Klick. Game Over.

Bashkim Berisha wird seit vier Jahren «Parkplatzmörder von Dübendorf» genannt. Jetzt, kurz vor seinem Prozess, nimmt er erstmals öffentlich Stellung.

14.08.2009 von Rico Czerwinski , 5 Kommentare

Der 24-Jährige, der eines Abends 2005 in einem Restaurant in Winterthur sitzt, hat einen der schlechtesten Schulabschlüsse seines Jahrgangs, nie eine anerkannte Ausbildung angefangen, und würde mit seinem schmalen, eher unscheinbaren Körper nicht einmal auf einer Baustelle sofort Eindruck machen. Doch seine Begleiterin findet seine Gesellschaft überaus amüsant. Und die vorsichtige Serviererin bedient die beiden wie Popstars. Der Chefkoch erweist ihnen mehrfach am Tisch die Ehre. Irgendein seltsames Gen macht den Stargast mit dem sensibel wirkenden Männergesicht zu einer stadtbekannten, von jungen Migranten im ganzen Land bewunderten Persönlichkeit. Ein Film wurde über ihn gedreht, er ist Landesmeister, Weltmeister, eines der Megatalente in Muay-Thai, einer brutalen Kampfsportart. Sein Körper ist eine Waffe, mit der er in wenigen Minuten einen Menschen schwer verletzen oder töten könnte. Und einige aus seiner Familie, so mutmassen Journalisten, spielen im Drogenhandel eine Rolle.
Man könne sich ja mal treffen. Vier Jahre sind vergangen seit seinem Restaurantbesuch, als er das ausrichten lässt. Man könne ihn ja mal besuchen in der Regensdorfer Untersuchungshaft. Bashkim Berisha, Ex-Welt-Champion im Thai-Boxen, Ex-Deutschschweizer-Meister im klassischen Boxen, sitzt gerade in der Sicherheitsabteilung, wartet auf seinen am 20. August, kommenden Donnerstag, vor dem Zürcher Obergericht beginnenden Prozess. Er hat wieder einmal das getan, was ihm schon so oft vorgeworfen, weshalb er schon mehrfach ins Gefängnis gebracht wurde, weshalb er seiner Mutter und seinem Vater — vor allem aber jede Menge fremden, mit ihm in Konflikt geratenen Menschen starke Schmerzen bereitet hat. Er hat wieder einmal, wie einst ein Staatsanwalt sagte, sein «Aggressionspotenzial nicht kontrolliert». Er hat seine Fähigkeiten wieder einmal dort angewandt, wo er es nie hätte tun dürfen. Bisher sind seine Gegner immer wieder aufgewacht. Diesmal ist ein Mensch mehr als schwer verletzt. Etwas Schlimmeres ist geschehen. Genau, was ihm derselbe Staatsanwalt einmal voraussagte.
Ein Mensch ist gestorben, er, Bashkim Berisha, soll sein Mörder sein. Mörder — so nennen ihn seit vier Jahren viele, «Parkplatzmörder». In der Mitteilung der Polizei war noch von «Tatverdächtigem» die Rede, später fielen in vielen Texten Attribute wie «angeblich» oder «sogenannt» nicht selten irgendwie weg. Der Prozess wird wegen dieser medialen Tendenzen auch von vielen Mitgliedern der kosovoalbanischen Gemeinde beobachtet, die sich in der Ablehnung seiner Delikte einig sind. Noch vergöttern ihn nicht wenige Jugendliche als «Strassenkämpfer» oder «Helden des Ghettos». Doch nicht zuletzt viele aufgeklärte, gebildete Migranten haben sich bei den häufigen Meldungen über ihn gefragt, wie er schon für alle ein Mörder sein kann, vor der Urteilsverkündung? Wegen seines persönlichen, schlechten Leumunds, oder auch, weil er ein Kosovo-Albaner ist?
Ein wenige Quadratmeter grosser Raum, Sommerlicht fällt durch ein solides, stählernblaues Fenstergitter. Kleine Muskelpakete bewegen sich unter ebenso blauer Baumwolle, als er leichtfüssig in einem T-Shirt und einer weiten braunen Häftlingshose hereintänzelt. Und dem Besucher vor Freude, dass er jetzt etwas zur Sache sagen kann, bei der Begrüssung fast den Arm ausrenkt. «Parkplatzmörder. Immer schreiben sie das. Was soll das? Hab ich einen Parkplatz ermordet? Hab ich überhaupt jemanden ermordet?»

