15.02.2008 von Thomas Zaugg
Lieber Steven P. Jobs
Früher trugen Sie ja selten Schuhe, und Ihre Jeans – verschlissen ist gar kein Ausdruck. Wenn Sie sich für Jobs bewarben oder Geld forderten für Ihre junge Firma, hatten Sie die Angewohnheit, sich zu weigern, das fremde Büro zu verlassen, bevor Sie nicht hatten, was Sie wollten. (Übrigens, das steht alles in «iCon Steve Jobs: The Greatest Second Act in the History of Business», einem tollen Buch, das Sie wegen einiger frecher Thesen aus Ihren AppleStores verbannt haben.) Dünn waren Sie früher auch. The thinest man in the Silicon Valley, aber neben dem MacBook Air, diesem schönen, anorektischen Mädchen, hätten Sie trotzdem ausgesehen wie ein Strassenköter.
Halt, bitte, entschuldigen Sie, ich tue Ihnen unrecht; ich bin ein bisschen wütend. Machen Sie eigentlich immer noch Yoga? Ja? Also ich habe es versucht, um mich zu beruhigen, um einzusehen, dass ja eigentlich wenig wirklich wichtig ist, und ich versuche es immer wieder, aber es geht nicht. Weil eben: Ich bin ein bisschen wütend. OOOMMMMM! Es ist jetzt Februar! Und kein Schweizer iPhone. Nirgends. Verwechseln Sie uns mit dem Ural? Mit den Transnistriern? Bergslowenen? Oder haben Sie in der Zeitung über unseren Wahlkampf gelesen? Dachten Sie, Schäfchenrassisten dürfen das iPhone nicht bekommen? Haben Sie es deshalb nur ein paar Zivilisierten gegeben, unserer Managerkaste, dem Swisscom-Chef Carsten Schloter und seinem Kader, die schon seit letztem Jahr die Volksseele aufwühlen, weil sie in aller öffentlichkeit ihre iPhones benutzen?
Die Gerüchteküche, ich sage Ihnen, die kocht bei uns. Und die Blogger plagen mich mit ihren Weissagungen, mir wird ganz übel, wenn ich das alles lese. Einer will im Zug etwas aufgeschnappt haben, von quatschenden Swisscom-Mitarbeitern, andere wollen Freunde kennen bei Swisscom. überall wimmelt es von diesen verdammten «Informanten» und «äusserst verlässlichen» Quellen. Am 29. Februar soll es endlich soweit sein, hiess es lange und heisst es immer noch manchmal: Swisscom wird das iPhone auf den Markt bringen, das iPhone 2 könnte es gar sein, mit schnellem UMTS und vielleicht ohne SIM-Lock. Könnte, sollte, könnte.
Andrea Brack, Ihre Pressesprecherin in der Schweiz, schrieb per E-Mail: «Hallo Herr Zaugg, unser Statement heisst immer noch: Apple hat das iPhone in den USA, Grossbritannien, Deutschland und Frankreich lanciert. Zum jetzigen Zeitpunkt hat Apple keine Ankündigungen betreffend weiterer Länder zu machen. Besten Dank für Ihr Verständnis.»
Carsten Roetz, der Swisscom-Pressesprecher, meinte: «Die zahlreichen Spekulationen zum iPhone kommentieren wir nicht, sie haben sich bisher jedoch mehrheitlich als nicht zutreffend erwiesen. Eines möchte ich aber festhalten: Eine Lancierung per Ende Februar/Anfang März erscheint mir äusserst unwahrscheinlich. Ich kann Ihnen nicht sagen, wann das iPhone in die Schweiz kommen wird. Das hängt von der Absatzplanung und dem Roll-Out bei Apple ab. Es ist auch offen, bei wem das Gerät zu welchen Konditionen verfügbar sein wird. Nach wie vor gilt: Wir sind sehr interessiert am iPhone. Unser Plus: Swisscom hat das dichteste und erfolgreichste Vertriebsnetz. Auch in der Netzabdeckung (EDGE, UMTS, WLAN) sind wir in der Schweiz führend.»
Sie lachen?
Wissen Sie, das kann krank machen, die Warterei, die vielen zerschlagenen Hoffnungen. Ich kennen jemanden, der schläft deswegen schlecht, und manchmal muss er mitten in der Nacht seinen Mac anwerfen und sich das iPhone von allen Seiten ansehen, und immer und immer wieder klickt er auf das Video von der Keynote im letzten Jahr. Damals präsentierten Sie ja das iPhone. Glauben Sie mir, dieses Video ist für uns Schweizer eine Art Gebetsmühle, ein Evangelium geworden, wir hängen an jedem Ihrer Worte, rezitieren Sie wie Mönche und Ministranten. Und ich, um das Loch in meinem Macianerherz zu füllen, mache auch noch viele andere Sachen. Nein, das wollen Sie gar nicht wissen.
