10.08.2007 von Finn Canonica , 6 Kommentare
Je besser es einer Gesellschaft geht, desto mehr findet sie offenbar gefallen an obskurem Hokuspokus. Die Tarotkarten legende Tante in der Verwandtschaft kann man belächeln. Ebenso den Manager, der seine Entscheide nach den Sternen richtet. Und wenn der Kollege vor Kopfschmerzen fast wahnsinnig wird, sich aber weigert, eine Pille zu schlucken, weil er der «Chemie» nicht traut, dann kann man ihn gelassen bedauern. Und dass die Plattitüden von Talkshowgästen mit Ayurveda-Erfahrung für viele Leute «wahrer» sind als die Erkenntnisse moderner wissenschaftlicher Forschung – an das alles hat man sich bereits gewöhnt. Die wissenschaftliche Vernunft hat leider schon lange kein gutes Image mehr.
Die in den letzten Jahrzehnten in der westlichen Welt grassierende Fortschritts- und Wissenschaftsfeindlichkeit wird aber dann zum Problem, wenn Unschuldige zu deren Opfern werden. Die homöopathischen Wässerchen, die man inzwischen in vielen Apotheken unaufgefordert auch bei einem akuten Leiden zur Behandlung empfohlen erhält, richten wenigstens keinen grossen Schaden an. Man muss dem naturfühligen Apotheker bloss sagen, dass man seine Stirnhöhlenentzündung lieber mit Antibiotika behandelt haben will.
Wenn sich jedoch Eltern aus esoterischen Gründen weigern, ihre Kleinkinder zum Beispiel gegen Masern impfen zu lassen, sind die Folgen gravierend. Die Meldung, die kürzlich durch die Presse ging, ist denn auch alles andere als eine Sommerloch-Banalität: Allein im laufenden Jahr hat das Bundesamt für Gesundheit 414 Masernfälle registriert. Davon betreffen mehr als die Hälfte den Kanton Luzern, bezeichnenderweise der Kanton mit den tiefsten Imraten. Die Gründe für die Impfverweigerung sind nicht erforscht. Kinderärzte berichten jedoch, dass viele Eltern aus obskuren Motiven sicher sind, Impfungen würden Kindern schaden, weil sie gewissermassen «unnatürlich» sind. Und obwohl die Krankheit zu Lungen- oder Hirnhautentzündungen führen kann, halten es die pathologischen Skeptiker der Stiftung für Konsumentenschutz offenbar für vertretbar, von der Masern-Impfung abzuraten.
Diese Entwicklung ist deshalb so beunruhigend, weil sie auf ein grösseres Problem verweist: Das fehlende Vertrauen in die Wissenschaft heisst ja nicht nur, dass man sich im privaten Kreis mit esoterischen Theorien mit kindischen Namen beschäftigt. Es heisst auch, dass man den Glauben an die Autonomie des Menschen verloren hat. Die Welt wird nur noch wahrgenommen als ein diffuses Wirkungsfeld irgendwelcher naturgegebener Kräfte, die man nicht beeinflussen kann. Kurz gesagt: Alles wird Schicksal. Und das Beunruhigendste an diesem sich epidemisch verbreitenden Irrationalismus ist, dass er von vielen auch noch als eine besondere Form von Humanismus betrachtet wird. Nichts ist dümmer und hochmütiger als das seelige Grinsen des Esoterikers, der sich im Besitz eines höheren Bewusstseins wähnt. Gewiss, Wissenschaft sollte nicht blind verherrlicht werden, und Wissenschaftskritik ist nötig. Und trotzdem muss wieder vermehrt das Loblied auf die technische Zivilisation und ihre Errungenschaften gesungen werden.
Eine Form des Individualismus` ist es, sich nicht blind auf alles zu verlassen, was einem andere Leute sagen. Offenbar gehört es heute zum Lifestyle, dies bei einem Arzt genauso zu tun, wie bei sonstigen Bekannten. Ich habe schon viele Leute kennengelernt, welche nicht ohne Stolz irgendwelche Behauptungen über Impfungen als gesicherte Erkenntnis weiterempfehlen und sich dabei ziemlich gut fühlten. Quasi avangardistisch. Offenbar halten sich diese Leute an den Kant`schen Aufklärungsspruch. "Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Ob Kant damit gemeint hat, dass man nur das glauben soll, was der eigenen Erkenntnisfähigkeit offen steht, kann er uns leider nicht mehr beantworten.
In der Welt von Herrn Canonica sind also alle Eltern, die ihre Kindern nicht von der Stunde null an durchimpfen, esoterisch verblendet. Nur 3 Fragen an Herrn Canonica. 1)Warum sind ein beträchtlicher Prozentsatz der an Masern erkrankten Kindern eigentlich gegen Masern geimpft worden? 2) Kennen Sie Kinder, die unmittelbar nach einer dieser Megaimpfdosen einen massiven Schub Neurodermitis gemacht haben? Ich schon. 3) Haben Sie auch schon mal von einem alternativen Impfplan gehört, der die Kinder ebenfalls gegen die grössten Risiken schützt, aber erst, wenn das eigene Immunsystem ausgewachsen ist, also mit ca. 3 Jahren? Die Welt ist in dieser Frage nicht schwarz-weiss, Herr Canonica. Ein kritisches Bewusstsein gegenüber dem offiziellen Impfplan des BAG ist weder Ausdruck von Wissenschaftsfeindlichkeit, noch ein Loblied auf die Homöopathie. Sie ist bloss ein Zeichen, dass Eltern Verantwortung übernehmen und nicht einfach alles per Vollkaskomentalität an die Medizin delegieren.
