Kommentar zur Rütli-Debatte

In der Diskussion um die Rütli-Feier offenbart die SVP eine ganz eigene Logik.

10.06.2007 von Daniel Binswanger , 8 Kommentare

Wahlkampftaktiererei ist nicht immer schön anzusehen, aber was sich die liebe SVP mit ihren Polit-Bauchtänzen zur Rütli-Verhinderung jetzt geleistet hat, ist Komödiantenstadel vom Feinsten.

Zunächst erklärte Parteipräsident Maurer, das Rütli sei ja nur eine Wiese mit Kuhdreck drauf, dann wollte er verhindern, dass die leider sozialdemokratische Bundespräsidentin auf der heiligen Matte eine Rede hält. Eine solche Tribüne für die SP wäre nicht so gut im Wahljahr. Sobald aber die offizielle Feier mit Calmy-Rey abgeschossen war, erklärt Maurer mit patriotischem Tremolo, die Wiese sei natürlich ein ganz besonderer Ort. Gerade der Kuhdreck verleihe ihm die urschweizerische Aura, ganz zu schweigen von der Duftnote. Ein technisch brillanter Fladenslalom! Die Goldmedaille geht trotzdem nicht an Wahlkämpfer Maurer, sondern an die Zürcher SVP-Kantonsrätin Theres Weber. Die Landwirtin mit patriotischer Schollenbindung hat die Politsymbolik von Fäkalien auf noch helvetischere Höhen getrieben. Kuhdreck sei ihr lieber als Hundsdreck, lautet ihr erhebend volksparteiliches Bekenntnis. Das wäre der Stand 2007 der schweizerischen Wertedebatte.

Die Logik des Kniefalls 

Maurer argumentierte in der «Arena» (Sendung) messerscharf. Das Rütli sei das wichtigste Nationalheiligtum, sagt er. Und genau weil es so wichtig ist, muss die gesamte Eidgenossenschaft sich seine Benutzung am 1. August von ein paar Rechtsradikalen verunmöglichen lassen. Ist ja logisch. Je wichtiger etwas ist, desto weniger darf man es von der Polizei schützen lassen. Je aufrechter der Patriot, desto schneller geht er in die Knie. Wer kann Argumenten dieser Güte noch entgegentreten?

überhaupt: Die Rechtsradikalen sind einerseits so mächtig, dass sie die Eidgenossenschaft an ihrer Bundesfeier hindern können, aber andererseits existieren sie ja gar nicht. Logisch. Das Problem liegt nach Maurers Auskunft nicht bei den Rechtsradikalen, sondern bei den Medien. Die Medien emotionalisieren, heizen die Stimmung an. Wenn es gewaltsame Ausschreitungen gibt – man stelle sich vor! -, dann berichten die Medien darüber. Wenn die schweizerische Landesregierung die Bundesfeier verhindert, dann debattieren die Medien darüber. So unpatriotisch, so unverantwortlich, so links ist heute die Medienlandschaft! Ganz besonders natürlich diese Ringier-Medien. Eigentlich ist nur der «Blick» am Rechtsradikalismus schuld. Wenn die Medien nicht darüber berichten würden, dann würde der Rechtsradikalismus in der Schweiz ja gar kein Aufsehen erregen. Logisch.

Auch SVP-Nationalrat Hans Fehr hat in der «Arena» ein couragiertes Bekenntnis zur Meinungsfreiheit abgelegt. Natürlich ist Meinungsfreiheit wichtig, aber diese Linken, die wollen ja nur «provozieren». Man stelle sich einmal vor: Die äussern linke Meinungen. Auf dem Rütli! An dem Ort, der die Meinungsfreiheit symbolisiert! Die armen Rechtsradikalen – die es ja sowieso nicht gibt – werden wirklich schamlos provoziert. Gott sei Dank nimmt Hans Fehr sie in Schutz! Gott sei Dank arbeitet Christoph Blocher aufopferungsvoll an einer Anti-Rassismus-Gesetzesrevision. Man kann die Radikalen nicht immer nur herausfordern und sich dann über gewalttätige Reaktionen wundern. Bleiben wir logisch.

