Julia Jentsch / Das Gesicht unserer Zeit

20.03.2009 von Michèle Roten , 7 Kommentare

Julia Jentsch ist natürlich eine sehr gute Schauspielerin. Unbestritten. Sie ist sogar sehr, sehr gut — sie ist eine von den wenigen, bei denen man spürt, dass selbst diese eitle Kunst tatsächlich von Können kommt, tatsächlich ein Handwerk ist. Kein Wunder also schwärmt das Feuilleton für sie. Es erkennt die ganze Zivilcourage, Todesangst, Verzweiflung und den Stolz einer jungen Widerstandskämpferin gegen die Nazis in einem Blick, den Julia Jentsch dem Richter zuwirft, wenn sie Sophie Scholl spielt. Dieses Jahr kommt «Tannöd» in die Kinos, die Verfilmung eines ungeklärten Mordes an einer ganzen Bauernfamilie unter der Regie von Bettina Oberli. Julia Jentsch spielt die Figur, der die Dorfbewohner alles erzählen, eine stille Hauptrolle, wenn man so will, aber Jentsch wird ihr selbst in dieser Passivität noch Charakter verleihen, sie kann das, denn sie ist eine sehr, sehr gute Schauspielerin.
Aber Julia Jentsch ist, und das klingt vielleicht despektierlich, allerdings zu Unrecht: vor allem auch ein sehr besonderes Gesicht. Ein Gesicht, und das klingt noch viel schlimmer, das sehr unauffällig ist, nicht einmal besonders hübsch ist auf den ersten Blick. Beziehungsweise: so unauffällig, dass man sich beim ersten Blick überhaupt nicht überlegt, ob es hübsch ist oder nicht. Sie tut auch nichts dafür oder dagegen. Zum Interview trägt Julia Jentsch billige Jeans, ein kariertes Hemd, Adidas-Turnschuhe. Und die soll, wie man sich in Journalistenkreisen erzählt, so ein Theater um ihr Privatleben machen, so strikte nicht darüber sprechen — die ultimative Starallüre? Auf den zweiten Blick allerdings ist Julia Jentsch schön, und zwar so, dass man nicht mehr wegschauen will. Eine entspannte, wohltuende Schönheit. Sie fühlt sich an wie die Schönheit der eigenen Mutter: mehr ein Wissen als eine Wahrnehmung. Ein etwas zu breites, etwas zu markiges Kinn. Augen mit einem konzentrierten, dunkelbraunen Blick, weitgehend wimpernlos, ehrlich, unverschleiert. Eine Durchschnittsnase, nicht elegant. Weizenblonde Haare, die Farbe von einem sonnigen Kornfeld. Julia Jentsch sieht aus wie Deutschland im Frühling, wie Honigzopf und Milch, wie ein ungewachster Holztisch. Es ist eine solide, simple, saubere Schönheit.
Gleich nach ihrem Können ist es dieses Gesicht, dem sie ihre glänzende, lange Karriere verdanken wird, wenn sie keine Fehler macht. Und das wird sie nicht, dafür ist sie zu interessiert an der Schauspielerei und zu wenig an sich selber. Denn das ist es eigentlich, was sie dazu treibt, jegliche Fragen zu ihr als Privatperson im Keim zu ersticken: nicht Eitelkeit, arroganter Privatheitsfetischismus, vielmehr Demut vor ihrem Beruf. Und sie setzt noch das Sympathiekrönchen drauf, indem sie sagt: «Aber vielleicht ändere ich meine Meinung auch irgendwann und sehne mich nach Aufmerksamkeit. Kann auch sein.» Wenn man Jentsch gegenübersitzt, merkt man schnell: Ihr Wesen könnte natürlich gar nicht anders sein. Es ist nur konsequent zu ihrem Aussehen. Sie ist nett. Sie ist ernsthaft, aufmerksam, interessiert, lustig, sie ist so wie all die Menschen, mit denen man sich gerne umgibt. Im Gespräch lässt sie sich für Antworten Zeit, mindestens zwei Sekunden schweigt Jentsch, bevor sie sorgfältig und ausführlich formuliert, was sie denkt. Auch während ihrer Antworten nimmt sie sich Pausen — man fällt ihr ständig ins Wort, auch wenn sie gar nichts sagt. Als sie den Raum kurz verlässt, schnuppere ich an ihrem Schal. Der Geruch ist intimer als jede Homestory: kein Parfüm, kein Zigarettenrauch, bloss die leere Leinwand Mensch, die Essenz einer Schauspielerin.

