12.06.2009 von Roger de Weck , 26 Kommentare
Im Nachlass des Philosophen Walter Benjamin fand sich ein Fragment aus dem Jahr 1921, erste Notizen zu einem unvollendeten Essay: «Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, das heisst der Kapitalismus dient essenziell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben», schrieb Benjamin. Kapitalisten würden den Kult des Zweckmässigen auf die Spitze treiben: Das Nützlichkeitsdenken «gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung». Doch handle es sich um eine Religion «ohne Dogma», ganz ohne Theologie, da sich die Schar der Gläubigen immer nur an das halte, was jeweils gerade nützlich sei. Einzig und allein die Praxis zähle, es sei «eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat».
Das Jahr 2009 hat den Visionär des Jahres 1921 nicht widerlegt. In der Krise hat der Kapitalismus seine drei wirtschaftsliberalen Dogmen — weniger Regeln, weniger Staat, weniger Rücksicht auf Verlierer — so schnell und bedenkenlos beseitigt, dass im Nachhinein klar wird: Diese Dogmen waren gar keine, sie bemäntelten nackte Interessen. Und die Interessenlage hat sich bei Ausbruch der Finanzkrise schlagartig verändert. Regulierung gilt nicht mehr als Strangulierung, der jüngst noch geschmähte Staat ist Tag und Nacht gefragt, während die Geldhäuser als Hauptverlierer (und Hauptverursacher) der Krise Schonung erwarten und erhalten. Der Staat finanziert das Finanzsystem, die öffentliche Hand hat die unsichtbare Hand des Markts abgelöst. So mutiert der Kasino- zum Staatskapitalismus, der Neoliberalismus mündet unverhofft in den Neoetatismus. Trotz gewaltiger Wirtschafts- und Wertekrise ist bislang freilich kein Anbeter des Kapitalismus vom Glauben abgefallen: weil es keinen anderen Glauben gibt. So wie der Atheist unfähig wäre, eine Religion zu begründen, so sind heutige Antikapitalisten in der grossen Verlegenheit, das System zu kritisieren, aber kein eigenes zu haben.
«Seit die sozialistische Alternative nicht mehr verfügbar ist, glaubt diese Gesellschaft an den Kapitalismus. Sie glaubt, dass er ihr Schicksal ist. Und sie glaubt, dass er die einzige Chance ist, ihr Schicksal zu gestalten», schrieb der in Basel wohnhafte Soziologe Dirk Baecker im Sammelband «Kapitalismus als Religion», den er 2003 herausgab. Nur vier Jahre später schlug das ziemlich hausgemachte Schicksal zu, und seither wird am Kapitalismus gebastelt. Es ist die Stunde der Ingenieure, die nach der Kernschmelze des Finanzsystems das Kraftwerk sanieren und erst einmal den GAU abwenden sollen. Also wird da eine undichte Röhre ersetzt, dort eine Leitung umgelegt, hier baut man Ventile ein, links soll eine neue Kontrollstation hin, rechts werden Sicherungen ausgetauscht, hüben ist eine Brandmauer im Bau, drüben ist noch Platz für einen Überlaufbehälter. Der eine Techniker will diesen Hebel betätigen, der andere jenen Hahn ab-drehen — ein hektisches Werkeln ohne Ordnungsprinzip.
Kapitalistisches Manifest
Dabei muss sich der Kapitalismus von Grund auf erneuern, um das verspielte Vertrauen wiederherzustellen. Finanztechnische Anpassungen werden nicht reichen, nötig ist eine umfassende «Reformation» (so wie Martin Luther, Jean Calvin und die anderen Reformatoren einst antraten, das morsche Christentum um-zukrempeln, zu dem es damals auch keine Alternative gab). Mit klügeren Vorschriften über die erforderlichen Eigenmittel der Banken, mit einer Aufsicht über Hedge-Fonds und sonstige Berufsspekulanten, mit technokratischen Vorkehrungen ist es nicht getan. Doch heute hegen viele genau diese Hoffnung: dass der Kapitalismus mit einer leicht revidierten Marktordnung zur Tagesordnung zurückkehren werde. Weiter wie bisher, nur ein bisschen vorsichtiger, weniger prahlerisch, eine Spur moralischer — das ist die Losung derer, die vor der Krise dermassen viel verdienten, dass sie gar nicht daran denken mögen, sich nach der Krise mit drei statt dreissig Prozent Rendite zu begnügen.
«Wodurch überwindet die Bourgeoisie ihre Krisen?», fragte Karl Marx 1848: «Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.» In der Tat ist das im Jahr 2009 das ungeschriebene «Kapitalistische Manifest»: Die Regierungen wollen und müssen die Überschuldungskrise durch weitere Verschuldung überwinden — gar nicht so anders als Bernie Madoff mit seinem Schneeballsystem. Das anhaltende Debakel der Finanzwelt hat ökonomische und mentale Ursachen.
Einerseits wollten Exportländer wie China, Japan, Deutschland, die Niederlande oder die Schweiz unbedingt Überschüsse erzielen, während die USA nur zu gern auf Pump lebten (wobei es ein Rätsel bleibt, dass europäische Sparapostel jahrelang das verschwenderische Amerika als Vorbild hinstellten). Das ganze Land, der amerikanische Staat und die privaten Haushalte verschuldeten sich unmässig, bis Mitte 2007 das Vertrauen schwand: das Vertrauen der ausländischen Geldgeber und schlimmer noch das Vertrauen in diese ausländischen Geldgeber, etwa in die UBS oder die deutsche Immobilienbank Hypo Real Estate, die blind den US-Häusermarkt finanziert hatten. Die Schuldenkrise zieht jetzt Abermilliarden weitere Staatsschulden nach sich. Anstelle der Bankchefs sind die Regierungschefs nun die Croupiers im Kasino.
Andererseits galt während dreier Jahrzehnte (von der Wahl der ultraliberalen Margaret Thatcher zur britischen Premierministerin 1979 bis zum Londoner G-20-Gipfeltreffen 2009, der das Ende des Ultraliberalismus besiegelte) eine Ideologie des übersteigerten Eigennutzes. Sie legitimierte, noch stärker als einst der Kolonialismus, die schiere Gier. Und da diese Gier bald sämtliche Dimensionen sprengte, wurde sie virtuell: An der Börse und auf den zügellosen Finanzmärkten war es der Sieg der Fantasie über die Substanz. Die besten Adressen verkauften «strukturierte» Fantasieprodukte. Kapitalismus und Kapitalisten entfernten sich nicht nur von der Realwirtschaft, sondern von der Realität.
Ambivalente Freiheit
Hinter all dem stand die Mutter aller Deregulierungen, die diese zwei Fehlentwicklungen ermöglichte: der Abbau fast aller Behinderungen und Kontrollen der weltweiten Kapitalströme. Das war zunächst ein Segen. Die neue Freiheit des Kapitals,überallhin zu schnellen, wo gute Geschäf-te winken, verhalf vor allem China und auch anderen Schwellenländern zu einem Wachstumsschub. Dort gediehen junge Unternehmen und eine Mittelschicht, die zuvor mangels Geld keine Chance gehabt hätten. Der Fluch aber war, dass der Kapitalismus aus dem Lot geriet. Immer mehr Kapital floss ins Kasino statt in den Auf- und Ausbau von Volkswirtschaften. Viele Regierungen förderten den Wahnsinn — indem sie die im Kasino erzielten Gewinne nicht länger besteuerten.
