Liebe Eltern

Wenn die eigenen Eltern alt werden, verändert sich eine Welt. Bericht einer Tochter

23.01.2009 von Birgit Schmid , 9 Kommentare

Manche Dinge ändern sich nicht. Jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuche, ist eine der ersten Fragen meiner Mutter, ob ich etwas essen wolle. «Im Ofen hat es noch Kartoffelkuchen vom Mittag», sagt sie, oder: «Soll ich dir ein Gemüse kochen?» Mein Vater, der am Küchentisch sitzt und sich Kaffee einschenken lässt (manche Dinge ändern sich nicht), schaut mich an und bemerkt, meine Stirnfransen seien zu lang: «Du siehst ja nicht mehr aus den Augen.» Meine Mutter wiederum ist besorgt, dass wir uns «nicht richtig» anziehen, womit sie in erster Linie meine jüngere Schwester meint, die erkältet sei: «Irgendwann rächt es sich, dass ihr so kurze Jacken trägt. Es würde mich nicht wundern, wenn ihr im Alter Rheuma kriegt.»
Soweit ist alles normal. Obwohl ich 36 bin, meine Mutter 74 und mein Vater 80 Jahre alt ist, bleibt zwischen Eltern und Tochter alles im richtigen Verhältnis.
Gewisse Dinge ändern sich. In der Küche liegt ein Zettel, auf dem meine Mutter notiert hat, dass ich um 14 Uhr am Bahnhof bin. Auf der Memoliste steht auch «Ari Freitag12 Uhr», damit sie, bei allem, was sie im Kopf behalten muss, nicht vergisst, ihren Enkel von der Schule abzuholen. Mein Vater wiederum reagiert seltener auf Fragen, da er sie nicht hört, ob akustisch oder in seiner Versunkenheit. Komme ich nach Hause, sitzt er, so oft es das Wetter erlaubt, auf der Bank unter dem alten Pflaumenbaum hinterm Haus, von wo aus man die Landschaft überblickt, und starrt in die Ferne. Sind die Enkelkinder da, lässt er sich widerstandslos an der Hand nehmen, um tausendmal dieselbe Geschichte vorzulesen, wozu er früher keine Zeit hatte. Manchmal steckt er ihnen heimlich Schokolade zu.
Wie merkt man, dass die eigenen Eltern älter werden?
Wann nennen wir sie alt?
Die Erkenntnis trifft einen meist wie ein Schlag. Eltern bleiben ein Leben lang Eltern. Das Foto des ernsten jungen Mannes, der ein mit mächtigen Baumstämmen beladenesPferdefuhrwerk führt, ein rotes Tüchlein um den Hals geknüpft und blitzender Sonnenbrille auf, hat sich in jenen Bereich des Gehirns eingeprägt, wo man für immer Kind bleibt; als erstes Bild. Die hübsche rotwangige Frau mit den breiten Hüften in weissen Jeans, die lässig neben ihm herschlendert, ist die früheste Erinnerung an meine Mutter.
Eltern sind Teil des Denkens von Anfang an. Ein Denken ohne sie gibt es nicht, der Faden kommt von ihnen, an ihm entrollt sich die Welt. Wenn man Menschen nach längerer Zeit wiedersieht und ihnen ins Gesicht schaut, sieht man unangenehm das eigene Älterwerden gespiegelt. Bei Eltern ist das anders, weil sie einen nie alt fühlen lassen. Ebenso wenig bemerkt man lange das Nachlassen ihrer Kraft; man ist sich zu nahe. Eltern sind immer alt, ohne älter zu werden. Das Paar auf jenem Foto ist für mich nicht erst im Alter, dem ich mich langsam nähere, obwohl sie es damals waren. Genauso bleiben wir für sie jung, ob wir dreissig, vierzig oder fünfzig sind.
Bis etwas Kleines passiert: das Licht anders durchs Fenster fällt, weil die Mutter gerade alle Vorhänge im Haus wäscht, und plötzlich dieser verbitterte Zug um ihren Mund. Man nach drei Jahren im Busch zurückkehrt und sich die Linien im vertrauten Gesicht verästelt haben wie die Risse im alten Mauerwerk des Hauses. Der Blick aus dem Tram zufällig auf den Rentner fällt, der in einiger Entfernung unsicher einen Kinderwagen über die Geleise schiebt: der eigene Vater, dem man am Morgen das Kind zum Hüten gebracht hat. Eine Freundin erzählt, wie sie, seit Langem wieder mal mit ihrer Mutter in den Ferien, eines Abends ins gemeinsame Hotelzimmer trat und einen sonderbaren Geruch wahrnahm, bis sie realisierte: «Es roch nach alter Frau.»
Vor einem Jahr an einem Familienfest, meine Mutter in der Küche, man muss sie sich vorstellen mit vervielfachten am Körper aufgefächerten Armen, Händen, Beinen, so wie Aktion in Comics dargestellt wird: rüstete Salat, mixte Dips, schnitt Würste ein. Ich beobachtete sie. Wartete darauf, dass sie innehält, stehen bleibt, den Kopf hebt, den Rücken durchstreckt. Es geschah nicht, und mir wurde bewusst, dass sich meine Mutter nicht mehr aufrichtet zur einstigen Grösse. Sie rollt ihre Schultern leicht ein, die vorwärtsstürzende, hastende Bewegung ist in ihrem ruhenden Körper festgefroren. Bei meinem Vater erreichte die Erkenntnis vor Kurzem eine neue Stufe. Als ich ihm zur Begrüssung die Hand gab, stockte er einen Moment, schaute mich hilflos an, nannte endlich meinen Namen und sagte kopfschüttelnd, ungläubig grinsend: «Jetzt habe ich überlegen müssen, wie du heisst.» Obwohl leise Ohnmacht mitschwang, gab er seinem Ausfall die Bedeutung eines Scherzes, und ich lachte mit.
Man merkt, dass die Eltern älter werden, wenn man ihnen zu vergeben beginnt. Erst lieben wir sie, sagt Oscar Wilde, dann verurteilen wir sie und zuweilen verzeihen wir ihnen. Kinder haben gegenüber den Eltern immer den Trumpf der Jugend in der Hand, und vor allem in jungen Jahren spielensie ihn aus. Der elterlichen Dominanz, so lange man von ihnen abhängig ist, schleudert man dann entgegen, dass sich das Machtverhältnis bald umkehren wird, weil man, im Gegensatz zu ihnen, das Leben vor sich hat. Der Rachegedanke mit fünfzehn: Ihr seid alt und bald tot und dann mache ich, was ich will. Irgendwann hört man auf, die Eltern daran zu erinnern, dass sie alt sind. Statt den Vater, der zum dritten Mal dasselbe erzählt, ungeduldig zu fragen, ob er eigentlich an Alzheimer leidet; statt die vorsichtige Fahrweise der Mutter mit dem Spruch zu quittieren, ob sie nicht noch mal zur Autoprüfung müsse, tritt man in die Phase einer neuen Milde. Denn jetzt weiss man: Ihre restliche Lebenszeit ist begrenzt, und ich, die Tochter, bin die Überlebende und also überlegen, Jahre entfernt von dieser Niederlage, die Sterben heisst.

