Liebe Grüsse aus meinem griechischen Büro

Welchen Einfluss hat die Kultur eines Volkes auf dessen Produktivität?

24.07.2010 von Das Magazin

Eine Frage der Kultur

Europa hat derzeit ein miserables Image. Besonders in der Schweiz, wo das Europäische ja ohnehin gerne kleingeschrieben wird. Sind wir denn nicht das letzte funktionierende Land Europas, während sich die EU mit ihrer Schuldenkrise abmüht?
Noch vor wenigen Monaten schien alles anders: Die Subprime-Krise offenbarte die Schwächen des angelsächsischen Turbo-Kapitalismus. Obwohl auch europäische — und Schweizer — Banken vonder Finanzkrise betroffen waren, erschien die soziale Marktwirtschaft des Alten Kontinents plötzlich wieder wie das zukunftsträchtigere Modell. Inzwischen steht fest, dass Europa nicht ein Hort der Stabilität ist, sondern das Systemrisiko der Weltwirtschaft. Der Euroraum ist in Schieflage geraten: Der Norden und der Süden haben sich auseinanderentwickelt. Griechenland, Spanien und Portugal droht der Staatsbankrott. Die Mittelmeer-EU —und Irland —, steht fest, haben sträflich über ihre Verhältnisse gelebt.
Jetzt ergiesst sich Spott und Hohn über den Süden der Eurozone — besonders im Norden, der die Zeche nun begleichen muss. Wir haben es doch schon immer gewusst! Auf unserer Seite der Alpen herrscht über die Ursachen der Krise breite Einigkeit: Schuld an der Krise ist «das Wesen» der Südländer, respektive ihre miserable Arbeitsmoral. Politisch weniger korrekt gesagt: Im Süden sind die Menschen faul. «Das konnte nicht klappen: Der Grieche tickt einfach nicht wie ein Deutscher oder ein Franzose», sagt ein grosser Schweizer Unternehmer, der in diesem Zusammenhang nicht zitiert werden möchte. Krisen bestätigen Klischees — und die haben, so lehrt einem das Leben, meistens einen wahren Kern: Der Grieche, der den lieben langen Tag vor seiner Taverne hockt; die berühmte spanische Siesta; die lähmende portugiesische Melancholie; das süditalienische Dolcefarniente.
Stellt sich die Frage: Ist die nordeuropäisch-protestantische Arbeitsmoral dem Süden letztlich fremd geblieben? Wird die Kulturgemeinschaft Europa, die ein Philosoph wie Hegel noch als Ort idealisiert, «wo der Weltgeist seine Heimat gefunden hat», an der Verschiedenheit ihrer ökonomischen Wertehaltungen scheitern?
Sicher ist nur eines: Die kulturellen Bedingungen, die ein Land bestimmen — seine Traditionen, die Konfessionsgeschichte, die politische Geschichte, ja selbst die geografischen Bedingungen —, all dies prägt die Mentalitäten, und all dies hat einen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg. Der grosse Soziologe Max Weber stellte die These auf, dass es eine kulturelle Macht, das heisst der Protestantismus gewesen ist, der die Entstehung des modernen Kapitalismus ermöglicht hat.
In jüngerer Zeit haben Theoretiker wie der Wirtschaftshistoriker David S. Landes oder der Politologe Francis Fukuyama die Ansicht vertreten, dass die kulturellen Voraussetzungen entscheidend sind für die Wirtschaftsentwicklung eines Landes. Die dramatischen Unterschiede bei den Fortschritten verschiedener Entwicklungsländer scheinen die These zu bestätigen. Warum hat Asien während der letzten zehn Jahrzehnte einen so beeindruckenden Schritt nach vorne machen können, während der afrikanische Kontinent in weiten Teilen stagniert? Warum konnte Südkorea in vier Jahrzehnten zu einem prosperierenden Land werden, während Ghana bis heute ein Entwicklungsland geblieben ist?
Der französische Philosoph Montesquieu glaubte, die Südeuropäer würden wegen des heisseren Klimas weniger arbeiten. Die mit dem Klima argumentierende Kulturtheorie hatte grossen Einfluss auf die deutsche Klassik, wurde dort aber sofort ins Gegenteil verkehrt. Waren Griechenland und Italien nicht die Wiege der europäischen Kultur? Winkelmann erblickte im mediterranen Klima die Quelle der südlichen Überlegenheit. Auch die europäische Wirtschaftsgeschichte wurde zunächst vom Süden dominiert. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war das Mittelmeer der wichtigste europäische Wirtschaftsraum. Warum also soll es heute im Süden ein Mentalitätsproblem geben, wenn ebendiese Länder dereinst die Weltwirtschaft beherrschten?
Kulturelle Faktoren können viel erklären, aber man darf es sich nicht zu einfach machen. Wir haben uns in Griechenland, Spanien und Italien mit Unternehmern, Bankern und selbstständig Erwerbenden über die Arbeitsmoral in ihren Ländern unterhalten.

