23.05.2007 von Guido Mingels
Ich möchte Ihnen einen Vorwurf machen.
Bitte.
Sie haben Ihren Sohn, als er kaum zwei Jahre alt war, weggegeben, um weiter zu studieren. Sie haben Ihre Karriere über das Wohl Ihres Kindes gestellt.
Den Vorwurf habe ich mir selber lange genug gemacht. Man muss dazu sagen: Ich habe meinen Sohn in die Obhut meiner Mutter gegeben, die er sehr liebte und die ihn ebenso sehr liebte. Na-türlich hatte ich trotzdem schreckliche Schuldgefühle. Als Psychoanalytikerin wusste ich, welche Folgen eine frühe Trennung von der Mutter haben kann.
War es denn unmöglich, Kind und Ausbildung zu vereinen?
Ich sah keinen Weg. Ich liebte meinen Beruf und wollte mich etablieren, gleich-zeitig fehlte mir die Sicherheit, den Vater meines Kindes heiraten zu können, weil der selbst noch verheiratet war. Von heute aus gesehen, gab es noch ein anderes Motiv: Es war wohl der geheime Sinn meines Lebens, meine Mutter glücklich zu machen. Das habe ich erreicht, indem ich ihr meinen Sohn übergab.
Wenn Sie Ihr Leben noch mal leben könnten, würden Sie es wieder tun?
Wahrscheinlich nicht. Rückblickend war ich wohl keine gute Mutter, als ich das tat. Aber was ist schon eine gute Mutter? Dieses Idealbild, dass eine Mutter einzig und allein für ihr Kind da zu sein hat, dass sie ihm Schaden zufügt, wenn sie einer Arbeit nachgeht, das ist eine rückständige und komplett deutsche Vorstellung. Wie ist das in der Schweiz?
Noch rückständiger.
Tja, das tut mir leid. Aber um uns herum, in Frankreich, England, Skandinavien, ist es für Mütter längst selbstverständlich, dass die Kinder in Krippen kommen und die Frauen arbeiten. Niemand diskutiert dort noch darüber, dass dies den Kindern schaden könnte. Deutschland ist eben eine verspätete Nation, in allem.
Mir fällt auf, dass Sie in Ihrer Autobiografie kein schlechtes Wort über Ihren Mann verlieren, Alexander Mitscherlich.
über die Toten nur Gutes.
Ihr Mann hat seine beiden ersten Ehefrauen verlassen, beide Male verliess er dabei auch Kinder. Und später hat er offenbar auch Sie betrogen.
Ich schone ihn, ja. Aber das kommt daher, dass ich miterlebt habe, wie oft er zu Lebzeiten beschuldigt wurde. Seine Kinder aus den ersten Ehen beschuldigen ihn heute noch. Und seine Frauen – natürlich ist es nicht angenehm, wenn man verlassen wird und mitansehen muss, wie der Mann dann zur Nächsten und zur Nächsten geht. Jedenfalls, er hat und hatte viele Feinde, vor allem auch in der Wissenschaft. Ich hatte immer das Gefühl, ihn beschützen zu müssen.
Im Grunde war er das Paradebeispiel eines Machos, jenes Typs Mann, den der Feminismus, für den Sie sich später engagierten, bekämpfte.
Das stimmt nicht. Er war immer ein äusserst selbstkritischer und mitfühlender Mann, also das Gegenteil eines Machos. Und was die Treue betrifft … von dieser bürgerlichen Ausschliesslichkeit von Beziehungen, die ja nur verlogen war, hielten wir eben nicht viel. Was nicht heisst, dass ich nicht eifersüchtig war.
Wie gingen Sie mit seiner Untreue um?
Dass er verführbar war, wusste ich. Das Leben ist nun einmal so, es lässt sich nicht vermeiden, dass man sich mal in jemand anders verliebt oder mit jemandem schläft. Der Mensch ist ein Triebwesen. Und das verlangt nach einer Kultur von Partnerschaft, die wir noch nicht erreicht haben. Wir sollten verstehen und ertragen, dass jeder von uns Empfindungen hat, die dem anderen nicht gefallen. Diese Gefühle muss man sich zugestehen – und darüber schweigen.
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Margarete Mitscherlich | Bild: Axel Martens