Kratzen und kneten

Die Dentalhygienikerin war zärtlich, der Masseur ein Folterknecht.

21.03.2008 von Michèle Roten , 1 Kommentar

Neulich war ich das erste Mal in meinem Leben bei einer Dentalhygienikerin. Ich hatte eine Heidenangst. Es werden schlimme Geschichten erzählt über Dentalhygiene. Von spitzen, im kalten Licht glänzenden Gegenständen, die unterm Zahnfleisch rumguslen und von Trockeneis, das die Empfindlichkeit der brachliegenden Zahnhälse testet und von Hammer und Meissel gegen Zahnstein. Als ich den Patientenbogen ausfüllte, grunzte ich leise bei der Frage «Hatten Sie schon negative Erlebnisse beim Zahnarzt?», und erklärte der irritiert schauenden Frau hinter dem Empfangstresen, dass es noch nie so RICHTIG schön war. «Also beim Zahnarzt sollten Sie eigentlich gar nichts spüren», sagte sie. Die Dentalhygiene dagegen könne schon mal etwas unangenehm sein. Na toll! Noch toller: Zwei Minuten später zog sich genau diese Frau Gummihandschuhe an und bat mich, Platz zu nehmen.
Ich lag also relativ unentspannt auf diesem Stuhl. Öffnete den Mund nur zögerlich und versuchte, einen mitleiderregenden Blick hinzukriegen. Erwartete irgendeinen Kommentar von wegen: Oje-oje, oder Was ist denn das?!, oder auch nur Hm! Aber da kam nichts. Sie griff nur nach einem AN BEIDEN ENDEN! enorm spitzen, im kalten Licht glänzenden Werkzeug und murmelte: «Ich werde jetzt ein bisschen rumkratzen.»
Und genau das tat sie. Und es war wunderschön. Ich fühlte mich wie ein Nilpferd, dem niedliche Vögelchen Essensreste aus den Zähnen picken. Ich ertrank in Gedanken, kam wieder an die Oberfläche, immer noch mit dem Kopf in ihrem warmen, weichen Schoss, driftete sofort wieder weg, während sie zärtlich rumreinigte. Es tat gar nicht weh. Es war einfach nur schön. Ich wollte ihr mein Herz ausschütten und alle ihre Probleme lösen und ihr sagen, wie gut sie riecht, aber das ging ja nicht, also sagte ich nichts und ging wieder unter.
Für den nächsten Tag hatte ich eine Massage gebucht, als Wiedergutmachung für mich selber. Der Mann, der mir die Tür öffnete, war zwei Meter gross und hatte keine Hände. Sondern: Pranken, riesige. Er hätte mir mit Daumen und Zeigfinger den Kopf abreissen können. Die Massage war eine Tortur. Mir liefen die Tränen runter, und nicht, wie sonst, lustvolle Spucke der Entspannung. Ich musste erkennen, dass ich eine einzige grosse Verkrampfung war. Der Masseur sagte ungerührt, das sei von der Arbeit am Computer und baute mich weiter auseinander.
Apropos Arbeit am Computer: Nächste Woche werde ich das dritte Büchlein meiner Hexalogie schreiben. Und sie können vom 25. bis zum 28. März jeden Tag zwischen 14 und 17 Uhr auf www.dasmagazin.ch dabei sein und via Chat mitreden, wie sich die Geschichte entwickeln soll, sonst welchen Senf dazugeben oder auch nur ab und zu die Auszüge lesen, die ich live poste.
Sobald das Ding fertig ist, gönne ich mir einen Termin bei der DH.

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Jost Gwerder

    Bei welcher DH war das denn? Würde sie auch gerne mal treffen. Miss Roten natürlich.

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