Es lebe die Volksdemokratie 

Die beste Analyse kommt aber von Christoph Blocher persönlich (Rundschau-Interviews). Eine Feier auf dem Rütli soll nicht sein, meint er, denn in der Schweiz wurde das Land ja «von unten» geschaffen, «vom Volk». Volksdemokratisch! Man könnte ja so naiv sein zu glauben, dass vom Volk gewählte Vertreter die Verkörperung von Volksdemokratie sind. Man hätte ja denken können, die Bundespräsidentin und die Nationalratspräsidentin seien die obersten Würdenträgerinnen der Volksdemokratie. Aber weit gefehlt! Denn erstens können Sozialdemokraten, auch vom Volk gewählte Sozialdemokraten, ja niemals als richtig «volksdemokratisch» gelten. Und zweitens ist die Bundespräsidentin doch eine Vertreterin der perfiden «Classe politique» und gar nicht des Schweizervolkes. Logisch.

Und vor noch einem Fehler bewahrt uns Landesvater Blocher. Rosmarie Zapfl glaubte als Präsidentin von Alliance F, des Dachverbandes der Frauenorganisationen, der eine Million Mitglieder zählt, ihre Vereinigung sei volksdemokratisch. Gemeinsam mit ihren Männern und Familien repräsentieren diese Frauen wahrscheinlich mehr als die Hälfte der gesamten Schweizer Bevölkerung. Aber aufgepasst: Frauenvereine sind offenbar nur bedingt «volksdemokratisch». Auf die Mitgliederzahl kommt es sowieso nicht an.

Die wahre Volksdemokratie hat offenbar nichts zu tun mit politischer Repräsentation, sondern ist mehr so etwas wie eine mystische Personalunion von Christoph Blocher mit man-weiss-nicht-wem und man-weiss-nicht-was. Die «Volksdemokratie von ganz unten» ist offenbar nicht der Rechtsstaat, nicht das Parlament, nicht die Bundespräsidentin, nicht die Organisation der Zivilgesellschaft, nicht die Repräsentation breitester Bevölkerungsgruppen, sondern etwas, was nur Christoph Blocher definieren kann. Im Zweifelsfall das Programm der Schweizerischen Volkspartei oder was immer ihr Führer grade zur Demokratie von unten erklärt. Blocher hat während seiner ganzen politischen Laufbahn eine nebulöse «Volksdemokratie» gegen die gewachsenen Institutionen des demokratischen Rechtsstaates ausgespielt. Da ist sich einer treu geblieben. Logisch.

Wählen Sie SVP! 

Liebe Eidgenossen und -genossinnen, liebe Brüder, liebe Brüderinnen, es gibt nur einen Ausweg aus der Rütli-Blockade. Es geht bei der ganzen Geschichte ja sowieso nur um Wahlkampftaktik: Wählen sie also SVP. Erst wenn die SVP 90 Prozent Stimmenanteil in unserem Land hat, wird auf dem Rütli wieder würdig gefeiert werden können. Dann haben wir keine Linken und keine Liberalen mehr in der Regierung, und es gibt endlich keine Probleme mehr mit der Respektierung des politischen Pluralismus. Der FDP zum Beispiel – wenn sie weiterhin schön kuscht – könnte man ein paar subsidiäre Klappsitzchen im Parlament zugestehen, vielleicht sogar im Ständerat, vielleicht sogar für Felix Gutzwiller. Das Manuskript der Rütli-Rede würde jeweils vorgängig Hans Fehr zur Genehmigung vorgelegt werden, damit es nicht zu Provokationen kommt und die Meinungsfreiheit jederzeit gewahrt bleibt. Der Ordnungsdienst auf dem Rütli könnte von Freiwilligenorganisationen mit geschorenem Schädel und einschlägiger Krawallerfahrung übernommen werden, ganz von unten, ganz volksdemokratisch, sodass endlich die Steuergeldverschwendung und die Staatsquotentreiberei aufhört. Die perfiden urbanen Eliten, die nicht nur den Reichtum unseres Landes erwirtschaften, sondern auch noch ihre Hunde Gassi führen, würden endgültig von der Kuhfladen-Fraktion vom Rütli vertrieben. Die echt helvetische Volksdemokratie, ja eine regelrechte Volksgemeinschaft wäre endlich verwirklicht!

