08.05.2009 von Guido Mingels , 9 Kommentare
Seine Exzellenz Mohamed Nasheed, kurz Anni, Präsident der Republik Malediven, steht am Strand und schwitzt, keine Wolke am Himmel, es ist heiss auf Feeali, kreisrunde Palmeninsel, 500 Meter Durchmesser, 1056 Einwohner, 60 Zentimeter über Meer, dem Untergang geweiht, ganz sicher, höchstwahrscheinlich, vielleicht, könnte sein. Fast alle sind sie zum Hafen gekommen, um den neuen Präsidenten zu sehen. Anni zieht seine spiegelnde Sonnenbrille vom Gesicht, Schweiss auf den Wangen, Schweiss auf der Stirn, Schweissflecken auf seinem Hemd, er trägt eine lustige gelbe Krawatte mit aufgedruckten kleinen Walfischen, tadellose Schuhe, tadellose Bügelfalten. Er blinzelt in die Sonne, rückt das Mikrofon zurecht, erhebt seine merkwürdige, hohe, heisere Stimme, die sich immer wieder überschlägt. «Bürger von Feeali, Malediverinnen, Malediver, ihr alle, die mich gewählt oder nicht gewählt habt, heute ist ein guter Tag.»
Finden aber nicht alle hier. Eine Gruppe von Dorfbewohnern schreit ihren Präsidenten nieder, «Isthiufaa! Isthiufaa!», tritt zurück, tritt zurück, unerwartet unfreundlicher Empfang für den Volkshelden, den Märtyrer, den Retter. Auf einem Transparent steht «Wir wollen ein Abwasser-System», auf einem anderen «Repariert endlich unseren Hafen!». Sie stehen in Badelatschen vor verfallenden Steinhäusern, schiefe Zähne in dunklen Gesichtern, manche haben sich Mut angetrunken, Drittweltmenschen in der High-End-Destination, Durchschnittseinkommen 1.60 Dollar pro Tag, liebstes Fernreiseziel von Schweizer Touristen. Später wird der Präsident sagen, diese Protestschreie seien Musik gewesen in seinen Ohren, ein Zeichen, dass der demokratische Geist um sich greife, dass die Leute sich endlich trauten, ihre Meinung zu äussern, «wir haben ihnen während meines Wahlkampfs beigebracht zu protestieren, gegen die Verhältnisse aufzubegehren, und jetzt tun sie es, das ist gut.»
Mohamed Nasheed, genannt Anni, 42, ist mit 158 Zentimetern selbst für einen Malediver eher klein gewachsen, aber sein Wille ist riesig. Zwölfmal hat ihn sein Vorgänger Maumoon Abdul Gayoom ins Gefängnis gesteckt, zwölfmal auf die Gefängnisinsel Maafushi, sechs Jahre lang war er insgesamt hin-ter Gittern, sieben Monate davon in Einzelhaft, in einer Zelle aus Wellblech, einen Meter breit, einen Meter lang. Amnesty International erklärte ihn schon 1991 zum Prisoner of Conscience, Anni, der Held, Anni, der Revolutionär im Paradies, das eine Diktatur war, bis gestern. Jetzt ist seine Stunde. Begeisterte Berichterstat-ter aller Kontinente, einfallslos, nennen ihn den «neuen Nelson Mandela» oder auch den «Obama of Asia», letzte Woche war die BBC da, heute die «New York Times», übermorgen kommt al-Jazeera. Im März war Anni die Attraktion an der weltgrössten Reisemesse ITB in Berlin, im April hat ihn die Queen empfangen, am diesjährigen Weltklimagipfel in Kopenhagen wird er einer der meistgefragten Gäste sein, Anni, der Öko-Präsident, der unlängst versprochen hat, die Malediven zum ersten CO2-neutralen Staat der Welt zu machen, bis 2020.
«Bürger von Feeali, heute scheint die Sonne!», als schiene sie nicht jeden Tag. Er nimmt noch einen Schluck Kokoswasser aus den von den Einheimischen dargereichten, geköpften und mit Trinkhalmen versehenen Früchten, ein Schweisstropfen fällt von seiner Nase. Im Gefängnis war das Wasser manchmal mit Kerosin gemischt, und unters Essen wurden Glassplitter gemengt. Um seine Taille trägt er einen stabilisierenden Gürtel, weil der Rücken kaputt ist, von der Folter, «die Vergangenheit», ruft der Präsident am Strand, «ist abgeschlossen, jetzt müssen wir uns für die Zukunft rüsten».