Vierzig Jahre im Liegestuhl: Griechenland

«Ja! Dank euch haben wir es geschafft!»In einem Konferenzsaal neben der Athener Stadtautobahn umarmen sich zehn schwitzende Männer, alle zwischen 30 und 60 Jahre alt. Die Elite des Athener Mittelstandes um den Ex-Chef von Olympic Airways und frühere Manager verschiedener Staatsbetriebe haben vor einigen Jahren eine Firma gegründet. Sunlight Systems investiert in Sonnenkollektoren und Energieleitungen. Gerade haben die Newcomer aus Athen einen Auftrag gegen die Konkurrenz eines deutschen Konzerns erhalten. Vorstandsmitglied Yanni Spiropoulos lässt die Korken knallen, ruft: «Typisch für uns Griechen.»
Tatsächlich, in Athen und Piräus arbeiten die Angestellten in Unternehmen wie Sunlight so lange und effizient wie wenige in Europa. Zahlreiche Studien, etwa der OSZE, halten griechische Privatfirmen im Schnitt für wettbewerbsfähiger als viele französische, polnische oder norwegische Unternehmen. Kein Wunder. Griechische Arbeitgeber zahlen geringere Pensionsbeiträge und Sozialleistungen, griechische Arbeitnehmer hingegen haben überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten. Wer faul ist, erhält schneller als anderswo eine Kündigung. Und die Angestellten sind erst noch froh über den liberalen privaten Arbeitsmarkt. Das behauptet zumindest der aussichtsreichste Kandidat für das Amt des nächsten Wirtschaftsministers der aktuellen Reformregierung, Professor Yannis Stournaras.
Empfang bei dem aristokratisch wirkenden Spindoktor. Selbstbewusst steht er in seinem mahagonigetäfelten Arbeitszimmer: Herr Professor, versuchen Sie uns Kritiker im Norden etwa mit Charme und falschen Studien für dumm zu verkaufen? «Fragen Sie doch bei den globalen Unternehmensberatungen in Griechenland nach», ruft der 54-Jährige. Und tatsächlich, global geschulte und erfahrene Spitzenmanager loben sogar noch überschwänglicher: So der Direktor der renommierten Boston Consulting Group Nikos Vrettos. «In den griechischen Unternehmen leistet man Fronarbeit, die Angestellten dort sind so fleissig wie die Handelsunternehmen in der Antike!» Aber es gäbe da noch eine andere, eine ganz andere Realität. Und wer sich mit der beschäftige, erlebe die Hölle.