Wenigstens weiss ich jetzt Ihr Erfolgsgeheimnis. Ich konnte lange nachdenken, während ich auf das iPhone wartete. Ich ging nicht nach Indien, wie Sie, um meine innere Mitte zu finden, aber ich habe gelitten und nachgedacht. Ja, klar, all diese Wirtschaftsheinis schreiben jetzt Sätze wie: «Apples Erfolg gründet erstens in einer raffinierten Marketingstrategie und zweitens in der Fähigkeit, die besten bestehenden Technologien in einem leicht bedienbaren Produkt zu vereinen.»
Aber das ist es nicht, nein. Ich glaube, Apple ist die grösste bewusstseinsverändernde Droge des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Denn mit der Funktionsweise von Drogen haben Sie sich ja auch befasst, in jungen Jahren. Einmal nahmen Sie LSD, auf einem Weizenfeld, und urplötzlich, berichten Sie, «begann das Weizenfeld Bach zu spielen. Es war das bis dahin wundervollste Erlebnis meines Lebens. Ich fühlte mich wie der Dirigent dieser Musik und Bachs Komposition stieg aus dem Weizenfeld auf.»
Ja, genau, und Ihr Erfolgsgeheimnis hängt ausserdem auch mit Ihren Studien zum Zen-Buddhismus zusammen. Zen setzt gegen das rationale, analytische Denken Intuition und Spontaneität. Und: Der Weg ist das Ziel. Klar, das Produkt muss gut sein, aber vor allem muss es uns die Zeit auf Erden paradiesisch machen. Ich meine, irgendwann stirbst du sowieso – siehe die gleichnamige Gruppe auf StudiVZ –, und das ist der grosse Unterschied zum BlackBerry. Das BlackBerry nimmt alles viel zu ernst. Seine Funktionen sind so krampfhaft zielgerichtet, dass jeder Zen-Meister ein BlackBerry auslachen würde.
Vor allem das iPhone ist imprägniert mit den frühen Erfahrungen Ihrer Sinnsuche im Osten. Sie schrieben darüber:
«Ich marschierte im Himalaja herum und stolperte plötzlich mitten in diese Sache hinein, die sich als religiöses Fest entpuppte. Da war dieser Baba, ein heiliger Mann, der auf diesem Fest gefeiert wurde, mit seiner grossen Anhängerschar. Ich roch gutes Essen. Seit ewiger Zeit hatte ich nicht mehr das Glück gehabt, gutes Essen zu riechen. Also ging ich hin, um den Leuten meinen Respekt zu erweisen und etwas vom Mittag abzubekommen.
Aus irgendwelchen Gründen sah mich dieser Baba da sitzen und essen. Er kam sofort zu mir herüber und brach in Gelächter aus. [...] Dann packte er mich beim Arm und zog mich einen Bergpfad hinauf. [...] Eine halbe Stunde später erreichten wir die Spitze des Berges, und da oben auf dem Gipfel gab es einen kleinen Brunnen und einen See. Er drückte mir den Kopf ins Wasser, zog ein Rasiermesser aus der Tasche und rasierte mir den Schädel. Ich war total überrumpelt. Ich war neunzehn Jahre alt, befand mich in einem fremden Land, oben im Himalaja, und dieser bizarre indische Baba, der mich gerade erst vom Rest der Versammlung weggeschleppt hatte, rasierte mir einfach so auf einem Berggipfel die Haare ab.»
Genau so geht es mir meistens, wenn ich Produkte von Apple in die Hand nehme. Oder: wenn die Produkte mich bei der Hand nehmen. Irgendwie haben Sie diese Erfahrung in Ihre Produkte gepackt. Indien. Die Drogen. Das ist Ihr Erfolgsgeheimnis! Und in Steve Wozniak fanden Sie einen, der Ihre Vision technisch umsetzen konnte; seine einzigen Drogen waren nächtelange Diskussionen über Aspekte der Elektronik.
Lieber Herr Jobs, einmal fragten Sie Ihren Zen-Meister Kobin Chino: «Was hältst du eigentlich von Geschwindigkeit? Du weisst doch, was ich meine, also wenn man etwas schnell macht?» Keiner verstand, was Sie damit meinten. Aber Sie waren besessen von der Idee, habe ich gelesen, dass man ein besserer Mensch ist, je schneller man etwas tut.
Also! Werden Sie endlich ein besserer Mensch! Bringen Sie das iPhone in die Schweiz! Und zwar schnell, bitte. Denn sonst werde ich barfüssig und in meinem Bademantel in einen Ihrer AppleStores marschieren und erst gehen, wenn ich mein iPhone habe.
Ihr grösster Fan, Thomas Zaugg

Auch auf BlackBerrys kann man sich heimisch fühlen, Herr Jobs. | Bild: Julia Marti