Plötzlich dieser Eigensinn
Ich habe immer gedacht, für die eigenen Eltern schämt man sich ein Leben lang. Dafür, wie sie sich kleiden, wie sie reden, was sie glauben, wie sie aussehen, und jeden Mann, den
man nach Hause bringt, warnt man vor. Meist schämt man sich dann noch mehr für sie, weil man sie jetzt durch fremde Augen betrachtet sieht. Dass diese Angst kleiner wird, hat wohl weniger mit den Eltern zu tun als vielmehr mit dem eigenen Älterwerden.
Nerven, das tun sie gleich wohl noch, sonst wären sie nicht Eltern. Das Band zwischen uns ist elastisch, man schleudert als Kind immer wieder zurück, ohnmächtig. Wäre es nicht endlich an der Zeit, sich von diesem und jenem Verhalten loszusagen, cooler zu reagieren, wenn die Mutter der Tochter wieder vorwirft, ihr Kind zu spät ins Bett zu schicken, der Vater erneut durchblicken lässt, wie enttäuscht er ist, dass sein Sohn sich nicht habilitiert hat? Wenn ich meine Eltern besuche, bringe ich seltener Erlebtes mit wie einen Geschenkkorb, um ihn vor ihnen auszubreiten, damit sie stolz sind oder sich freuen.
Es könnte nicht genügen. Zu wenig geschätzt werden. Sie nicht kümmern. Man hält das eigene Leben unweigerlich von ihnen fern. Bis sie wieder mal, ob zufällig oder weil man sie einlässt, einen Fuss hineinsetzen – und man erneut aufeinanderprallt über dem unsichtbaren Abgrund einer zu erwartungsvollen Liebe. Man braucht nicht Freuds Gesamtwerk zu lesen, um zu verstehen, dass man nicht entkommt. Philip Roths «Mein Leben als Sohn» genügt, diese Geschichte eines Abschieds, wo der Sohn am Ende weiss, «dass ich zumindest in meinen Träumen ewig als sein kleiner Sohn leben würde, mit dem Gewissen eines kleinen Sohnes, so, wie er dort lebendig bleiben würde, nicht nur als mein Vater, sondern als der Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was immer ich tue.»
Wie merkt man, dass Eltern älter werden? Noch ziehen sie das Hemd nicht verkehrt rum an; versorgen sie kein schmutziges Geschirr im Schrank; rinnt die Suppe nicht aus ihrem Mund zurück in den Teller. Vielmehr ist da dieser Eigensinn: Sie werden wunderlicher, wie ein alter Baum knorriger wird. Meine Mutter, eine herzliche, lebenslustige und friedfertige Person, die mit ihrem bodenständigen Charme immer all meine Freunde gewann, regt sich über manche Dinge vehementer auf. Nicht nur sagt sie unverblümt, dass die Schwiegersöhne bitte rasiert sein sollten, wenn sie in ihr Haus kommen, statt dieses «ungepflegten» Dreitagebarts. Sie ist auch gnadenloser in ihren Fantasien. Den «Burschen», der den Dorfladen überfallen hat, sollte man umgekehrt aufhängen und durchpeitschen. Die Vandalen, die das Blumenbeet zertrampelt haben, verdienen dasselbe wie die Blumen.
Wie Eltern dann ernst nehmen? Man lacht nun häufiger über sie. Als mein Vater auf einem seiner einsamen Spaziergänge im Kampf zwischen Regenschirm und Sturmböe der Verlierer war und flach auf sein Gesicht fiel, hatte die Vorstellung auch etwas Komisches. Unser Vater! Als wir ihn im Spital besuchten, zeigte er sich trotz erheblichen Verletzungen heiter, körperlicher Schmerz war nie sein Problem. Sofort hob er seine kleine Enkelin auf die fahrbare Gehhilfe und schob sie wie eine kleine Prinzessin durch den Gang. Mit seinem rasierten Schädel sah er aus wie Yul Brynner. Ich mochte seine hohe Stirn schon als Kind, und in einem kleinen Porträt, das ich damals über ihn schrieb und ihm schenkte, beschrieb ich das «Schachbrett aus Furchen», das seine Stirn zierte, worauf er sehr gekränkt war.