Schuss aus nächster Nähe
11. Februar 2005, gut zwei Stunden nach dem Restaurantbesuch. Ein Schuss wird abgegeben. Dabei befindet sich die Waffe den Fallakten zufolge in unmittelbarer Nähe des im Auto sitzenden Opfers. Dabei wird die Mündung, laut den Gutachten, auf den Körper des Opfers aufgesetzt — oder knapp davor gehalten. Dabei entstehen typische Explosionsspuren für Schüsse aus naher Entfernung an der Jacke des 26-jährigen, aus Mazedonien stammenden Opfers, eines zweifachen Vaters. Es entsteht ein Einschusskanal, der an der linken Flanke des Mannes oben, etwa in Höhe seines Herzens, beginnt. Der Lauf der Waffe, sagt ein Zeuge laut Einvernahmeprotokollen, wird vor dem Schuss durch das halb geöffnete Fahrerfenster geschoben. Die Szene wirkt — geht man von den Protokollen aus, die dem «Magazin» ebenso vorliegen wie der Schlussbericht zu den Ermittlungsergebnissen, der Obduktionsbericht, verschiedene Gutachten und weitere Fallakten — wie eine Hinrichtung in einem mexikanischen Drogenkrieg.
Natürlich vermutete man das auch gleich: eine Abrechnung, eine unbezahlte Schuld. Zu viele Worte vor den falschen Leuten. Ein konkurrierender Händler? Ein beginnender Krieg? Ein älterer Bruder Berishas war etwa um diese Zeit in Drogendeals verwickelt, lieferte laut Urteil über dreissig Kilogramm Heroin, wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Der Schlussbericht zu den Ermittlungen im Fall Dübendorf enthält keine Hinweise auf einen Drogenhintergrund des Verbrechens. Bashkim Berisha selbst sagt, das sei ihm immer viel zu gefährlich gewesen, wie auch Schusswaffen. Er hätte immer viel lieber Ellbogen, Schienbein, Fuss und Faust benutzt. «Und wissen Sie, es war immer okay. Es war nie mehr notwendig.»
Er hat viele Menschen verletzt, «schlafen gelegt», wie er sagt. Finessen, technische Glanzleistungen interessierten ihn nicht so sehr. Er schlug Gegner einfach möglichst schnell und effizient bewusstlos. Darin ist er Meister. Er hat Männer, die viel grösser und breiter waren als er, k. o. geschlagen, ihnen eine Gehirnerschütterung zugefügt. Bodybuildern, Kickboxern, Türstehern, Schusswaffenbesitzern, Polizisten. Ein gezielter, oft unerwarteter Schlag etwa mit der Handkante oder dem eigenen Hinterkopf. Das ist sein Talent. Und dann besitzt er noch etwas, er zeigt mit einem Finger auf seinen Kopf.
«Plötzlich macht es klick.»
Im Kopf.
«Und dann ist für den anderen Game Over.»