Im Kühlschrank
Man muss in die griechische Geschichte zurückblicken, um die Welt der griechischen Staatsbetriebe und des Verwaltungsapparates zu verstehen. In Griechenland wurde die Linke nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wie in anderen Ländern an der Macht beteiligt. In Griechenland verhinderten dies nationalkonservative Kräfte. Bis 1974 wurde der Staat von einer Militärdiktatur beherrscht. Danach verkehrte sich das Klima ins Gegenteil. Der politische Kredit der Linken in Griechenland ist bis heute nahezu unbegrenzt.
Bei den jüngsten Protesten der Beamtengewerkschaften waren wieder überall Hammer und Sichel auf den Strassen zu sehen. Premier Andreas Papandreou begann 1981 mit der Errichtung einer der langlebigsten und aufgeblasensten sozialistischen Bürokratien. Millionen von Staatsjobs wurden geschaffen. Der Verwaltungsapparat bekam sowjetische Ausmasse. Eine eigene Moral mit eigenen Gesetzen entwickelte sich.
Wie einflussreich war sie? «Wir wissen heute nicht mal, wie gross der Apparat ganz genau ist», sagt Professor Stournaras. «Auf Druck des Währungsfonds werden wir die Beamten jetzt erst einmal zählen.»
Einer dieser Beamten wohnt in einem heruntergekommenen Stadtteil namens Ambelokipi. Zwischen Müllhaufen und streunenden Hunden spielen Kinder im Schmutz. Dann ein kurzes Sommergewitter, nach wenigen Minuten fluten halbmeterhohe Wellen aus uralten Kanalisationsrohren. Michalis Patsouras arbeitete zehn Jahre im Verwaltungsapparat. Nicht wenige nennen ihn jetzt einen Verräter. Denn Patsouras hat seine Kollegen während der Arbeit fotografiert (Bilder Seiten 10 & 11).
«Nicht mehr wollen als die anderen, nicht fleissiger sein, nur nicht auffallen durch Ehrgeiz» — das hat ihm bereits sein Vater und diesem zuvor schon der Grossvater gesagt. Und immer auf der Seite der Linken bleiben. Patsouras’ Vater war Staatsbeamter genau wie dessen Vater. Patsouras’ Vater war Wähler der Linken genau wie dessen Vater. Patsouras’ Vater ging genau wie dessen Vater in immer die gleichen Sozialistencafés, las immer die gleichen Sozialistenzeitungen, wiederholte die Parolen der linken Politiker. Und wurde belohnt. Und bekam einen Job. Er musste keine Ziegen hüten. Sondern sass an einem Schreibtisch. Im zurückgebliebenen Agrarstaat Griechenland beeindruckte der Aufschwung der Papandreou-Jahre die Menschen.
Patsouras wurde Mitarbeiter im Ministerium für Landesentwicklung. Es sollte Infrastrukturmassnahmen berechnen und durchführen. Wie viele Spuren benötigt die neue Gebirgsautobahn nach Ioannina? Braucht es irgendwo eine neue Eisenbahn- oder Fährverbindung? Der hagere 41-Jährige lacht. «Doch wir taten nichts. Wir taten einfach den ganzen Tag lang gar nichts.»
Seine Erinnerungen sind Zeugnisse aus den Hochjahren der griechischen Sozialdemokratie. Inzwischen sickern unter dem Druck der ausländischen Kontrolleure des Währungsfonds und der EU-Funktionäre plötzlich aus allen Ecken ähnlich lautende Berichte. «Einmal war ich ein paar Monate in einem der sogenannten Kühlschränke.» In den «Kühlschränken» sei Arbeit nicht nur unbeliebt, sondern verboten. «Der Kühlschrank ist die Extremform der griechischen Arbeitswelt und -moral», sagt Patsouras. «Du bist dort, weil dein Vater seit Jahren immer dieselbe Partei wählt, gute Beziehungen hat zu den Abgeordneten oder anderen Parteifunktionären. Dein Sohn beendet die Schule, du meldest dich bei dem Politiker. Tut er etwas für dich? So machen es alle Väter.»
Jede Regierung schaffte zwischen 70 000 und 150 000 neue Stellen. Aber natürlich gibt es nicht genug Arbeit für alle Söhne und Töchter treuer Wähler. Wird eine neue Regierung gewählt, werden deshalb Zehntausende von Beamten der alten Regierung in die sogenannten Kühlschränke abgeschoben, also an Arbeitsplätze, wo nicht mehr gearbeitet wird. Um Platz zu schaffen für das Heer der Günstlinge der neuen Regierung. «Wenn du in einem Kühlschrank sitzt», sagt Patsouras, «stirbst du innerlich.» Sie spielten Backgammon, Snooker, schliefen. Sie gingen morgens zur Arbeit, hängten ihr Jackett an den Stuhl. Und taten nichts. Viele gingen einfach wieder nach Hause. Und wer nicht mitmachte, etwa hundert Kilometer die Woche mit dem Büro-Hometrainer fuhr, wer sich irgendwie um Arbeit kümmerte, war ein Kapitalist. «Du wurdest fertiggemacht, es wurden Gerüchte über dich verbreitet. Diese Kultur des Nichtstuns war in allen Ämtern verbreitet, es gab einfach zu viele Beamte.»

Den Staat verkleinern
Die wichtigeren Mitarbeiter im Ministerium erfanden ständig neue Vorschriften. «Natürlich lief niemand rum und schrie: Hurra, ich habe nichts zu tun, wir pressen das ganze Land aus.» Aber es gab ein stilles Abkommen zwischen niederen und höheren Beamten. Wie viele Schifffahrtsunternehmen gibt es? Welche Auflagen müssen sie beachten? Welches Schiff darf welchen Hafen anlaufen? «Solche Fragen beschäftigten unsere Chefs.» Während Patsouras und seine Kollegen Fett ansetzten. «Viele merkten es nicht. Viele redeten sich ein, sie hätten draussen in der Wirtschaft keine Chance. Und nach zehn Jahren da drinnen überlebst du in der realen Welt wirklich kaum noch einen Tag.» Viel schlimmer sei jedoch die Wirkung der Beamtenindustrie auf die ganze Gesellschaft. «Nicht nur erschweren heute Tausende Vorschriften und Paragrafen die Wirtschaft des Landes. Gesetze regeln peinlich jede Nische», so Professor Stournaras. «Wir erlebten die Pervertierung einer sozialdemokratischen Herrschaft.»
Der Apparat prägt heute die Wertevorstellungen von Millionen. «Etwa 20 Prozent der Griechen sind faul», so die Unternehmer von Sunlight Systems, die an diesem Abend noch bis in die Nacht über den Businessplan diskutieren. Für sie ist klar: Auch die EU hat Mitschuld auf sich geladen. Millionen Beamte sässen ohne die Milliarden aus Brüssel nicht seit vierzig Jahren im Liegestuhl. Aber 20 Prozent Faulpelze gebe es in jedem Land, so Unternehmer Spiropoulos. «Weitere 20 Prozent der Griechen sind extrem fleissig. Aber am wichtigsten sind die 60 Prozent in der Mitte, die heute nach dem Wertesystem des griechischen Staatssozialismus leben.» Harte Arbeit in der Privatwirtschaft lohne sich heute nur ideell. Jetzt, so Spiropoulos, «braucht es liberale Anreize und Führung. Und Griechenland erblüht».