Trotz seinem Namen lebt dieser Kapitalismus ja nicht nur vom «Produktionsfaktor Kapital», wie es im Jargon der Ökonomen heisst, sondern ebenso sehr vom «Produktionsfaktor Arbeit». Um Güter herzustellen oder Dienstleistungen zu erbringen, braucht eine Firma sowohl Mitarbeiter als auch Geld. Sobald die Kontrollen des Kapitalverkehrs wegfielen, wurde das Geld mobiler als die Mitarbeiter. Das beweglich gewordene Kapital strömte am liebsten dorthin, wo es wenig oder gar nicht mehr besteuert wurde. Um Kapital und Kapitalisten anzulocken, verringerten oder beseitigten viele Staaten die Steuern aufs Kapital, namentlich die Kapitalgewinn-, Spekulations-, Erbschafts- und Vermögenssteuern. Zudem begünstigten Steueroasen die Steuerflucht. Kapitaleinkünfte wurden je länger, desto massiver entlastet, während der Fiskus die Arbeitseinkommen — also die Löhne und Gehälter, die ja schwerlich ins Ausland ausweichen konnten — verhältnismässig hoch belastete.
Verhärtung
All dies stärkte den Produktionsfaktor Kapital gegenüber dem Produktionsfaktor Arbeit (und beschleunigte den Niedergang der Gewerkschaften). Dreh- und Angelpunkt des Kapitalismus war nicht länger die bodenständige Industrie, sondern die Finanz mit ihren abgehobenen «Masters of the Universe». Und diese setzten sich für die Rendite aufs eigene Kapital vermessene Ziele: bis zu dreissig Prozent Erlös pro Jahr, manchmal mehr. Eine solche Messlatte veränderte die Volkswirtschaften. Branchen, die zwar solide arbeiten, aber weniger gewinnträchtig sind, mussten unter dem Druck von Banken und «Heuschrecken» besser rentieren. Brutale Sparprogramme, die oft an die Substanz gingen, aber die Fantasie der Börsianer beflügelten, waren nicht länger die Ausnahme — sie wurden zur Regel.
Der Kapitalismus verhärtete sich, zumal seit 1989 der äussere Druck ausblieb, für eine halbwegs ausgeglichene Gesellschaft zu sorgen. Nach dem Mauerfall, dem Wegfall der Sowjetunion und dem Hinfall des real existierenden Sozialismus bestand für die Oberschicht keine Gefahr mehr, dass unzufriedene Bürgerinnen und Bürger «zu den Kommunisten überlaufen» würden. Also durfte die soziale Marktwirtschaft etwas unsozialer werden, erst recht, wenn sie sich gegen aufstrebende Billiglohnländer behaupten musste, denen der soziale und der ökologische Gedanke (noch) fremd war. Der Wettlauf der Staaten um niedrigere Kapital- und Unternehmenssteuern bewirkte ohnehin eine Umverteilung von unten nach oben: von den Arbeitnehmern zu den Kapitalgebern und ihren Topmanagern, die selber Kapitalisten werden wollten. So hegten und pflegten viele Regierungen diese «globale Klasse» (Ralf Dahrendorf). Auch die öffentliche Hand bot Managern und Investoren einen «Bonus» in verschiedener Gestalt: Steuerpauschalen für Superreiche, Steuergeschenke an viel reisende Geschäftsleute (die, in London wohnhaft, nur für diejenigen Tage Steuern zahlen, die sie in der Stadt verbringen), Steuerrabatte für Hedge-Fonds-Manager, clevere Steuermodelle und sonstige Möglichkeiten der Steuervermeidung oder schlicht der Hinterziehung.
Ultraliberale, regelrecht staatsfeindliche Ideologen rechtfertigten den überhandnehmenden Steuerwettbewerb, der ja das Gegenteil eines liberalen Leistungswettbewerbs ist, mit zwei Argumenten.
Erstens: Je weniger der Staat das Kapital besteuere, desto mehr Geld bleibe übrig, welches in Unternehmen investiert werde; das schaffe Arbeitsplätze und Wohlstand. Freilich strömte ein wachsender Teil dieses Gelds in die Spekulation. Die Marktwirtschaft verkam zur Blasenwirtschaft. 1990 platzte in Japan die Immobilienblase, 1997 die Blase der fernöstlichen «Tiger-Staaten» wie Südkorea, 2000 die New-Economy- oder Dotcom-Blase und 2007 die Subprime-Blase. Zuletzt verirrte sich das überschüssige, allzu billig gewordene Geld in den Bau von Einfamilienhäusern, deren amerikanische «Eigentümer» nicht einen Cent eigenes Kapital hatten.
Zweitens: Der Staat sei ein grosser Geldverschwender; es sei gesund, ihn knapp bei Kasse zu halten, sagten die Ultraliberalen (und sagen es noch immer, obwohl sich die Finanzwelt als grössere Geldverschwenderin erwiesen hat). Jedenfalls sorge der Steuerwettbewerb dafür, dass die öffentliche Hand nicht aus dem Vollen schöpfe, sondern haushalten müsse, lautete ihre Theorie. Doch in der Praxis — im real existierenden Kapitalismus — kamen neue Kosten auf den Staat zu, auch die Globalisierung bürdete ihm zusätzliche Aufgaben auf.
Verschlankung
Weil der weltweite Wettbewerb unerbittlich wurde, mussten sich unzählige Unternehmen «verschlanken». Sie entliessen nach und nach ihre weniger produktiven Mitarbeiter, die nicht selten bei der Arbeitslosenversicherung oder später bei der Sozialhilfe landeten. Um die Wettbewerbskraft der eigenen Volkswirtschaft im globalen Kräftemessen zu erhalten, sollte der überforderte Staat ausserdem die Infrastruktur modernisieren, das Bildungswesen ausbauen, die Forschung stärker fördern. Unsummen verschlang das politische Pendant zur Globalisierung der Märkte, nämlich der amerikanische Wille zu globaler Vorherrschaft: ruinös die Kriege im Mittleren Osten und die Doktrin, wonach die US-Streitkräfte stärker sein sollen als alle anderen Armeen der Welt zusammen. Mit der Globalisierung ging auch eine neue Welle von Zuwanderern einher, deren Integration aufwendig bleibt. Noch kostenträchtiger waren ganz andere Entwicklungen der Gesellschaft, namentlich ihre Alterung, die ungeahnten Fortschritte der Medizin und der Boom der Gesundheitsversorgung. Westliche Staaten brauchten und verbrauchten nicht weniger, sondern tendenziell mehr Geld. Das bestärkte die Ultraliberalen in ihrer Staatsfeindlichkeit und in ihrem Willen, den internationa-len Steuerwettbewerb anzuheizen — um den bösen Stiefvater Staat doch noch auszuzehren.