Im Kopf von Berisha
Bashkim Berisha kommt 1980 zur Welt, er verbringt seine Kindheit in einer so ländlichen Gegend, dass sein Kopf noch heute voll ist von Dingen, die sich mit nichts in seiner heutigen Welt in Verbindung bringen lassen. In nichts ähnelte das Bergdorf Peje bei Decani der Schweiz.
«Doch», behauptet er, «eines ähnelte sich. Dieser stockschwingende Serbe in der Schule und mein Reallehrer.»
Im Dorf leben sie mit sechzig Menschen in einem Haus. Der Vater ist fast das ganze Jahr abwesend. Das Dorf verlässt man vor allem, wenn man krank ist. Was er in der Primarschule gelernt habe? «Nichts.» Spielzeug besitzt er praktisch nicht. Er teilt sich ein Zimmer mit zehn Kindern. Nebenan schlafen noch einmal zehn. Die Familien seines Vaters und seiner drei Onkel leben in dem Haus, man isst an zehn Tischen in einer riesigen Halle.
Natürlich rutscht mal einem Erwachsenen die Hand aus. Natürlich rauft man sich auch unter den Kindern. Sie sollen üben, wie man sich verteidigt. Mit sieben bekommt er seine ersten Boxhandschuhe, sein serbischer Lehrer in der Schule schlägt ihn bei Fehlern mit einem Stock auf den Kopf. Die Kinder einer der grössten muslimischen Viehbesitzerfamilien der Gegend sollen lernen, wie man sich im Notfall wehrt.
Dem Chefarzt der Forensischen Psychiatrie Rheinau erzählt Bashkim Berisha später von Schafen und Kühen, an die er sich noch gut erinnert, mit denen er im Sommer durch die Berge zog. Eine der nationalen Kapazitäten auf dem Gebiet der Forensischen Psychiatrie hat die Persönlichkeit und Biografie Bashkim Berishas nach dem Schuss in Dübendorf nach Auffälligkeiten durchsucht, um seine Gewalttaten besser erklären zu können.
Berishas Körperhaltung verändert sich, wenn man ihn darauf anspricht. «Dieser Dr. Horber, das war komisch.» Bashkim Berisha möchte zunächst keinen Einblick in Otto Horbers Studie gewähren. «Dieser Horber hält sich für Gott. Er ist mächtig. Sogar die Richter zittern vor ihm. Der Typ stellt mir dumme Fragen, alle halten ihn für Jesus. Ich krieg jetzt Ärger, egal: Er hat komische Geräusche gemacht. Die Augen verdreht. Mich stundenlang so komisch angesehen. Ich dachte: Hat er ein psychisches Problem?»
Berisha erzählt von seiner fürsorglichen Mutter, dem Vater, der Geld aus Deutschland und der Schweiz schickte, für das er «wie ein Sklave arbeitete». Bashkim Berisha ist elf, geht mit Mutter und Brüdern zum Vater nach Winterthur, wo es, wie er behauptet, fast wie in Kosovo ist — «was die schlechten Dinge betraf». Zu Hause hätte es Geborgenheit, totalen Zusammenhalt in der Familie gegeben. «Hier waren wir plötzlich umgeben von Leuten, die uns hassten — aber wir selbst waren nur wenige.»
Bashkim Berisha schildert ausführlich und immer wieder Fremdenfeindlichkeit, die er angeblich erlebt hat. «Haha, sagt die Lehrerin vor der Klasse. Diese Lehrerin, diese dumme Schweizer Kuh, sagt: Ihr beide, du und dein Bruder, ihr könnt also euren Namen nicht schreiben. Und natürlich lachen alle. Und natürlich stehen wir wie Idioten da, verstehen fast kein Schweizerdeutsch. Haha, lacht irgendein fetter 120-Kilo-Typ. Tobias! Der Sumo-Ringer. Er schlägt sich mit meinem Bruder, ich sehe, mein Bruder schafft ihn nicht. Da springe ich rein.»