Die Diskussion

7 Reaktionen

  1. Phil Keller

    uiuiui, das schäumt ja gewaltig vor Eifersucht! Aber dass deshalb gleich in die unterste sexistische Schublade gegriffen werden muss? Etwas arg viel Diffamierung, trotz dem vermeintlichen Anerkennungs-Schlenker.

  2. Profile Pic
    Norbert Trommler

    mutmassung – der schuldner versagt jegliche objektivität! bleib bei deinen kolumnen und nehm die rosa brille ab, such das reale leben und lass dich nicht von äusseren bewertungsmassstäben leiten.

  3. Jay Schuetz

    Dieser Artikel ist voller versteckter Schönheit, passend dass er über Julia Jentsch geschrieben ist! Danke.
    J.

  4. Alias Lorelei

    Es ist wahrlich nicht immer einfach, die Texte von Michèle Roten richtig zu interpretieren. Meine Empfehlung: die Kolumnen immer zwei- bis dreimal durchzulesen, sich gaaanz langsam Wort für Wort zu verinnerlichen und vielleicht auch mal zwischen die Zeilen gucken. Jay Schütz’ Meinung deckt sich voll und ganz mit meiner!

  5. Mystery m

    Man geht an einem Brunnen vorbei und sieht nur blankes Wasser darin, oder aber eine wunderbare Flüssigkeit, die erfrischender nicht sein könnte!
    Mehr zu sehen, als es auf den ersten Blick scheint, lohnt sich bei M. R. immer!!

  6. Bucher Hans

    Sie macht eben kein Theater um ihr Privatleben, sie hält es heraus. Das haben übrigens auch schon andere SchauspielerInnen und KünstlerInnen versucht und weitgehend geschafft, z.B.: Huppert Isabelle, Streep Meryl, Mutter Anne-Sophie. Ist das nicht klug und berechtigt? Gerade beim Schauspielen exponiert man die eigene Person wie sonst nur beim Singen, da muss nicht noch mehr persönliches ins Rampenlicht gezerrt werden. Und die Presse übt(e) oft nicht anständige und angemesse Zurückhaltung.

    Schade, dass nicht auf ihre Rolle in der jüngsten “Briest Effie”-Verfilmung eingegangen wurde, die zur Zeit in den Schweizer Kinos gezeigt wird. Auch hat sie eine Gastrolle am Zürcher Schauspielhaus. Hätte ich gut gefunden, wenn es erwähnt worden wär.

    Ich persönlich finde sie sehr schön. Ich finde sie auch nicht unauffällig, sondern nur nicht aufgedonnert. Schönheit hat doch eine General-, eine Standard- und eine Invidualkomponente. Generell gelten Ebenmäßigkeit, Exzentrizitätsmangel und ausgewogene Proportionen (mit Ausnahmen!) in allen Kulturen über alle Zeiten hinweg als schön. Der Standard variiert stark, momentan dominiert ein westlich, angelsächsisch, aber auch jüdisch geprägtes Schönheitsideal in Kino und Fernsehen. Da rastet ein von vielen Hollywood-Produktionen und VSamerikanischen Serien (ver-)bildetes Auge nicht sofort ein. Ich hätte es elegant gefunden, wenn das Schönheitsurteil nicht gefällt worden wär, sondern mit einigen Bildern jedem Leser und jeder Leserin das Urteil selbst überlassen worden wär.

    Keller Phil: Ich finde überhaupt nicht, dass da Eifersucht oder Neid im Spiel war. Ich finde den Beitrag nicht geglückt, aber ich hab schon andere Reportagen über Treffen mit Jentsch Julia gelesen und der Ténor trifft den Ton. Dank an die anderen Verteidiger.

  7. Andreas Saladin

    Sorry, Phil Keller, ich verstehe Ihren Kommentar nicht! Wo ist da die Eifersucht? Und wo die Diffamierung?
    Ich finde nichts davon….!?

    Haben Sie vielleicht Ihren Kommentar zu einem anderen Bericht schreiben wollen?

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