24.07.2010 von Steve Fishman
Als sich Bernard L. Madoff im August letzten Jahres, nur wenige Tage nach seiner Ankunft in der Strafanstalt Butner in North Carolina, abends auf den Weg machte, um sein blutdrucksenkendes Medikament in Empfang zu nehmen, hörte er einen Häftling seinen Namen rufen. Der damals 71-Jährige, Urheber des grössten Finanzbetrugs in der Geschichte, trug, wie alle Insassen, die vorgeschriebene Kakiuniform, Namen und Häftlingsnummer quer über der Brusttasche. Die abendliche Freistunde näherte sich ihrem Ende. Madoff, der gern auf der Aschenbahn spazieren ging, manchmal mit Carmine Persico, dem New Yorker Mafia-Boss, oder Jonathan Pollard, dem Spion, eilte in Richtung Krankenstation, vorbei am Hochsicherheitstrakt, durch die Sporthalle und vorbei an einem Gebäude, in dem Kinderschänder nach ihrer Haft verwahrt werden. Vor dem Ausgabeschalter des Medical Center stand die übliche Schlange, es ging nur langsam voran, hundert Gefangene warteten, teilweise draussen in der Hitze.
Für Madoff war es nichts Ungewöhnliches, dass man seinen Namen rief. Seit dem 14. Juli, dem Tag seiner Einlieferung, stand er im Mittelpunkt des Interesses. Die Gefangenen hatten im Fernsehen seine kriminelle Karriere verfolgt. «Hey Bernie», mochte ihm ein Häftling zurufen, der gerade die Cafeteria sauber fegte, «hab dich im Fernsehen gesehen.» Madoff nickte dann und winkte und setzte sein sphinxhaftes Lächeln auf.
Doch an diesem Abend wollte ein Häftling Näheres über die Opfer seines gigantischen Milliardenbetrugs erfahren. Laut K. C. White, einem Bankräuber und Gefängnismaler, der an diesem Abend einen kranken Kumpel begleitete, reagierte Madoff unwirsch. «Meine Opfer können mich mal», sagte er so laut, dass andere es hören konnten. «Zwanzig Jahre hab ich sie getragen, jetzt muss ich hundertfünfzig Jahre absitzen.»
Für Bernie Madoff war das Leben als Betrüger ein Vollzeitjob, ständig begleitet von nagender Angst. «Es war ein Albtraum», erklärte er den Ermittlern. Immer wieder verwendete er dieses Wort, als sei er das eigentliche Opfer. «Ich wünschte, sie hätten mich schon vor sechs, acht Jahren erwischt», sagte er in einem Verhör. In gewissem Sinne war das Gefängnis also eine Erlösung. Selbst die anfängliche Zeit im New Yorker Untersuchungsgefängnis Metropolitan Correctional Center, dreiundzwanzig Stunden am Tag in einer Zelle eingeschlossen, war ein Asyl. Nun musste er nicht mehr befürchten, dass jemand anklopfte, weil sein Spiel aufgeflogen war. Er musste sich auch nicht mehr verstellen, konnte er selbst sein. Pollards ehemaliger Zellengenosse John Bowler erinnert sich an eine Unterhaltung zwischen Pollard und Madoff. «Bernie erzählte von einer alten Dame, die ihr angelegtes Geld zurückhaben wollte. Er sagt: ‹Da haben Sie Ihr Geld› und überreicht ihr einen Check. Als sie den Betrag sieht, sagt sie: ‹Nicht zu fassen. Behalten Sies.› Und dann drängte sie ihre Freunde, ihr Geld ebenfalls Madoff zu überlassen.» Alte Damen zu übervorteilen, fand Pollard «irgendwie scheisse».
«Habs eben getan», entgegnete Madoff trocken.
«Du wirst dich vor Gott verantworten müssen.»
Madoff blieb ungerührt. Er musste sich nicht mehr rechtfertigen. Im Gefängnis bastelte er sich seine eigene Version der Ereignisse. «Die Leute haben mir ihr Geld hinterhergeworfen», erklärte er einem Gefängnistherapeuten. «Wenn jemand eine grössere Summe anlegen wollte und ich Nein sagte, hiess es: Bin ich etwa nicht gut genug?» Eines Tages erkundigte sich Shannon Hay (ein Drogendealer, der in demselben Haus einquartiert war wie Madoff und im letzten Dezember entlassen wurde), wie es wirklich gewesen war. «Er hat mir seine Story erzählt. Er hat Geld von Leuten genommen, die reich waren und noch mehr haben wollten», sagt Hay. Mit anderen Worten — von Leuten, die es nicht besser verdient haben.