Der Kampf gegen Staatsdefizite beherrschte lang die europäische Debatte. Und jetzt? Ultraliberale fordern, der nun wirklich hochdefizitär gewordene Staat, dem die Finanzwelt Riesenschulden und eine bleierne Wirtschaftskrise aufbürdete, solle unverdrossen die Steuern senken: um die Konjunktur anzukurbeln. In Zürich — seit den frühen Siebzigerjahren ein Hort des Ultraliberalismus — will die bürgerliche Mehrheit mitten in der Krise die Steuersätze für Spitzenverdiener verringern. Ob es gut geht oder sehr schlecht, immerzu findet sich eine Rechtfertigung für das Allheilmittel Steuerabbau. Doch wer wird eines Tages diese Riesenschulden abtragen? Vorwiegend die Arbeitnehmer. Dabei müssten die Vermögenden ihren angemessenen Beitrag leisten. Das geht aber nur, wenn die Steuern auf das Kapital wieder erhöht beziehungsweise wieder eingeführt werden (was internationale Absprachen zur Mässigung des Steuerwettbewerbs voraussetzt). Sonst wird die Masse der Lohnempfänger die Zeche zahlen.
Die breite Mittelschicht wird die Kosten der Krise tragen, solange sich der Staat mehr und mehr aus den Arbeitseinkünften finanziert und ohnehin die Abgaben auf die Arbeit laufend erhöhen muss: die Sozialabgaben. Die Wirtschaftskrise trägt dazu bei, Sozialversicherungen weiter auszuhöhlen. Mehr Lohnprozente für schlechtere Leistungen der Arbeitslosen-, der Pensions- und erst recht der Krankenkassen — das war schon vor dem Krach die Tendenz, jetzt verstärkt sie sich.
Wenn zusehends die Arbeitnehmer das Gemeinwesen finanzieren, während der Staat einen happigen Teil der Verluste von Kapitalgebern sozialisiert, dann hinkt der Kapitalismus. Das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Kapital ist nicht nur ein soziales Gebot, sondern vor allem ein ökonomisches: Wird — wie heute — der eine Produktionsfaktor gegenüber dem anderen systematisch privilegiert, gerät die Volkswirtschaft in Schieflage. Und die Gesellschaft erst recht. Angestellte und Arbeiter ziehen aber auch dann den Kürzeren, wenn nach der Schuldenkrise der Abbau der «Krisenschulden» über eine hohe Inflation erfolgt und die Geldentwertung ihre Ersparnisse, ihre Pensionen dezimiert. Fährt der Kapitalismus fort, das Kapital zu bevorzugen und die Arbeit zu benachteiligen, wird er wirtschaftlich und politisch noch krisenanfälliger. Die Krise des Kapitals kann kapitale Staatskrisen hervorrufen.
Zwischenergebnis 1
Ein verantwortlicher Kapitalismus braucht: Mechanismen der Mässigung von Gier; ein besseres Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit und namentlich den Abbau steuerlicher Privilegien für das Kapital; Schranken für den Steuerwettbewerb, der die Staaten auszehrt; eine Abkehr vom Defizitdenken in den Vereinigten Staaten und — weil per Definition die Defizite der einen die Überschüsse der anderen ausmachen — ein Ende der trügerischen Sucht nach Überschüssen in Asien und Europa.
Nächste Folge: Markt ist Macht
Roger de Weck ist Publizist und schreibt regelmässig für «Das Magazin». Dieser Text ist Teil eines Buchprojekts, das unter dem Titel «Gibt es einen anderen Kapitalismus?» erscheinen wird. «Das Magazin» publiziert in loser Folge Auszüge, der nächste Teil wird sich mit dem Thema «Markt ist Macht» beschäftigen.
Ein brilliantes Gedankenspiel, fulminant in Sprache und Inhalt gleichermassen! Doch ich befürchte, dass dieses “Spiel” ganz anders enden wird:
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heisst Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!
Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heisst, Bewohner müssen raus.
Trifft’s hingegen grosse Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!
Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.
Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.
Für die Zechen dieser Frechen
hat der kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!
Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist doch Umverteilung pur
stets in eine Richtung nur.
Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird ein bisschen Krieg gemacht.
Kurt Tucholsky (1890-1935), 1930 veröffentlicht in “Die Weltbühne“
Einen Kapitalismus mit menschlichem Gesicht brauchen wir also. Genau. Denn den Kapitalismus an sich, den kann man nicht hinterfragen in Zeiten der Notfall-Ideologie und überhaupt. Mann muss bauen, geschäftig werklen, Röhren abdichten, Schrauben anziehen, damit’s wieder läuft, läuft, läuft. So wie früher, nach dem zweiten Weltkrieg, als noch der Druck des Kommunismus auf dem System lastete, als man noch ausgeglichenes Wachstum suchte. Vielleicht also doch wieder Kontrolle der Kapitalströme? Vielleicht also doch wieder geheime Verhandlungen mit den Gewerkschaften? So könnte es gehen.
Und dann? Wenn die Maschine einmal repariert ist, flott vor sich hin surrt, worauf müssen wir uns dann gefasst machen? Auf die Grenzen, die uns Meadows aufzeigte? Auf die Tücken des exponentiellen Wachstums und des Fortschrittsaberglaubens? Darauf, dass sich die globalen Slums erheben und unsere ausgelagerten Fabriken stürmen und ihre nuklearen Arsenale abfeuern? So könnte es kommen.
Wie konnte Benjamin nur glauben, Kapitalismus maximiere “Zweckmässigkeit”? – Profit für wenige? – Ja! – Aber Zweckmässigkeit? Kapitalismus kurzerhand Maximierung von Zweckmässigkeit zuzusprechen scheint mir ein klarer Fall von Ideologie. Allenfalls könnte man von “Maximierung der Zweckmässigkeit für einzelne/wenige”, nicht aber von “Maximierung von Zweckmässigkeit” tout court sprechen. Denn letzteres würde eine objektive (will heissen: gesamtgesellschaftliche) Zweckmässigkeit unterstellen – was, wie die Erfahrung zeigt, gewiss nicht zutrifft. – Und dies ist ja ein zentrales Problem kapitalistischen Wirtschaftens: dass sich solche “Zweckmässigkeit” für wenige nicht notwendigerweise zu einer Zweckmässigkeit für die Gesamtgesellschaft aufsummiert.
Was war “zweckmässig” an im Grunde betrügerischen AAA-Ratings? Was war “zweckmässig” an ungedeckten credit default swaps, wie sie von A.I.G. gehandelt wurden? Was war “zweckmässig” an Bernie Madoffs Schneeballsystem?
@Marcel Zufferey
einen solche grossen Schriftsteller, wie Kurt Tucholsky, mit solch einem Gedicht zu diskreditieren grenzt an Verrat.
Dieses zitierte Gedicht heisst “Höhere Finanzmathematik” und stammt wohl aus der Feder von Richard G. Kerschhofer. Einem Autor, der im Gegensatz zu Tucholsky, vom rechten Spektrum abstammt.
Eine Reformierung des heutigen Systems ist in der Tat von nöten, dennoch wird es nicht dieser Niedergang sein, der die gewünschten Reformen bringen wird. Aus dem einfachen Grund, weil einer Reformation ein grosses Scheitern vorangehen muss, damit ein Umdenken kommt. Aber mit der jetztigen Einstellung, dass es Firmen gibt, die anscheinend “to big to fail” sind, kann und wird es keine Reform geben.