Überarbeitet: Spanien

Man muss ein gutes Auge haben, um in dieser eleganten Stadt die Krisensymptome zu sehen. Ein bisschen fühlt man sich im geschäftigen Zentrum von Madrid, als wäre man in Hamburg: kühl, bürgerlich, erstaunlich wenig mediterran. Im Salamanca-Quartier, wo die höheren Sphären der Madrider Gesellschaft seit jeher wohnen und in den letzten Jahren die schnell gewachsene Schicht der Neureichen ihren Einzug hielt, ist von Krise nichts zu spüren. In den Alleen führen die Menschen ihre sorfältigen Frisuren spazieren, man sieht viele Frauen mit Pferdeschwanz und grossen Sonnenbrillen; vor den Luxusgeschäften das Einparktheater der Bürgerstöchter, denen Papa den Porsche geliehen hat.
Sind die hier alle verrückt geworden? Befindet sich das Land nicht in einer dramatischen Lage? Der Staat, die Firmen, Banken und Private — zusammen beläuft sich die Verschuldung auf fast 400 Prozent des spanischen Bruttoinlandsproduktes. Das Heer der Arbeitslosen ist bedrohlich gewachsen, aber hier im ökonomischen Zentrum des Landes ist von Schlendrian nichts zu merken.
«Meine Herren aus der Schweiz», sagt Juan Antonio Samaranch, Gründer der spanischen Investmentbank GBS Finanzas, Sohn des gleichnamigen ehemaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, «Sie irren sich, wenn Sie glauben, in Spanien werde nicht gearbeitet. Im Gegenteil: Unser Problem ist, dass die Entwicklung zu dynamisch war.» Er empfängt in einem aufwendig auf entspannt getrimmten Büro, redet lebhaft in akzentfreiem Englisch.
«Was geschehen ist, hat eine einfache Erklärung», sagt der Banker mit privilegiertem Lächeln. «Das Land wurde Opfer der Immobilienblase.» Viele Spanier hätten sich mit billigen Krediten Häuser gekauft und anschliessend die im Wert gestiegenen Häuser beliehen, um Konsumgüter zu kaufen. «Das war eine unentrinnbare Entwicklung», sagt Samaranch. «Das Geld war da. Die Kredite kosteten nichts. Die spanische Demokratie ist jung, wir hatten viel nachzuholen. Man arbeitete viel und wollte sich dafür auch sofort etwas leisten. Das war in Spanien aber nicht anders als in Amerika während der Subprime-Blase.»
Bis die Krise kam und die Immobilienpreise in einen Senkrechtflug stürzten. Die Bauindustrie, bis zur Krise die grösste Jobmaschine des Landes, ist praktisch zum Stillstand gekommen. Über zwei Millionen Menschen verloren ihre Stelle, die Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent. Die Party war zu Ende.