Und die sieht womöglich nicht allzu gut aus. Das Expertengremium der Uno zum Klimawandel, auch Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), sagt bis ins Jahr 2100 einen Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 70 Zentimeter voraus. Stimmen die Prognosen nur annähernd, so werden die Malediven, die durchschnittlich nur einen knappen Meter aus dem Wasser ragen, bis zum Ende des Jahrhunderts mehrheitlich überflutet sein, zurückgefordert vom Meer, aus dem sie kamen, weggespült, wegerodiert, ganz sicher, sagt die Wissenschaft, höchstwahrscheinlich, vielleicht, könnte sein. Ein örtliches Reiseunternehmen bewirbt seine Angebote bereits mit dem Slogan «Besuchen Sie die Malediven, solange es sie noch gibt».
Aber die Bürger von Feeali, unzufrieden mit der Gegenwart, schreien «Isthiufaa, Isthiufaa», sie wollen eine Abwasserreinigungsanlage und eine neue Hafenmauer.
Ab nach Australien
Als Mohamed Nasheed im letzten Oktober bei den ersten freien Wahlen der Republik Malediven seinen seit dreissig Jahren regierenden Feind, den Autokraten Gayoom, besiegte, gab er noch vor seiner Amtseinsetzung dem britischen «Guardian» ein Interview und verkündete einen eigenartigen politischen Plan. Einen Plan, der mehr nach Kapitulation klang als nach Erneuerung. «Da wir den Klimawandel nicht stoppen können», sagte er, «müssen wir irgendwo neues Land kaufen». Land, in das sein Volk, 350 000 Menschen, einst umsiedeln könne, wenn seine Nation vom Erdboden verschwinde. Es gebe bereits Kontakte mit Sri Lanka, Australien, Indien. «Auch die Israeli haben in Palästina Land gekauft», sagte Nasheed. Er beabsichtige, Teile der Tourismus-Einnahmen in einem Fonds anzulegen, der bis in ein paar Jahrzehnten, wenn die Flut kommt, gross genug sein soll zum Erwerb einer trockenen Heimat.
Ein Präsident tritt an. Und sucht als Erstes ein neues Land.
Leichtfüssig springt Anni vom Steg aufs Boot. Seine Jacht verlässt die Insel und nimmt Kurs auf die nächste. Sieben Inseln auf drei Atollen in zwei Tagen will Anni besuchen, Feeali, Bilehdhoo, Magodhoo, Rinbudhoo, Kudahuvadhoo, Mulah und Dhiggaru. Das macht er jede Woche so, immer mittwochs und donnerstags reist er zu seinen Bürgern, um sich ihre Sorgen anzuhören, auf immer anderen Inseln seiner verstreuten Nation, zwischen jedem Flecken Land liegen viele Meilen auf See. Sein bescheidenes Schiff, die 20 Meter lange Funama, ist ziemlich überfüllt, er hat ein paar Minister und eine Handvoll Parlamentarier dabei, dazu seine Sekretäre und das Bootspersonal, und auf dem Dachdeck reist eine lokale Fernsehcrew mit, dazu ein Reporter der «New York Times» und ein paar Fotografen. Mister Azee, persönlicher Kapitän des Präsidenten, steht barfuss am Steuer und lenkt die Funama in gemächlichem Tempo und im Slalomkurs durch das Faafu-Atoll, den Blick auf sein GPS-Gerät gerichtet, manchmal auch auf sein iPhone, auf dem er die Lage des Schiffes zusätzlich via Google Earth kontrolliert. Überall lauern Sandbänke, Riffe, Untiefen im flachen Wasser. Niemals setzt Mister Azee sich hin, «ein Kapitän muss stehen», sagt er. Das Boot zieht eine weisse Gischtspur hinter sich her, die bald wieder verschwunden ist, die einzigen Strassen auf den Malediven.