Um eine neue Welt zu erschaffen muss die alte zerstört werden.
@Theodor Blum: Das ist mir jetzt beileibe noch nie passiert. Aber offensichtlich auch noch ganz anderen im Netz- u. a. der deutschen Zeit u.v.a.m.!!! Ich habe mich noch gewundert, mit welcher Präzision Tucholsky- den ich übrigens ausgiebig gelesen habe (Prosa) die Finanzmarktarchitektur umschreibt. Unten stehender Link beschreibt das Phänomen:
http://extraordinarius.blog.de/2008/10/31/hoehere-finanzmathematik-kerschhofer-tucholsky-4964116/
Und wenn’s jetzt ein “Rechter” wäre- inhaltlich ist dieses Gedicht trotzdem wahr.
Die Forderung, der Kapitalismus habe sich zu erneuern, beinhaltet bereits die Unfähigkeit das Problem ganzheitlich und weitsichtig zu untersuchen und möglichen Lösungen zuzuführen.
Damit bekennt sich Roger de Weck zwangsläufig als Jünger eines -ismus. Er stellt diesen -ismus als den einzigen heilbringenden Weg dar, wenn er denn nur genügend reformiert würde.
Gerade diese Lernunfähigkeit führt dazu, dass die Mehrheit der möglichen und nachhaltigen Lösungen von Beginn weg ausgeschlossen werden.
Öffnen wir den Blickwinkel radikal, weit über die Kapitalismus und Kommunismus hinaus, so sehen wir plötzlich mehrere Wege die uns aus diesem unsäglichen -ismus Konstrukt hinaus führen können.
Einer dieser Wege möchte ich zur Überlegung empfehlen. Es ist die Freiwirtschaftliche Idee (nicht zu verwechseln mit dem Liberalismus). Bereits in der 20er Jahren des letzten Jahrhunderts stellte Silvio Gesell fest, dass die kapitalistischen Mechanismen ein sehr gefährliches Potenzial aufweisen und der kommunistische Lösungsweg ungeeignet ist. Er entwickelte die „natürliche Wirtschaftsordnung“. Diese Wirtschaftsordnung stellt eine klare, logische Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus dar. Sein Wirtschaftsmodell ist seit dieser Zeit laufend modernisiert und erprobt worden.
Die Kapitalismusdesaster welche wir bis heute erlebt haben, haben Gesell und andere bereits vor 100 Jahren vorhergesehen. Diese Trillonenschäden wären mit der „natürlichen Wirtschaftsordnung“ nicht angerichtet worden.
Wir müssen den falschen Weg endlich verlassen und zukunftstaugliche Lösungen wählen.
Tun wir es nicht, so wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die ausgeplünderte Bevölkerung auszieht um die Profiteure aus ihren steuergünstigen Ressorts zu holen.
Danke, Herr de Weck für dieses erhellende Essay. Vieles ist einem ja bekannt, nur fehlen manchmal die weiteren Zusammenhänge, die Sie so eloquent aufzeigen.
Hätte die Schweiz allenfalls die Grösse, einen witschaftspolitischen Weg zu gehen, der aus dem Desaster herausführen könnte? Dieses kleine Land scheint jedenfalls genügend Voraussetzungen zu erfüllen, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Allerdigs bestehen einige Zweifel, ob wir genügend Politiker mit der nötigen Weitsicht verpflichtet haben.
Ich bin gespannt auf die nächsten Folgen ihres Essays.
http://culturalrevolutionaries.org/?page_id=15
Die heutige Entwicklungsform des Kapitalismus- oder genauer: Die neoliberale Mischform- ist sozial nicht mehr tragbar. Wobei ich der Meinung bin, dass der Begriff Kapitalismus- abgesehen davon, dass bis heute nicht klar ist, wann “der Kapitalismus” eigentlich gegründet worden ist (die Begriffgebung aber auf Marx zurückzuführen ist), zu kurz greift. Meiner Ansicht nach haben wir es vielmehr mit einer eigentlichen Krise des westlichen Gesellschaftsmodelles insgesamt zu tun: Das Gleichgewicht der Kräfte ist u. a. durch die Revolution auf dem Gebiet der Kommunikations- und Datenverarbeitungstechnologien (und deren mitunter verantwortungslosen, geradezu Zauberlehrlingshaften Anwendung) gründlich aus den Fugen geraten! Wurde bisher lediglich die Zivilgesellschaft vom “Prinzip der schöpferischen Zerstörung” (Schumpeter) heimgesucht, so werden mittlerweile auch ganze Wirtschaftszweige- und Ideologien, worunter auch der Neoliberalismus fällt, vom technologiegetriebenen Rad der Zeit zerstört. Die Technologie als Triebfeder und Ursache dieser globalisierten Zerstörungswut zu betrachten, wird gerne immer wieder vergessen. Es ist nicht “der Kapitalismus” alleine, sondern vielmehr das ausser Rand und Band geratene Gefüge von Zivilgesellschaft, Staat und den (zerstörerischen) Kräften des Marktes, dass es in Zukunft zu reparieren gilt. Die Interessen der Zivilgesellschaft wurden den rein Profitorientierten Interessen des mittlerweile fast nur noch Kapitalgetriebenen Marktes geopfert- mit z. T. katastrophalen Konsequenzen, wie wir in Bälde noch sehen werden. Und genau hier wird in Zukunft der Hebel anzusetzen sein: Beim Interessensausgleich zwischen Zivilgesellschaft und dem Weltmarkt. Das Bindeglied dazwischen heisst Staat- oder, im Zeitalter der Globalisierung: Inter- und Supranationale Organisationen wie WTO, IWF oder UNO. Wie wär’s mit einem zweiten Bretton Woods?
Im Zuge der Wirtschaftskrise gewinnt Ethik anscheinend (endlich) wieder an Bedeutung. Deshalb wird in letzter Zeit mehr als früher über Geld, Religion und Macht geschrieben. Nur wenige Beiträge sind allerdings wirklich lesenswert. Dieser gehört bestimmt dazu!
Komplementär dazu sei vielleicht noch der Beitrag “Geld und Religion” von Blogger Dobszay erwähnt (http://www.dobszay.ch/2009-06-09/geld-und-religion/). Die Parallelen, die er zwischen Geld und Religion aufzeigt, haben mich animiert, mich tiefer mit der Thematik zu befassen.
Dass unser Wirtschaftssystem faul ist und es so nicht mehr weiter gehen kann, wissen wir jetzt. Aber wo bleibt die Lösung? Wie wär’s, wenn sich die klügsten Köpfe unseres Landes einmal zusammentun und ein neues, ethisches Wirtschaftssystem entwerfen würden? Herr de Weck, Sie wären doch mit diesem Artikel prädestiniert, eine konspirative Sitzung von kreativen Querdenkern einzuberufen …
Ja dann gibt es eben nicht mehr als eine Regel. Das geht auch so. Beim Schreiben kommt es sowieso nicht gross auf Regeln an. Und auch nicht, ob etwas beim Google oder so oben oder unten oder überhaupt nicht steht oder die Kommentarfunktion vorher oder nachher oder retroaktiv oder proaktiv oder nachhaltig oder gar nicht abgeschaltet wird. Geschrieben ist geschrieben gleich wo und löschen kann man gar nichts und das war auch nie anders. Dass die Oberklugen das in den alten Zeiten nicht begriffen haben geht noch, aber dass es ihnen auch jetzt nicht in den Schädel will, wo es mit dem Internet so klar ist, das ist dann also wirklich allerhand.