Nicht, dass man sich lustig machen würde. Es ist die Art von Lachen, wie man über ein tapsiges Kind lacht. Wenn man merkt, dass sich alternde Eltern fürchten, lächerlich zu wirken, peinlich zu sein, beginnt man sie zu schützen, verscheucht die Wahrheit wie einen bösen Geist. Verbündet sich und schützt gleichsam sich selbst. So sagt der Sohn bei Philip Roth, als sein Vater mitten auf der Strasse wütend seine neuen Zähne aus dem Mund reisst: «Komm, gib sie mir», steckt die schleimige Prothese in die Tasche, geleitet den Alten am Arm zum Trottoir und freut sich darüber, «wie angemessen das war; als wären wir gerade offiziell Partner eines Komikerduos geworden».
Man wurde erwachsen, als man gesehen hat, dass der Vater unter der Rüstung des Beschützers nicht unverletzlich ist. Zu entdecken, dass er kein alternder Vater mehr ist, sondern wieder einem kleinen Jungen ähnlich wird, erschreckt umso mehr. Je hinfälliger die Eltern werden, desto klarer sehen wir sie als das, was sie sind: unterwegs auf ein Ende hin, mit einer langen Wegstrecke bereits hinter sich. So lange sie gesund sind, ist der Fluss der Zeit kaum wahrnehmbar. Ein stotterndes Herz, die schwächer werdende Sehkraft – und man ahnt, dass sich der Kreis bald schliessen könnte: wir an ihre Stelle treten und sie an unsere vom Anfang, als wir zum ersten Mal in ihren Armen lagen. Wenn man sie dereinst beim Gehen stützen muss, sie im Rollstuhl schiebt oder Kissen schüttelt und unter ihren steifen Rücken legt, erst dann ist es wohl unwiderruflich. Man beginnt langsam Abschied zu nehmen.
Noch sitzen meine Eltern am Küchentisch, steht meine Mutter jedes Mal unter der Haustür und winkt, wenn ich wieder gehe. Etwas anderes ist nicht vorstellbar. Vor Kurzem hat uns meine Mutter eröffnet, dass sie jeder ihrer Töchter eine grössere Summe Geld schenken will, das sie selber geerbt hat. Alle haben wir zuerst protestiert: Behalte das doch für dich, kauf dir etwas Schönes. Gedacht haben wir: Lebe doch noch möglichst verschwenderisch in der Zeit, die dir bleibt. Es bleibe genug für sie übrig, so ihre Antwort, man könne ja später mal nichts mitnehmen. Genauso unmutig möchte man reagieren, wenn der Vater sein Reitpferd verkauft oder die Mutter beschliesst, das Brot nicht mehr selber zu backen, weil die Kraft fehlt. Unser Widerstand beim Gedanken an ihren langsamen Zerfall ist wie ein quengelndes Kind, das sich auf den Boden wirft, die Beine versteift und losplärrt. Wir wollen die Eltern glauben machen, dass sie noch nicht so alt sind; wie früher, als ich verschwieg, dass ich längst weiss, dass es keinen Samichlaus gibt. Noch immer tun wir so, als würden unsere Eltern ewig leben.
Brauchen sie das wirklich?
Mein Vater, der mit meiner Mutter seit fünfzig Jahren verheiratet ist, hat mich kürzlich aus heiterem Himmel gefragt: «Willst du nicht endlich heiraten? Damit ginge einer meiner letzten Wünsche in Erfüllung» – um sich gleich darauf wieder in seinen Gedanken zu verlieren.
Meine Mutter, neben deren Frühstückstasse schön sortiert allerlei Pillen liegen, erzählte das letzte Mal, als ich sie besuchte, wie die achtjährige Enkelin gesagt habe: «Grossmutter, wenn du immer diese Tabletten nimmst, stirbst du ja nie.»
Meine Mutter lachte.