Dieses Land, 500 Kilometer südwestlich von Sri Lanka, besteht fast ausschliesslich aus Wasser und Schönheit. 99,9 Prozent des Staatsgebietes von 90 000 Quadratkilometern, die Grösse Portugals, sind Indischer Ozean. Nur 300 Quadratkilometer ragen heraus, eine Fläche kleiner als Andorra. Und das aufgeteilt auf zwölfhundert Inseln, die sich in Nord-Süd-Richtung auf 26 Atolle verteilen, deren nördlichstes vom südlichsten mehr als 800 Kilometer entfernt ist, die Strecke Hamburg–München. Aus dem Flugzeug sieht das aus, als hätte ein launischer Gott mit dem Schwung eines Sämanns eine Hand voll Samenkörner ins Meer geschmissen. In Wahrheit aber, vom Meeresgrund betrachtet, sind die Malediven die Spitzen eines gewaltigen submarinen Vulkangebirges, maledivischer Rücken genannt, eine Narbe aus Magma an der Bruchstelle zweier tektonischer Platten, steile 5000 Meter aufragend. Oben, auf den versunkenen Kratern erloschener Vulkane, wuchsen Korallenriffe bis an die Oberfläche, Sand lagerte sich ab, Palmen wuchsen, Menschen kamen, die ersten vor 4000 Jahren. Diese Inseln, deren höchste Erhebung nur 2,3 Meter über dem Meeresspiegel liegt, sind nicht nur das flachste Land des Planeten, sondern auch eines der jüngsten, entstanden erst vor 16 000 Jahren. Die Malediven sind ein höchst unwahrscheinlicher geologischer Zufall. Sollten sie verschwinden, wären sie im grossen Buch der Erdgeschichte am Ende der Zeit nicht mehr als eine Klammerbemerkung.
Der Präsident, eine Benson & Hedges zwischen den Lippen, nutzt die Fahrt bis Bilehdhoo für eine Sitzung mit seinen Vertrauten auf dem Achterdeck. Man sitzt auf Campingstühlen und trinkt Tee, serviert vom Schiffskoch, der ebenso wie der Kapitän schon in gleicher Funktion unter Nasheeds Vorgänger und Widersacher Gayoom gedient hat, der Präsident ist nicht nachtragend. Viele in Annis Entourage sind langjährige Mitstreiter, ehemalige politische Aktivisten, manche hat er überhaupt erst in der Gefangenschaft kennengelernt, das Gefängnis war wichtigster Treffpunkt für die Opposition.
Gegen den Fahrtwind anschreiend, diskutiert die Runde über das geplante öffentliche Fährennetz, eines der zentralen Versprechen, die der Wahlkämpfer Anni seinen Landsleuten gemacht hat. Heute, ohne Transportsystem, leben die Insulaner in weitgehender Isolation voneinander und in völliger Apartheid von den hundert Touristeninseln mit ihren Hotel-Resorts, die nur per Wasserflugzeug zu erreichen sind. Die neue Regierung will Investoren aus Europa gewinnen, private Firmen, die den Fährenverkehr ausrichten und dabei ihren Profit suchen sollen, der zuständige Minister, Ali Shiyam, war gerade für Gespräche in Berlin und Mailand und berichtet der Partei von Erfolgen.
Folter und Romantik
Dann hat Anni, der sich für die Dauer der Überfahrt seiner Schuhe und Socken entledigt hat, Zeit für Fragen.
Herr Präsident, mal ehrlich, wollen Sie die Malediven wirklich verlassen und ein neues Land kaufen?
«Ich werde der Letzte sein, der geht. Ich werde auf der letzten Insel stehen und warten, bis sie untergeht. Sie müssen verstehen, bei diesem Plan geht es um eine Absicherung für die Zukunft, einen Ausweg für den schlimmstmöglichen Fall. Niemand von uns will hier weg. Sie müssen verstehen, die Malediven werden jetzt zum Testfall für den Rest der Welt. Wenn wir die Malediven nicht retten können, dann gibt es für ganz viele Menschen keine Hoffnung. 60 Prozent der Weltbevölkerung leben in Küstennähe, Millionenstädte sind bedroht.»
Was macht Sie so sicher, dass die Ozeane tatsächlich ansteigen?
«Es geht ja nicht nur um den Meeresspiegel, es geht auch um die gehäuften Wirbelstürme, den heftigeren Monsun. Die Experten sind in dieser Sache äusserst dezidiert. Es gibt keinen Raum für uns, ihr Urteil anzuzweifeln. Aber das ist nicht das Entscheidende. Sogar die Skeptiker sind jetzt besser beraten, nach neuen Lösungen zu suchen. Es ist wie bei Pascals Wette: Auch der Ungläubige wird gewinnen, wenn er an Gott glaubt.»