Coolstes Land Europas
Samaranch giesst Eiswasser in sich hinein. Er sagt: «Es wurde einfach zu sehr auf Pump gewirtschaftet. Spanien hat hervorragende Firmen, besonders im Servicebereich. Sogar die Londoner Flughäfen werden heute von spanischen Firmen betrieben.» Das Bankensystem sei viel solider, als man das im übrigen Europa wahrhaben wolle. «Allerdings wird es keine Expansion auf Pump mehr geben», meint Samaranch. Jetzt zeige man zwar mit den Fingern auf die Spanier. Aber das Problem sei nicht, dass zu wenig gearbeitet wurde. Schliesslich war Spanien bis vor kurzem ja noch das europäische Wirtschaftswunderland: Es hat jahrelang einen Haushaltsüberschuss produziert, fünf Millionen Arbeitsplätze in zehn Jahren geschaffen, traumhafte Wachstumszahlen vorgelegt. Das ganze Land war ökonomisch eine Art FC Barcelona: Zara und El Bulli, Superautobahnen und Superschnellzüge, America’s Cup in Valencia und Guggenheim-Museum in Bilbao. «Wir haben 800 000 Wohneinheiten pro Jahr gebaut, mehr als Frankreich, Italien und Deutschland zusammen», sagt Samaranch. «Einem Land, das sich wirtschaftlich so überhitzt hat, Trägheit vorzuwerfen, ist völlig absurd.»
«Spanien war das coolste Land Europas», sagt auch Teresa Sapey. Sie, die preisgekrönte Innenarchitektin, war ein erfolgreicher Teil dieses neuen Spanien. Sapey sitzt in ihrem weissen Studio in einem Arbeiterquartier der Hauptstadt, ultraslicke Designatmosphäre, nur dass da ein bisschen viel Apple-Computer rumstehen für die wenigen Mitarbeiter, die noch übrig geblieben sind. Teresa Sapey hat die Sorten von Strandvillen gebaut, die es in die Seiten von «Casa Vogue» schafften, sie hat mitten in Madrid ein triviales Parkhaus in einen Pilgerort für Architekten verwandelt.
Sapey wurde in Turin geboren, nach Spanien ist sie gezogen, weil das Land versprach, was es in Italien seit den Fünfzigerjahren nicht mehr gibt: Aufbruchstimmung. Vierzehn Jahre lang ging der Aufbruch ununterbrochen weiter — dann kam die Krise. Zehn Mitarbeiter musste die blonde Frau bisher entlassen, es gibt keine Aufträge mehr. Sie fuchtelt mit den Armen, redet sich theatralisch in Verzweiflung. Den Glauben an das Land hat sie dennoch nicht verloren. «Die Spanier haben ihr Land in sehr kurzer Zeit modernisiert. Ich wünschte mir, in Süditalien würde man sich Spanien zum Vorbild nehmen.» Sapey verweist auf die Geschichte des Landes. Nach der Franco-Diktatur war Spanien ein zurückgebliebener Staubfleck, wo noch Eselskarren durch schlafende Dörfer fuhren und wo es kaum ein Autobahnnetz gab. Hunderttausende von Spaniern zogen als Gastarbeiter in den Norden. Bis vor zwanzig Jahren der Aufschwung begann und sich das Land in ein Art Kalifornien Europas verwandelte.

Workaholics
Sapey ist nicht die einzige ausländische Architektin, die vom spanischen Boom profitiert hat. Auch die Franzosen Jérôme Michelangeli und David Cottrell haben sich mit ihrem Studio IAD in Madrid niedergelassen. Auch sie sind voller Lob über die spanische Arbeitsmoral, aber im Moment sind sie nur noch mit Grossprojekten im arabischen Raum beschäftigt — ein Hotel in Dubai, ein Universitätscampus in Tripolis. Im Gegensatz zu Frankreich gäbe es in Spanien keine 35-Stunden-Woche, loben die Franzosen. «Unsere Angestellten gehen über Mittag zwei Stunden nach Hause, aber die Arbeitstage sind lang. Wer kann, arbeitet so viel wie möglich. Das sieht man auch an der Frauenerwerbsquote und der niedrigen Geburtenrate.» Die Schicksalsfrage ist: Was kann Spanien anderes produzieren als kreditfinanzierte Immobilien?
Eine naheliegende Antwort lautet: Tourismus. Beispielsweise Hotels wie das Room Mate Oscar im Stadtzentrum von Madrid. Auf der Dachterrasse geht der Blick über die Hauptstadt. Internationale City-Hoppers lümmeln herum. Die Codes und Gesten sind dieselben wie in Berlin, Paris, Zürich oder Stockholm. Alles toll, alles relaxt.
Mittendrin steht Kike Sarasola, der Richard Branson der spanischen Tourismusindustrie. «Es gibt ein Problem mit dem spanischen Tourismus», sagt Kike. «Die Regierung hat den wichtigsten Industriezweig des Landes vernachlässigt.» Inzwischen hört ganz Spanien auf ihn.
Sarasola gehörte in den Achtzigerjahren zum Kreis um Pedro Almodóvar, er war Mitglied der spanischen Springreiternationalmannschaft, dieses Jahr wurde er zum einflussreichsten Homosexuellen Spaniens gewählt. Mit drei Freunden zusammen hat der 45-Jährige Room Mate gegründet, ein Hotelkette mit Ablegern in allen grossen spanischen Städten. Es gibt inzwischen Room-Mate-Hotels am New Yorker Times Square, in Mexico City und in Buenos Aires. «Die Idee war, ein Hotel zu erfinden, wo ich selber gerne absteigen würde», erklärt Sarasola das Konzept. Also: «Toplage im Stadtzentrum, simples, gutes Design, kein Schnickschnack wie Zimmerservice, Gym, Porno-Kanal». Trotz der Krise ist die Room-Mate-Kette am Expandieren.
Allerdings hat Spanien in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich auf Massentourismus gesetzt. Es müsse sich mehr auf Qualität konzentrieren, meint Sarasola, im Billigsegment werde die Konkurrenz anderer Mittelmeerländer wie Tunesien oder der Türkei zu stark. Dazu müssten die Leute viel besser ausgebildet werden. «Es gibt in Spanien viele fleissige junge Menschen», sagt Sarasola, «aber man muss ihnen noch sagen, dass sie nicht nur rennen müssen, wenn der Gast etwas will, sondern auch noch lächeln dazu.»
Kike Sarasola geht mit allen Gesprächspartnern einig: Spaniens Hauptproblem ist die Arbeitslosigkeit. Sie kann nur bekämpft werden, wenn das Arbeitsrecht flexibilisiert wird.
Jeder Spanier hat begriffen, dass die Party vorbei ist», sagte der Patrizier Samaranch zum Abschied. Aber die Spanier seien diszipliniert. «Glauben Sie wirklich, wir kriegen das Land nicht in den Griff?» •

