Margarete Mitscherlich, Teil 2

Vergesst die Triebe nicht! – Feministin Margarete Mitscherlich kann einfühlsame Männer im Bett nicht ausstehen.

16.05.2007 von Guido Mingels

«Die Zukunft ist weiblich» hiess ein Buch von Ihnen vor zwanzig Jahren. Prognose eingetroffen?
Entschieden. Doch. Durchaus. Die Zeit ist auf alle Fälle weiblicher geworden. Die Frauen haben viel mehr zu sagen. Sie haben immer noch wenig zu sagen, aber es braucht halt ein paar Generationen. Und wenn ich sagte, die Zukunft sei weiblich, so meinte ich damit nicht, dass die Zukunft den Frauen gehört, sondern dass die Werte weiblicher werden, auch jene der Männer.

Die Männer sind weiblicher geworden?
Dass wir alle bisexuell angelegt sind, hat ja schon Freud gesagt, und das ist inzwischen eine biologisch erwiesene Tatsache. Nur können die Männer heute ihre Weiblichkeit eher leben. Sie können sogar ihre Kinder lieben, dürfen zärtlich zu ihnen sein. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren hat kein Mann sein Kind öffentlich geherzt. Hier ist die Entwicklung einem dringenden Bedürfnis der Männer entgegengekommen.

Inzwischen beschweren sich die Frauen, es gebe keine echten Kerle mehr.
Moment, aber das betrifft nur den Sex. Keine Frau beklagt sich über Männer, die zuhören können, offen für die Gefühle anderer sind, sich an der Hausarbeit beteiligen, sich um die Kinder kümmern. Was aber die Sexualität anbelangt, haben es Frauen nie gut vertragen, wenn Männer so einfühlsam mit ihnen umgehen, dass sie die eigene Triebhaftigkeit überhaupt nicht mehr zulassen.

Im Buch sagen Sie, es sei «durchaus angenehm, wenn der Mann gelegentlich mal über einen herfällt». Klingt nicht nach einem Satz einer grossen Feministin.
Aber ich habe auch gesagt, dass das mit einem gewissen Humor gepaart sein muss. Es muss eine stille übereinkunft bestehen zwischen den Partnern, dass diese Art der überwältigung erwünscht ist. Wenn das gelingt, kann das für eine Frau äusserst angenehm sein, dieses Gefühl, der begehrt mich – total! Nichts Schlimmeres als Männer, die die Frau dauernd fragen «Möchtest du es so? Oder doch lieber so?»
Sie sprechen von zwei verschiedenen männlichen Identitäten, einer sozialen und einer sexuellen. Im Alltag ein Softie, im Bett aber ein Neandertaler?
Sie karikieren das jetzt. Ich habe nur gesagt, dass ein Mann nicht vergessen darf, beim Sex auch seine eigenen Wünsche durchzusetzen. Er muss deshalb nicht gleich zum Vergewaltiger werden. Aber der Mensch ist ein Triebwesen und bleibt das selbst in der Ehe, wo man sich sehr aneinander gewöhnt. Aber irgendwie muss auch in der Ehe so etwas wie eine vitale biologische Kraft bestehen bleiben. Sonst wird das nix. Ein Essen ohne Hunger ist auch nix.

Es scheint aber heute tatsächlich ziemlich viel Langeweile zu geben in den Ehebetten, man liest das überall.
Ja, das ist wahr. Die Leute wollen alle keine Sexualität mehr haben, hab ich den Eindruck. Zu mir kommen dauernd Leute in die Praxis, die keine Lust mehr haben. Früher wars umgekehrt, da wollten sie alle ihre Triebe zähmen.

Eben. Und hat das nicht der Feminismus angerichtet, durch die Verweiblichung der Männer?
Ach, darauf wollen Sie hinaus. Das ist Blödsinn. Und wenn es so wäre, müssten die Männer eben lernen, damit umzugehen. Die Zeit wird nicht wiederkommen, da die Ehemänner ungestraft Vergewaltiger sein durften. Die Zeit wird nicht wiederkommen, da eine anständige Frau überhaupt keine sexuellen Wünsche haben durfte. Männer und Frauen müssen sich eben immer wieder neu aneinander gewöhnen. Keiner hat gesagt, dass das einfach wird.

Margarete Mitscherlich | Bild: Axel Martens
Margarete Mitscherlich | Bild: Axel Martens

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