Sie wurden gefoltert, verbrachten Monate in Einzelhaft. Wie steht man das durch?
«Ich hatte einen Traum von der Zukunft meines Landes, daran habe ich mich festgehalten. Ich wurde angekettet, geschlagen, bespuckt, beleidigt,als Nichts behandelt. Man muss sich, glaube ich, in dieser Situation eine Art von Romantik einreden, man muss sich sagen, ‹das passiert jetzt nur dir und niemand anderem und das hat seinen Zweck›. Man muss den Schmerz inden Dienst eines höheren Ziels stellen, so gewinnt man Stärke.»
Woher kommt Ihr Spitzname, Anni?
Seine Exzellenz lacht. «Das verrate ich Ihnen nicht, finden Sie es selbst heraus.»
Es war so: Als Kind konnte Mohamed das maledivische Wort für «ich», aharen, nicht aussprechen, der Junge sagte immer nur «anni», der Mutter gefiels, es blieb dabei. Jeder Malediver braucht einen Spitznamen, weil alle Mohamed oder Ibrahim oder Ahmed heissen. Seine Anhänger rufen also «ich», wenn sie «Anni! Anni!» skandieren, und noch immer prangen diese vier Buchstaben in Male an allen Wänden, ANNI, auf Brettertüren gesprüht, ANNI FOR PRESIDENT, an einer Friedhofsmauer, dazu immer das Logo seiner Partei, zwei Waagschalen, für die Gerechtigkeit. In Male, der Hauptstadt, wo Anni geboren wurde, wo er heute regiert, wo alles geschieht.
Male ist die Rückseite des Paradieses, der Versorgungstrakt des Garten Eden, laut, stinkend, schnell, eng und irgendwie trotz allem gut gelaunt. 105 000 Menschen, ein Drittel des Volkes, leben auf dieser Insel auf weniger als drei Quadratkilometern. Eine der dichtestbesiedelten Kapitalen der Welt, eine Megacity im Taschenformat, ein zusammengeknülltes Manhattan. Touristen, von denen jährlich 600 000 ins Land kommen, sind selten zu sehen, sie landen auf der nahe gelegenen Flughafeninsel Hulhule und werden direkt weitergeflogen in ihre Hotels, jedes eine Insel für sich. Male, ein wild wuchernder Haufen aus Stein und Beton, auf Sand gebaut, wie alles hier. Hindurch führen schmale Strassen, immer verstopft, es gibt Hunderte Taxis, tausende Privatwagen und mehr als 30 000 Scooter, alles streng genommen überflüssig auf dem kleinen Eiland, das man zu Fuss in zwanzig Minuten der Länge nach ablaufen kann.
Auf den Scootern sitzt die Inseljugend, gelangweilt und arbeitslos, am Steuer meistens ein Junge, hinten ein Mädchen mit Schleier, hupend drehen sie ihre Runden. Am Ende der Stadt liegt ein künstlicher Strand, winzig, die einzige Möglichkeit, schwimmen zu gehen in Male, die Insel ist rundum eingezäunt von einer schulterhohen Mauer, davor liegen aufgeschichtete Tetrapods, vierbeinige Wellenbrecher aus Beton. Als 2004 der Tsunami rollte, waren sie nützlich. Sollendie Wasser doch kommen, zu-mindest Male, schon von Annis Vorgänger Gayoom zur Trutzburg auf hoher See aufgerüstet, wird so bald nicht weggespült.
