13.11.2009 von Michèle Roten , 11 Kommentare
Vergessen Sie «Kinder und Narren sagen die Wahrheit». Diesen Spruch muss ein Kind oder ein Narr erfunden haben. Kinder sagen nämlich nur Kindisches und Narren Närrisches. Die Wahrheit hingegen sagen Junkies. Oder zumindest der eine neulich im Tram. Er sass da und redete vor sich hin, ganz ruhig, wie ein Chronist des Alltags reihte er Bemerkungen aneinander, in der schönsten Erzählerstimme, die ich je gehört habe. Tief und rund wie ein runder Stein in einem tiefen Brunnen. Na, das klingt jetzt nicht so toll, ich weiss, aber wenn er diesen Satz sagen würde, würden Sie denken: Ach wie schön. Wie wahr. «Es regnet», sagte er und schaute zum Fenster hinaus. «Wenn es ein bisschen kälter wäre, dann würde es schneien. Ja, schneien würde es dann. Im Winter schneit es. Schnee finden alle schön.» Als eine Frau beim Aussteigen stolperte, rief er: «Hoppala! Pass uuf, gäll! Das ist peinlich, vor allen Leuten hinzufallen. Aber sie ist ja nicht hingefallen. Nur fast. Ich glaube aber, das ist ihr auch peinlich. Obwohl sie nicht hingefallen ist. Die ist bestimmt froh, dass sie jetzt weg ist. Wenn sie beim Einsteigen gestolpert wäre, das wäre noch blöder gewesen. Dann müsste sie noch hier mit uns herumsitzen, obwohl es ihr doch peinlich ist.»
Es war so schön, endlich mal wieder jemandem zuzuhören, der einfach nur die Wahrheit sagt. Simple, kleine Wahrheiten über die Wirklichkeit, die wirkliche Welt. Ich reagiere in letzter Zeit zunehmend empfindlich auf medialen Bullshit. Das fängt an mit Werbungen. Von Fernsehwerbungen ganz zu schweigen. Nein, nicht zu schweigen: Ich will verdammt noch eins nicht mit defäkierenden Kindern konfrontiert werden. Kindern, die lieber bei ihren Freunden aufs Klo gehen, weils da ein Duft-Irgendwas hat. Ich will auch nicht mit der Verdauung von Joghurt essenden Mamis konfrontiert werden. Ich will ehrlich gesagt auch nichts mehr hören, sehen, lesen von der Schweinegrippe und mich einfach überraschen lassen, ob ich sie kriege oder nicht. Ich will ebenfalls nichts hören, sehen, lesen von Carl Hirschmann, wie dumm muss man eigentlich sein, Mädchen in lusche Hinterzimmer zu schleppen, wenn man so gut aussieht wie der, so reich ist wie der, so berühmt ist wie der und so viele unendlich bescheuerte geld-, macht-, szene- und publicitygeile Weiber rumrennen, die es gratis und freiwillig machen? Ist ja noch nachvollziehbar, wenn irgendein mittelloser Glöckner so was macht, aber Carl Hirschmann? Ich will auch nicht mehr ständig Madonna zwischen die Beine sehen müssen, die soll sich endlich mal Hosen anziehen, der Sommer ist vorbei!
Ich glaub, ich hol den Junkie von der Strasse und mach ihn zu meinem persönlichen Assistenten. Der geht dann immer neben mir her und macht die Welt wieder wirklich.
Wahrlich ein wahrhaftig wahrer Gedanke.
…. die machen die SCHWEIZ wieder wirklich.
Danke auch für die Aburteilung der Werbebranche.
…glaubst du wirklich?
Liebe Michèle – ich kann nach all den Jahren meiner Begegnungen mit Deinen Texten nicht anders als “du” zu sagen.
Bin immer wieder froh um den Samstagmorgen und das Magazin (obwohl das auch schon mal besser war!!) und eben um die Flaschenpost von Dir.
Sei gegrüsst – hab Dank – schönes Wochenende
-ethno-
Nimmt der Wahrheits-Junkie auch Aufträge für Dritte entgegen?
Er könnte vielleicht einer hier nicht namentlich erwähnt sein wollenden Bundesrätin erklären, dass die saudische Erbmonarchie nicht «vom Volk gewählt» ist, dass Indien und Pakistan nicht einen «innerstaatlichen Konflikt» um Kaschmir austragen und dass Mittelkaliber-Geschosse keine Ersatzteile sind…
super Idee…. kann ich nur unterstützen…
ich habe zwar auch keinen Assistenten, aber ich werde mir vielleicht auch so einen zulegen, ihn durchfüttern, und dafür gute Ratschläge bekommen…..
ich würde dann bald karriere machen, und das ganze land in ein gassenzimmer verwandlen…
thanks for the laughs!:) menschen die ganz unten sind, sind eben meistens die ehrlichsten da nichts mehr zu verlieren. dass die schweinegrippe wahr ist erleb ich allerdings grad am eigenen leib. als asthmatiker nicht gerade das angenehmste..
super, dass so kleine wahrheiten auch an die oberfläche kommen! sie sind nicht wegzudenken.
Dieser “Alltagspoet” erinnert mich stark an den türkischen Dichter Orhan Veli Kanik (1914 – 1950), der auf Metaphern und Symbole verzichtet. Er reduziert das Gedicht auf ganz einfache Tatbestände, auf die Beschreibung alltäglicher Vorgänge und verströmt, wie unser Junkie, einen unversöhnlichen Humor!
Beim 13er muss man die hinterste Türe nehmen, will man einen Kinderwagen transportieren. Ich stand also vor der falschen und entschied mich, das Tram ziehen zu lassen und das nächste zu nehmen. Da stürmte ein ungepflegter, bärtiger, alkoholisierter, aufmerksamer Passagier auf die Türe zu und schrie: “Chömed si, das gaht scho!” Darauf packte er von oben die Babykiste, riss sie hoch, und hiefte sie über das Geländer, mir schien, das Baby falle fast heraus. “Achtung, do isch es Chind drinn!” schrie ich, und er schrie: “Das isch lang nöd s Schlimmschte, wo ihrem Chind wird passiere!”, womit er, denke ich heute, recht hatte. Ich war dann ein bisschen durcheinander, aber schon froh, statt erst im nächsten, schon in diesem 13 er zu sitzen.