Klein muss er sein

Die Tage der SUV sind gezählt. Die Zukunft gehört dem Kleinwagen. Der Daihatsu Materia zeigt, wo es im Automobilbau langgehen muss.

07.05.2007 von Julian Anders

Es beginnt schon mal bei dem Namen. Materia. Ein Name wie ein Hammerschlag auf einen Felsen. Normalerweise heissen Kleinwagen anders. Normalerweise tragen Kleinwagen Namen, die auch Geräusche von Tieren aus einem Comic sein könnten, nämlich Aygo oder Matiz oder Twingo – und damit ist das Problem auch fast schon benannt; denn wenn es ein Produkt gibt, das vom Namen bis zum Design völlig durchinfantilisiert ist, dann ist das der moderne Kleinwagen.

Die Aygos und Twingos und Micras sind vergrösserte und aus Blech nachgebaute Kuscheltiere mit kulleräugigen Scheinwerfern, gnubbeligen Karosserien und quietschbunten Smarties-Interieurs, die auf penetrante Weise an die Kinderzimmer ihrer Fahrerinnen und Fahrer erinnern. Die meisten Kleinwagen, zum Beispiel der neue Opel Corsa, sehen so zerschmolzen aus, als seien sie Opfer und nicht Mitverursacher der globalen Klimaerwärmung. Und auch der Smart wirkte ja immer, als habe man einen Sitzrasenmäher mit einem aufgeweichten Playmobil übergossen. Die Botschaft dieser Autos ist klar – wir sind lustig, klein und gern ein bisschen doof und wollen nicht erwachsen werden. Deswegen gab es bisher kein kleines Auto, das man mit Würde fahren konnte.

Aber jetzt kommt der Materia, und der ist das Erstaunlichste, was man derzeit auf vier Rädern kaufen kann. Anders als der nostalgische New Mini, der mit jedem Detail ein Design der späten Fünfzigerjahre beschwört und seiner Zeit den aufgewärmten Glamour vergangener Epochen entgegensetzt, kommt der Materia ganz aus unserer Zeit. Er wirkt dabei zunächst mal, als habe man als Reaktion auf die aktuelle öko-Debatte eines der modischen SUV in eine Schrottpresse gesteckt und auf 3,80 Meter zusammengequetscht. Der latente Aggressionslook der grossen Jeeps lebt in der auf Kleinwagenformat herunterkomprimierten Kiste weiter, allein die Rückleuchten sind wie mit dem Samuraischwert in die Heckklappe gezeichnet und erinnern an die zornigen Stirnfalten japanischer Schwertkämpfer in wüsten Manga-Heften. Brav oder gar «härzig» sieht dieses Auto nicht aus.

Sein wahres Vorbild hat der Materia in der japanischen Architektur. Dort haben Architekten wie Kazunari Sakamoto, Sanaa oder Yoshiharu Tsukamoto in den letzten Jahren gezeigt, wie man auf engstem Raum grosszügige, vielseitige Häuser baut – Tsukamoto etwa quetschte ein wunderbares Haus in eine gerade mal drei Meter breite Baulücke. In Metropolen wie Tokio darf, aus ökonomischen wie aus ökologischen Gründen, kein Zentimeter Platz verschwendet werden, noch der letzte Winkel muss ausgenutzt werden – nach diesem Prinzip ist auch der neue Daihatsu gebaut. Im Prinzip ist er Tokio auf Rädern. Die Japaner nennen das «Big Cabin Concept»: Der kantige Wagen ist nur zehn Zentimeter länger als ein Mini, bietet im Vergleich zu dem britischen Retro-Auto aber Platz wie eine Familienlimousine der Oberklasse. Klappt man alle Sitze herunter, hat man ein 2,20 Meter langes Doppelbett auf Rädern. Auch das ist ein Grund, warum die japanische Jugend diese Autos so liebt. Der Materia ist nicht das einzige Auto dieser Art in Japan, wo der artverwandte Toyota bB, der auch in den Vereinigten Staaten als Scion xB verkauft wird, oder der etwas grössere Nissan Cube seit einigen Jahren zu Kultfahrzeugen geworden sind. Besonders Surfer schätzen die kleinen Kastenwagen, die genau genommen die wahren Erben des ersten VW-Busses sind: Sie verbrauchen wenig und haben viel Platz.