Christoph Blocher hat ja so recht. Schluss mit dem Theater! Alles, was Helvetia braucht, ist Würde, seinen Volkstribunen und demütigen Respekt vor dem Fladen.

Die Diskussion

8 Reaktionen

  1. Bastian Stalder

    Zugegeben, ich habe mich beim Lesen tatsächlich amüsiert. Eigentlich aber sollte das doch schockieren. Ja, haben wir vor vier Jahren denn Vertreterinnen und Vertreter gewählt, damit die dann solchen Unsinn zusammenpolitisieren?
    Nun, bei der SVP und der SP habe ich es mittlerweile aufgegeben, mich aufzuregen. Dann doch lieber amüsiert sein. Also weiter so, Daniel Binswanger!

  2. Ronnie Grob

    Bei mir funktionieren die Links nicht. Bei sf.tv kann man leider nicht die Links aus der Befehlszeile herauskopieren, sondern muss die ursprünglichen kopieren (beim Öffnen der Videos werden diese unverständlicherweise umgewandelt). Gehen die hier?

    Rundschau-Interviews

    Sendung

  3. Oliver Reichenstein

    Jetzt klappts. Danke, Ronnie.

  4. Dieter Opferkuch

    Ich gratuliere Herrn Binswanger zu seinem Artikel. Ob die SVP-Basis die Subtilitäten merkt? Der FÜHRER wohl schon, aber seine Knechte, die im Theater um die braunen Fladen mitspielen? Zu ergänzen wäre, dass die ganz Auf-RECHTEN ja schon einmal nicht wahrgenommen wurden – damals vor 80 Jahren, vor der Machtergreifung derer, die sich dann als volksverbundene Partei national und sozialistisch und demokratisch und als Arbeiter ausgaben – und es doch keineswegs waren. Aber das war ja nicht in der Schweiz, sondern draussen vor der Tür, im Ausland…

  5. Karel Gelnar

    Kompliment! Die Kommunisten in der CSR nach dem Krieg sprachen auch vollmundig von Volksdemokratie, dabei ist es ein Pleonasmus: Volks-volks-herrschaft.

  6. Verena Stössinger

    Chapeau für Ihren Kommentar; man müsste ihn in alle Haushaltungen verteilen, wie die AUNS jeweils ihre Traktate verteilt, oder noch besser gleich auf dem Rütli vortragen, nicht nur am 1. August, damit die, die nicht gern so viel Text am Stück lesen, auch etwas davon haben.

  7. Theresia Rieder

    Ihr Kommentar zu "einem ganz besonderen Ort mit urschweizerischer Aura" , ist wunderbar, witzig, eine intelligente Sammlung der vergangenen Ereignisse in den Medien. Auf jeden Fall habe ich ihn mit Genuss gelesen. Herzlichen Dank. – Wenn im Anhang noch gestanden wäre, wie man – frau – am 1. August 07 ein Gummiboot oder ähnliches chartern könnte, um auf die berühmte Wiese zu gelangen, wäre ich wunschlos glücklich. Meine knapp 90-jährige Schwiegermutter hat ihre Kindheit als Tochter des Wirtes auf dem Rütli verbracht hat, wo sie zusammen mit ihrer Schwester sonntags jeweils selbst gepflückte Blumenstsräusschen und Postkarten verkaufte. Ursprünglich habe ich ihr versprochen, dass wir zusammen an die Frauen- und Familienfeier gehen würden.

  8. Melanie Pfändler

    Ich habe gerade Ihren Artikel gelesen und ich bin restlos begeistert. Er ist wunderbar ironisch, pointiert und entblössend. Auch Ihr Schreibstil hat mich sehr beeindruckt: "Vertreter der Verkörperung der Volksdemokratie". Hach, wie schön kann Sprache sein.

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