Sehr bald Probleme mit dem Klassenlehrer. Ernste, eskalierende Probleme. Akten der Jugendanwaltschaft Winterthur: Eines Morgens 1995 streiten sich der Lehrer und Bashkim Berisha verbal. Dann ohrfeigt der Lehrer den Schüler. Berisha springt auf, schlägt mit der Faust zu, eine Kombination von Faustschlägen. Und Fusstritten. Er greift um sich, schleudert einen Stuhl nach dem Lehrer. Der geht in die Ambulanz. «Herr Berisha», hatte dieser angeblich zuvor gesagt, «lesen Sie bitte einmal diese Polizeinachrichten vor.» Er hatte das angeblich zuvor fast jeden Morgen gesagt. «Er zog uns an den Ohren», erklärt Bashkim Berisha, «er schlug und ohrfeigte uns. Seine Frau war Serbin, er hasste Albaner. Warum, wollte er immerzu wissen, geht ihr nicht zurück in euer Land? Und dann gab er uns Zeitungsausschnitte, die mal von der Verhaftung eines kosovarischen Drogendealers berichteten, dann wieder von einer Messerstecherei, einer Vergewaltigung. Immer waren meine Landsleute involviert, diese Ausschnitte mussten wir vor der ganzen Klasse vorlesen.»
Drei Tage nach der Szene im Klassenzimmer die nächste Prügelei, im Quartier mit verfeindeten Jugendlichen. «Meine Freunde hatten mich schon damals immer gern dabei.» Er boxt nun in einer Kampfsportart, in der man auch Körperteile wie Schienbein oder Ellbogen einsetzen darf. Er sitzt im Alter zwischen 14 und 17 etwa dreissig Tage in U-Haft. Körperverletzung wird ihm zur Last gelegt, Drohungen, Hausfriedensbruch, Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz — Erziehungsverfügungen werden erlassen. Der Sozialpädagoge trifft einen «kultivierten, aber arbeitslosen Vater», die Eltern «legen Wert auf Ethik und Moral», aber ihr Einfluss auf den Sohn ist gering.
Einbrüche in über siebzig Autos, dabei Diebstähle: Bargeld, Bankkarten, Kreditkarten, Reisepapiere, Natels, die er und seine Freunde verkaufen. «Damals waren doch alle kriminell! Ich war nicht weniger oder mehr kriminell als andere. Ich wollte auch coole Schuhe.»
Häufiger Kontakt mit der Polizei. Einmal wird er vorgeladen, folgt nicht, wird abgeholt, auf der Treppe stösst er einen der Beamten, wird gefesselt, im Hauseingang rammt er dem Beamten den Kopf ins Gesicht. Ambulanz. «Ich weiss auch nicht. Wir hassten uns. Ich die, die mich. Haben uns schikaniert! Beleidigt! Leute, die denken, sie können es dir zeigen — das hab ich nie gern gehabt. Einmal dieser Türsteher. Macht mich vor meiner Freundin an. Ich war gut angezogen, hey. Es war alles okay. Aber er wollte mich nicht reinlassen. In so einem Moment komm ich in den Tunnel. Höre den Hammer. Er hat dir Arschloch gesagt. Er hat dir Arschloch gesagt. Und dann ist Game Over.»
Man solle sich vorstellen, wie man volltrunken Auto fahre. Aussen alles dunkel, nur in der Mitte ein Tunnel, den man sehe, und den Streifen, der einen zum Ziel führe. Wenn es in seinem Kopf «klick» gemacht habe, und er ab dann nur noch die Beleidigungen seines Kontrahenten höre, «er hat dir Arschloch gesagt, er hat dir Arschloch gesagt, wie ein Hammer knallt das auf meinen Kopf nieder», und er in diesem Tunnel sei, dann sehe er nur noch schwarz und am Ende das Gesicht der Person, die er dann fertigmache. «Da kann sich die Polizei dazwischenwerfen, dann mach ich die auch fertig.»