Sehr schöne Zusammenfassung der Ereignisse!! Auch von den Zusammenhägen, jedoch hat der Artikel eine zentralen Lücke in der Analyse des Kapitalismus! Herr de Weck übersieht die zentrale Eigenschaft die den Kapitalismus ausmacht: Das exponentielle Wachstum!!! Ohne Wachstum bricht die Wirtschaft zusammen und es entsteht eine Krise, bestes Beispiel haben wir jetzt gerade! Man muss sich unsere kapitalistische Wirtschaft als ein Kartenhauskonstrukt vorstellen, bei welchem der Klebstoff das Wachstum ist!
Diese Krise ist, wie De Weck korrekt sagt, durch die Neoliberalen deregulierenden Reformen der 70er und 80er entstanden, welche aber eine Notwendige Massnahme auf die Krise von 70 war, denn Wachstum war mit der normalen Realwirtschaft, wie man sie bis dahin kannte, nicht mehr machbar. Hier ist der Anfang von Karl Marxens Zitat: “Krise auf später verschieben.”
Seit 1970 wird diese Krise, mit Hilfe von Schneeball-Systemen Blasen, Hedge-Fonds, stärke Ausbeutung der Arbeitskräfte und dem Rest was Herr De Weck beschrieben hat vor sich hergeschoben, in dem künstliches Wachstum generiert wird, was in der Realwirtschaft nicht mehr möglich ist.
Nun aber zieht der Autor den Schluss, dass Kapitalismus wieder reguliert werden soll…
Dies ist aber nicht möglich, da die Wirtschaft um zu funtionieren, Wachstum braucht! Und Wachstum ist nur möglich mit Finanz-schneeball-Abzockersystemen anders gesagt Blasen!
Die heutige Situation ist, die, dass entweder soviel Geld ins System geschossen wird, dass das Wachstum durch neue Blasen wieder anspringen wird! Dies bedeutet aber, dass diese in naher Zukunft, verstärkt durch Klimawandel, Oel etc, erneut platzen werden und noch stärke Krisen hervorbringen werden!!! Erinnern wir uns, dass wir uns im Oktober nur sehr wenig vor einem wirtschaftlichen Super-Gau befunden hatten!!! Ähnlich der Kuba-Krise…
Oder die Wirtschaft wird sich nicht mit dem haufenweise geschenktem Geld anspringen lassen und wir schlittern in eine Jahrzehnte andauernden Deflatin/Depression aus der es, ausser durch Krieg (siehe 2. Weltkrieg, welcher der Weltwirtschaft nach einem Jahrzehnt Stagnation, das Wirtschaftswunder gab) fast kein entringen gibt!!!
Wer nach ernsthaften Alternativen sucht, dem sei von mir der Anarchismus empfohlen! Ich bitte sich wirklich ohne Vorurteile mit ihm zu befassen, auch wenn die Gebräuchliche Meinung von Anarchie die des Chaos sei, ist die Anarchie in Wirklichkeit die Verbindung zwischen Freiheit und Sozialismus! Man muss sich die Freiheit unserer kapitalistischen, mit der sozialen Sicherheit der Staatskommunistischenen Gesellschaft zusammen vorstellen, um eine Idee dieser Gesellschaftsform zu kriegen!
Demjenigen mit Interesse sei die folgenden Adresse zu empfehlen: http://www.anarchismus.at/
unter Textsammlung, darf sich gerne über Ideen und Thematik eingelesen werden.
Wikipedia als übersichtlicher Einstieg auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Anarchismus
Es wird sich nie etwas ändern den Geld ist das höchste Gut der Menschheit.
Mehr Geld = ein besseres Leben. Für Geld machen die Leute alles.
Roger de Weck mag ein sehr guter Texter sein, aber auch seine linkslastige Einstellung liegt quer in der Landschaft
der Natur, die menschliche miteingeschlossen. In ihr weidet und tummelt sich alle Kreatur, die stets einen Trieb und einen Gedanken begleitet: Ueberleben!
Das heisst doch nichts anderes, als dass jede Kreatur bei ihren Tätigkeiten instinktiv immer zuerst an seine eigenen Vorteile denkt, mehr oder weniger. Auch altruistische Menschen wollen überleben und ihre Chancen im Leben wahrnehmen!
Man muss den Kapitalismus nicht neu erfinden, verschweige denn abschaffen. Der wird sich in einer freien Gesellschaft immer durchsetzen. Handel, also Kapitalvermehrung, zeichnet alle friedlichen Völker aus.
Der Kapitalismus ist kein Monster. Jeder Erstklässler, der ein Sparschwein füttert, ist Kapitalist. Man muss, durch geeignete
Rahmenbedingungen, versuchen, den Kapitalismus so zu halten, wie man Tiere, auch Tiger und Löwen in Zoos hält: Ihr Risiko überwachen, damit er nicht den Zaun durchbricht und Amok läuft. Leider hat die Globalisierung auch ihre Schattenseiten und die Menschheit wird immerfort getrieben durch Ichsucht, Gier, Hass und Verblendung. Jeder von uns persönlich kennt diese vier Gifte.
Jedoch: nur freie Gesellschaften erzeugen Wohlstand durch frei denkende Erfinder und Tüftler, die ihre Produkte in der freien Marktwirtschaft absetzen wollen. Es gibt keine Alternative dazu. Oder will jemand zurück ins Zeitalter der Honecker und Trabi-Gesellschaft?
Danke, Herr de Weck, vielversprechende Analysen.
Ich orte aber das Hauptproblem wie Julius Faber ebenfalls im Drang und Zwang der jetzigen Wirtschaft zu ewigem exponentiellem Wachstum! Er hat das sehr trefflich aufgezeigt.
“Handel, also Kapitalvermehrung…”, schreibt Alfred Gruetzner.
Das ist schon mal eines jener grundfalschen Dogmen, welche ins Schlamassel führten und wieder und wieder führen werden.
Handel heisst doch nicht Vermehrung und Wachstum! Sondern Überleben, “Rationalisieren” und vorerst mal Arbeitsteilung.
Aber warum und vor allem WIE sollte alles immer mehr werden? Biologische und physikalische Grenzen lassen sich nicht mit der heute gängigen elite-ökonomischen “Esoterik” austricksen. Diese Phrasen und Predigten haben wir satt!
Die jetzige Krise ist keine Krise, sondern ein normaler Entsorgungsprozess für Grössenwahn.
Es wäre die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Elite-Denkfabriken und Avenir-Suisse-(oder “Monde”)-Gehirnen, ein System zu entwickeln, das dem Pioniergeist, Überlebenswillen und Leistungsprinzip gerecht werden kann, ohne deren Grundlagen, das endliche planetare Kapital aufzubrauchen und zu plündern.
Statt pseudomarxistisches Geplapper: Zurück zu Marx!