Zupass kommt ihm, dass auch Diebe so etwas wie Ehre haben. Für seine Mithäftlinge ist er nicht etwa ein Krebsgeschwür der Gesellschaft, sondern ein bewundernswerter Erfolgstyp. «Ein Held», schrieb Robert Ross auf seiner Website convictinc.com. «Er ist der grösste Betrüger aller Zeiten.»
Madoffs Groupies
Seit dem Tag, an dem Bernard Lawrence Madoff, Häftling Nr. 61727-054, in Hand- und Fussschellen in der Strafanstalt Butner eintraf, ohne Wohlstandsbäuchlein, das einst schulterlange Haar kurz geschoren, galt er als Promi, auch wenn seine Bewunderer nun Mörder und Vergewaltiger waren. In Butner haben schon einige Verbrecherkönige gesessen — Jonathan Pollard, der berühmte Israel-Spion, Carmine Persico, der Mafia-Boss, Omar Ahmad-Rahman, der blinde Scheich, der hinter dem Anschlag auf das World Trade Center 1993 stand, oder die Brüder John und Gus Rigas, welche die Adelphia Communications Corporation ruinierten — allesamt in makelloser Anstaltsuniform, die sie sich von anderen Häftlingen gegen Bezahlung waschen und bügeln lassen.
Selbst in dieser Umgebung sticht Madoff hervor. Jeder Häftling erinnert sich an den Tag seiner Einlieferung. «Es war, als wäre der Präsident auf Besuch gekommen», berichtete mir jemand, der an diesem Tag in Butner war. Pressehelikopter dröhnten in der Luft, und die Verwaltung hatte einen Teil des Gefängnisses abgeriegelt, während ein älterer Finanzbetrüger mit Bluthochdruck sich der Aufnahmeprozedur unterzog, seine Uniform bekam und von anderen Insassen eine kurze Einweisung erhielt. «Immer schön cool bleiben und mit dem Strom schwimmen», lautete der Rat eines Drogendealers.
Madoff lebte sich rasch ein, hatte schon bald seine «Groupies». Auf seinen Spaziergängen blieb er selten allein. «Jeder hat sich bei ihm eingeschmeichelt», erzählte ein ehemaliger Gefangener. «Alle haben sich an ihn rangeschmissen», sagt Shawn Evans, der achtundzwanzig Monate in Butner einsass. Mancher wollte sogar ein Autogramm.
Und Madoff reagierte durchaus empfänglich. «Er genoss seine Prominenz», sagt die Anwältin Nancy Fineman, der er bald nach seiner Einlieferung in Butner ein Interview gab (Fineman vertritt Madoff-Geschädigte). Er schien überrascht und geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit, doch er weigerte sich beharrlich, irgendetwas zu unterschreiben. Selbst im Gefängnis behielt er die Kontrolle über seinen Namen. «Er war sicher, dass sie sein Autogramm auf Ebay versteigern würden», sagte Fineman. «Er hat noch immer ein grosses Ego.»
Dieses Selbstbewusstsein scheint sich erstaunlicherweise gehalten zu haben. Im Gespräch mit H. David Kotz, dem Chef der Börsenaufsicht (SEC), der herausfinden wollte, warum seiner Behörde Madoffs Schneeballsystem nicht aufgefallen war, wies er sofort auf seinen Status hin — «die Regeln im Tradinggeschäft stammen zu einem guten Teil von mir». Er sei ein «guter Trader» mit einer soliden Strategie gewesen und erst mit seinen Erfolgen in Schwierigkeiten geraten. Hedgefonds hätten ihm Geld aufgenötigt. Er übernahm sich und generierte einige fiktive Transaktionen in der Hoffnung, die Probleme in den Griff zu bekommen. Doch es kam bekanntlich anders.