Eine Letzte Chance
Die totale Hingabe beim Schlagen — und sein Talent dabei —unterscheiden ihn von Tausenden anderen, machen ihn einzigartig. Sehr viele Frauen bewundern ihn, alle Freunde bewundern ihn, diesen beiden Fähigkeiten verdankt er fast alles. Respekt. Erfolg. Gefängnisstrafen.
Gerangel bei einer Polizeikontrolle, er hat zuvor Falschgeld erworben, die Polizei hat einen Tipp erhalten, es kommt zur Schlägerei. Die Polizei habe die Situation eskalieren lassen, sagt er, ein Polizist habe unnötig Pfefferspray eingesetzt. Er habe sich bedroht gefühlt. Die Polizei sagt, er und seine Freunde hätten sich Anordnungen widersetzt und versucht, sich der Durchsuchung zu widersetzen. Ein Handkantenschlag, ein Polizist geht zu Boden. Bashkim Berisha tritt angeblich sogar noch mehrfach zu. Gehirnerschütterung, zwei Tage Spital. «Die haben provoziert, das waren Rassisten, ich habe immer nur gegen Stärkere gekämpft. Polizisten. Bodybuilder. Solche in der Überzahl. Solche mit Waffen. Denen Respekt beigebracht. Den sie nicht hatten, weil sie mich wegen meines harmlosen Äusseren unterschätzten. Nur einmal, einmal hab ich einen Schwächeren angegriffen.» Oktober 1998. Ein öffentliches WC. «Du schwul?» Sie schlagen ihn, berauben ihn, Geld, EC-Karte. «Gib den Code.» Sie testen den Code, sperren ihn dabei im WC ein. «Das ist mir peinlich. Das tut mir leid. Das würd ich gern rückgängig machen.»
1999 Verurteilung wegen bandenmässigen Diebstahls, Gewalt und Drohung gegen Beamte, Körperverletzung, wegen Raubes, Freiheitsberaubung. Bei Urteilsverkündung sitzt er bereits 252 Tage in Haft. Es gibt noch einmal eine letzte Chance. Er hat die Delikte vor als auch nach dem 18. Geburtstag verübt. Achtzehn Monate Freiheitsentzug bedingt, zehn Jahre Landesverweis bedingt, mit vierjähriger Probezeit.
Dann wird es fünf Jahre ruhiger um ihn. Gewinn des Weltmeistertitels. Bashkim Berisha versucht, sich auf den klassischen Boxsport zu konzentrieren. Ab 1999 bis Anfang 2005 keine Verurteilungen. Einmal wird er verdächtigt, in einer Bar in Winterthur jemanden erschossen zu haben. Dieser Vorwurf erhärtet sich nicht, Berisha sagt: «Ich war damals bekannt. Irgendwer beschuldigte mich nach diesem Schuss in dieser Bar einfach. Ich hatte damit nichts zu tun. In diesen fünf Jahren hab ich mich geändert. Mein Gefängnisaufenthalt hatte mich beeindruckt. Ich konzentrierte mich voll auf meinen Sport und hab jedes Problem gemieden. Ich war wirklich ein anderer Mensch geworden.»
Ein Zeuge wählt 117, es ist der 11. Februar 2005. Beamte treffen am Tatort auf dem Parkplatz vor dem Klub in Dübendorf ein, es ist kurz nach Mitternacht, der Verletzte stirbt kurz nach Eintreffen im Spital Uster.
Einvernahmen. Fünf Belastungszeugen, die mit dem Opfer befreundet waren, sagen laut Schlussbericht: Man sei auf dem Parkplatz angekommen, es habe kaum noch Platz gegeben, ein Peugeot hätte schief auf einem der beiden letzten Plätze gestanden. Der Fahrer sei noch in der Nähe gewesen, man hätte ganz normal gefragt, ob er umparkieren könne. Berisha habe zuerst noch ruhig geantwortet, der Wagen passe doch auch so hinein. Dann habe das spätere Opfer gesagt, man wolle keine Beschädigungen riskieren. Da rastet Bashkim Berisha laut den Zeugen aus, zieht eine Waffe, erschiesst den Fahrer.