Auf dieser Insel kommt Anni zur Welt, 1967, als zweitältester Sohn eines Geschäftsmanns, der mit dem Betrieb von kleinen Insel-Hotels zu Geld kam und es in die Ausbildung seiner vier Kinder steckte, Ibrahim, Mohamed, Nashida, Nazim, alle schickte er zum Studium nach England. Der Älteste, Ibrahim Nasheed, genannt Nash, lebt heute als Ingenieur in Zollikon, Schweiz. An der John Moore University in Liverpool, wo Anni sich für Marinewissenschaften und Fischereiwesen eingeschrieben hatte, erhält er in den Achtzigerjahren seinen Bachelor of Arts für eine Diplomarbeit mit dem Thema «Ein öffentliches Transportsystem für die Malediven — Probleme und Lösungen». Anni bereitet sich vor, Anni, ein Teenager, träumt von der Revolution. Sein Bruder Nash erinnert sich: «Wir diskutierten nächtelang, wir waren sechs maledivische Studenten, unsere Gang. Anni kam mit all diesen schönen grossen Ideen, wir anderen brachten jeweils tausend Einwände, er hörte sich alles an — und blieb trotzdem bei seiner Meinung.» Zurück auf den Malediven schreibt Anni als Autor des Untergrund-Magazins «Sangu» gegen das Unrecht an, 1991 wird er erstmals verhaftet, später beschuldigt man ihn, einen Anschlag auf ein Konferenzzentrum geplant zu haben, 1992 erhält er drei Jahre wegen «Zurückhaltung von Informationen», Arrestierungen auch 1995 und 1996, Volksverhetzung, Terrorismusverdacht, 2001 wird er für zweieinhalb Jahre des Landes verwiesen, immer wieder kehrt er zurück. Nash: «Schon mit 17 sagte mein Bruder, er werde einmal Präsident der Malediven sein. Wir haben alle gelacht, er lachte mit.»
Im Regierungsgebäude, von bronzenen Löwen bewacht, führt Annis Pressechef Besucher gern in das frühere Büro des Ex-Präsidenten, das sein Nachfolger niemals beziehen wird. Glitzernde Lüster, schwerer Brokat, ein riesiger Schreibtisch, nichts dabei eigentlich, das man einem Staatsoberhaupt nicht zugestehen würde, aber viel zu viel Prunk für Anni. Zum Büro gehört auch ein marmornes Bad mit goldbesetzter Toilette, nie benutzt von Anni, der sich einen Stock tiefer im Raum einer Schreibkraft eingerichtet hat. Alles will er anders machen als Gayoom, nichts soll an ihn erinnern. Gayooms ehemalige Privatresidenz wird in eine öffentliche Bibliothek verwandelt, seine 7,5-Millionen-Dollar-Jacht, zu gross für Annis Geschmack, steht auf Ebay zum Verkauf.
Maumoon Abdul Gayoom, der den Inselstaat mit eiserner Faust regierte, aber auch aus vormoderner Zeit in die Gegenwart führte. Gayoom, 72, der gleichzeitig Staatsoberhaupt, Verteidigungs- und Finanzminister war und wichtige Posten mit Familienmitgliedern besetzte, aber auch das Touristenparadies Malediven er-fand, Hotelunternehmer anlockte und einer Inselgruppe, die bis in die Achtzigerjahre niemand kannte in der Welt, einen magischen Klang verlieh. Die Malediven haben heute das höchste Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt Südasiens, wenn auch radikal ungerecht verteilt, das Wirtschaftswachstum entspricht demjenigen Indiens. Von Demokratie und Meinungsfreiheit wollte sich Gayoom nicht bremsen lassen, ein Despot, dessen Sicherheitskräfte im September 2003 einen Gefangenen zu Tode prügelten und der im August 2004 einen Aufmarsch der Reformisten niederknüppeln liess. Ein Öko-Pionier, der seit den frühen Neunzigern auf unzähligen Konferenzen vor dem Klimawandel warnte und dem das Copyright auf den Satz gehört, den sein Nachfolger Anni heute in etlichen Variationen in jedem Interview wiederholt: «Zuerst gehen die Malediven unter, dann der Rest der Welt». Vor Male liegt eine aufgeschüttete künstliche Insel, Hulhumale, zwei Meter über Meer, Platz für 50 000 Menschen, wohl das einzige sichere Konzept für die fernere Zukunft der Malediven, in Auftrag gegeben von: Gayoom. Ein Scheusal, ein Visionär.
Allahs Wille
Es wird Abend auf dem Schiff des Präsidenten, purpur leuchtet der Himmel, weit weg am Horizont haben sich die Wolken versammelt wie ein feindliches Heer. Vier Inseln sind geschafft, viermal hat der Präsident das Hemd gewechselt. Auf einer gab es einen roten Teppich am Quai, auf einer weiteren Spalier stehende Koranschüler, auf der dritten einen Volkstanz, auf jeder waren Hunderte Hände zu schütteln, Hunderte Bürger zu umarmen, Anni will ein Präsident zum Anfassen sein, sehr wörtlich verstanden.