Madoffs Ego zeigte sich auch in der Haft. «Bernie bewegte sich sehr selbstbewusst im Gefängnis», sagt ein Insasse und fügt etwas ungnädig hinzu: «Er tat, als habe er die ganze Welt besiegt.» Die meisten Häftlinge sahen das so. Viele erinnern sich an die Storys, die er ihnen erzählte. Ein Drogenhändler etwa, der im Februar entlassen wurde, berichtete: «Er setzt den Globus in Bewegung, und wo immer er ihn mit dem Finger anhält, hat er ein Haus oder war mal dort. Das fand ich schon sehr eindrucksvoll.» Ein Mann namens Bowler, ebenfalls ein Drogendealer, sass eines Abends neben Madoff, als am TV eine Reportage über ihn lief. Auf seine Bemerkung «Bernie, du hast ihnen Millionen abgeknöpft», erwiderte er nur: «Nein, Milliarden». Ein ander Mal sah ein Insasse einen Bericht über die Versteigerung von Madoffs Uhrensammlung — er besass über vierzig, mehrere Rolex und eine Piaget. Die Uhr, die an dem Abend versteigert wurde, ging für 900 Dollar weg, was Madoff, der inzwischen eine Timex Ironman trägt, die er im Gefängnisshop für 41.65 Dollar gekauft hat und in die seine Häftlingsnummer eingraviert ist, mit dem Kommentar quittierte: «Mir haben sie gesagt, sie sei 200 000 Dollar wert.» Die Insassen lachten mit ihm. Aus ihrer Sicht gibt es keinen Grund, weshalb er seine Vergangenheit bereuen sollte. «Wenn ich siebzig Jahre so gut gelebt hätte, wäre es mir egal, wenn ich mein Leben im Knast beende», sagt Evans.
Camp Fluffy
Die Mithäftlinge, beeindruckt vom Ausmass des madoffschen Finanzbetrugs, suchten seinen Rat für ihre eigenen Geschäfte. Madoff hatte sich immer darin gesonnt, Berater von Reichen und Mächtigen gewesen zu sein. Er, der kleine Junge aus dem New Yorker Stadtteil Queens, um den sich die reichen Geschäftsleute bemühen. «Er will als Titan von Wallstreet erinnert werden», sagt Nancy Fineman, und als jemand, der die Privatschulen und luxuriösen Urlaube seiner reichen Freunde subventionierte, auch wenn es das Geld anderer Investoren war. Und für die Mitgefangenen blieb er ein Titan.
Wenn seine Mithäftlinge seinen Rat suchten, so übersahen sie, dass er, der Betrüger, schon jahrelang nicht mehr investiert hatte. Andere Insassen sahen in ihm einen Unternehmer und vergassen, dass sein Projekt kein Unternehmen war, sondern nur Rauch und falscher Schein. Aber er hatte die Erfolgssymbole angehäuft, die für Verbrecher das Entscheidende sind.
Madoff war aber nicht nur ein geachteter Finanzberater, sondern auch ein vielversprechendes Objekt. «Häftlinge freunden sich nur mit jemandem an, wenn für sie etwas dabei herausspringt», erzählte ein ehemaliger Insasse. «Einige wollten Madoff auf die Schliche kommen», meinte ein anderer. Schliesslich glaubt jeder, dass ein derart raffinierter Betrüger wie Madoff irgendwo Geld versteckt hat und irgendwann sein Geheimnis ausplaudert. «Wo hast dus versteckt?», fragte Mitinsasse White eines Tages beim Spaziergang. «Es ist wie H2O», antwortete Madoff und machte eine Handbewegung, als würde ihm Wasser durch die Finger rinnen.
Nicht alle Häftlinge gehören zum Bernie-Madoff-Fanklub. «Du bist ein Insasse, kein Sträfling», stichelte Bowler und wies darauf hin, dass er noch nicht mal ein Jahr abgesessen habe. Für Madoff spricht, dass er niemanden verpfiffen hat (die Verantwortung für seinen Finanzbetrug hat er ganz allein übernommen) und kein Kinderschänder ist. Aber er ist kein abgebrühter, harter Typ. «Er wusste nicht einmal, wie man duscht», sagt Bowler (in Butner dürfen sich die Häftlinge erst in der Dusche entkleiden). Madoff steht in dem Ruf, keine Ordnung halten zu können, was ein Zeichen mangelnden Respekts für den Zellengenossen ist. «Er ist nicht fürs Gefängnis gemacht», sagt ein Betrüger verächtlich. Manche halten ihn für hilflos. Der Ex-Häftling hatte sich mit einem Instrument tätowiert, das er aus Barttrimmer, Zahnbürste und Kugelschreiber zusammengebaut hatte — «ein richtiger Betrüger kriegt alles organisiert», sagte Bowler.