Beweisaufnahme
Berisha im Besuchszimmer sieht inzwischen aus, als würde eine Rakete durch seinen Körper fliegen. Er ist laut dem Gutachten, in das er irgendwann doch noch Einblick gewährt, in einigen Bereichen seiner Persönlichkeit ganz anders entwickelt als viele andere Menschen. Funktionen wie Mitleid und Empathie etwa seien deutlich schwächer ausgeprägt. Er spiele Verletzungen, die er anderen zufügte, herunter. Furcht verspüre er sehr selten. Ebenso selten Reue, Schuld. Er reflektiere wenig, und wenn doch, dann oft falsch. Er habe Schwierigkeiten, soziale Konsequenzen seines Verhaltens vorauszusehen.
Stark ausgeprägt dagegen sind Selbstbezogenheit und Schwarz-Weiss-Sicht. Seine angespannte Grundhaltung, seine häufige und überhöhte Suche nach Reizen. Und besonders auffällig, laut Horber, seine Impulsivität. Der sehr abrupt und rasant ansteigende Wutpegel, die herabgesetzte Aggressionskontrolle bei Frustrationen oder Provokationen.
Wie war das in dieser Nacht?
«Ich war ruhig, ich schwöre — am Anfang. Erst sagt einer: Hey, Albaner, kannst du dein Auto nicht besser parkieren? Ich sage: Da ist doch genug Platz.»
Berisha sieht, während er diese Szene erzählt, mal zermürbt aus, dann wütend, dann schaut er einem auch wieder einmal forschend in die Augen.
«Der Mann, der Verstorbene, sagte etwas von ‹Wagen beschädigen›. Ich dachte: Was? Und ging näher ran. Ich weiss, das hätte ich nicht tun sollen, ich versuchte auch, seit meiner letzten Verurteilung, in solchen Momenten ruhig zu bleiben. Aber in diesem Moment, das war Schicksal, ging ich noch näher heran. Er sagte: Ich ficke deine Mutter.»
Berisha hat seine Hände in den Tisch gekrallt, er redet laut, ist aufgeregt. Er lässt die Tischplatte los, dann hebt und senkt sie sich mehrmals, weil er vor Aufregung mit den Knien von unten dagegenstösst. «Ich sagte: Nein, ich ficke deine Mutter. Auch das hätte ich nicht sagen dürfen. Jetzt mischten sich die anderen ein: Nein, wir ficken deine Mutter. Und jetzt holt dieser Mann, ich schwöre, diese Waffe raus.»
Dem Schlussbericht der Polizei zufolge scheint die Tatwaffe bisher nicht gefunden worden zu sein. Ausserdem kann die Waffe nicht sicher zugeordnet werden, niemand kann offenbar mit Sicherheit sagen, wem sie gehörte, wer sie mitbrachte.
«Ich seh es blitzen, denke ‹Waffe›, und da denke ich nichts mehr. Ich hätte weglaufen sollen, aber dann hab ich nur diese Waffe gesehen, bin in einer Sekunde auf ihn losgesprungen und hab sie wie in einem Reflex wegdrehen wollen. Dabei löste sich der Schuss. Ob ich die Waffe in diesem Moment in der Hand hatte? Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich hatte ich sie beim Schuss sogar in der Hand.»