Sehr geehrter Herr Canonica, es ist erstaunlich, zu lesen, wie Sie es als Chefredaktor eines Magazins fertig bringen, einen Kommentar über Impfungen zu verfassen, der nahe legt, wie wenig Sie Sich mit der Materie auseinander gesetzt haben. Ihre nicht zu überlesende Abneigung gegen seelig grinsende Esoteriker sollte Sie nicht veranlassen, alle Impfverweigerer pauschal auf die Abschussliste zu setzen. Was für gravierende Folgen haben die Nicht-Impfungen denn ausgelöst? Wieviele von den 414 registrierten Masernfällen haben bleibende Schäden hinterlassen? – Dies sind doch die Fragen, die es zu beantworten gilt, ohne dass blind geschossen wird, wie Sie es tun! Wenn Sie Sich mit der Materie wirklich auseinandergesetzt hätten, müssten Sie unter anderem eigentlich wissen, dass keine Impfung einen 100-prozentigen Schutz bietet. Wieviele Masernkranke waren geimpft? Wie Sie richtig annehmen, gehöre ich auch zur Kategorie der Impfverweigerer. Dies aber nicht aus obskuren Motiven oder weil ich mich in höherem Bewusstsein wähne. Wie Sie sehen, verweigere ich mich ja nicht den Errungenschaften der modernen Zivilisation. Ich singe aber auch kein Loblied auf diese technische Zivilisation, sondern setze mich kritisch damit auseinander, unter anderem als Vater von 3 Kindern. Wenn Sie erlebt hätten, wie Kinder schwere Kinderkrankheiten ungeimpft und ohne Antibiotika schadlos überstanden haben und was für Entwicklungsschübe dies ausgelöst hat, würden Sie wohl etwas differenzierter über Sinn von Kinderkrankheiten und Impfungen denken und schreiben. "Gründe der Impfverweigerung sind nicht erforscht." Erforschen Sie sie! Dann können Sie es sich sparen, alle Impfverweigerer in den esoterischen Topf zu werfen und wir können uns freuen, keinen oberflächlichen pauschal verurteilenden, nicht fundierten Kommentar zu lesen, sondern einen gut recherchierten informativen Artikel!
Die Wissenschaft ist vor Jahrhunderten angetreten, um dem mittelalterlichen Dogmatismus die eigene Urteilsfähigkeit entgegen zu setzen; nicht zuletzt dies ist für mich (und viele andere Naturwissenschaftler, explizit oder implizit) ein Motiv für die Wahl eines solchen Studiums gewesen. Der Ruf nach vermehrten Lobliedern klingt mir da wie ein Hohn in den Ohren: zurück zum mittelalterlichen Obrigkeitsglauben, nur jetzt halt mit "wissenschaftlichem" Anstrich. Ich kann mir das nur mit Bequemlichkeit erklären: Es ist halt einfacher, wenn Lebensprobleme an "zuständige Experten" delegiert werden können! Leider waren Appelle an meine Einsichtsfähigkeit in diesem Artikel nicht zu finden…
Als wir Eltern uns nach wochenlanger Auseinandersetzung gegen jegliche Impfungen entschieden, hatten wir keinen Grund, seelig zu grinsen und wir wähnten uns auch nicht im Besitze eines höheren Bewusstseins. Stattdessen haben wir demütig festgestellt, dass wir die richtige Antwort auf die schwierige Impffrage wohl erst später oder vielleicht gar nie erfahren werden.
Ihr undifferenzierter Rundum-Schlag hätte ich eher in der Weltwoche als im Magazin erwartet. Warum soll der Glauben an die Autonomie des Menschen verloren gehen, wenn nicht alle mit dem Strom schwimmen, sondern sich eine autonome Meinung leisten?
Noch vor wenigen Jahren haben viele Mütter (vielleicht gehört ihre Mutter sogar dazu?) bei einer Erkrankung im Bekanntenkreis Masernpartys veranstaltet, damit möglichst viele Kinder angesteckt werden. Wie erklären sie sich das? Haben diese Mütter in die falsche Kristallkugel geschaut?
Genau, so ist es. Die Masernparties waren eine Dummheit aus Unwissenheit. Was Sie und mit Ihnen viele Impfgegner einfach ignorieren: Früher haben auch viel mehr Kinder bleibende Schäden als Folge einer Masenerkrankung davongetragen. Das zynische an Ihrer Argumentation ist, dass Sie ihre hoffentlich gut überstandene Erkrankung als Beweis dafür nehmen, dass es auch ohne Impfung geht. Über sind die Früher-Argumente nicht sehr intelligent: Jawohl, früher hat man den Körper mit viel weniger Chemie belastet, aber früher war die Kindersterblichkeit eben auch höher, und man wurde allgemein weniger alt. Früher starben Menschen an simplen Infektionen, vor zweihundert Jahren starben Leute an der Grippe usw. Impfverweigerung ist unverantwortlich, Kinder mit schweren Schäden bezahlen für die Ignoranz oder esoterische Verblendung ihrer Eltern.