Was de Weck und ein Teil der Kommentatoren von sich geben, ist pseudomarxistisches Geplapper. Da wird dauernd von Kapitalismus und Kapital gesprochen, doch wer sind die sozialen Träger des Kapitalismus? Über den Verweis auf Banker, Manager und Hedge Funds hätte sich Good Old Charly gewaltig geärgert. Marxens grosses Verdienst war die Verbindung der klassischen Ökonomie mit der Gesellschaftstheorie. Wenn Marx von Kapitalismus sprach, hatte er immer die Kapitalisten im Visier, d.h. die gesellschaftliche Klasse der Unternehmer. Diese investierten (primär ihr eigenes) Geld in Unternehmen, um damit ihr Geld zu vermehren. Aufgrund dieser Zweckbestimmung (Investition von Geld um Geld zu vermehren) wurde einfaches Geld zu Kapital und damit entstand der Kapitalismus. Erstmals war dies in Florenz im 15. Jh. der Fall. Der Markt bedeutet für sich allein noch keinen Kapitalismus.
Dass sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft löste und ein Eigenleben verfolgt, dass es zu einer unglaublichen Spekulationsblase kam und diese Entwicklung der Realwirtschaft gewaltigen Schaden zufügte, ist unbestritten. Doch ein Verharren in abstrakten Begriffen von Kapitalismus und Kapital trägt nichts zur Lösung bei. Marx würde sich heute fragen, wie er sich damals fragte: wer sind die sozialen Träger dieser Entwicklung? Den Banken kommt dabei wohl die Funktion der Wettbüros zu. Und jene des Verstärkers, denn durch die Organisation von Fremdkapital ermöglichen sie erst den für Grossspekulationen wie Grossinvestitionen nötigen Leverage-Effekt. Auch wenn gewisse Grossbanken selbst beim Wetten mitmachten (siehe UBS oder amerikanische Investmentbanken), nur der kleinste Teil des Wetteinsatzes kam von den Banken selbst. Wenn wir nach den sozialen Quellen der Spekulationsblase suchen, so sind treten vier verschiedene Quellen in den Vordergrund:
• Finanz“kapitalisten“ (prominenteste Beispiele: Soros, Buffet): statt wie die alten Kapitalisten ihr Geld in Unternehmen der Realwirtschaft zu investieren, legen sie dieses in der Finanzwirtschaft an. Während die Kapitalisten von Marx ihr Geld langfristig in ein Unternehmen investierten, haben die neuen Finanz“kapitalisten“ nur noch eine sehr kurzfristige Perspektive (deshalb die Anführungs- und Schlusszeichen beim Kapitalisten) und neigen zu sehr spekulativem Verhalten.
• Staatsfonds (aus China, Singapur, den arabischen Ländern, Russland), die als individuelle Marktteilnehmer über mehr Mittel als selbst die grössten individuellen Spekulanten verfügen
• Pensionskassen und andere Versicherungen, die gewerbemässig riesige Mengen von Geldern anlegen müssen
• zunehmend breitere Massen des Volkes: von der Sekretärin und dem Rentner bis zum mittleren Kader wurde spekuliert; am Anfang der Krise stand bezeichnend eine Akkumulation von Wetten von armen Amerikanern auf steigende Hauspreise
Nur ungern wird über die Geldquellen der Spekulationsblase gesprochen. Es ist einfacher über habgierige Banker und Manager und Hedgefonds („Heuschrecken“) zu lamentieren. Hier kann nach Belieben die Moralkeule geschwungen werden. Aber zu den eigentlichen Ursachen, die teilweise unbequeme Tatsachen sind, will man lieber nicht vorstossen. Und mit „man“ meine ich vor allem unsere heutigen Pseudolinken aus SP und Grünen. Die Rolle der Pensionskassen und die Spekulationen in beiden Kreisen der Bevölkerung passen der Pseudolinken nicht. Einerseits, weil sie Zeichen des allgemeinen Wohlstands sind, der heute auch weite Schichten des ehemaligen Proletariats erreicht hat, und andererseits, weil die Pseudolinken selbst eine nicht kleine Mitschuld an dieser Situation tragen. Nur ein Beispiel: Durch ihre Forderung nach einer hohen Verzinsung der Pensionskassengelder fördert sie selbst die Spekulation. Woher sollen denn eine Verzinsung der Pensionskassengelder zu mehr als 3% kommen, wenn nicht von spekulativen Anlagen, wenn risikofreie Papiere, die mind. 80% der Pensionskassengelder ausmachen sollten, nur max. 2% einbringen?
Hinter den beiden ersten Ursachen (Finanz“kapitalisten“ und Staatsfonds) steht, wie meist in der Geschichte, wenn es zu einer grundlegenden Veränderung in der Wirtschaft kommt, eine Veränderung bei den Produktivkräften. Und zwar um die Globalisierung der Wirtschaft. Diese brachte weiten Teilen der ehemals Dritten Welt in den letzten 30 Jahren einen unglaublichen Fortschritt. Am deutlichsten ist dies in China sichtbar. Allerdings vollzog sich die Globalisierung der Wirtschaft in einem solch schnellen Tempo, dass es zu gewaltigen Ungleichgewichten kam. Die Arbeitsplätze verschoben sich in kürzester Zeit von Europa und insbesondere den USA nach Asien. Der Konsum und vor allem die Konsumgewohnheiten in Asien haben sich jedoch noch nicht ausreichend an die neuen Gegebenheiten angepasst. Auch ist die Einkommensverteilung in diesen Ländern noch sehr einseitig. All dies bewirkt, dass es zu einem globalen Ungleichgewicht zwischen Produktion und Konsum kam. Die primären Profiteure der Globalisierung waren die Staatsfonds, deren riesigen Gelder heute dringendst nach Anlagemöglichkeiten in den USA und auch Europa suchen.
Daran, dass die Globalisierung so schnell voranschritt, ist unsere Pseudolinke aber nicht unschuldig. Ihre Forderungen nach hohen Löhnen, die zunehmenden Auflagen rechtlicher Art in der Realwirtschaft (arbeits-, gesundheits- wie umweltrechtlicher Natur) und die hohen Abgaben (Steuern, Sozialversicherungen) führen dazu, dass eine realwirtschaftliche Produktion in Europa und den USA immer weniger profitabel wird. Diese höchst unsoziale Politik der Pseudolinken vernichtet direkt die Arbeitsplätze des schlecht ausgebildeten Teils der Bevölkerung. Wenn sich die Pseudolinke über Entlassungen von Arbeitern und die wachsende Schere zwischen den Einkommen der Reichen und der Armen empört, so ist dies unehrlicher Populismus. Denn die Ursache hiervon ist nicht nur im unüberwindlichen Trend zur Globalisierung zu finden, sondern auch in der falschen Politik der Pseudolinken. Statt die Moralkeule zu schwingen, würde die Pseudolinke besser mal wieder über Marx sitzen und dessen Texte lesen. Nicht die theoretischen Werke von den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten bis zum Kapital, sondern über seine journalistischen Arbeiten, in denen er die Lage in Spanien, Frankreich, Russland oder auch der Schweiz analysierte. Denn hier zeigt Marx auf brillante Weise vor, wie konkrete Situationen analysiert werden sollen.