Bashkim Berisha macht eine unabsichtliche Schussabgabe geltend. Das Ganze sei ein Unfall in Notwehr gewesen. Aber kein Mord. Er ermorde doch nicht einfach so jemanden. Er bestreitet, sich nicht unter Kontrolle gehabt und im Zustand der Erregung eine Waffe gezogen zu haben. Der wissenschaftliche Dienst der Polizei erklärt, er halte die von den Belastungszeugen beschriebene Angriffsversion für wahrscheinlicher als diejenige Bashkim Berishas. Dessen Freundin und ein sie begleitendes Paar wollen zum Zeitpunkt der Schussabgabe schon zum Klubeingang vorausgegangen sein. Der Freund sagte nach der Tat aus, er habe Berisha möglicherweise etwas hervorholen sehen und ein metallisches «Klicken» gehört. Er widerruft später. Er bestreitet, von Berishas Familie unter Druck gesetzt worden zu sein. Er erklärt stattdessen, die Polizei habe ihn im Stress der Verhörsituation unter Druck gesetzt. Die Begleiterin dieses Zeugen sagt damals aus, Bashkim Berisha hätte die Waffe gezogen und geschossen. Unklar ist, ob diese Aussage verwendet werden darf, weil sie nur in einer polizeilichen und nicht in einer formellen Einvernahme gemacht wurde.
Nach dem Knall, erklärt Berisha, sei er erschrocken gewesen, habe dann jedoch den Fahrer aus dem Wagen steigen sehen. «Ich dachte, er ist, wenn überhaupt, nur leicht verletzt.» Der Mann wird später auf dem Rücksitz ins Spital Uster gefahren. Berisha sagt, er habe einfach weggewollt, hätte seine Freunde in den Wagen geladen. Und am nächsten Morgen sein Gesicht gesehen. Im Fernsehen. Fahndung nach dem «Parkplatzmörder». «Da begriff ich erst, dass jemand tot war. Ich bekam Panik, misstraute den Polizisten, warf meine Sim-Karte weg, setzte ein altes Baseball-Cap auf, fuhr mit dem Velo zu einem Kiosk, kaufte eine Telefonkarte. Ein guter Freund und Familienvater, der noch nie mit der Polizei zu tun hatte, holte mich ab.»
Später machen sie Passfotos in einem Einkaufszentrum, und während Berisha mit den Kindern spielt, fälscht ihm der Freund in der Küche einen Pass. Dann fahren die zwei nach Bari, gehen auf die Autofähre, später verhaftet man ihn in Kosovo, liefert ihn irgendwann aus. «Wie einen Top-Terroristen, mit einem Konvoi gleich aussehender Panzerfahrzeuge und dann in einem Privatjet.»
Dr. Horber diagnostiziert eine tief greifende Persönlichkeitsstörung, die sich schon vor dem fünfzehnten Lebensjahr zu entwickeln begann. Eine sogenannte kombinierte dissoziale Persönlichkeitsstörung mit emotionalinstabilen Zügen, seit Langem wäre eine Therapie dringend notwendig gewesen. Jahre zuvor noch hatte ein Gericht keinen Handlungsbedarf gesehen.
Berisha sitzt in dem Raum in Regensdorf schon lange nicht mehrauf seinem Stuhl, ist trotz seinen in der Haftanstalt bereits legendären 1000 Liegestützen und 1200 Hantelwiederholungen am Tag aufgestanden, um sich zu bewegen. «Das ist eine Strafe, das ist wie Schicksal, ich hab so viel Scheisse gebaut, dann ist fünf Jahre lang alles okay, ich hab mich im Griff, ich hab mich wirklich geändert, da kommt plötzlich der Hammer. Es tut mir leid für seine Eltern. Wahrscheinlich sollte man mir eine Gefängnisstrafe geben. Schliesslich habe ich ja mitgeholfen, sein Leben zu beenden. Ohne mich wäre er nicht tot.Die Eltern haben ihren Sohn verloren, die Kinder ihren Vater. Vielleicht acht Jahre? Acht Jahre fände ich gerecht.»

