Mavie aus dem Eis

Sie trägt den berühmten Namen ohne Scheu: Mavie Hörbiger, Schauspielerin am Basler Theater und deutsche Film-Ikone.

02.05.2008 von Daniel Binswanger , 1 Kommentar

Da steht sie allein am Bühnenrand und redet gegen das Weltall an. Nicht mehr aufhören will ihr Monolog über das Universum, die Liebe, den Sinn, den das alles hat, und «dass es doch mehr gibt als Geld, Mathematik, Zahlen, Beträge, ich weiss nicht oder nicht?» An dem Abend spielt Hörbiger die Rolle der Jess in der Basler Uraufführung von «Liebe und Geld». Fast kumpelhaft wirkt ihre zierliche Person und scheint doch so überirdisch, als käme sie von einem fremden Planeten. Da draussen muss es doch noch mehr geben. Oder nicht?
Mit etwas rotziger Stimme spricht Jess drauflos, ein melancholischer Stand-up-Comedian, ein tapferer weiser Clown. Eigentlich hat sie ja eine tragische Opferrolle, doch ihre Lebenssinn-Suada ist voller Poesie. Wie in dem Kammerspiel des britischen Autors Dennis Kelly der Vorhang aufgeht, da ist Jess schon lange tot, nur noch in Rückblenden präsent, zugrunde gegangen an einem zynischen Mann, an ihrem neurotischen Selbst, an Schulden, Zwängen, Statusängsten – und daran, dass da sonst nicht viel zugelassen wurde in ihrem scheinbar hedonistischen Leben. Mit unaufdringlicher Präzision zeichnet Kelly das Porträt heutiger Grossstadtmenschen, die langsam den Kältetod sterben. Mit unaufdringlicher Treffsicherheit setzt das Basler Ensemble unter der Regie von Elias Perrig das Sittenbild auf der Bühne um. Trotzdem hat dann aber Jess das letzte grosse Wort, gelingt es ihr schliesslich, die ganze Jämmerlichkeit zu transzendieren. Als Racheengel tritt Hörbiger nicht auf, schon eher als verwunschene Fee. Es ist ein leiser, ein grosser Moment.
Hörbiger gehört seit zwei Jahren zum Basler Ensemble und war bei einigen bemerkenswerten Produktionen dabei. In Christina Paulhofers allseits bejubelten (und viel zu schnell wieder abgesetzten) Inszenierung von Tennessee Williams «Endstation Sehnsucht» gab sie die Stella, eine ungewöhnliche Stella, meilenweit vom Klischee des passiv-masochistischen Unterschicht-Weibs, das Elia Kazan in der klassischen Treppenszene seiner «Endstation Sehnsucht»-Verfilmung für alle Zeiten festgezurrt zu haben schien. Mit Hörbiger hat Paulhofer die Ballade von der sexuellen Hörigkeit neu zu instrumentieren gewusst. Der Geschlechterkrieg ist subtiler geworden. Unkomplizierter macht uns das nicht.
Paulhofer und Hörbiger sind schon lange ein Gespann. Die erfolgreiche Jungregisseurin ist so etwas wie das Enfant terrible, die halsbrecherische Grenzgängerin des sogenannten Poptheaters. Paulhofer, seit zwei Jahren Hausregisseurin in Basel, macht Theater im Cinemascope-Format. Sie kennt keine Berührungsängste mit Glamour oder Pop oder dem Trash der heutigen Alltagskultur. Ihre Fetischschauspielerin wurde Hörbiger.
Auch ausserhalb des Theaters hat die zierliche Hörbiger eine etwas ausserirdische Aura, die zu ihrer amüsanten Schlagfertigkeit nicht richtig passen will. Ist sie nun die ätherische Zauberfee oder der unkomplizierte Kumpel? Wohl beides zugleich. Jedenfalls war auch Hörbiger beim Theater eine Quereinsteigerin. Erst hat sie Filme gemacht und wurde zur Szene-Ikone. Dann erst kam das Stadttheater.
So jung, so blond, so giftig
Zu abruptem Starruhm gelangte sie 2000 durch die Filmkomödie «Liebesluder», in der sie ihre erste Titelrolle spielte. Eine wüster Schwank aus der deutschen Provinz, in dem eine unwiderstehliche Göre mit dem ganzen Dorf schläft, was zu Mord und Totschlag führt. Als Meisterwerk ist die Komödie von Detlev Buck nicht zu bezeichnen. Aber er machte Hörbiger mit damals kaum zwanzig Jahren zum blonden Gift der Nation. Es folgten zahllose Film- und Fernsehproduktionen und ein dritter Platz auf der Liste der hundert grössten Sexsymbole, ermittelt durch die Männerzeitschrift «FMH».
Sie brillierte mit rotzfrechen Fernsehauftritten, wurde zur Berliner Szenequeen. Als Kate Moss 2001 auf der Berlinale auftrat, riefen ihr die Paparazzi «Mavie», «Mavie» zu: Das Supermodel wurde mit Hörbiger verwechselt. Heute erzählt die Schauspielerin solche Anekdoten halb ungläubig, halb amüsiert. So richtig scheint sie der Welt den Rummel um ihre Person nie abgenommen zu haben.
Gelegentlich dreht sie immer noch, zuletzt im Schweizer Mystery-Thriller «Marmorea» von Markus Fischer. Hauptsächlich steht sie nun aber auf der Bühne. Nach dem klassischen Muster pflegen bekannte Theaterschauspieler ihren Wirkungskreis über das Kino zu erweitern. Dass eine Darstellerin sich erst im Film einen Namen macht und dann auf die Theaterarbeit konzentriert, ist eher ungewöhnlich. Fast traumwandlerisch ist Hörbiger in ihre frühe Filmkarriere geraten. Zwar kommt sie aus der Schauspielerdynastie mit selbigem Familiennamen, zwar ist sie die Enkelin von Paul und die Nichte von Christiane Hörbiger. Natürlich wurde ihr das Talent in die Wiege gelegt. Natürlich wurde sie schon beim allerersten Schritt am Mass dieser Herkunft gemessen. Doch so vorgegeben ihr die Schauspielleidenschaft auch war, eine Quereinsteigerin wurde sie schon am ersten Tag.
Auch Mavies Vater Thomas Hörbiger war zeitweilig Filmdarsteller. Im Familien-Clan der staatstragenden Burg-Schauspieler versah er aber eher die Rolle des schwarzen Schafs. Er führte ein Leben mit hohem Rock’n’Roll-Faktor, war eine feste Grösse in der Münchner Bohème. Als Partyorganisator und ehemaliger Klubbetreiber blieb er eine Referenz des Nachtlebens an der Isar – und die Tochter hat es ihm früh nachgetan. Mavie vergöttert ihren Vater, auf ihn lässt sie nichts kommen: «Er ist der intelligenteste Mensch, den ich kenne», sagt sie dezidiert. «Er hat mir alles beigebracht. Er gab mir die richtigen Bücher zur richtigen Zeit.»
