Vergangenheit.
Natürlich hatte ich Angst. Riesige Angst. Die Geschichten von Paaren mit Kind, die sich nach normaler Verliebt-verlobt-verheiratet-Biografie trennen, sind schon Horror genug.
Ich muss kurz unterbrechen. Mein Sohn wankt in seinen komischen schwarzen Ballettschuhen, von denen meine Freundin behauptet, es seien Jazztanzschuhe, was irgendwie auch nicht besser ist, vor mir herum. Er kann nämlich seit drei Tagen laufen. Jetzt setzt er sich und schwenkt die Zimmertür. Das findet er noch besser als Laufen. – So, jetzt fahren sie in den Zoo, Löwen anschauen.
Wie sehr, dachte ich, kann man erst ins Unglück stürzen, wenn man die Frau praktisch nicht kennt? Kann unsere Liebe so schnell wachsen wie das Baby? Und warum, um Himmels willen, warst du so verantwortungslos, dass du an Verhütung nicht einmal gedacht hast? Du, der seine Rechnungen zahlt, bevor er muss, und dem ein bisschen Felsengekraxel schon zu viel Abenteuer ist?
Ich sollte erwähnen, dass der Sprung für meine Freundin noch grösser war. Ich war nun nicht mehr Single und erwartete ein Kind. Sie aber war nun nicht mehr Single, erwartete ein Kind, das hinter ihren Rippen gedieh, gab ihre Arbeit auf und zog, Freunde und Familie zurücklassend, zu einem fremden Mann in eine andere Stadt. Und auch sie wundert sich über ihren Leichtsinn. Auch sie dachte an diesem einen Tag nicht nach. Esoterik liegt mir fern, aber ich komme nicht umhin zu denken: Dieses Kind wollte unbedingt zu uns. Passenderweise sprachen wir, noch bevor wir wussten, dass meine Freundin schwanger war, über mögliche Namen unserer Kinder. Colin (sie). David (ich). Lilith (sie). Was ist das denn für ein Name (ich). Marie (ich). Was ist das denn für ein Name (sie). Luis (beide). Es war ein Spiel, aber so absurd der Gedanke an Kinder uns damals schien, so fühlte es sich auch ein bisschen ernst gemeint an.
Nach etwa drei Monaten fangen Paare an, offiziell von einer richtigen Beziehung zu sprechen. Wir zogen zusammen.
Nach etwa sechs Monaten machen Paare die ersten gemeinsamen Ferienpläne. Wir machten unsere letzten ohne Kind und flogen nach Fuerteventura. Diese Insel ist eine Leiche. Ein verdorrter Busch muss dort als landschaftliche Attraktion durchgehen, der atlantische Wind verpasste uns von vormittags bis abends eine pausenlose Tracht Prügel aus Sand, und das Essen schmeckte nach Pathologie. Wir fanden es trotzdem schön. Wenn man sich auf den Urlaubsfotos den Bauch meiner Freundin wegdenkt, sieht es aus wie ganz normale Pärchenferien. Hand in Hand, Füsse im Wasser.
Nichtschwimmer im Meer
Nach etwa neun Monaten sprechen Paare erstmals von den Bedingungen einer gemeinsamen Zukunft. Meine Freundin gebar einen Jungen, 53 Zentimeter, 3,920 Gramm, 23:41 Uhr, ein Sonntagskind, 5. November 2006.
Nach etwa einem Jahr beginnt für viele Paare die Zeit, in der sie darüber nachdenken, wie sie sich möglichst folgenlos voneinander trennen. Meine Freundin organisierte unseren ersten Abend mit Babysitter.
Man soll sich nie zu früh zurücklehnen, das tun wir auch nicht, aber bis hierhin haben wir es tatsächlich geschafft. Und zwar: weil. Nicht obwohl. Es ist gut gegangen, weil, nicht obwohl wir von null auf hundert Eltern wurden.
Weil wir den anderen so wenig kannten, hatten wir kaum Erwartungen, die enttäuscht werden konnten. Langzeitpaare haben viel Gelegenheit, sich das Leben mit Kind auszumalen, sich Vorstellungen davon zu machen, wie der Partner sich verhalten und welche Funktionen er erfüllen wird. Ich hatte keine Ahnung, wie meine Freundin ein Baby wickeln, wie sie mit meinen Eltern umgehen oder das Kinderzimmer dekorieren würde. Also sah ich zu und erfuhr es. Und sie hatte keine Prinzenträume in mich projiziert, in denen der Mann auf ganz bestimmte Weise nach Hause kommt, Pflanzen giesst oder dem Baby sagt, dass es etwas nicht darf.
Weil wir die Zeit der spontanen Verabredungen, gemeinsamen Betrunkenheit oder des festen Kinoabends am Donnerstag, überhaupt die Zeit der ganz gewöhnlichen Beziehungsroutine nie hatten, gab es auch keine gemeinsamen Heiligtümer und Rituale zu betrauern. Ein Tisch vermisst ja auch nicht das Stuhlsein, höchstens das Baumsein. Ausser in den Wochen zwischen dem 11. Februar (einen Tag vor der Zeugung hatte unsere Beziehung angefangen) und dem 15. März hat es meine Freundin und mich ausschliesslich als Eltern gegeben, sei es als werdende oder als seiende, und das ist in diesem Zusammenhang nur ein kleiner Unterschied. Auch deswegen konnten wir mit der touristischen Frechheit, die uns unter dem Namen Fuerteventura angedreht wurde, so gut leben: Es war nichts für die Kategorie «Ach ja, das war noch unsere Zeit vor dem Baby, seufz». Eine Traumwoche in einer windstillen Lagune mit Schokoladenpudding und Strawberry Margaritas den ganzen Tag – das wäre etwas zum vergeblichen Hinterhersehnen gewesen.