Auf Kudahuvadhoo, einer Insel so unaussprechlich wie prachtvoll, übernachtet der Tross. Ein Junge am Hafen, Abdullah, 16, stellt seinen weissbärtigen Grossvater lachend als Saddam Hussein vor, möglicherweise die Wahrheit, der Privatfotograf des Präsidenten heisst Muhammad Ali. Saddam Hussein und sein Enkel haben noch nie gehört von der Idee, dass sie vielleicht irgendwann nach Australien auswandern sollten, «ich würde sofort gehen», sagt Abdullah begeistert, denn er war noch niemals weg von Kudahuvadhoo. Auch die Nachricht vom ansteigenden Meer ist neu für die beiden, Saddam zuckt mit den Schultern, «wenn es Allahs Wille ist», sagt er, «dann ist das eben so».
Der Präsident hat sich mit ein paar Männern bei einer baufälligen kleinen Moschee eingefunden, um zu beten. Alle ziehen die Schuhe aus, waschen sich die Füsse. Anni geht die drei Steinstufen zum Gebetsraum empor, kniet nieder, senkt sein Haupt, irgendwo geradeaus liegt Mekka. «Religion ist gesund», sagt er später auf die Frage, wie wichtig der Glaube für ihn sei. Er sehe die Sache vom praktischen Gesichtspunkt. «Es ist verdammt heiss hier! In der Moschee kann ich mich ein paar Mal am Tag waschen, abkühlen, zur Ruhe kommen.» In einer seiner vielen langen Reden heute hat Anni seinen Bürgern gesagt, der Lauf der Natur sei Allahs Wille, also auch der Klimawandel, aber um Allahs Willen zu verstehen, brauche man die Naturwissenschaft, die Ökologie. Eine recht abenteuerliche Theologie. «Man muss die Leute bei ihrem Denken abholen», sagt Nasheed später, «sie glauben an die Unabänderlichkeit des Schicksals, das macht sie träge. Also sage ich ihnen, wenn es Gottes Wille ist, dass die Erde und das Wetter sich verändern, dann ist es auch sein Wille, dass wir uns selber verändern, unser Verhalten, unseren Umgang mit der Welt. Und wie wir das am besten tun, lehrt uns die Ökologie.»
Am 15. März verkündete der Präsident in einer Youtube-Videobotschaft anlässlich der Weltpremiere des englischen Öko-Propaganda-Films «Age of Stupid», er werde seinen Archipel zum ersten CO2-neutralen Land der Welt machen. Bis in zehn Jahren, so Nasheed, werde sein Land kein Öl mehr importieren, die Diesel-Kraftwerke würden den Betrieb einstellen, 150 Windturbinen und ein halber Quadratkilometer Solarzellen sollen die Malediver bis dann mit grüner Energie versorgen. Er selbst, Anni, werde die Staaten der Erde dazu aufrufen, ihm zu folgen, um sich an der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember auf einen Nachfolger für das Kyoto-Protokoll zu einigen. «Wenn der Mensch auf dem Mond gehen kann», sagte Anni, «dann kann er auch das Energieproblem lösen.»
Auf der Insel Landaa Giravaaru liegt das Fünf-Sterne-Hotel Four Seasons Resort, vom Luzerner Armando Kraenzlin geführt, nach Meinung vieler das schönste im Land. Eintritt erlangt man hier ab rund 1500 Dollar pro Nacht, das sind knapp drei Jahreslöhne für die ärmeren zwei Drittel der Malediver. Die Französin Stéphanie, in Weiss gehüllt wie alles Personal, geleitet lächelnd zum Zimmer, das «Beach Villa» heisst, geräuschlos schwebt der Golfwagen über den Sand, vorbei an weiterem lächelndem Personal, alles ist Lächeln. Vor der Villa ein Pool, vor dem Pool der Strand und davor das Meer, und wenn man nur zehn Zentimeter eintaucht, ist es wie «Finding Nemo» gucken, rote, gelbe, blaue, grüne Fische in Massen, Korallen in koketten Formen. Aquariumkitsch, aber eben Wirklichkeit.