Mutter (74) und Vater (80) der Autorin | Bild Tom Haller
Mutter (74) und Vater (80) der Autorin | Bild Tom Haller

Die Diskussion

9 Reaktionen

  1. Profile Pic
    esther bowen

    wunderbar geschrieben, nah und echt – macht nachdenklich und erlaubt neue sichtweisen – schön – danke!

  2. Profile Pic
    Tobias Michael Frey

    zärtlich, anrührend und mit grosser sowie wirklicher liebe geschrieben: hat mich emotional berührt und mir stellenweise tränen in die augen getrieben. ebenfalls ein grosses danke!

  3. Corinne Keller

    Ein wunderschöner rührender Text über unsere Eltern, die plötzlich älter und schliesslich alt werden. Er ist mit so viel Liebe, Respekt und Weisheit geschrieiben worden, dass es auch mir beim Lesen Tränen leise in die Augen getrieben hat. Herzlichen Dank für diesen liebevollen Blick auf das Alter…

  4. Profile Pic
    Ronnie Grob

    Persönlich, echt, gut geschrieben. Danke!

  5. Elsbeth Ball

    Das, was ich in den letzten Jahren mit meiner Mutter erlebt habe, die Wandlung meiner Gefühle und Empfindungen ihr gegenüber (von Wut, Hass, Liebe bis zu Mitleid und vorher nicht gekannter Hilfsbereitschaft) haben Sie mit Ihren Worten wunderbar zu Papier gebracht. Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen.

  6. Manuela Strebel

    Am Samstagmorgen Tränen, weil mich Ihr Artikel in der Seele rührt. Mit dem Stabilostift könnte ich Zeile um Zeile anstreichen, ja genau so ist es… Nun bin ich 51 Jahre alt und weiss, wie es im Leben so ist und doch will ich die eigenen Eltern nicht altern sehen, ich weiss, dass dieses Leben endlich ist und doch will ichs nicht wahrhaben.

  7. Tina Euerlings

    Sie haben mit Ihrem Artikel ein Thema angesprochen, das wir weit von uns schieben. Es bringt uns die eigene Vergänglichkeit nahe, müssen wir doch durch das älter werden unserer Eltern erwachsen werden. Oft fällt dies schwer und es bricht uns das Herz zu sehen, wie die geliebten Menschen mit langsamen Schritten auf das Lebensende zugehen. Wie wird es dann sein? Wen wird man um Rat fragen, wenn sie nicht mehr sind? Wen ruft man dann jeden Tag an? Wie wird das sein, die Telefonnummer der Eltern nie mehr wählen zu können? Stirbt man dann ein wenig selbst? Ich gebe zu, der Gedanke macht mir Angst. Man bleibt doch immer ein wenig Kind. Selbst wenn wir schon lange eigene Kinder haben.

  8. Hanna Gröner

    Dieser Artikel ist so wahr, vielschichtig, feinfühlig, treffend und dazu mit Humor geschrieben! Ihre Reflexion zeigt nicht zuletzt eines unserer zentralen Lernfelder auf, an denen wir uns für die eigene Entwicklung bedienen können.

  9. rosi kirmes

    Ja, der Text ist schön, und seit ich ihn gelesen habe, gehen mir weder aus Sinn noch Herz:

    Der Satz: “Ein Denken ohne sie gibt es nicht, der Faden kommt von ihnen, an ihm entrollt sich die Welt.”

    Der Satz: “sich verschauen, ohne mit der wimper zu zucken, ist eine perspekive.” von Sissi Tax.

    Das tote Lieblingspferd der kleinen Schwester.

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.