Eine neue Moderne

Jede Zeit produziert Formen, in denen sich die Möglichkeiten und Wünsche einer Epoche abbilden – und in keinem Bereich des modernen Produktdesigns zeigen sich gesellschaftliche Idealvorstellungen und Träume so deutlich wie im Automobilbau, einer Branche, die so viel Geld wie kaum eine andere in psychologische Kriegführung investiert. Jedes Jahrzehnt hat automobile Ikonen, die alles über ihre Zeit sagen: Die Citroen DS mit ihrer auf hyd-ropneumatisch zum Schweben gebrachten Stromlinienkarrosserie, ihren Raketentriebwerksblinkern und ihrem leichten Plastikdach brachte die futuristischen Weltraumträume der Fünfzigerjahre auf den Punkt, die ordinär krawallige, billige und rasante Jaguar E-Type den radikalen Hedonismus der Sechzigerjahre, der mächtige, aggressiv gezeichnete Porsche Cayenne das Zeitalter nach 9/11, die hysterisierten Nullerjahre, in denen die Zukunftsversprechen der Moderne fast alle in Angstvisionen umgekippt sind: Im fetten Steak lauert Rinderwahn, bei freizügigem Sex droht Aids, in den billigen Ferienparadiesen fundamentalistischer Terror, und in Zeiten des Kriegs gegen den Terror und der wachsenden sozialen Konflikte fährt man auch privat gern ein airbaggepolstertes Panzerauto, das absolute Sicherheit ausstrahlt und mit dem man tatsächlich direkt bis nach Bagdad durchfahren könnte.

Mittlerweile hat sich aber herumgesprochen, dass der Verbrauch dieser vor allem in den USA massenhaft gekauften, benzinsaufenden Sicherheitssymbole das Land in eine tatsächlich bedrohliche Abhängigkeit von arabischen öllieferanten gebracht hat. Würde ganz Amerika Materias fahren, wäre man auf öl aus den problematischen Golfstaaten nicht angewiesen.

 Der Materia könnte zu einer Ikone seiner Zeit werden. Er ist, zumal wenn man ihn in der Trendfarbe Weiss fährt, das äquivalent zum iPod – nämlich ein hochkomprimiertes, kleines Objekt, das seine Besitzer nicht durch Kuscheldesign oder irgendwelche Gestaltungskapriolen demütigt, sondern eine entschlossen kantige Haltung vorträgt, für die einst Autos wie der Renault 4 oder der Fiat Panda standen: maximale Raumausnutzung auf minimalem Raum. Und: Die Coolness des Materia liegt auch darin, dass ihm Design und Aussehen irgendwo egal sind, während der chromüberladene Mini immer ein bisschen wie eine geliftete Dame aussieht, die zu dicken Modeschmuck am Arm trägt.

Keine öko-ästhetik

Der einzige Schwachpunkt dieses Wagens sind seine CO2-Emissionen: Werte zwischen 148 und 169 markieren nicht die Spitze der Umweltfreundlichkeit. Eigentlich unverständlich, dass Daihatsu-Eigentümerin Toyota den Wagen noch nicht mit derselben Hybridtechnologie ausstattet wie den Prius. Der Verbrauch des 1,5-Liter-Benzinmotors liegt laut Hersteller bei 7,2 Litern. Dafür garantiert die hochdrehende Maschine mit dem Daihatsutypischen rauen Sound dem Materia trotz Bauklotzform Beschleunigungswerte, von denen andere Kleinwagen nur träumen können. Laut Daihatsu braucht der Materia von null auf hundert zehn Sekunden. Das entspricht exakt den Beschleunigungswerten eines Porsche 911 von 1967 und ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entkoppelung von ökologie und Entsagungsästhetik. Denn daran krankte die öko-Bewegung schon immer – dass sie mit furztrockenen Körnerbrötchen, dep-rimierenden Nullenergiehäusern und schmalbrüstigen öko-Autos als muffiger Kasteiungsverein auftrat, anstatt zu zeigen, dass Energiesparen und Lebensfreude kein Gegensatz sein muss.

Mit dem Materia gelingt Daihatsu etwas, was zuletzt Volkswagen mit dem Ur-Golf und BMW mit dem New Mini geschafft haben: ein kleines Auto, das keine Notlösung ist, sondern ein klassenloses Statement. Ein Polo sieht immer aus, als könne man sich keinen Golf leisten – einen Materia fährt man nicht, weil man keinen BMW bezahlen kann, sondern weil man keinen will. Sondern ein Auto, in dem das Jahr 2007 mit seinen Möglichkeiten und Herausforderungen endlich mal eine entschlossene Form gefunden hat.

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