Im Four Seasons werden die Gäste gebeten, ihre Uhren eine Stunde vorzustellen, offizielle Resort Time, eingeführt von der Hotelbranche, damit die Sonne nicht so früh untergeht. Es gibt 400 Angestellte für 200 Gäste. Am Strand vor dem Blu, einem von drei Restaurants der Insel, stehen vier lächelnde Arbeiter und lassen Schubkarren voll Sand durch grosse Siebe rieseln, um ihn von Korallenstückchen zu befreien und feiner zu machen, dann karren sie das Pulver zurück ans Meer.
Die Inseln steigen mit
Das Four Seasons, umweltorientiert, hält sich eine eigene Forschungsstation, wo die zwei Meeresbiologen Guy Stevens und Cédric Guignard Mantas und Walhaie zählen, den Meeresschildkröten beim Brüten helfen und neue Korallen züchten. Cédric und Guy servieren am langen Teakholztisch einen Mangosaft und erklären die Sache mit der Erosion: «Man muss aufpassen», sagt Cédric, «es gab hier natürlich schon immer Erosion, der Monsun treibt den Sand vor sich her, die Inseln wandern fast wie Dünen.» Manchmal verschwinden auch ganze Inseln und woanders entstehen neue in den Lagunen. Unmöglich zu sagen, meint Guy, welche Erosion vom Klimawandel stammt und welche nicht. Und was die anschwellenden Meere betrifft, seien die Koralleninseln der Malediven in einer besseren Lage als starre vulkanische Formationen wie die Seychellen, «die saufen einfach ab», so Cédric. Korallenriffe aber wachsen mit, wenn der Meeresspiegel steigt, und zwar in erstaunlichem Tempo, bis zu 1,25 Zentimeter pro Jahr. Die vom IPCC prognostizierten 70 Zentimeter bis 2100 könnten sie durchaus schaffen — wären nicht auch noch der Temperaturanstieg und der durch ausgewaschenes CO2 erhöhte Säuregehalt des Wassers, beides mögen die empfindlichen Organismen nicht. «Das sind sehr komplexe Systeme», sagt Guy, etwas ratlos. Niemand könne heute mit Sicherheit sagen, dass die Malediven verschwinden werden, «aber wir können es auch nicht ausschliessen».
Ein neuer Morgen auf der Präsidentenjacht, Anni gähnt, er ist müde, er hatte viel zu tun in den letzten zwanzig Jahren. Gestern Nachmittag, im Gemeindesaal von Maghodoo, ist er während des langen Gesangs des Insel-Muezzins eingeschlafen auf seinem blumenumrankten Ehrensessel. Heute stehen bloss noch zwei Inseln auf dem Programm, immerhin. Auf Mulah begeht er das 25-Jahr-Jubiläum der Dorfschule, auf Dhiggavu sagt er Reparaturarbeiten am Leuchtturm zu. Dann macht sich die Funama auf den Rückweg, verlässt die Untiefen des Meemu-Atolls, erreicht das offene Meer. Mr. Azee steht reglos am Steuer, nie setzt er sich hin, ein Kapitän muss stehen, er schaltet seine zwei 750-PS-Motoren auf volle Fahrt, 40 Meilen die Stunde. Links vom Bug, als wäre der Blick nicht längst herrlich genug, springen Delfine.
Der Präsident zieht seine Krawatte aus. Mission erfüllt.
Anni, mal ehrlich, die Idee mit dem Exodus, ein Volk flüchtet übers Meer, wie bei Moses und den Israeliten, war das nicht vor allem ein Publicity-Gag in eigener Sache?
Anni lächelt. «Ich will die Debatte antreiben. Die Welt soll erfahren, die Malediven sind die Frontlinie im Kampf gegen den Klimawandel. Ich hoffe, dass wir ein Katalysator sein werden, damit die grüne Wende kommt. Ich bin sicher, dass die Menschheit nicht so dumm ist, einfach zuzuschauen bei ihrem eigenen Untergang. Bald werden die Leute auf die Strassen gehen und ihre Regierungen zum Handeln auffordern. Es braucht Massenproteste wie im Europa von 1968. Jetzt, vor Kopenhagen, wäre ein guter Zeitpunkt. Wir müssen jetzt das Richtige tun. Vielleicht werden wir scheitern. Vielleicht werden die Malediven untergehen. Aber niemand soll sagen können, wir hätten es nicht versucht.»
Noch vier Stunden bis Male. Noch zehn Minuten bis Buffalo. Noch 91 Jahre bis zum Untergang, ganz sicher, höchstwahrscheinlich, vielleicht, könnte sein.

