01.05.2007 von Miklós Gimes
Zwei Jahre vor seinem Tod haben holländische Journalisten vom Fernsehsender VPRO Alexander Litwinenko in London getroffen. Am 23. November 2006 starb Litwinenko in einem Londoner Krankenhaus an einer Vergiftung mit radioaktivem Plutonium. Er arbeitete an Nachforschungen zum Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja. Der Film «In memoriam: Alexander Litvinenko» von Jos de Putter und Masha Novikova gehört zu den bemerkenswertesten Beiträgen am diesjährigen Dokumentarfilmfestival von Nyon.
Litwinenko wirkt im Film jünger als seine 42 Jahre, er hat traurige Augen und einen durchtrainierten Oberkörper. «Ich war Oberstleutnant des FSB», sagt er. «Jetzt lebe ich in England im politischen Asyl.»
Litwinenko trägt einen schwarzen Rollkragenpulli. Er hat feine Hände. «Wir waren eine einzige grosse Bande», sagt er, «es gab keinen Unterschied zwischen den Gangstern und den Offizieren. Mir war klar, welches Spiel gespielt wurde. Ich wusste, dass ich in einer Bande gelandet war, irgendwann hatte ich es realisiert. Aber wenn man einmal in einer Gang ist, kommt man nicht mehr los, selbst wenn man im Westen lebt.»
Litwinenko spricht ungerührt, als wäre es nicht sein eigenes Leben: «1996 war ein Schlüsseljahr. Damals fiel die Führung des FSB in die Hand einer Gruppe alter sowjetischer Offiziere, die früher, als der Geheimdienst noch KGB hiess, gegen die Dissidenten eingesetzt worden war. Das war die fünfte Abteilung des KGB. Auch Putin gehörte zu diesen Leuten. Man hat immer gesagt, er sei früher ein kleiner Spion gewesen, aber er hat immer für die fünfte Abteilung gearbeitet, selbst als er in der DDR war.»
Litwinenko steht auf und holt einen Ordner mit Unterlagen. «Ich habe immer gewusst, dass der FSB Leute umlegt. In Moskau erhältst du 20 000 Dollar für einen Mord», sagt er. «Aber wenn man selber einen Mord ausführen muss, ist es etwas anderes. Ich weigerte mich. Am Anfang sagte niemand etwas, aber mit der Zeit gab es Probleme. Mit einigen meiner Untergebenen sind wir zur Staatsanwaltschaft gegangen und beschuldigten unsere Vorgesetzten, sie hätten uns zum Mord angestiftet.»
«Es gab einen Prozess wegen Verleumdung», erzählt Litwinenko weiter. «Das Gericht sprach mich frei. Ich erhielt Morddrohungen gegen meine Familie, gegen meinen Sohn. Im Fernsehen sagte ein Mann, er sei vom FSB beauftragt worden, mich umzulegen. Der reinste Krimi», Alexander Litwinenko lacht. Auf einmal wird sein Ausdruck unbeschwert. Für einen Moment kann man sich vorstellen, wie er als junger Mann gewesen sein muss, witzig, schlagfertig, ein lustiger Draufgänger. «Die ganze jüngere Geschichte Russlands ist ein Krimi», lacht er, «ein Cowboyfilm. Die Indianer greifen an!»
«Als Putin 1999 an die Macht kam», sagt Litwinenko, «übernahm er die Kontrolle über den FSB. In dieser Zeit habe ich mich entschlossen, Russland zu verlassen. Im September 1999 wurden vor den Wahlen eine Reihe von Wohnhäusern angezündet oder in die Luft gejagt. Ich bin der Sache nachgegangen. Ich weiss, dass mein früherer Arbeitgeber dahinter war.»
Am Ende des Gesprächs sagt Litwinenko den Satz: «Wer dem FSB zu nahe kommt, wird erschossen oder stirbt plötzlich. Ich kenne niemanden, der etwas über den Apparat herausgefunden und mit diesem Wissen überlebt hat.»
Das Dokumentarfilmfestival von Nyon dauert noch bis zum 26. April (www.visionsdureel.ch).