Schon als Schülerin zog Hörbiger durch die mythischen Münchner Läden, das Schuhmann’s, das Babalu, das P1. Kulturgeschichtlich war das ein nicht so schlecht gewählter Moment, denn falls es in den deutschen Nineties so etwas wie einen intellektuellen Aufbruch gab, dann fand er ja seltsamerweise in München statt. Obwohl der Hörbiger-Clan ja aus Österreich kommt, ist Mavie fest in München verwurzelt. «Im Grunde gibt es nur etwas, was es mir echt schwer macht, am Abend auf der Bühne zu stehen: wenn Bayern München spielt», sagt sie im vollen Ernst.
Abgespacte Ahnen
In München begann Hörbiger zwar eine Schauspielausbildung, schmiss aber nach drei Wochen hin. Zur beflissenen Elevin fehlte ihr jedes Talent. Da drehte sie lieber drauflos, in Fernseh- und Filmproduktionen. Doch interessante Rollen sind rar, besonders im deutschen Film. Zwar machte Hörbiger auch ein paar Ausflüge nach Frankreich, wo sie in einer Napoleon-Grossproduktion als Marie Louise von Österreich auftrat, aber vor allem wandte sie sich dem Theater zu. Paulhofer wollte sie als Lulu für ihre Neuinszenierung von Wedekinds Klassiker in der Adaption von Moritz von Uslar. Es war Hörbigers erste grosse Theaterrolle. Ein Wendepunkt ihrer Karriere.
Umstritten sollte diese Inszenierung bleiben, ein Extremversuch von Paulhofers Theater. Die Regisseurin inszenierte Lulu als perfektes Glamour- und Sexobjekt – um sich genau für ihre erotische Verführungskraft dann nicht zu interessieren. Nicht dass Lulu ein Männer fällender Vamp ist, hat Paulhofer fasziniert, sondern dass in der Femme fatale ein verzweifeltes, einsames Wesen steckt, das niemals bekommt, wofür es angetreten ist. «Sex ist ja völlig over», heisst der erste Satz in von Uslars Lulu. Hörbiger tanzt an der Strip-Klub-Stange, zieht Koks-Linien und entfaltet eine Porno-Chic-Laszivität, die nichts weiter kann oder soll, als ständig ins Leere zu laufen. Dass ihr Auftritt gar nicht erotisch sei, irritierte die Kritik, die das tabulose Spektakel bei seinem optischen Nennwert nehmen wollte. Erotisch konnte diese Lulu jedoch auch nicht sein. Paulhofer ging es nicht ums Liebesluder, überhöht und aufgewertet fürs Stadttheaterpublikum. Was bleibt, wenn Sex und Begehren ausgereizt sind? Was ist, wenn die glänzende Oberfläche nur mehr die nackte Leere umhüllt? Das ist die Frage, die ihre Lulu gestellt hat. Auch als Jess ist das Hörbigers Frage geblieben. Es muss da einfach noch mehr geben.
Die Kindfrau, die von so weit herzukommen scheint, lässt einen manchmal an den Spleenigsten ihrer Ahnen denken, nicht die Nationalschauspieler Paul oder Attila, sondern an Hanns Hörbiger, den Propheten der Glazialkosmologie. Fast scheint es, als würde Mavie die «Welteislehre» beerben. Die «Welteislehre» oder eben Glazialkosmologie ist eine abstruse, parawissenschaftliche Welterklärung, wie sie das Wiener Fin de Siècle zuhauf ausgebrütet hat. Ein verstiegener Proto-New-Age-Trip. Ihr Erfinder war der Urgrossvater von Mavie.
Der Patriarch der Hörbiger-Dynastie vertrat eine Weltentstehungslehre, wonach das Sonnensystem vom Eis beherrscht sei, von Eismonden, Eisplaneten und den Milchstrassen aus verdampftem Wasser. Die Kälte und das Nichts – so erklärte Hörbiger den Lauf des Universums und verknüpfte seine schwarze Sicht des Seins mit der Johannes-Apokalypse und dem Sagenkreis der Götterdämmerung. Das war zwar Sciencefiction und nicht Wissenschaft, aber Hörbigers Lehre hatte riesigen Erfolg, in den Dreissigerjahren auch bei Himmler und Hitler. Natürlich hat es nichts mit der Schauspielarbeit von Mavie zu tun, dass es da einen abgespacten Urgrossvater gab. Doch die Glazialkosmologie ist wie Pop aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ein traurig-schönes Lied vom Universum aus Leere und Eis – und dem Glauben, dass es da noch mehr geben muss.
Auch in einer anderen Basler Produktion ist Hörbiger dieser Tage zu sehen, in «Doubleface oder die Innenseite des Mantels». Das Stück bietet eine feinsinnige Archäologie der Modewelt. Es setzt da an, wo die Pariser Couture von der Garantin bürgerlicher Distinktion zur modernen Glamourindustrie geworden ist. Hörbiger und zwei Mitstreiterinnen (Carina Braunschmidt, Linda Olsansky) geben Kabinen-Mannequins und führen betörend-verstaubte New-Look-Modelle vor. Jeder Kostümwechsel ist ein kleines Untergangsdrama der alten bürgerlichen Welt. Hörbiger wirkt überzeugend, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht.
Auf Ende Spielzeit wird sie Basel verlassen und mit ihrem Mann, dem Schauspieler Michael Maertens, nach Wien gehen. Schade, findet sie. «Es ist schön, fest an einem Haus angestellt zu sein und mit einem Ensemble zu arbeiten. Beim Film ist man immer nur am Reisen, hetzt von Set zu Set und muss immer wieder bei null anfangen.» Maertens, der bisher in Zürich spielte, folgt dem neuen Intendanten Mathias Hartmann ans Burgtheater. Hörbiger hat zwar neben der deutschen auch die österreichische Staatsbürgerschaft, aber Wien wäre nicht unbedingt ihre erste Wahl gewesen.
In Österreich wiegt der Name des Clans noch schwerer als in München oder Berlin. Das Publikum zeigt sich da zwar sehr neugierig auf die kleine Hörbiger – bei Gelegenheit aber auch recht ungnädig. Trotzdem wird Mavie als Nächstes im Theater in der Josefstadt bei der Uraufführung des Brecht-Fragments «Die Judith von Shimoda» die Hauptrolle übernehmen. Der Schatten der Familie hat sie noch nie eingeschüchtert. Jetzt erst recht nicht. Das zähe Mädchen bleibt dabei: Da draussen muss es noch mehr geben.