Urteilsverkündung voraussichtlich am 20. August

Bashkim Berisha, 28, angeklagt der vorsätzlichen Tötung | Gian Marco Castelberg
Bashkim Berisha, 28, angeklagt der vorsätzlichen Tötung | Gian Marco Castelberg

Die Diskussion

5 Reaktionen

  1. Profile Pic
    Florim Cuculi

    Gut geschriebener Artikel, aber warum so viele Zeilen verschwenden für einen hirnlosen Verbrecher!? Hoffentlich bekommt er eine lebenslange Haftstrafe mit anschliessender Verwahrung. Den Albanern in der der Schweiz erweisen Leute wie Bashkim einen Bärendienst.

  2. Karin Keller

    @F.Cuculi Ich finde Ihre Argumentation etwas sehr kurz gegriffen. So hirnlos ist der Mann gar nicht. Immerhin erfolgreicher Sportler. Sehr erfolgreich. Sie erweisen Ihren Landsleuten auch keinen Dienst, wenn Sie unreflektiert SVP-Parolen wiedergeben. Und das Verfahren steht noch aus, oder ? Der Artikel ist deswegen gut, weil er Dinge hinterfragt.

  3. Profile Pic
    Florim Cuculi

    @ K. Keller: Mein Kommentar war mehr emotional wie rational begründet, deshalb ist es auch nicht als sachliche Argumentation zu verstehen. Er war erfolgreich in einer Sportart, wo es darum geht den Gegner total kaputt zu schlagen. Dafür braucht man kein Gehirn, sondern einen Killer-Instinkt und den hat er ja im wahrsten Sinne des Wortes.
    Ja, das Verfahren steht aus und wir kennen nicht alle Details. Und ich finde den Artikel gut geschrieben, aber mir ist es nicht klar, was der Autor hiermit bezweckt. Was sollen wir uns genau fragen? Verständnis äussern, dass es bei jemandem Klick & Game Over macht? Den Menschen hinter dem Bashkim sehen?
    Ich wiederhole keine SVP-Parolen, aber ich bin durchaus dafür, dass Killer und solche, die Leute zusammenschlagen und sich nicht an gewisse Regeln (die für alle gelten) halten, mit harter Hand angefasst werden. Nicht zuletzt den 99% anderen zu Liebe, die wirklich anständig sind und jeden Tag mit Diskriminierung kämpfen müssen. All diejenigen, die bei der Suche nach einer Lehrstelle wegen ihrem Nachnahmen abgewiesen werden?
    Ich nehme bewusst eine Extremposition ein – Nicht aus fehlender Nächstenliebe oder weil ich meinen Platz im rechten politischen Spektrum habe – sondern rein aus der Einsicht, die ich mir in den letzten 20 Jahren Schweiz als Nicht-genetisch-lupenreiner Schweizer angeeignet habe.

  4. Profile Pic
    Lina Foulon

    “Florim Cuculi @ K. Keller: Mein Kommentar war mehr emotional wie rational begründet”

    Begründet durch Schlagzeilen?
    Bisschen journalistische Bastelei?
    Fakten konntens nicht gewesen sein, denn die fehlen anscheinend selbst den Ermittlern.
    Alles bloss einfache Mutmassungen, sonst nix.
    Und Aussage gegen Aussage.
    Und Fingerabdrücke des angeblichen Täters auf der Waffe des Opfers………Das *hust* “politische” Geschreibsel hat da nichts zu suchen.
    Bewiesene Fakten? Oder blosses Abschreiben? Bisschen was zusammenreimen? …öhhh, stimmt ja dann auch, wenn mans genug oft pupliziert hat….oder so.
    ……ehm ja, auf sicher gut für den Umsatz.

  5. Anonym

    Sorry bashkim berisha ist ein lügner,
    ich war selber mit Ihm in die schule und war auch dabei wie er geflogen wurde es spielte sich ganz anders ab und Tobias sumo ringer? und das er gegen Bashkim,s bruder gekämpft hat? da muss ich echt lachen … war ja nicht mal in die gleiche klasse ^^…

    Er ( bashkim) War/ist ein schläger
    ich finde man soll solche leute lebenslänglich und nicht nur 5-10 monate wenn überhaupt, und dann geht es wieder von vorne los.
    Wer sich nicht ändern will und nur solche sachen macht soll weggesperrt bzw. für immer ausgewiesen werden und die famillie gleich auch, sein bruder war ja auch schon oft vorbestrafft.
    Er ist eindeutig schuldig!!!

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