Weil wir, indem unsere Liebe mit einer Schwangerschaft begann, gewissermassen als Nichtschwimmer ins Meer geschmissen wurden, hielten wir einander über Wasser. Was aus uns geworden wäre ohne Sohn – es ist unmöglich zu sagen, er war ja immer da. Wir glauben beide: Wahrscheinlich wären wir auseinandergetrieben. Wir hätten uns an einem schlechten Tag gestritten und nicht versöhnt. Nach dem Streiten muss ja immer einer seinen Stolz aus dem Sturkopf stossen und sagen, tut mir leid, lass uns reden. Hätten wir weiter im Nichtschwimmerbecken geplantscht, zusammen mit den anderen Wenn-nicht-diese-Beziehung-dann-die-nächste-Leuten: Unser beider Stolz wäre nach irgendeinem Streit – um das schmutzige Geschirr, ihre Ungeduld, meine Vergesslichkeit – zu gross gewesen. Doch im Meer stand zu viel auf dem Spiel. Weil uns klar ist, wie katastrophal ein Zerwürfnis, sogar eine Trennung in unserem Fall wäre, schwimmt doch immer einer auf den anderen zu. Tut mir leid, lass uns reden. Meistens ist das meine Freundin.
Nicht dass wir uns dauernd streiten würden. Wir streiten so viel oder wenig wie andere Paare auch, die Wohnung, Kind und Geld teilen. Nur dass Trennung keine Option ist – und es vor allen Dingen auch in den ersten Monaten nicht war, üblicherweise der flatterhaften Zeit des Bestimmt und Vielleicht und Dochnicht, wenn Paare halt noch nicht so recht wissen.
Bedeutet unsere Geschichte, dass Trennungen unnötig sind? Dass man sich einfach nur zusammenraufen muss, bis das Glück beschliesst zu bleiben? Dass die Fortpflanzung am Ende die Romantik besiegt? Dann wäre gegen arrangierte Ehen nichts einzuwenden. Und wir führen ja so etwas wie eine vom Schicksal arrangierte Ehe. Ich erinnere mich vage an einen, ich glaube, amerikanischen Professor, der behauptete, Liebe sei eine Frage von Zeit und Geduld, und das an sich selbst bewies: Er heiratete aufs Geratewohl irgendeine Unbekannte. Tatsächlich wuchs die Liebe aus dem Nichts, und der Professor führte eine lange, glückliche Ehe, vielleicht führt er sie immer noch.
Ja, ich glaube, viele Paare trennen sich zu früh und aus flüchtigen Gründen. Ich glaube aber auch, viele trennen sich zu spät und trotz stabilen Gründen, es viel früher zu tun. Ich finde, der Professor hatte verdammt viel Glück. Und wir auch. Nur weil der Satz stimmt, ohne Kind wären meine Freundin und ich wohl nicht mehr zusammen, stimmt noch lange nicht der Satz, bloss das Kind hält uns vereint. Anders herum gesagt: Ich liebe meine Freundin bis auf die Knochen, sonst hätte ich mich von ihr getrennt, Kind hin oder her. Und fände sie an mir bis heute nur meine Artikel gut, hätte sie mich ebenso verlassen. Ohne Romantik hätte sich die Fortpflanzung also nur kurz über ihren Erfolg freuen können. Was stimmt, ist allein dies: Unser Sohn hat uns gezwungen, solange zusammenzusein, wie wir können. Er hat uns daran gehindert, einfach abzuhauen, wenn einem danach ist. Es hat ja seine Gründe, dass ich die meiste Zeit meines vorherigen Lebens Single gewesen war. Probleme? Kritik an mir? Schmetterlinge weg? Ach nein, dann doch lieber nicht. In meinem alten Leben, dem ohne Familie, hatte ich drei Beziehungen. Sie endeten nach fünf, fünf und drei Monaten.
Den schönsten Augenblick, den ich als Vater kenne, erlebe ich jeden Abend: Ich komme von der Arbeit nach Hause, mein Sohn dreht sich um, lacht und stürmt auf mich zu. Oder er ist es, der nach Hause kommt, zurück vom Zoo, und auch dann wird er mich anlachen. Ich kann kaum glauben, dass ich mir noch vor zwei Wintern sicher war, mir würde das niemals passieren.

«Zu dir oder zu mir?» erübrigt sich hier. Autor, Frau, Kind (von unten nach oben) | Bild: Olaf Unverzart
Dieser Artikel hat mich sehr gerührt und ich wünsche euch weiterhin alles Gute und Liebe als Familie. Nichts ist selbstverständlich, auch das Leben nicht! Wir haben unsere Tochter und ihren Freund am 7. Oktober verloren bei einem Gleitschirmunfall. Beide waren 34 Jahre alt.
Liebe Grüsse
Heute eine glückliche Familie mit vier Jungs! Vor elf Jahren hat unsere Familiengschichte sehr ähnlich begonnen. Ein Geheimrezept gibts nicht, was zählt ist Vertrauen, Mut und Toleranz. Ihr seid auf dem besten Weg !!!
Eine sehr nuechterne Geschichte, die mir irgendwie bekannt vorkommt…
Ich wuensche Euch weiter viel Glueck!