Der Präsident an Bord seiner Jacht; rechts oben eine von 1200 Inseln seines Reichs | Muir Vidler

Bild Muir Vidler

Bild Muir Vidler

99,9 Prozent des Staatsgebietes sind Indischer Ozean. | Muir Vidler

«Ich werde auf der letzten Insel stehen und warten, bis sie untergeht.» | Muir Vidler

Andere Religionen sind verboten. | Muir Vidler

Wolken über Male, seltener Anblick | Muir Vidler

Ein Land aus Wasser und Schönheit | Muir Vidler

Insel Magodhoo: ein roter Teppich für Anni | Muir Vidler

Wo Touristen nie hinkommen: Male, die Hauptinsel, 100 000 Menschen auf 2,7 km2 | Muir Vidler

Wo Einheimische nie hinkommen: Touristeninsel Four Seasons Resort, Pool-Reiniger | Muir Vidler
Ein Mann, der sich foltern liess für die Freiheit seines Landes, dessen diktatorischen Zustände uns Eurpäaern jahrzehntelang egal waren, solang wir es als Freiendestination gebrauchen konnten, und nun mit grossen Visionen das Klimaproblem angeht… All die zynischen Lobbyisten am Gängelband von Profitinteressen und mutlosen Verwalter des Ist-Zustandes in der hiesigen Politik sollten in Demut auf das Leben dieses Mannes schauen und sich dann endlich, endlich an die Arbeit an den wirklichen Problemen machen anstatt irgendwelche nationalistischen Ablenungsmanöver zu bestreiten! Wie kann sich ein halbwegs anständiger Mensch angesichts des Zustandes unseres Planeten beispielsweise um “die Verteidigung des Bankgeheimnisses” sorgen?
Guten Morgen
Es ist traurig, dass das Maledivische Volk zu “Vertriebenen” werden. Ich hoffe, dass die Welt zusammensteht und ihrer Umwelt mehr Sorge trägt.
Der “Umwelt Sorge” tragen ist ein Wert den die Welt leider verlernt hat.
Ich wünsche Mohamed Nasheed, dass er sich ebenso engagiert für die Menschenrechte und die Glaubensfreiheit einsetzt, wie er dies für die Umwelt tut. Niemand soll “vertrieben” werden! Siehe:
http://www.csi-de.de/malediven_truegerisch.php?sId=001190373371
test
Zwei Seelen wohnen….
Einerseits ist deas Bestreben des neuen Präsidenten, seinem Volk neues Land zu verschaffen bewundernswert, wenn auch vermutlich nicht von Erfolg gekrönt. Andererseits stellt sein Vorgehen natürlich nur Symptombekämpfung dar. Der steigende Meeresspiegel ist bekanntlich eine Folge der durch die Menschen verursachten Klimaveränderungen. Hier müsste der Hebel angesetzt werden.
Die andere Seele in meiner Brust: Ein Land, in dem andere Religionen als der Islam verboten sind, hat aus humanistischer Sicht auf dem Globus nichts verloren. Gerade der Islam fordert von Andersgläubigen imnmer wieder Toleranz ein. Doch Toleranz erwarten kann nur der, der selber auch Toleranz übt.
Wer sich stärker für Einschätzungen der Gefahren für die Malediven durch Klimaerwärmung interessiert: Hier der Link zum Artikel des Kollegen vom NYT Magazine, der zufälligerweise gleichzeitig auf dem gleichen Schiff dabei war:
http://www.nytimes.com/2009/05/10/magazine/10MALDIVES-t.html?_r=1&scp=1&sq=nasheed&st=cse
TEsttest
Die Koralleninseln wachsen mit, wenn der Meeresspiegel steigt, sagen die Herren Meeresbiologen. Aber das gilt wohl kaum für die bewohnten und bebauten Inseln.
Schöne Bilder, aber auf eurer Website werden die immer so schnmörzelig dargestellt. Könnt ihr da nicht mal etwas Gas geben?
[...] zu “>Weblinks zu zu Lebenslauf (Webauftritt des Präsidenten der Malediven) (englisch)Revolutionär im Paradies Das Magazin (Schweiz) Artikel vom 8. Mai 2009Staatsoberhäupter der Republik MaledivenIbrahim Nasir [...]