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Betschart, sind unsere menschenwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen für Sie die Folge einer “höchst unsozialen Politik der Pseudolinken”, die dringend durch die richtige soziale Politik ersetzt werden müsste. Und sozial wäre für Sie, wenn wir wieder wie die Chinesen 14 Stunden am Tag für einen Hungerlohn schuften würden, den Arbeitgebern rechtlos ausgeliefert und ohne Gesundheitsschutz. Um die Umwelt braucht man sich auch nicht zu kümmern, zwar findet man in China inzwischen kaum einen Fluss, der nicht an eine Kloake erinnert, aber was soll es – wenn die Chinesen es schaffen, werden wir wohl auch überleben. Und wohnen kann die Arbeitskraft wie so oft in China in Baracken-Siedlungen nahe der Fabriken… Was für eine geniale und fortschrittliche Vision für das 21. Jahrhundert! Aber im Ernst – Sie haben offenbar weder aus der Geschichte bzw. aus den Aufständen und Revolutionen, noch aus Umweltkatastrophen etwas gelernt. Sonst würden Sie solchen Stuss nicht produzieren.
1. Frau Meier, die Politik der Pseudolinken ist unsozial, weil sie die Arbeitsplätze der Niedrigqualifizierten vernichtet. Ich sehe kein Argument Ihrerseits gegen diese Feststellung.
2. Ihre Behauptung, dass “die Chinesen” 14 Stunden für einen Hungerlohn arbeiten und dafür Gesundheit und die Umwelt geopfert werden, ist rassistisch. China hat sich in den letzten 20 Jahren, seitdem ich es kenne, phantastisch entwickelt. Dies gilt sowohl für die Zahl und die Qualität der Arbeitsplätze wie bezüglich Gesundheit und Umwelt. Dass noch nicht alles i.O. ist, versteht sich. China ist in dieser Beziehung eben ein Entwicklungsland, wo sich alles noch in Entwicklung ist, im Gegensatz zur Schweiz, einem entwickelten Land, wo alles stillsteht.
1. Herr Betschart, wissen Sie überhaupt, was Rassismus ist? Offenbar nicht…
2. Gehen Sie doch für einige Jahre nach China, Indien oder Bangladesh in einer Fabrik arbeiten, dann wissen Sie zumindest, wovon Sie reden.
3. Nicht die Linke sondern die Arbeitgeber und die Bürgerlichen vernichten die Arbeitsplätze der Niedrigqualifizierten, weil sie aus Profitgier von einer vernünftigen und längst fälligen Arbeitsteilung (sprich kürzeren Arbeitszeiten) nichts wissen wollen. Die Gewerkschaften fordern es schon seit Langem. Dann gäbe es nämlich kaum Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger. Leider liessen sich die Stimmberechtigten vor einigen Jahren durch die Propaganda der Wirtschaft einschüchtern und die Initiative für kürzere Arbeitszeiten wurde nicht eingenommen.
P.S. Die Wirtschaft behauptet immer, wir könnten uns weder Mindestlöhne noch kürzere Arbeitszeiten leisten. Aber Millionen-Saläre für Manager kann man sich problemlos leisten. Denken Sie nur, wieviele Arbeitsplätze man schaffen könnte, wenn Manager statt vielen Millionen “nur” eine Million verdienen würden… Hoffentlich wird die Abzocker-Initiative angenommen, denn dies wäre so oder so ein Schritt in die richtige Richtung, nämlich zu mehr sozialer Gerechtigkeit.
Frau Meier, habe ich recht, wenn ich davon ausgehe, dass Sie noch nie eine chinesische Fabrik von Ihnen live gesehen haben?
Unter Rassismus verstehe ich negative Vorurteile, die generalisiert über ein ganzes Volk gemacht werden. Das ist, was Sie machen, wenn Sie pauschal die Arbeitsverhältnisse und die Umwelt in China aburteilen.
Während Marx, der einer der grössten klassischen Ökonomen war, sich als Wissenschafter verstand, hat die Pseudolinke, deren erster bedeutender Vertreter nach Marx Bernstein war, den Neukantianismus, d.h. die Moral zum Ausgangspunkt gemacht. Statt seriöser Ökonomie pflegt die Pseudolinke Vorstellungen, die eher die Bezeichnung Voodoo-Ökonomie verdienen (siehe Ihre Vorstellungen zur Arbeitszeitverkürzung). Die Abzocker-Initiative greift sicher sehr wichtige Elemente auf. Doch die Grundgesetze der Ökonomie kann auch sie nicht aushebeln. Deshalb waren auch Marx, Engels und andere sehr skeptisch gegenüber solchen Massnahmen.
Und somit bin ich wieder bei meinem ursprünglichen Anliegen: statt mit ein paar Schlagworten wie Kapital, Kapitalismus oder auch Abzocker um sich zu werfen und dann irgend welche moralistischen Forderungen nachzuschieben, braucht es eine wissenschaftliche Analyse dessen, was geschehen ist. Erst dann können wir unseren Spielraum erkennen und problemadäquat und zielgerichtet handeln.
1. Herr Betschart, ich bin zwar nie in einer chinesischen Fabrik gewesen, das stimmt, ich habe allerdings in den letzten Jahren zu den Arbeitsverhältnissen in chinesischen oder anderen asiatischen Fabriken mehrere kritische Artikeln in der Presse (Stern, Spiegel, Tages Anzeiger…) gelesen, sowie Reportagen im Fernsehen gesehen, an deren Seriosität ich keinen Zweifel habe. Übrigens kaufe ich aus diesem Grund möglichst keine Produkte made in China, Indien oder Bangladesh… Aber leider wächst die Armut auch in den Industrieländern, nicht zuletzt wegen der Globalisierung – und so greifen viele Menschen zu billigem Ramsch aus Asien – ein Teufelskreis.
2. Wie ich vermutet habe, wissen Sie nicht, was Rassismus ist. Schauen Sie doch in der Wikipedia nach. Wenn man die Arbeitsverhältnisse oder die Umweltpolitik in einem Land kritisiert, ist das noch kein Rassismus – höchstens nur Ihre eigene Definition von Rassismus.
3. Die Gesetze der Ökonomie sind keine Naturgesetze, wie uns das Think Thanks einzutrichtern versuchen – und sie können jede Zeit geändert beziehungsweise korrigiert werden. Wenn die Wirtschaft hauptsächlich der Profitmaximierun einer kleinen Gruppe dient statt der ganzen Gesellschaft, muss der Kurs korrigiert werden. Zum Glück haben wir es in den Industrieländern in der Hand, die Politiker zu wählen, die den Kurs korrigieren wollen. Die Amerikaner haben es uns gezeigt. Denn, wenn wir nicht aufpassen, finden wir uns irgendwann zurück in feudalen oder frühkapitalistischen Verhältnissen.
Hilfspakete schnüren oder Lehren ziehen?
Wie leichtfertig und ignorant zu sagen, allein unbegrenzter Kapitalismus und Geldgier bewege die Wirtschaft und bringe schlussendlich jedem den Geldsegen! Wieviel Länder soll man Euch aufzählen, in denen Geldgier und Korruption millionen Menschen dem Hungertod, Krankheiten und willkürliche Gewalt aussetzen?
