24.07.2009 von Anuschka Roshani , 1 Kommentar
Haben Sie noch so starke Flugangst wie früher?
Ja, im Jemen musste ich mal jeden zweiten Tag in ein Flugzeug steigen, für einen Flugparanoiker wie mich ein schlechter Witz. Es war absolut erschöpfend, jeden zweiten Tag diese immense Angst zu haben, so erschöpfend, dass mir einfiel, ich könne ja auch einfach mal versuchen, die Angst einfach loszulassen. Ich bot mir das selber an: Judith, sei eine andere, sitz gelassen auf deinem Sessel, sieh aus dem Fenster, staune über die Wüste!
War das eine Entscheidung?
Es wäre eine gewesen, ja, aber die Angst war doch stärker, sie hatte das stärkere Argument: Angst ist ein Motor, in diesem Fall hielt sie das Flugzeug in der Luft, hätte ich sie losgelassen, wäre das Flugzeug wie ein Stein vom Himmel gefallen. Ich weiss, das ist idiotisch, aber ich staune auch darüber. Das ist ein Pakt, den ich wahrscheinlich schon früh mit mir selber abgeschlossen habe.
Ist die Angst für Sie der Preis, den Sie zahlen müssen?
Genau. Wie auch mein ganzes Leben als Schriftstellerin oder mit dem Erfolg. Ich frage mich, wie das gewesen wäre, hätte ich ein völlig normales Leben als Musiklehrerin oder so geführt: An welchem Motiv meines Lebens hätte ich das Konzept des Preiszahlens aufgehängt? Vielleicht hätte ich gar keins gehabt dafür. Vielleicht hab ich es nur durch diesen grossen Erfolg und diese merkwürdige Sphäre des Ruhmes — von dem man nicht weiss, woher kommt der und wann geht der —, das alles ist so unkenntlich. Ich habe lange Zeit gedacht, der Erfolg habe seinen Preis, das denke ich immer noch, aber ich halte den Kontakt zum Erfolg kleiner, ich nehme mich weniger wichtig als früher. Die Ängste werden kleiner dadurch.
Kann man die Angst davor, den Erfolg einzubüssen, teilen?
Ach, ich glaube, mit Angst ist man immer ziemlich alleine. Auf dem langen Rückflug vom Jemen nach Hause sass ich neben einem Journalisten, der etliche Flugangst-Kurse absolviert hatte, das war geradezu schwachsinnig, wir schaukelten uns vollständig hoch. Er wies mich unentwegt auf Schwachstellen im Flugzeug hin, auf merkwürdige Geräusche. Und dann gab es etliche mit Band geklebte Konstruktionen, die Notausgangstür vibrierte derart, als würde sie jeden Moment einfach aufspringen. Es war grauenhaft. Wir haben unsere Angst geteilt, aber dadurch wurde sie monströs, noch grösser als ohnehin schon.
Besser man sucht sich einen, der diese Angst nicht kennt.
Den das alles kalt lässt, ja. Der immerzu fragt — wie bitte? Worum geht es? Jemand, der weiss, was eine Angst ist, aber andere Ängste hat. Angst ist ja, das weiss ich inzwischen, immer ein und dieselbe, sie kostümiert sich bloss, sie hat viele Gestalten, ist aber nur eine, eine Urangst eben. Meine Angst jedenfalls ist immer die Gleiche, sie verkleidet sich aber gut.
Tut es Ihnen gut, die Angst zu formulieren?
Nein, ich finde das eine Krücke; Angst ist ein komplexes Gebilde, es ist nichts wohltuend daran, sie zu benennen. Es macht die Angst nur weniger mächtig, dass ich ihre Faschingskostümierung durchschaut habe. Das heisst nicht, dass sie mich nicht jedes Mal packen kann. Aber es scheint, als würde ich mich auch packen lassen, als könnte ich dieser Passivität, die man hat, wenn die Angst einen überrollt, doch einen aktiven Impuls hinzufügen.
Wer kostümiert sie denn?
Na man selbst! Man lässt sie herein. Man bietet ihr einen Stuhl an. Farbe und Gestalt. Man lässt sie zu.
Wird man mit dem Alter angstfreier?
Vielleicht lernt man die Angst im Laufe des Lebens etwas besser kennen. Als einen Teil des Lebens, man richtet sich mit ihr ein. Angstfreier wird man nicht, glaube ich. Es gibt die irrationale Angst, diese seltenen Situationen, in denen man Angst empfindet wie ein Kind. Angst vor der Dunkelheit. Das Gefühl, es sei jemand in der Wohnung. Unter dem Bett. Im Kleiderschrank. Eine kindliche Angst, und dann ist man doch erwachsen genug, um sich sagen zu können, dass diese Angst irrational ist — dass sie einen anderen Ursprung hat. Dass man müde ist und die Unruhe vielleicht etwas ganz anderem gilt.
Das hilft?
Ja, das hilft. Die Angst zieht sich dann zurück, verschwindet. Als hätte man das Licht angemacht, in alle Ecken geschaut, wieder gewusst, dass sich im Kleiderschrank niemand wirklich verstecken kann. Man bittet die Angst hinaus. Man lässt sie stehen.
Die Berliner Schriftstellerin Judith Hermann wurde 1998 mit ihrem Erzählband «Sommerhaus, später» bekannt. Die Geschichten in ihrem dritten Buch «Alice», das gerade im S.-Fischer-Verlag erschienen ist, handeln von Sterben und Tod.
[...] wenn man das Meer braucht. Mit Gedanken, wenn man etwas zum Anfassen braucht. Und umgekehrt. Den Ängsten bunte Kostüme anziehen, oder auch unbunte. Und sie wieder ausziehen. Vielleicht haben sie schöne [...]