Alte Mentalitäten: Italien

«Ich werfe meinen Landsleuten im Süden sicher nicht Faulheit vor, das wäre absurd», sagt Maurizio Travaglini in einer der ältesten Mailänder Bars. «Ausserdem bin ich Römer.» Travaglinis Beratungsfirma Architects ist weltweit tätig. Er hilft Ferrero beim Schokoladeverkaufen, poliert das Image von Fiat und berät das World Economic Forum in Davos. Travaglini ist Absolvent der Mailänder Elite-Universität Bocconi. Wenn man mit ihm das Gespräch über sein Land bis in ein Mittagessen hinein verlängert, fällt man danach in eine Nachmittagsdepression. Zumindest was Italien betrifft. Für ihn ist es ohnehin nicht zulässig, von einem Land zu sprechen. Es gibt einen hochproduktiven Norden und einen Süden, wo die lokale Politik nicht die richtige Anreizstruktur für Unternehmer schafft. «Aber das ist für mich nicht einmal das Hauptproblem.» Alle seine Freunde mit Ambitionen hätten das Land verlassen, klagt der 40-jährige Ökonom. Er spricht von einem eigentlichen Braindrain. Und die, welche geblieben sind, schluckten die Propaganda der Regierung. Die Griechen sind wenigstens gezwungen, ihr Land grundsätzlich neu zu denken. In Italien jedoch bedeute Berlusconismus in erster Linie, in Fünfzigerjahre-alles-ist-bei-uns-wunderbar-Nostalgie zu verharren. Sässe Italien bei einem Psychiater auf der Couch, die Diagnose würde auf Verdrängungsneurose lauten. «Es existiert hier einfach kein Problembewusstsein», sagt er, «vielleicht ist das typisch südländisch.» Dieser ständige Blick zurück in die Vergangenheit. «Ich rede jetzt nicht vom römischen Imperium, sondern von der Craxi-Regierung Mitte der Achtzigerjahre. Damals hat Italien wirtschaftlich Grossbritannien hinter sich gelassen, das steckt immer noch in den Köpfen der Leute.» Natürlich seien in Norditalien die kleinen und mittleren Unternehmer trotz der Finanzkrise noch stark — aber der Süden? «Ich glaube kaum, dass Süditalien im Wettbewerb der europäischen Regionen in Zukunft eine Rolle spielen wird.»