Zu seinem Glück landete Madoff in Butner Medium I («Camp Fluffy», Kuschelhaus, heisst die Anstalt bei Häftlingen, die Erfahrungen mit anderen Gefängnissen haben). Dort sitzen Leute ein, die anderswo nicht überleben würden, auch Kinderschänder und Kollaborateure. Das Gefängnis war in jener kurzen optimistischen Zeit gebaut worden, als man in den USA auf humanen Strafvollzug setzte. Die Anlage erinnert an einen Universitätscampus, mit begrünten Höfen und Hecken, die von den Insassen kunstvoll gestutzt werden. «Es gibt Blumen und Bäume, man kann sich aufs Gras legen und sich sonnen», erzählte ein ehemaliger Insasse und lachte. «Statt Gittern gibt es Fenster.» Es gibt eine Sporthalle, eine Bibliothek, Billardtische, eine Kapelle, einen Volleyballplatz und eine Sauna.
Aber wie human der Strafvollzug auch sein mag, Gefängnisse sind brutal. Vor seiner Ankunft in Butner sprach Madoff mit Herb Hoelter, dem bekannten Therapeuten, der prominente Häftlinge auf dem Weg in ihr neues Leben begleitet. «Was mache ich denn jetzt mit meinem Leben?», fragte Madoff.
Das ist die existenzielle Frage im Gefängnis, ganz besonders für einen Lebenslänglichen. Einfache Antworten gibt es nicht. Es gibt wenig Sinnvolles zu tun, nichts, was den Ehrgeiz befriedigt, wie ein Steuerbetrüger klagte, der in Butner eingesessen hatte. Der freie Wille wird eingeschränkt. «Man schläft und isst und scheisst und duscht, wenn es einem befohlen wird.» Freiheit hat man, wenn überhaupt, nur im Kopf. «Das Einzige, was nicht eingeschränkt wird, ist die Denkfähigkeit», sagte Art Beeler, der bis letztes Jahr Aufseher in Butner war. Madoff ist aber kein Intellektueller — seine Denkweise ist die eines «Automechanikers», wie mir ein Hedgefonds-Manager erzählte. Alles muss einfach sein, und so funktioniert es auch. Genauso ist es im Gefängnis. «Bernie hat sich besser arrangiert als ich damals», sagt Drogendealer Hay, der ein paar Zellen weiter einsass. «Ich hatte nicht das Gefühl, dass er furchtbaren Stress oder Kummer oder Panikattacken hatte wie ich. Die Umstellung von einem millionenteuren Penthouse in Manhattan auf eine Zelle von 2,50 m mal 3 m hätte mich fertiggemacht. Bernie hat sich, soweit ich das mitbekommen habe, nie beklagt.»
«Ich bin 71 und muss 150 Jahre absitzen, um meine Figur mache ich mir keine Sorgen», sagt Bernie.
Madoff ging sofort daran, sich alles so angenehm wie möglich einzurichten. Für 8 Dollar monatlich liess er sich von einem anderen Häftling seine Sachen waschen. Bowler sagt: «Eigentlich war das mein Job. Ich nehme 10 Dollar, dasist der übliche Tarif, aber Bernie war zu knauserig.» Einmalin der Woche stellt sich Madoff vor dem Gefängnisladen an, um seine Einkaufsliste abzugeben — «Verkaufte Artikel werden nicht mehr zurückgenommen» steht auf dem Formular. Jeder Häftling kann maximal 290 Dollar im Monat ausgeben, aber die Preise sind vernünftig. Ein Radio kostet 17.95 Dollar, Kopfhörer 40 Cent, eine Jogginghose 18.85. Lebensmittel sind billig, Makkaroni mit Käse, eine von Madoffs Leibspeisen, kostet 60 Cent, eine Dose Diet Coke nur 45 Cent.
