Max Küng

08.05.2009 von Max Küng , 1 Kommentar

Es ist dies nun der fünfte Tag, an dem ich keine feste Nahrung zu mir nehme. Fünf Tage nichts. Nichts als Flüssigkeit. Literweise Flüssigkeit.
Was so klingt wie das Geständnis eines Alkoholikers, ist bloss die nüchterne Feststellung eines Fastenopfers.
Vor fünf Tagen entschloss ich mich, mit einer Fastenkur zu beginnen: eine auf Holunder basierende Entschlackungswoche nach der Methode von Dr. Dünner.Morgens gibt es zwei Löffel Flohsamen. Schrecklich kleine hartschalige Samen, die tatsächlich aussehen wie Flöhe, denen wunderbare Fähigkeiten zur Darmregulation nachgesagt werden. Vor allem jedoch kleben sie am Gaumen und sind schwer zu schlucken. Über den Tag verteilt gibt es stark verdünnten Holundersaft. Zusätzlich so viel Tee und Mineralwasser, wie man trinken mag, mindestens jedoch drei Liter, besser vier, plus dreimal täglich drei Tabletten aus Spargelpulver, zur Entwässerung.
Eisern ging ich in diese Fastenwoche hinein, ass nichts, tat wenig und trank, trank, trank — und bald kam ich zu einer Erkenntnis: Fasten ist verdammt langweilig.
Ich erinnerte mich, dass ich einst, es mag zehn Jahre her sein, fünfzehn vielleicht, diese Kur machte und sie mir sehr guttat. Damals war sie extrem angesagt. Es klingt wie ein Satz, den Eltern einem sagen, wenn man ihn nicht hören will: «Ach, Junge, heute kann man es sich kaum mehr vorstellen, aber…» Und so war es. Heute kann man es sich kaum mehr vorstellen, aber die Holundersaftkur von Dr. Dünner war damals eine Mode, ein grassierendes Frühlingsfieber. Und eben: Sie tat mir gut.
Ich denke an die Vergangenheit, die noch nicht fern ist. Vor sechs Tagen noch kochte ich mir eine Henkersmahlzeit. Schälte geröstete Peperoni, um sie in Olivenöl zu versenken. Buk einen mit Babyartischocken und Cima di Rape gefüllten Kuchen. Knetete Teig für Pasta aus Hartweizendunst und Marans-Eiern. Schubste schottische Jakobsmuscheln in die heisse Pfanne, mit Salbei und Kapern. Mit der Stille einer Meditation köchelte eine Bolognese über Stunden und verströmte einen hypnotischen Duft. Daran denke ich — und diese Erinnerung ist grausam. Sie treibt mich in den Wahnsinn.
Vor einem Tag sah ich ein Plüschtier meines Sohnes. Ein wuscheliges, gelbes Ding, das mich seiner gelborangen Farbe und fuselfasrigen Oberfläche wegen an nichts anderes erinnerte als an eine frisch gehäutete Papaya. Ich nahm es und biss hinein. Und als ich mit meinem Sohn in einem Tierpark war, wo wir erfrischenderweise kaum Tiere zu Gesicht bekamen, da sass ich im Restaurant vor einem Glas Wasser und beneidete mein eigen Kind, das glänzende Würstchen in sich hineinschob — ich wandte meinen Blick ab und sah die mir unbekannte Tischnachbarin, die eben breit grinsend ein Cordon bleu entzweischnitt, ich sah die knusprige Panade, ich sah das helle Fleisch, den rosa Schinken, den bleichen Käse, der sich obszön langsam aus der Öffnung ergoss. Ich schloss die Augen und biss mir auf die Zähne; vor meinem inneren Auge sah ich mich zum Bärengehege schreiten, über den Sicherheitszaun klettern, durch das Wasser waten, den Bären packen, zerfleischen und verschlingen.
Ich weiss, ich wiederhole mich, aber es ist nun mal so, an diesem fünften Tag, ich sehe es so klar wie das Glas Wasser in meiner Hand: Man kann vieles über das Fasten sagen. Ich weiss vor allem das eine. Es ist verdammt langweilig.
Noch zwei Tage. Nichts ist schöner als der Triumph des Willens. Darauf trinke ich.

Illustration Flag Aubry/Broquard
Illustration Flag Aubry/Broquard

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Bucher Hans

    “Was so klingt wie das Geständnis eines Alkoholikers, ist bloss die nüchterne Feststellung eines Fastenopfers.” Gratuliere! Befürchte aber, dass ein Teil der Leserschaft diese subtile Doppelsinnigkeit mangels Kenntnis der anderen, üblichen Bedeutung nicht bemerkt. Grundsätzlich: Ist Fasten wirklich empfehlenswert? Generell oder nur individuell?

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