Der jüngste Spross der Schauspielerdynastie Hörbiger: Mavie, 29 | Walter Pfeiffer
Der jüngste Spross der Schauspielerdynastie Hörbiger: Mavie, 29 | Walter Pfeiffer
Kein Wunder, dass Kate Moss schon mal mit ihr verwechselt wurde. | Walter Pfeiffer
Kein Wunder, dass Kate Moss schon mal mit ihr verwechselt wurde. | Walter Pfeiffer

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Dominique Raemy

    Es gibt ja einige nicht so talentierte Jungschauspieler in Basel, aber dass man DIESE entzückende Dame noch auf die Bühne lässt, sorgt für Irritation. Man versteht, wenn angesichts leerer Kassen der Mehrsex ins Theater drängt, doch auch wenn Kate Moss auf die Bühne kommt, darf ein schauspielerisches Repertoire erwartet werden, das jenes von Steven Segal konkurriert. Erklärend: Egal, welchen Charakter Mavie dastellen soll, am Ende erhält der Zuschauer immer eine naiv lächelnde Puppe, die dank ihrer handlichen Statur von den männlichen Darstellern beständig durch die Luft geworfen wird. Und, verflucht sei ihre feste Anstellung, muss man diese anfanglich unterhaltsame Akrobatikeinlage dann eine ganze Saison lang ertragen. Mavie ist sicher süss, aber Bambie war auch süss, und die hat sich nicht angemasst, von Disney auf die Bühne zu wechseln. So spare ich mir nun das Theaterabo, und wenn ich dann doch mal lustige Brüste sehen möchte, kauf ich mir Porno.

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