Sauber machen
Und Madoff stürzte sich in die Arbeitswelt, bewarb sich so energisch um Jobs wie ein frisch graduierter Student. Wie er der Anwältin Fineman erklärte, müsse er aufgrund seines Alters zwar nicht arbeiten, aber was sollte er denn sonst die ganze Zeit machen? Er hatte immer viel gearbeitet — dafür zu sorgen, dass es immer weiterging mit seinem Schneeballsystem, bedeutete unablässigen Stress. Zunächst hatte er auf einen Platz in der Gefängnisgärtnerei gehofft. Er könne eventuell das Budget verwalten, als Ex-Vorsitzender der US-Technologiebörse Nasdaq sei er schliesslich qualifiziert. «Gott im Himmel, nein», meinte der Aufseher lachend. «Ich verwalte mein Budget lieber selbst. Ich weiss doch, was er draussen angestellt hat.» Auf dem Arbeitsblatt vom 13. August steht «Verwaltung» neben seinem Namen: An diesem Tag gab er Farbe aus. Später wurde er für die Cafeteria eingeteilt, wo er mit Besen und Schaufel herumging und sauber machte — für 14 Cent die Stunde.
Häftlinge bleiben gern unter ihresgleichen, bilden Cliquen, nach Herkunft oder Hautfarbe oder auch nach Höhe der Strafe. Madoff schloss sich der «Bande der Lebenslänglichen» an. Anführer ist der Spion Jonathan Pollard, der zwar in ein paar Jahren entlassen wird, aber praktisch sein ganzes Erwachsenenleben im Knast verbracht hat, also entsprechend qualifiziert ist. «Er hat die Jungs immer zum Lachen gebracht», sagt Hay, der in der Gruppe war, obwohl er eine kürzere Strafe absitzen musste. Pollard, inzwischen 55, massiger und schütterer als bei seiner Verurteilung 1987, trägt stets eine Kippa (die man im Gefängnisladen für 2.60 Dollar bekommt). Für die israelische Rechte ist Pollard ein Held, für dessen Begnadigung man sich bei Bill Clinton und George W. Bush einsetzte. Im Speisesaal von Butner unterhält Pollard seine Kumpel mit den absonderlichsten Storys von ehemaligen Insassen, die selbst hartgesottene Betrüger schockieren. «Er erinnerte sich an einen Burschen, der in Butner eine Krankenschwester als Geisel genommen hat», erzählt Hay. «Er sass ein, weil er einen Bus voller Kinder entführt hatte.» Die Kinder wurden tot aufgefunden. Wie eine Pointe setzte Pollard hinzu: «Es waren geistig behinderte Kinder.» Gary Karr, 62, ebenfalls lebenslänglich, Zellengenosse von Pollard, soll mehrere Leute in Texas ermordet haben (das jeweilige Verbrechen spielt für die anderen Häftlinge meist keine Rolle). «Gary war ein gutmütiger Mensch. Ich habe nie erlebt, dass er Probleme mit anderen hatte», sagt Hay. Lee Summers, der bis 2020 einsitzen muss, hängt ebenso mit Karr herum wie Stephan Bullis, der eine Bombe in das Büro seiner Frau schickte, die ihr fast die ganze linke Hand abriss.
Kleine Freuden
In der Cafeteria sass Madoff manchmal mit «Muscles» zusammen, einem zwanghaften Typ, der eine halbe Stunde fürs Bettenmachen brauchte. Madoff, ebenfalls zwanghaft, fühlte vielleicht mit ihm. Der scharfzüngige Pollard spottete über ihre Langsamkeit. Pollard war ungezwungen und komisch, «immer gut drauf», wie ein Häftling erzählte, und riss gern schmutzige Witze. Hay erinnert sich: «Eines Tages kam ein junger Kerl zu uns. Ich sagte zu ihm: ‹Hey Kleiner, Minderjährige dürfen keinen Kaffee trinken.› Pollard fiel ein: ‹Genau, bist aber alt genug, dass du jeden Schwanz lutschen kannst.› Pollard ist ein gutmütiger Kerl.»