Klientelismus
Die erste Botschaft waren zwei ausgebrannte Lastwagen. «Gibt es Menschen, die Ihnen schaden wollen?», hatten die Carabinieri den Unternehmer Gianni Petroro gefragt, der für die süditalienische Stadt Vasto die Müllabfuhr besorgt. Petroro wusste niemanden zu nennen. Er ist ein stiller Mann um die fünfzig, mit spärlichen rötlichen Haaren. Ein schüchterner, korrekter Italiener, der alle grüsst und mit dem Pfarrer befreundet ist. In der Baukrise Anfang der Neunzigerjahre hatte er die Ziegelei seines Vaters aufgegeben und auf dem Gelände den ersten Supermarkt am Ort gebaut, ein weiterer war in Planung.
Vasto ist eine alte Stadt über der tiefblauen Adria, im Süden der Abruzzen, auf der Höhe von Neapel. Oben auf dem Hügel die Türme und Paläste der Bourbonen, unten die Hotels und Appartements von Vasto Marina. Im Juni, wenn das Schuljahr zu Ende ist, packt das Bürgertum die Koffer und zieht für drei Monate in die Sommerwohnung hinunter ans Meer. Die Stadt sei das Scharnier zwischen dem Norden und dem Süden Italiens, sagen die Einheimischen.
Auf den ersten Blick wähnt man sich im tiefen Süden. Um sechs Uhr früh stellen die Bäckersfrauen die warmen Cornetti in die Auslagen, und vor dem Nachtessen trifft man sich auf der Piazza zum Corso. Aber andrerseits gibt es in dieser Gegend keine Mafia. Die mysteriöse Grenze der organisierten Kriminalität verläuft etwa vierzig Kilometer weiter südlich. Deshalb war die Polizei beunruhigt, als einige Wochen später vor Petroros Büro eine Bombe explodierte. «Da begriff ich, dass es um den geplanten Supermarkt geht», sagt Petroro. «Man gab mir zu verstehen, dass ich mein Projekt zurückziehen soll.» Nach drei Monaten ging der Wagen von Petroros Frau in Flammen auf.
Gianni Petroro hat sich bis heute nicht einschüchtern lassen — und die Anschläge hörten auf. Er habe gespürt, dass alle hinter ihm gestanden seien. Die Polizei, die Untersuchungsbehörden, die ganze Stadt. Seither ist es in Vasto wieder ruhiger. Der Staat, sagt Petroro, habe eine unglaubliche Kraft, wenn er entschlossen sei, die Mafia zu bekämpfen. Wer war der Auftraggeber? «Eine einflussreiche Person aus Vasto, mit Kontakten zum organisierten Verbrechen. Es ist eine Figur des alten Systems.»