Über ein Jahrhundert lang haben Menschen in Europa gekämpft, um ein stabiles, demokratisches Staatssystem aufzubauen, in dem Recht und Ordnung durch Gesetz und Instanzen hergestellt werden und nicht Geld und Machtgieriege Despoten das Volk ausnutzen.
Wäre es nicht jetzt, wo das kapitalistische System nicht fähig ist, die von ihm ausgelöste Krise zu bewältigen, und auf die Hilfe des Staats angewiesen ist, angebracht Lehren zu ziehen?
Ach, diese Liberalen mit ihrem Fetisch Freiheit… Dann wird da mit Marx argumentiert- ein hübsches Deckmäntelchen, um ja nicht aufzufallen: In Wirklichkeit geht es doch nur darum, den derzeitigen Status Quo- also genau jene neoliberale Mischform, die uns diese soziale und ökonomische Krise beschert hat- rückwirkend zu legitimieren! Herr Betschart, hören Sie auf mit Ihrer Schönfärberei- die kennt man bereits von den Wirtschaftsverbänden und Avenir Suisse: Mit Ihrer Scheinargumentation locken Sie keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Im Gegensatz zu Frau Meier kenne ich Menschen, die in Sonderwirtschftszonen arbeiten- und sie sind im allgemeinen glücklich, überhaupt einen Job zu haben. Auch wenn diese Sonderwirtschaftszonen- also die Auswüchse des sog. Karawanenkapitalismus- den jeweiligen Volkswirtschaften genau genommen nur Vorteile im Bereich der BIP-Statistiken (einer auf die Wohlstandsverhältnisse einer Gesellschaft völlig irrelevante Grösse) bringen. Glücklich, überhaupt einen Knochen zu haben, sind übrigens auch Hunde… Oberste Priorität beim sog. Kapitalismus hat übrigens die Rendite, und nicht etwa der gesellschaftliche Fortschritt- wenn wir schon bei Marx sind, Herr Betschart. Der gesellschaftliche Fortschritt ist in diesem Zusammenhang lediglich ein positiver, externer Effekt, um bei der Sprache der Ökonomen zu bleiben. Das nur so der Vollständigkeit haleber.
@Marcel Zufferey: Ich glaube übrigens auch, dass die ArbeiterInnen in den chinesischen Fabriken trotz der miserablen Arbeitsbedingungen froh sind, überhaupt einen Job zu haben. Ich will diese moderne Sklaverei trotzdem nicht unterstützen und kaufe deshalb keine Produkte aus China. Und ich finde, wir müssen aufpassen, dass wir bei uns nicht (wieder) solche Zustände haben.
Exponentielles Wachstum ist in der Tat das grundlegende Problem – auf die Ökonomie übertragen ist dies der Zinseszins. Vor zwei Jahren bin ich auf den Begriff des Josephspfennigs gestossen und habe mit einem Josephsrappen nachgerechnet:
Nehmen wir einmal an, dass Joseph anlässlich der Geburt seines Sohnes Jesus im Jahre 1 ein Sparbuch eröffnet hätte, das sich jährlich zu 1% verzinst. Nehmen wir weiter an, dass Joseph als nicht sehr reicher Zimmermann einen Rappen darauf eingezahlt und dann keine weiteren Ueberweisungen mehr getätigt hätte. Lassen wir die Inflation jetzt einmal ausser Acht. Was wäre das Sparbuch von Jesus heute wert ? im Jahre 2 wären daraus 1.01 Rappen geworden, im Jahre 3 kämen 1% auf 1.01 Rappen hinzu und so weiter. Rechnen wir das einmal aus: 1.01 ^ (aktuelles Jahr-1), also im Jahre 2007: 1.01 ^ 2006 Rappen. Das ergibt stolze 4’663’111.58 Franken.
Nun ist 1% aber eine eher lausige Verzinsung. Gehen wir doch einmal von 3% aus, dann erhalten wir über denselben Zeitraum 1.03 ^ 2006 Rappen also 564′252′000′000′000′000′000′000 Franken. Wie viel wäre das in Gold ? Angenommen der Goldpreis betrüge 680 Dollar pro Unze Feingold (1 Unze = 28.34954077 Gramm 1 Dollar = 1.25 Franken). Jetzt vergolden wir also 451′401′000′000′000′000′000′000 Dollar. Beim obigen Preis erhalten wir 663′825′000′000′000′000′000 Unzen also 18′819′144 Milliarden Tonnen Feingold. Zum Vergleich: Das über die gesamte Menschheitsgeschichte angesammelte Feingold ergäbe einen Würfel von knapp 20 Meter Kantenlänge. Bei einer Dichte von 19.3 Gramm pro Kubikzentimeter Gold ergibt dies gerade einmal die Grössenordnung von 150′000 Tonnen Gold. Bei 3% Verzinsung würde das Sparbuch 120 Milliarden mal mehr wert sein als überhaupt Gold verfügbar ist.
Weil aber selbst 3% Verzinsung oftmals nicht als genügend angesehen werden, wollen wir zum Abschluss doch einmal mit 5% rechnen. Diesmal erhalten wir 1.05 ^ 2006 = 32′043′100′000′000′000′000′000′000′000′000′000′000′000 Rappen, also 320′431′000′000′000′000′000′000′000′000′000′000′000 Franken. In Gold aufgewogen wären dies 1′068′710′000′000′000′000′000′000′000′000′000 metrische Tonnen. Die Masse der Erde beträgt in etwa 5′975′000′000′000′000′000′000 Tonnen. Das Sparbuch hätte demnach einen aktuellen Wert von 178′894′000′000 Erdkugeln in Feingold. Diese knapp 179 Milliarden Erdkugeln würden aber ein wenig kleiner als die Erde sein, da Gold eine höhere Dichte als die Erde aufweist. Wollen wir also die Grösse der Erdkugel beibehalten, müssen wir weiter rechnen: Die Erde hat eine mittlere Dichte von 5.5 Gramm pro Kubikzentimeter. Gold ist also 3.51 mal dichter als die Erde. Wenn wir die Strecke von der Erde zur Sonne mit aneinander gereihten goldenen Erdkugeln füllen würden, so können wir dies bei einem Aequatorradius der Erde von 6378.137km sage und schreibe 2′173′519 mal tun !
Von nichts kommt nichts – oder etwa doch ? Kapitalismus ist offenbar wirklich eine Religion; der Zinseszins hält einer mathematischen Betrachtung nicht Stand: begreifen kann man eine solch absurde Konstruktion nicht, man kann nur daran glauben. Dient dieser (Aber)Glaube als Fundament “rationalen” wirtschaftens, muss das Wirtschaftssystem zwangsläufig alle zwei bis drei Generationen zusammenbrechen. Der tiefer Grund des Zinseszins ist die grundsätzliche Fehlkonstruktion unseres Geldes: es kann nicht zwei gegensätzlichen Zwecken dienen, es kann nicht gleichzeitig Tauschmittel UND Wertaufbewahrungsmittel sein. Hier muss der Hebel angesetzt werden, alles andere ist nur eine Pinselrenovation… bis zum nächsten Crash.