Eine weitere Gemeinschaft sind schwule Strafgefangene. In Butler sitzen vielleicht ein paar Dutzend offen schwule Häftlinge (die Heteros führen genau Buch) — und daneben gibt es die heimlichen, über die auf inmate.com geklatscht wird, wie hier die Gerüchteküche genannt wird. Auch schwule Häftlinge halten zusammen. Die Lebenslänglichen beobachten sie mit Abscheu und heimlicher Faszination. Was kostet ein Blowjob? Drei Briefmarkenhefte, war die Antwort, worauf grosses Gejohle ausbrach. (Da die Häftlinge kein Geld besitzen dürfen, sind Briefmarkenhefte die Anstaltswährung. Ein Heft, das im Gefängnisladen 8.80 Dollar kostet, wird für 6 Dollar weiterverkauft). Die meisten Sexdramen drehen sich um schwule Häftlinge. Mir wurde die Story eines gewissen Yolonda Burt berichtet, einem nicht umoperierten Transsexuellen, der offenbar in einem Eifersuchtsstreit mit einem Messer attackiert worden war. Yolonda schrieb mir seine Darstellung: «Am 7. November 2009, gegen 8 Uhr morgens, wollte ein Insasse mich vergewaltigen. Ich setzte mich zur Wehr, woraufhin er mit einem Kartonmesser auf mich einstach. Am 28. Dezember nahm er sich im Knast das Leben.» Nach Angaben von Hay soll sich der Betreffende erhängt haben.
Madoff findet diese Seifenoper genauso amüsant wie alle anderen. Doch bei ihm hat man den Eindruck, als stehe er über der Häftlingshierarchie, wie es sich für einen Prominenten gehört. Einmal, in der ersten Zeit, sass er mit Persico auf dem Sportplatz. Auch zu den Schwarzen hat er ein entspanntes Verhältnis, redet mit ihnen, scherzt mit ihnen: «Warum hackt ihr immer auf den Weissen rum?» Mit dem schwarzen Drogendealer, der einmal sein Zellengenosse war, kam er gut aus. Und von White, dem schwarzen Gefängnismaler, liess er sich zeichnen, signierte sogar das Blatt, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit. (White malte heimlich «FUCK MY VICTIMS» auf Madoffs Hemdkragen.)
Als weltoffener New Yorker hat Madoff keine Probleme mit schwulen Häftlingen. Eines Abends, im Aufenthaltsraum, meinte er zur Bande der Lebenslänglichen: «Ihr redet die ganze Zeit über nichts anderes als schwul dies und schwul das. Habt ihr kein besseres Thema?» Madoff hatte Yolonda beraten, wie er Geld für seine Geschlechtsumwandlung auftreiben könne. Er freundete sich sogar mit einem verachteten Kinderschänder an, Marvin Hersh, der hundertfünf Jahre bekommen hatte und im Knast nur «das Monster von Florida» hiess. Madoff spielte Scrabble mit ihm. Seine Freundlichkeit irritierte einige. «Ich habe das Gerücht in die Welt gesetzt, er sei bisexuell», sagt Bowler, was er offenbar sehr witzig fand.
Das Leben in Butner war angenehm, jedenfalls im Vergleich zu anderen Anstalten, aber es herrschte immer eine gespannte Atmosphäre, als wäre die Luft statisch aufgeladen. Häftlinge sind nicht gerade für Sanftmut bekannt (weshalb sie oft extrem höflich sind). «Man muss aufpassen, dass man niemanden beleidigt», sagt ein ehemaliger Insasse, ein Jurist. «Jeder wartet nur darauf, dass man ihn beleidigt.» Ein anderer Ex-Häftling sagte: «Andauernd versuchen die Leute, jemanden fertigzumachen.»
Laut dem «Wall Street Journal» war Madoff im Dezember letzten Jahres, offenbar nach einem Überfall, mit gebrochenen Rippen und lädierter Nase ins Gefängniskrankenhaus gekommen. Madoffs Schicksal ist ein grosses Thema auf inmate.com, jeder hatte seine eigene Version des Tathergangs. Ein Häftling meinte, es sei ein Vergeltungsakt gewesen. «Er war arrogant», berichtete ein anderer. Madoff selbst erklärte, er habe nur die falschen Medikamente bekommen. Ihm sei schwindelig geworden, und dann sei er hingefallen. Ihm Nahestehende halten das für glaubwürdig. «Wenn Bernie zusammengeschlagen worden wäre, hätte ich etwas unternommen», versichert ein kräftig gebauter New Yorker Betrüger, der Madoff zu seiner Clique zählt (die Gefängnisverwaltung bestreitet, dass er überfallen wurde). Häftlinge haben allen Grund, solche Vorfälle unter den Teppich zu kehren. Madoff wusste, dass man selbst als Opfer einer Schlägerei in der Isolationszelle landen kann, täglich dreiundzwanzig Stunden eingesperrt — demgegenüber ist der reguläre Gefängnisalltag ein Zuckerschlecken.
