Literatur mailen

Schwer tat sich lang die Literatur, ach, das Digitale zu akzeptieren. Plötzlich wird es geradezu gehypt.

13.03.2009 von Thomas Zaugg , 1 Kommentar

Es hat einen Schreibfehler im Titel des neuen Buchs von Jürg Laederach. Wenn man ihn falsch liest. «Depeschen nach Mailland» lautet der Titel, weil sich der Schweizer Schriftsteller Laederach, 63-jährig, aufs Feld der E-Mails vorgewagt hat. Während Jahren taten Laederach und ein anderer, jüngerer Schweizer Schriftsteller, Michel Mettler, was jeder tut: sie mailten einander. Mettler gibt nun, versehen mit einem Nachwort, die Mails von Laederach als Buch heraus. Und so zum Beispiel klingt das bei Laederach am 20. März 2002, 17:27 Uhr: «Ich will mich erklären. Ich weiss nicht, wie alt du bist, aber in grauer Vorzeit, vor deiner Geburt, gab’s mal 1968, davon hast du sicher gehört. Anno 1968 war alles, was heute far out ist, eben totaler Mainstream, d. h. dies gilt für alles, was es damals jenseits der Schamgrenze schon gab.»

Der Suhrkamp-Verlag nennt das «E-Mail-Literatur», und literarisch klingts ja allemal. Die E-Mail-Form erlaubt Laederach, dem Feintechniker, freier, noch frecher, weniger fixiert zu sein auf die Verewigung des Textes zwischen Buchdeckeln. «Meine Festplatte ist voll», heisst es einmal, «es quillt seitlich heraus. Ich leite den Rest in die Badewanne.» Dann wiederum wunderbare Passagen über Musik: «Ich spreche von Toscanini, Mozart, die drei letzten Symphonien, das ist das Absolute, assolutamente, Mozart im Hochofen, unbeirrbar tausend Grad, aufs Doppelte beschleunigt, Präzision, wie sie sich nach 698 Proben ergibt, weniger tat der Maestro nie, aller klassische Ballast ist weggefeilt, es ist nicht die mindeste Tiefe mehr, nur noch straffe unter 100 000 Volt stehende Form.»

Aber, Zwischenfrage, schreibt man so E-Mails? Und, ehrlich jetzt, ist es wirklich das E-Mail, das einen an diesem Buch interessiert?

Merkwürdig, wie sehr sich die Welle von «E-Mail-Literatur», «digitaler Literatur», «Internetromanen» aufbauscht. Eine grosse Sache wird daraus gemacht, wenn Autoren E-Mails schreiben, wenn im Theater jetzt ab und zu auch ein Handy und sogar ein SMS vorkommt, oder wenn Paulo Coelho sich auf Twitter meldet, sobald er ein neues Kapitel fertig hat – oder wenn Horrorautor Stephen King ein Buch exklusiv für Amazons E-Book-Reader Kindle herausgibt. Und wenn es spätestens nach Popliterat Rainald Goetz 1998 nicht mehr revolutionär war, einen Blog zu führen, so ignorieren das die Schreibenden. Wenn Urs Widmer, Adolf Muschg und Hugo Loetscher morgen eine WG im virtuellen Second Life einrichten würden, so könnten deren Verlage nicht widerstehen. Sie würden das Ganze wohl als «virtuelle Literatur», «Avatarkunst» verkaufen, so, als wäre Second Life der letzte Schrei – und nicht, wie jeder halbwegs aufdatierte Internaut weiss, das Hinterletzte. Sympathisch ist einem da Peter Bichsel, der seit Menschengedenken seine Texte im Zug auf einem alten Palm schreibt und nie allzu viel Aufhebens darum machte.

Nach zwanzig Jahren Internet ist es lobenswert, dass das Digitale in der Literatur ankommt. Bloss zieht das der Literaturbetrieb zuweilen so grossartig auf, als wäre, zum Beispiel, E-Mail erst vor einem Jahr aufgekommen – und nicht schon im letzten Jahrhundert, Ende der 80er. Hollywood war da viel schneller. Schon 1998 wurde E-Mail-Verkehr zum Mainstream erklärt, in der Liebeskomödie «You’ve Got Mail» mit Meg Ryan und Tom Hanks.

