04.09.2007 von Thomas Zaugg
Ich habe einen Satz gelesen. Und jetzt spüre ich sie wieder. Ich spüre sie wieder ganz nah. Die Strahlung. Ich sitze in meinem Zimmer. Neben mir strahlt mein WLAN-Gerät. Ob es mich verstrahlt? Ob mich mein WLAN-Gerät töten kann? Obwohl von Apple? Ich muss den Satz nochmals lesen:
«Die deutsche Bundesregierung empfiehlt allgemein, die persönliche Strahlenexposition durch hochfrequente elektromagnetische Felder so gering wie möglich zu halten, d.h. herkömmliche Kabelverbindungen zu bevorzugen, wenn auf den Einsatz von funkgestützten Lösungen verzichtet werden kann.»
Ich recherchiere das Thema im Internet. Neben mir strahlt weiter mein WLAN-Gerät. Ob es mich langsam ins Grab strahlt? Jetzt gerade? Beim Recherchieren? Das Internet gibt mir für einmal keine Antworten. Zumindest keine eindeutigen. In einem deutschen Forum schreibt PsychoNike: «Würde mal sagen, daß ein WLAN weniger gefährlich ist als ein Mobiltelefon, welches ja auch noch in unmittelbarer Nähe zum Gehirn verwandt wird…» Und fifficus antwortet: «Nach mehreren Studien, u. a. des Bundesamts für Strahlenschutz, gibt es [innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte] nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft keine Nachweise, dass hochfrequente elektromagnetische Felder gesundheitliche Risiken verursachen.»
Plötzlich ruft der Chef an. Wie immer aufs Handy. Warum nicht mal aufs ungefährliche Festnetz?! Ob ich nicht abnehmen soll? Ich könnte dem Chef ein SMS schreiben: «tel mit handy erst wieder, wenn erwiesen, dass ungefährlich für hirn, gruss t». Aber ich will nicht blöd dastehen. Ich halte mir das Handy ans Gehirn, verziehe das Gesicht und sage: «Ja, Chef?»
Nicht lange, und ich bin wieder allein mit meinen Gedanken. Und neben mir strahlt weiter mein WLAN-Gerät. Ob die Welt ohne WLAN überhaupt noch denkbar wäre? Es wäre eine Horrorwelt. Der Traum von einer mobilen kabelbefreiten Welt wäre ausgeträumt. Die Kabel würden wieder überall hervorquellen, unbezwingbar, wie eine tausendköpfige Hydra. Das Handy wäre weniger zukunftsträchtig. Unterwegs zu E-Mailen, das könnten sich weiterhin nur wenige leisten. überhaupt würde es vielen Träumern endlich aufgehen, dass ihr iPhone ohne WLAN, ohne eine wirklich schnelle drahtlose Datenverbindung ziemlich uncool ist.
Und wenn sich herausstellt, dass Handys krank machen? Und noch kränker: Handyantennen? Das wäre ein Riesenschritt rückwärts. Ganze Industrien gingen ein. Wir müssten unser Leben wieder disconnected führen. Wobei, manche würden den Kompromiss eingehen: lieber früher sterben als ohne Handy sein.
Neben mir strahlt weiter mein WLAN-Gerät. Warum haben wir Angst vor WLAN? Warum Angst vor unseren Handys? Weil wir die Strahlung nicht sehen können. Das Alien und der Weisse Hai sind in den gleichnamigen Filmen unter anderem deshalb so furchterregend, weil wir sie kaum zu sehen bekommen.
Und ich bekomme jetzt langsam Kopfschmerzen. Laut einer Studie bekommen gewisse Menschen Kopfschmerzen, wenn sie Handyantennen in der Nähe glauben. Selbst dann, wenn nirgends Handyantennen sind. Vielleicht wird die Wissenschaft irgendwann beweisen, dass Handystrahlen und WLAN völlig ungefährlich sind. Aber unsere Kopfschmerzen werden bleiben.
WLAN ist eine Glaubensfrage. Und wird wohl ewig eine sein. Die Leuchtdioden an meinem WLAN-Gerät funkeln freundlich weiter.

Mein WLAN-Gerät: Freund oder Feind? | Bild: Thomas Zaugg