Was immer vorgefallen sein mag, Bernie Madoff geht den üblichen Tätigkeiten nach, geniesst die kleinen Freuden, die er sich verschaffen kann, erzählt ansonsten nicht viel von sich. Nachdem sich seine Prominenz allmählich abgenutzt hatte, fiel anderen Häftlingen auf, dass er nichts von sich preisgab. Er antwortet, wenn man ihn anspricht, und starrt manchmal in die Weite. Nachts geht er auf den Fluren auf und ab. Vielleicht ist es eine Art Scheuheit. Selbst im Palm Beach Country Club, wo er viele seiner Opfer kennenlernte, wahrte er lange Zeit Distanz. «Vielleicht ist er jemand, der unter der Decke heult», meinte ein Insasse.
Keine Figurenprobleme
Etwas belastet ihn aber in jedem Fall. Strafgefangene werden von den Angehörigen getrennt — ein hartgesottener Betrüger erzählte mir, wie sehr er bedauert habe, nicht zur Beerdigung seines Neffen und zur Schulabschlussfeier seines Sohnes fahren zu können. Madoff war der klassische Patriarch. Seine beiden Söhne, sein Bruder und dessen Tochter hatten gut bezahlte Jobs in seiner Investmentfirma, einem legalen und sehr erfolgreichen Unternehmen. Selbst im Gefängnis ist Madoff der Familienmensch, der er schon immer war. Hay erklärte ihm eines Tages, dass er an seiner Stelle geflohen wäre. «Wenn ich so viel Geld gehabt hätte wie du, hätte ich mich mit einem neuen Gesicht und neuen Papieren ins Ausland abgesetzt.»
Madoff winkte ab. «Ich habe Familie», meinte er nur. Anwälten gegenüber war er gesprächiger. Niemand kannte Madoff besser und war in gewissem Sinne auch mehr an seinem Schicksal interessiert als die Vertreter der Geschädigten. Ihnen offenbarte er seine innere Verfassung. Nancy Fineman etwa erzählte er von seiner Frau Ruth. Es war das einzige Mal in ihrem viereinhalbstündigen Gespräch, dass Fineman so etwas wie Mitgefühl empfand. Ruth und Bernie hatten sich auf der Highschool kennengelernt, er war Mitglied des Schwimmteams, sie ein beliebter und extrovertierter Teenager. Fineman: «Er erzählte, wie sehr sie ihm fehlte, nachdem er aufs College gegangen war. Also ist er nach New York zurückgekehrt. Seine Stimme klang ganz anders, als er von ihr sprach. Es war das einzige Mal, dass er Gefühle gezeigt hat.» Madoffs Söhne kommen in seinem Leben nicht mehr vor — da ihr Fall juristisch noch nicht entschieden ist, wurde ihnen nahegelegt, den Kontakt zum Vater abzubrechen.
Ruth indes hält zu ihm. «Es hat sie sehr mitgenommen», sagt Therapeut Hoelter. Zwar wird gegen sie nicht mehr ermittelt, aber auch sie ist ruiniert — es gab eine Zeit, als sie jeden Einkauf von über 100 Dollar dem Insolvenzverwalter melden musste.
Nach einem ihrer Besuche in Butner berichtete Madoff wehmütig: «Jetzt geht sie Golf spielen.» Andere Häftlinge spürten seine Sehnsucht und zogen ihn auf. Sie hatten in den Medien Fotos von Ruth gesehen, einer attraktiven blonden Frau, die sie für deutlich jünger hielten als Madoff und für eine seiner Trophäen (Madoff liess sie in dem Glauben, tatsächlich ist Ruth nur drei Jahre jünger.) «Wenn ich rauskomme, werde ich mich um sie kümmern», riefen sie ihm zu. Sein Freund Pollard riet ihm, sich vernünftig zu ernähren und auf seine schlanke Linie zu achten. «Du hast doch eine junge Frau», fügte Hay hinzu. Madoff lachte nur. Er war immer Realist, trotz der illusionären Welt, die er geschaffen hat. «Ich bin einundsiebzig und muss hundertfünfzig Jahre absitzen», sagte er. «Um meine Figur mache ich mir keine Sorgen.»
Der amerikanische Journalist Steve Fishman gehört zu den besten
Kennern der Madoff-Affäre. Er lebt und arbeitet in New York.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork