20.03.2010 von Max Küng
Mein Kumpel Klumpen aus Basel, lange hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Fast hätte ich ihn vergessen. So wie ich Basel fast vergessen hätte. Basel ist eine Stadt, in der ich recht lange recht glücklich lebte. Dann ging ich weg. Kürzlich war ich wieder dort. Und ich muss sagen, dass ich recht gerne dort war. Ich glaube, Basel geht es zurzeit ziemlich gut. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Chemie stimmt, dass es der Pharmaindustrie bestens geht, weil wir ja immer alle krank sind. Und weil die Chemischen wohl Leute aus der ganzen Welt nach Basel bringen, welche der Stadt guttun und dies, stelle ich mir vor, interessantere Menschen sind als jene, die es wegen der Banken nach Zürich zieht.
Basel also geht es gut. Von Klumpen kann ich dies nicht mit Sicherheit behaupten. Er war ja schon immer das, was der Schriftsteller Nick Hornby in einem seiner frühen Bücher einst als Sorgensäge bezeichnet hat: ein Mensch, der eine Mischung ist aus Sorgenkind und Nervensäge.
Klumpen sagte: «Ich lese gerade ein Buch, es heisst ‹Das Leben im Wassertropfen›, dort drin sind alle Lebewesen aufgeführt, die im Wasser leben, und zwar in Tümpeln und Pfützen und deinem Zahnputzglas, also Bakterien, Algen und Amöben; aber wenn du nun denkst, es gibt einfach die Amöbe, dann täuschst du dich: Es gibt die Wurzelamöbe, die Blumenkohlamöbe, die Schlangenamöbe, die Schweinchenamöbe — welche mit ihren zwei Millimetern übrigens, dies nur nebenbei, die grösste Süsswasseramöbe überhaupt ist: Es gibt die Faden-Schlammamöbe, die Fledermausamöbe, die Zackenamöbe, die Warzige Erdamöbe, die Rote Schwimmhäutchen-Amöbe, die Schneckenamöbe, die Gekörnelte Schneckenamöbe, die Muschelamöbe, die Wurzelamöbe, die Urschleimamöbe, die Ziegelrote Vampiramöbe, die Grosse Fliessamöbe, die Winzige Fliessamöbe, die Schnelle Fliessamöbe, die Schlamm-Fliessamöbe, die Behaarte Quastenamöbe, die Zottige Quastenamöbe, die Himmelblaue Quastenamöbe, die Klebrige Geisselamöbe, die Borstige Geisselamöbe — es gibt ein Lebewesen, das Wasserdarm heisst und dann natürlich der Urschwamm-Flagellat, und es gibt Bilder von all diesen Viechern, ich sage dir, furchtbare Bilder. Die Dinger heissen ja nicht nur schrecklich, nein, die sehen noch viel furchtbarer aus, als dass sie heissen, ich träume schon von ihnen, in meinen Nächten werde ich von elefantengrossen Zweigeisseligen Dickschwanz-Flagellaten verfolgt und von einer Armee Faultierchen, ich komm mir schon vor wie Sponge Bob. Hast du mal ein Zuckrüsseltierchen gesehen?»
«Klumpen», sagte ich, «rauchst du wieder Haschisch?»
Klumpen lachte. «Haschisch», sagte er, «herzig, dieses Wort habe ich schon lange nicht mehr gehört. Hast du gewusst, dass es in Zürich ein Café namens Cake Friends gibt? Cake Friends! Und dass es eine Bar namens Sugar Lounge gibt, an der Sihlporte, und gleich nebenan die Stofftrucke?» Er sagte mit übertriebenem Basler Dialekt: «Hey, iiih gang ind Sugar Lounge goo Stoff druggä!» Er lachte laut auf. «Wer denkt sich all die Namen aus? Zarte Plattbauch-Schalenamöbe! Cake Friends! Sugar Lounge! Sag es mir: Wer?»
Ich wusste keine Antwort, aber es stellten sich mir ein paar Fragen.

Illustration von Flag Aubry/Broquard