Literarische Sensation aus New York

Marisha Pessls Romandebüt «Die alltägliche Physik des Unglücks» ist das Buch der Saison. Weil der New Yorkerin das Kunststück gelingt, Bildung wie Humor in ein Buch zu packen.

25.02.2007 von Sacha Verna

Es gibt mindestens drei Gründe, Marisha Pessls Debütroman nicht zu lesen: «Die alltägliche Physik des Unglücks» umfasst sechshundert Seiten. Die amerikanische Leserschaft war hingerissen. Und die 29-jährige Autorin sieht so blendend aus, dass sich Fernsehbeiträge über sie und ausgedehnte Bildstrecken in den Hochglanzmagazinen geradezu aufdrängen. Alles deutet also auf einen der üblichen Schmöker aus den USA hin, prächtig zu vermarkten und peinlich uninteressant. Was aber, wenn die abenteuerliche Geschichte der Blue van Meer, Schülerin an einer Prestige-Highschool in North Carolina, die Lektüre tatsächlich lohnt? Was, wenn nicht alle Amerikaner bloss Tütensuppenliteratur der Marke John Grisham konsumieren? Was, wenn die Kritiker der «New York Times Book Review», die «Die alltägliche Physik des Unglücks» zu einem der besten fünf literarischen Werke des letzten Jahres wählten, weder korrupt noch Hohlköpfe sind? Dann hat Blue vielleicht doch eine Chance verdient. Und Marisha Pessl sowieso.

Und die strahlt wirklich. übers ganze dezent geschminkte Gesicht, so, als hätte sie an diesem bitterkalten Tag in New York nichts anderes getan, als sich auf den eben eingetroffenen Besuch zu freuen. Das stimmt natürlich nicht. Am Vormittag waren bereits die Leute vom deutschen Fernsehen da und haben ihre Wohnung, in der Pessl Journalisten noch immer empfängt, in Unordnung gebracht. Da es sich dabei um einen riesigen Loft in Tribeca handelt und bei der Möblierung um wenige ausgewählte Designerstücke, ist das Durcheinander für Aussenstehende nicht zu erkennen. Trotzdem bemüht sich Pessl die Artus-Tafel, die hier als Esstisch dient, in ihre ursprüngliche Lage zurückzuschieben, bevor sie sich daran niederlässt. Es gelingt ihr nicht. Der Tisch ist zu schwer, Pessl zu leicht und in ihren spitzen, hochhackigen Wildlederstiefeln für derlei übungen schlecht ausgerüstet. Die beiden Katzen Hitchcock und Fellini werfen gelangweilte Blicke in ihre Richtung. «Sie sind müde», erklärt Pessl entschuldigend und holt sich einen Kaffee.

Dritter und grossartiger Versuch

«Die alltägliche Physik des Unglücks» ist eigentlich Marisha Pessls dritter Roman. Doch hält Pessl ihre ersten schriftstellerischen Versuche für rettungslos gescheitert. Mit ihrem offiziellen Erstling ist den beiden Jugendwerken immerhin die Art der Entstehung gemeinsam: «Ich fange immer mit den Figuren an», sagt Pessl. «Im Fall von ‹Physik des Unglücks› hörte ich plötzlich Blues Stimme – keine Ahnung, woher sie kam, aber ich sah diesen Teenager klar vor mir, dieses unscheinbare, blitzgescheite Mädchen, das die Welt um sich herum anhand unzähliger Bücher interpretiert, die es liest.» Und mit «Bücher» ist alles gemeint, von Ovids «Metamorphosen» über Miltons «Das verlorene Paradies» bis zu Freuds «Die Psychopathologie des Alltagslebens» und Ratgeberliteratur für Heimwerker. Verantwortlich für Blues nicht eben alterstypische Belesenheit ist ihr Vater Gareth, die andere zentrale Gestalt. Ihm hat es Blue zu verdanken, dass sie zwischen sechs und sechzehn 24 verschiedene Schulen in 39 Städten in 33 Bundesstaaten besucht, je nachdem, an welchem drittklassigen College ihr Papa gerade eine neue Lehrstelle als Politikwissenschaftler angenommen hat. Gareth ist der Albtraum jedes Jugendpsychiaters, kommunikationsresistent, doktrinär und bezaubernd. Seinem Charme fallen die Frauen reihenweise zum Opfer und Blue ohnehin, jedenfalls bis zu einem gewissen Moment. Da aber stecken Blue und mit ihr die Leser schon mitten in einem Krimi. Die nötige Spannung fehlt dieser ironiegetränkten und doch oft rührenden Mischung aus Road Movie, Campus- und Bildungsroman, aus Komödie der Eitelkeiten, Vater-Tochter-Drama und irrwitziger Bibliografie der Weltliteratur keineswegs.