Agrarisches Denken
Das alte System, sagt Petroro, das sei der Staat im Staat. «Aber der Süden ist nicht der Wilde Westen. Es gibt Orte, wo die Kavallerie den Bürger nicht im Stich lässt. Deshalb bin ich bescheiden optimistisch, was die Zukunft betrifft.»
Die Entwicklung, sagt der Bürgermeister von Vasto, geht in Richtung Norden. «Der Norden ist unser Vorbild.» Im blauen T-Shirt sieht Luciano Antonio Lapenna aus wie ein amerikanischer Universitätsprofessor, vor dreissig Jahren ist er als Anwalt in die Politik eingestiegen, damals für die Kommunistische Partei. Arbeit gegen Stimmen, lautete damals die Abmachung. Das System hatte sich im Kalten Krieg ausgebildet, als die Christdemokraten die Kommunisten von der Regierung fernhalten mussten, und der ländliche Süden war ihr politisches Reservoir. Die italienische Beamtenschaft rekrutierte sich aus dem Süden, jede süditalienische Familie hatte einen Sohn an der juristischen Fakultät, dem eine Stelle im Staatsdienst sicher war. Italiens heutige Staatsverschuldung ist der Preis für diese Strategie, obwohl der Norden des Landes heute produktiver ist als die Schweiz.
«Mit dem Klientelismus ist es zum Glück vorbei», sagt der Bürgermeister. «Erstens sind die Christdemokraten untergegangen. Zweitens hat der Staat kein Geld mehr. Er kann keine Jobs mehr verteilen. Im Gegenteil, Lehrer und Ärzte haben wir im Süden mehr als genug. Auf fünfzehn Kinder kommt ein Lehrer, und in der Region müssten mehrere Spitäler geschlossen werden.» Aber die alten Mentalitäten lassen sich nicht einfach austilgen. Jeden Vormittag, erzählt der Bürgermeister, bildeten sich Schlangen vor seinem Büro, von Leuten, die Arbeit suchen. «Sie kommen mit der Vorstellung, dass ich sie weiterempfehle. Jeden Tag muss ich erklären, dass die Demokratie nicht so funktioniert.»
Dabei hat sich im Hinterland der Kleinstadt Grossindustrie niedergelassen, es gibt Tourismus und einen Hafen. Doch mit der Krise ist die Arbeitslosigkeit über die Marke von 10 Prozent gestiegen, Gianni Petroro findet wieder einheimische Arbeiter, die bereit sind, bei der Müllabfuhr zu arbeiten. Ein Müllmann in Vasto verdient 1300 Euro im Monat. Das sieht nach wenig aus, aber er hat eine 36-Stunden-Woche, 31 Tage Ferien und 14 Monatslöhne im Jahr. Dramatisch ist die Lage bei den jungen Akademikern. Als Vasto zehn Verkehrspolizisten suchte, meldeten sich 310 Leute. Mehr als die Hälfte hatte einen Universitätsabschluss.
Die Geschichte der kleinen Stadt ist exemplarisch für Süditalien. Wer was erreichen wollte, haute ab in den Norden. Das zurückfliessende Geld hielt die Alten am Leben, bis der Staat eine Fabrik baute, dank dem Politiker Remo Gaspari, «Zio Remo», der in den Sommerferien, wenn das Parlament ruhte, im Liegestuhl an der Adria Hof hielt. Die Società Italiana Vetro produzierte Glas und eroberte von Vasto aus ein Drittel des europäischen Marktes. Später wurde sie vom englischen Marktleader Pilkington übernommen, und plötzlich waren auch Toyota da, Honda, Fiat.
Soziologen, die damals den Übergang von der Agrargesellschaft zur Industrienation untersuchten, entwickelten die These, dass die Bauern der Gegend sich in der Fabrik ausruhten. Nicht etwa aus Faulheit, sondern weil sich ihr 16-Stunden-Tag in eine Fabrikschicht und die Arbeit auf dem Feld aufteilte. Die Industrialisierung machte vor ihren Köpfen halt. Sie übernahmen nicht das kapitalistische Denken wie die Bauern im Veneto in jenen Jahren des italienischen Wirtschaftswunders. Dort stand damals auf jedem Hof eine Strickmaschine oder eine Drehbank, und manchmal waren diese Betriebe Ausgangspunkt späterer Marken von Weltruf. «Nein, die Fabrikarbeiter von Vasto machen weiterhin ihr eigenes Öl und ihre eingelegten Tomaten, wie jeder hier, der irgendwo ein kleines Stück Land besitzt», sagt Graziano Marcovecchio, Topmanager der Pilkington, ein smarter Ökonom mit Dreitagebart.
«Der Süden ist nicht aus Faulheit wirtschaftlich zurückgeblieben», sagt Marcovecchio, «sondern weil er das agrarische Denken beibehalten hat. Der sichere Arbeitsplatz zählt mehr als die Verlockung unternehmerischen Erfolgs. Der Bauer braucht den sicheren Boden, das sichere Geld auf der Bank. Die Süditaliener sind die grössten Sparer Europas. Hier ist die Sparquote doppelt so hoch wie in Norditalien. Wie glauben Sie, sind wir durch die letzte Krise gekommen? Wie überlebt ein Land eine Jugendarbeitslosigkeit von 27 Prozent? Mit dem Ersparten.» Italien leide darunter, sagt Marcovecchio, dass die Politik zu Entscheidungen unfähig sei. In den nächsten Jahren eröffne Fiat ein Autowerk in Serbien, gleich gegenüber, auf der anderen Seite der Adria. «Wir werden den Hafen vergrössern müssen, um unser Glas dorthin zu transportieren. Doch seit Jahren warten wir auf einen Entscheid aus Rom.»
Tatsächlich hat sich der Süditaliener Luciano Tilli die Frage gestellt, wie lange die grossen Firmen in der Industriezone von Vasto bleiben werden. Mit seinem Schwager führt er eine kleine Fabrik, die auf Aufträge der Grossbetriebe spezialisiert ist. Tilli ist noch keine 30, ein gut aussehender junger Mann mit einem Schleier von Melancholie, der in Rom Maschineningenieur studiert hat. «Wir beherrschen alles, was ein mechanischer Betrieb können muss», sagt er, «aber wir haben keine Ahnung, was wir produzieren sollen, wenn die Multinationalen mal weg sind.» Für Tilli ist klar: Die Politik hat es versäumt, einen Zukunftsplan für die Region zu entwerfen.

Lethargisch
Aber warum dieses stetige Warten auf die Politik? Warum nicht selbst die Initiative ergreifen, unternehmerischen Willen entwickeln? Es scheint, als hätte Süditalien die jüngste Entwicklungsstufe des Kapitalismus verpasst, der von kreativen Ideen lebt. «Es fehlt an Unternehmensgeist, eindeutig», sagt Tilli. Die meisten Jungunternehmer in der Region hätten ihren Betrieb geerbt. «Wir sind nicht erzogen worden, um Sachen zu erfinden. Es gibt wenig Anreize, selber etwas zu tun.» Er selbst hat mit ein paar Ingenieuren einen Prototyp für eine feuersichere Eisentüre entwickelt, das könnte ein Anfang sein. «Aber ehrlich gesagt, wenn ich nochmals 18 wäre, wüsste ich nicht, ob ich nach Vasto zurückkommen würde.»
Gianni Petroro hat seit fünf Jahren keine Mafia-Drohungen mehr erhalten. Die Polizei bewacht seine Kinder nicht mehr, wenn er übers Land fährt, folgt ihm kein Streifenwagen. Was ist aus dem Supermarkt-Projekt geworden? «Nichts», sagt Signor Gianni. «Ich warte immer noch auf eine Antwort der Behörden.»

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