Dagegen wirkt es 2002 bei Günther Grass’ «Im Krebsgang» immer noch ein wenig angestrengt, das digitale Vokabular etwas überbetont, wie der Ich-Erzähler im Internet Chatrooms von Neonazis aufstöbert. Und Daniel de Roulet, der 2001 den ersten Schweizer Internetroman schreibt, kommt dem schnellen Medium etwas zu sehr entgegen, indem er versucht, wie er damals selber sagte, eher. Kurze. Und. Nicht allzu. Lange. Sätze. Zu schreiben. Was an manchen Stellen unfreiwillig komisch wirkte.

Aber schon ein paar Jahre später baut Laura de Weck, die junge, aufstrebende Schweizer Theaterautorin, in ihrem Stück «Lieblingsmenschen» das SMS als ziemlich natürliches Medium ein, über das sich die jungen Protagonisten austauschen. «Liebe jule,ich konnt die prüfung gar nicht fertigschreiben:Blackout, mir war schlecht,geweint,gezittert,bin wahrscheinlich zu dumm.Konnt nicht mehr.Bin im zug.F», simst etwa die Studentin Lili. Einige Medien liessen sich da die Gelegenheit nicht entgehen, das SMS als Kuriosität des Stücks zu feiern – dabei war es ein Tribut der Autorin an den digitalen Alltag junger Menschen. Oder sollte man, wenn Jack Bauer in der Fernsehserie «24» sein Handy aufklappt, seitenlange Interpretationen darüber schreiben? Oder ein Sonderheft über die interessante Entwicklung, dass immer mehr Zeitschriften am Computer gelayoutet werden?

So langsam könnte man auch bei Büchern wie «Depeschen nach Mailland» einfach nur von «Literatur» sprechen. Literatur, die allmählich dem Zeitgeist entspricht. Letzten Dienstag im «Literaturclub» versuchte es Iris Radisch, Literaturkritikerin, schon einmal scheu, indem sie plötzlich und wiederholt vom «digitalen Zeitalter» sprach, in welchem wir ja jetzt seien und alles viel, viel schneller gehe.

Das sind niedliche erste Eingeständnisse, aber verspätet. Am besten sollten Leute wie Radisch gar nicht erst anfangen damit. Besser wäre, sie würden anerkennen, aber bitte jetzt keine Neuheit mehr daraus machen: dass sich Menschen heutzutage auf Facebook kennenlernen. Dass per SMS die Liebe gekündigt wird. Dass nun mal auf Twitter sofort Fotos auftauchen, wenn ein Flugzeug in den Hudson stürzt. Dies sind die längst langweiligen Tatsachen des digitalen Zeitalters. Dass der Hudson-Vorfall auf Twitter gemeldet wird, ist heutzutage ebenso unspektakulär, wie dass er am nächsten Tag in allen Zeitungen steht.

Soziale Netzwerke wie Facebook und MySpace, schreibt Bobbie Johnson, Technologie-Journalist des englischen «Guardian», gehörten längst zum Mainstream. Warum folgt in der Presse bei jedem kontroversen Thema immer noch der Hinweis, es sei übrigens, Überraschung, im Internet eine Facebook-Gruppe dazu gegründet worden? Und warum immer der zweite Hinweis, dort, in der Facebook-Gruppe, werde die Sache sehr heiss diskutiert? Es gibt immer weniger Gründe, immer weniger digitalen Analphabetismus, der verlangen würde, das Digitale weiterhin als Kuriosität darzustellen. Auch in die Literatur sollten E-Mail, Facebook, Twitter endlich als Selbstverständlichkeiten Eingang finden. Oder was würde man heute von einem Verlag halten, der einen Roman mit dem «speziellen» Hinweis anpreist, der Autor habe diesen, man stelle sich vor, am Computer und mit Microsoft Word verfasst?

Ein PS zu dieser Kolumne, und zwar zum endgültig ausgelutschten Facebook, gibt es hier bei Facebook.

Ähm... @teratur? | Julia Marti
Ähm... @teratur? | Julia Marti

Die Diskussion

Eine Reaktion

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    Annette Strauch

    Es gibt doch Romane im e-Mail Stil. Ein Twitter-Roman / Erzählung würde mir gefallen. Gibt es schon ein solches Buch?

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