«Sieben von zehn Leuten gefiel der Krimiteil des Romans am besten», berichtet Pessl. Das habe sich auf ihren Lesereisen gezeigt. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die solches weit von sich weisen, kümmert es sie, was das Publikum mag und was nicht. «Ich finde, ich bin es dem Leser schuldig, meine Geschichten packend zu erzählen, so, dass man etwas zurückerhält für die Zeit, die man bereit ist, mit meinem Roman zu verbringen.» Allerdings: «Natürlich versuche ich nicht nur, dem Publikumsgeschmack zu entsprechen. Sonst würde ich auf alle intellektuellen Spielereien verzichten und nur Krimis aus der Retorte schreiben.» Idealerweise handle Literatur davon, was es heisst, Mensch zu sein. Jedoch auf sanfte unterhaltsame Art.

Anders als die Mehrheit literarischer Debütanten hat Marisha Pessl in ihrem Erstling nicht ihre eigene Biografie verarbeitet. «Sobald ich schreibe, lege ich die Haut der Marisha Pessl ab», sagt sie. «Ich will eine vollkommen neue Welt und vollkommen neue Figuren schaffen, die ich selber erst kennenlernen muss.» So hat es einen Vater à la Gareth van Meer in Pessls Leben nie gegeben. Ihre Eltern liessen sich scheiden, als sie drei war, und sie und ihre Schwester wuchsen bei ihrer Mutter in Asheville, North Carolina, auf.

Marisha Pessl studierte englische Literatur an der New Yorker Columbia University, und obwohl oder gerade weil sie damals bereits von schriftstellerischen Ambitionen umgetrieben wurde, nahm sie eine Stelle als Finanzberaterin bei dem Wallstreet-Giganten Price Waterhouse Coopers an. Zugleich versuchte sie sich als Schauspielerin. «Ich spielte in ein paar Off-Broadway-Produktionen», erzählt sie, «aber ich warf das Handtuch ziemlich bald.» Die ständigen Pilgereien in irgendwelche ungeheizten Vorsprechzimmer, sich verkaufen zu müssen und dann nie mehr etwas von den betreffenden Leuten zu hören, all das frustrierte sie.

Erst Heiraten, dann Schreiben

Ihre Begeisterung für Theater und Film hat Pessl deshalb nicht verloren. Vor dem monumentalen Flachbildschirm, der der Vorstellung von Heimkino sehr nahe kommt, liegt ein Bildband über Stanley Kubrick, und wenn Pessl von Daniel Day-Lewis schwärmt oder von Cate Blanchett, werden ihre grossen Augen noch grösser. Auch «Die alltägliche Physik des Unglücks» ist gespickt mit Anspielungen auf Filme und Schauspieler. Pessls Leben mag in dem Roman nicht drinstecken, ihre Leidenschaften hingegen schon.

Die Möglichkeit, sich aufs Schreiben zu konzentrieren, ergab sich, als Pessls Freund, ein Hedge-Fund-Manager, nach London versetzt wurde und sie bat, ihn zu heiraten, ihren Job zu kündigen und mit ihm zu gehen. Ungefähr in dieser Reihenfolge. «Für mich war das eine Erlösung, der absolute Luxus», erinnert sie sich. «Ich wusste, mir stand eine begrenzte Zeit zum Schreiben zur Verfügung, und die wollte ich nutzen bis zur letzten Sekunde.» Als das Manuskript fertig war und das Paar zurück in New York, begann Pessl die Suche nach einem Literaturagenten. Nicht sehr professionell: «Ich kannte niemanden aus der Branche, also schrieb ich an die ersten zehn, deren Namen ich auf einer Liste im Internet fand.» Drei
der Adressierten wollten das Manuskript. Und auf einer Auktion brachte es prompt einen jener sechsstelligen Vorschüsse, für die die Buchindustrie in den letzten Jahren eher berüchtigt denn
berühmt geworden ist. Auch weil die kaum volljährigen Autoren, die solche Vorschüsse kassierten, spätestens mit ihrem zweiten Werk beweisen mussten, dass sie keine literarischen Eintagsfliegen sind. Noch ein Grund für Büchersnobs, Pessls Roman nicht zu lesen. Sie sind selber schuld. 

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